Hightech gegen Lawinengefahr

Dem weißen Tod ein Schnippchen schlagen

Die Zahl der Menschen, die regelmäßig in die Berge gehen, steigt stetig. Der DAV kann Jahr für Jahr mehr Bergfreunde für sich gewinnen, während der Skitourenhype auch dieses Jahr wieder ungehindert durch die Schneedecke gehen wird. Man könnte meinen, dass schlichtweg alles, was mit Bergsport zu tun hat, momentan steil bergaufstrebt. Doch das stimmt nicht ganz. (Titelbild: © PIEPS Outdoor | Patrick Bätz)

Der Wyssen Lawinensprengmast LS12-5: Zuverlässig, wirkungsvoll, sicher und einfach.

Historisches Tief 
2019 gab es in Relation zum Mitgliederstand so wenige Unfälle wie zuletzt vor 20 Jahren. Das berichtet die aktuelle Unfallstatistik des DAV. 1140 Vereinsmitglieder gerieten demnach in eine Notsituation. Erfreuliche Zahlen! Doch selbst diese Medaille hat ihre Kehrseite: Die Zahl der tödlich Verunglückten, hat sich leider beinahe verdoppelt – 54 Menschen ließen im Berichtszeitraum ihr Leben in Bergen.

Wer jetzt schon die donnernden Lawinen und Suchhunde vor Augen hat, der liegt falsch! Statistisch gesehen, waren 2019 das Alpinklettern und Hochtourengehen unter den drei tödlichsten Bergsportarten. Weit abgeschlagen vom Wandern! Diese Zahlen decken sich mit der Unfallstatistik der Bergwacht Bayern. Bei mehr als 1500 Einsätzen ist man Wanderern zur Hilfe geeilt. Mehr als doppelt so oft musste die Bergwacht auf den bayerischen Skipisten ausrücken. Die Zahl der Rettungseinsätze, bei denen Skitourengeher und (!) Schneeschuhwanderer involviert waren, ist mit 119 geradezu vernachlässigbar niedrig. Trotz des Schneechaos im Januar 2019. Warum ist das so?

Lawinenrucksäcke sind mittlerweile kompakt und bieten darüber hinaus genug Stauraum. © Marco Dullnig

No risk – no fun?
Um der Sache auf den Grund gehen zu können, fehlt noch eine letzte Zahl. 54%. Mehr als die Hälfte der tödlich verunglückten Skitourengeher und Schneeschuhwanderer verloren ihr Leben unter einer Lawine. Das zeigt: Auch wenn Wintersport abseits der Pisten statistisch gesehen relativ ungefährlich ist, so geht die größte Gefahr noch immer ganz klar von Lawinen aus. 

Heute stehen wir dieser Gefahr aber gewappnet gegenüber! Die immer wieder gern genutzte DAV SnowCard, die Reduktionsmethode nach Werner Munter, sie sind noch immer praktikable und simple Methoden. Und alle raten sie im Zweifel von einer Begehung oder Befahrung des Gebietes ab. Doch heute stehen auch echte Highend-Lösungen zur Verfügung. Lawinenairbags, Drohnen und hochmoderne Verschüttetensuchgeräte retten Leben. Damit es gar nicht erst zum Unfall kommt, tasten Lasersysteme die Schneedecke ab. Klingt nach Science-Fiction? Nein, all das ist glücklicherweise Realität geworden.

Alle wichtigen Infos stecken von nun an in der Hosentasche: Das Wyssen WAC.3® Cockpit.

Sicherheit durch Innovation
Wintersportler, auf Pisten oder abseits von ihnen, haben die besten Überlebenschancen, wenn sie gar nicht erst in eine Notfallsituation geraten – logisch. Prävention ist daher der wichtigste Schritt hin zum sicheren Wintersport. Das könnte beispielsweise das Studieren des Lawinenlageberichts sein, oder eine defensive Touren- und Routenwahl. Präventivmaßnahmen können aber auch die Innovationen des schweizerischen Unternehmens Wyssen Avalanche Control AG sein. 

Die Seilbahnpioniere des Berglandes erkannten schon früh, dass mit speziellen Seilbahnen auch Lawinensprengungen vorgenommen werden konnten. Die Geburtsstunde der Sprengseilbahn. Der Durchbruch gelang wenig später mit der Erfindung des Wyssen Sprengmastes, dem operationell zuverlässigsten und wirkungsvollsten System am Markt, das nicht nur in den Alpen, sondern auch in Norwegen, den USA, Kanada und in Chile zum Einsatz kommt. 

Heute halten Seilbahn- und Skiliftbetreiber auch schon den nächsten Wyssener Meilenstein in ihren Händen: Ein Tablet. Auf dem Mobile Device bündeln sich alle wichtigen Informationen, die früher noch mühsam von mehreren Plattformen zusammengetragen werden mussten. Im WAC.3® Cockpit. Die Risikoanalyse und Maßnahmenplanung wird dank unterschiedlichster Module so einfach wie nie. RiskEval ist eine prozessgeführte Gefahreneinschätzung und Planung von Maßnahmen. HeliTrack dokumentiert und erfasst Sprengeinsätze mittels Hubschraubern. Laserscanner ermöglichen eine dreidimensionale Schneehöhenmessung und Lawinendetektionen werden mithilfe von Infraschallsensoren realisiert. Selbst die zu erwartende Lawinengröße und Auslauflänge kann mit Bezug auf diese Daten errechnet werden. Wertvolles Wissen, um Wintersport so sicher wie nie zu gestalten!

