Hinter der Linse: Heimhuber

Der Familienbetrieb Heimhuber sitzt seit 1877, mittlerweile schon in 5. Generation, in Sonthofen im Allgäu. Die sogenannte „Edition Heimhuber“, also das historische Bildarchiv, ist eines der größten und besterhaltenen Fotoarchiven Europas. Die Menschen, Traditionen, der Alpinismus und die Landschaften. Wie ein roter Faden ziehen sie sich durch über 140 Jahre Fotogeschichte. Umso erstaunlicher ist es, wie zeitlos viele der Aufnahmen wirken, bedenkt man doch, welcher Aufwand noch vor über einhundert Jahren hinter nur einer solchen Fotografie steckte.

Lena Heimhuber ist Geschäftsführerin und Enkelin von Fritz Heimhuber Junior, der das Foto am Wolfebner schoss. Mit Ihr möchte ich mich über die Vergangenheit und Zukunft der Familie Heimhuber unterhalten.

Auf dem Gipfel der Trettach, 1925. Fritz Heimhuber s.

Hallo Lena! Über 140 Jahre Fotogeschichte sind beeindruckend! Wie begann diese Geschichte?

Alles begann, als Joseph Heimhuber 1877 sein Fotoatelier in Sonthofen eröffnet. Dieses erste Auftragsbuch und viele weitere haben wir zum Glück noch in unserem Archiv. Neben der Portraitfotografie, die nur am Wochenende stattfand, da man nur dann das gute ‚Gwand‘ anhatte, zog es Joseph schon bald in die Berge. Anfang der 1880er Jahre machte Josef Heimhuber wohl die ersten Hochgebirgsaufnahmen. 1899 wurde Josef sogar zum königlich Bayerischen Hofphotographen ernannt. Die Söhne von Josef Fritz und Eugen sind beide in die Lehre beim Vater gegangen. Man kann nur von Glück sprechen, dass sie nicht nur fotografisches Talent hatten, sondern beide begeisterte Bergsportler waren, die es unentwegt in die Alpen trieb und so unzählige Berg- und Bergsportaufnahmen entstanden sind. 

1. Skitour zum Himmeleck, 1901. Eugen Heimhuber s.

Heute holen wir unser Smartphone aus der Hosentasche und knipsen ganz nebenbei hochauflösende Fotos. Wie genau können wir uns die schwere Arbeit von früher vorstellen?

In den Überlieferungen von meinem Opa Fritz Heimhuber jr. ist eine der ersten Foto- Expeditionstouren so beschrieben: Mit einer großen Anzahl von Trägern schleppte Josef Heimhuber ein Dunkelkammerzelt samt enorm schwerer 13×18 Fotoausrüstung (Plattenkamera/ Holzstative/ Glasplatten in stabilen Holzboxen/Dunkelkammerzelt) auf den Mädelegabelferner, um von dort Hochgebirgsaufnahmen zu machen. Für das damalige Nassverfahren musste er im Zelt die Platten mit lichtempfindlicher Emulsion versehen. Danach wurden die noch nassen Platten belichtet und an Ort und Stelle im Zelt entwickelt. Die Anstrengungen für eine Hochgebirgsaufnahme waren enorm und es brauchte wohl schon sehr viel Begeisterung und Passion für Bergsport und Fotografie, um sich für ein bis zwei Aufnahmen solchen Strapazen auszusetzen.

Mädelegabel Gletscher, ca. 1890. Joseph Heimhuber

Fritz Heimhuber Senior begann im Alter von 13 Jahren seine Ausbildung zum Fotografen. Aber auch als Alpinist bewies er großen Erfindergeist.

Über Fritz senior könnte man einen Roman schreiben. Der ‚Mächler‘, der so einige Sachen erfand und baute war definitiv der Ski-Pionier im Allgäu. Skifahren war überhaupt noch nicht bekannt im Oberallgäu Ende des 19. Jahrhunderts, als Fritz ein Buch aus Norwegen in die Hände fiel und er sich seinen ersten Ski nur von den Abbildungen im Buch selbst baute. Er wurde belächelt und sogar beschimpft, was er denn da für einen Unfug triebe. Er ließ sich aber nicht entmutigen und fand durch eine Reihe glücklicher Zufälle einen Gleichgesinnten, Dr. Madlener aus Kempten. Die zwei, zusammen mit seinem Bruder Eugen und einem Max Müller, unternahmen die ersten Skitouren im Allgäu. 

Fritz Heimhuber mit Plattenkamera, 1938.
Wächtenspringer, 1934. Fritz Heimhuber j.

In den Jahren des zweiten Weltkrieges hat sich die Familie Heimhuber schon längst zu einer erfolgreichen Pionierfirma entwickelt – nicht nur fotografisch, sondern auch den Alpinismus betreffend. Beides sind Eigenschaften, die von den Nationalsozialisten gerne für Propagandazwecke instrumentalisiert wurden. Wie verlief für die Familie Heimhuber diese Zeit?

Die zweite Generation Heimhuber, also Fritz und Eugen senior waren zu dieser Zeit beide um die 60 Jahre alt, zum Glück also schon zu alt, um noch eingezogen zu werden. Wie schon im ersten Weltkrieg wurden auch im zweiten Weltkrieg zahlreiche Bilder von Soldaten und deren Familien gemacht. Wir sehen aber in unseren Auftragsbüchern, dass Berg- und Landschaftsaufnahmen in dieser Zeit eher stagnierten. Viele Aufnahmen gibt es aus dieser Zeit von Fritz junior. Er war als Fotograf in der Heereshochgebirgsschule in Fulpmes tätig. Kurz nach Kriegsende übernimmt er das Geschäft und gilt bald als einer der besten Bergfotografen seiner Zeit. Er ist Sommer wie Winter ständig in den Bergen unterwegs und unternimmt auch zahlreiche Touren mit Luis Trenker und Anderl Heckmair.

Auf dem Wilden Männle, 1899. Joseph Heimhuber

Was sind für dich die bedeutendsten Aufnahmen aus 140 Jahren? Ich persönlich finde die Aufnahme des bestiegenen „Wilden Männle“ aus dem Jahre 1899 sehr eindrucksvoll, weil die Felsnadel heute nicht mehr existiert. Am 9. Mai 1962 brachte ein starkes Gewitter den Turm zum Einsturz. 

Es gibt die künstlerisch ansprechenden, die geschichtlich besonders interessanten und die coolen Sportaufnahmen. Ich denke besonders bedeutend sind viele der ganz alten Aufnahmen, so wie das Wilde Männle Motiv, wo die Veränderung  besonders drastisch ist. Aber auch die Bilder vom Mädelegabelgletscher, das erste Waltenberger Haus 1880, der Nebelhorngipfel 1