Die Bergwacht Bayern hebt ab
Sicher kommt hin und wieder die Bergwacht auch provisorisch zum Einsatz. Wie im Januar 2019, wo Dächer freigeschaufelt, und die Zivilbevölkerung sogar teilweise evakuiert werden musste. Meistens aber kommt die Bergwacht erst dann, wenn das Unglück bereits in vollem Gange ist. Bei Lawineneinsätzen spielt ein Faktor dann eine ganz brisante Rolle: Die Zeit. Oft bleiben den Verunglückten nur wenige Minuten. Bereits nach 15 Minuten sinkt die Überlebenschance unter einer Lawine dramatisch. Schnee und Eis blockieren die Atemwege, schwerer Nassschnee drückt auf den Brustkorb. Kohlenmonoxidvergiftungen enden meist tödlich und selbst wenn eine Atemhöhle etwas Zeit schenkt: Der feuchte Atem kann eine Eismaske bilden, die das Atmen unmöglich werden lässt. Jede Sekunde zählt. Ein echtes Horrorszenario!

Die Bergwacht Bayern optimiert daher ihre Verschüttetensuche ständig. Seit einigen Jahren spielen hier auch kleine, elektrische Drohnen eine Rolle. Rettung kommt meistens zwar ohnehin schon über den Luftweg, die kleinen Helferlein leisten aber oft wertvolle Arbeit. 

WAC.3® – alles auf einer Plattform. Alle aktuellen Informationen werden auf den unterschiedlichsten Devices gebündelt.

In Bayern gibt es seit einigen Jahren insgesamt neun Teams, die mit Drohnen die Einsatzleitung unterstützen. Die Geräte und ihr Einsatz stecken zwar noch in den Kinderschuhen, doch die Entwicklung ist vielversprechend! Die momentan wichtigste Aufgabe der Drohnenpiloten: Die Erstellung eines aktuellen Echtzeit-Lagebildes. Seit einigen Jahren wird auch mit Drohnen experimentiert, die mittels eines angehängten LVS-Gerätes wertvolle Sekunden einsparen. Piloten könnten so in Windeseile ganze Lawinenkegel absuchen, Einsatzkräfte am Boden gelangen so ohne Umwege zum Ziel. So könnten in Zukunft sogar verschüttete Personen lokalisiert werden, selbst wenn das Risiko für eine terrestrische Suche zu hoch ist, Lawinen, Eis- oder Steinschlag eine Suche unmöglich machen. Zweifelsfrei wird sich hier in den kommenden Jahren viel tun!

Auftrieb rettet Leben!
Das erste Auto mit Airbag ging 1981 vom Band. Ein Jahr zuvor schon erwarb Peter Aschauer das Patent für einen Lawinen-Airbag. Die Idee geht zurück auf Josef Hohenester. Der bayerische Forstmeister entdeckte in den 1970ern, dass er mit erlegtem Wild auf den Schultern in Schneebrettern an der Oberfläche blieb. Seitdem entwickelt die Firma ABS in München wahre Lebensretter. Das Prinzip ist denkbar einfach und damals wie heute das gleiche: Gerät ein Wintersportler in eine Lawine, betätigt er den im Rucksack befindlichen Airbag. Dieser bläst sich in wenigen Sekunden auf und erlangt so Auftrieb in den abgehenden Schneemassen. Der Mensch wird zum Spielball der Physik (Paranuss-Effekt), immer mit dem Ziel nicht, oder nur teilweise verschüttet zu werden.  

Heute verschwinden die Luftkissen unsichtbar in stylischen Rucksäcken. Ultraleichte Carbon-Kartuschen enthalten die nötige Druckluft. In speziellen Fächern sind Sonde und Schaufel schnell zugänglich verstaut und ein spezieller Beingurt verhindert das Abrutschen des Rucksacks über den Kopf. Natürlich sind die ABS-Lawinenrucksäcke wiederverwendbar. Testversuche, Statistiken und Erfahrungsberichte sprechen eine deutliche Sprache: Ein Lawinenrucksack rettet Leben!

Der Name ist Programm: PIEPS, der österreichische Hersteller von LVS-Geräten, steckt sein Knowhow nun schon seit mehr als 50 Jahren in die kleinen Lebensretter!

Einen Pieps von sich geben
Wenn keine der vorherigen Vorkehrungen greift, enden Lawinen oft mit einer Komplettverschüttung. Eine Selbstrettung ist dann für gewöhnlich ausgeschlossen, Einsatzkräfte, noch wichtiger aber Bergsportler vor Ort, müssen dann in wenigen Minuten eine verschüttete Person finden. In einem Chaos aus Schnee und Eis.

Mit Glück kann anhand der Fließrichtung der Lawine, oder mittels verlorener Ausrüstungsgegenstände, das Suchgebiet etwas eingegrenzt werden. Oft aber glich das Vorhaben der berühmten Nadelsuche im Heuhaufen. Zumindest bis 2003. In diesem Jahr kam mit dem Pieps DSP das erste digitale LVS-Gerät mit drei Antennen auf den Markt. Genaue und schnelle Ortung von sogar mehreren Verschütteten Personen sind seitdem möglich. Die Österreicher produzieren sogar schon seit 1968 LVS-Geräte und haben ihr Portfolio seitdem stetig ausgebaut. Sonden, Schaufeln und viele weitere innovative Produkte bietet Pieps mittlerweile an. 

Das alles ist größtmögliche Sicherheit im Wintersport. Dank modernster Hightech-Lösungen gegen die Lawinengefahr. Und gemeinsam mit den Drohnen der Bergwacht, den Rucksäcken von ABS und den Laserscannern von Wyssen, können die anfangs erwähnten Zahlen sicherlich Winter für Winter weiter reduziert werden.

Text: Benni Sauer

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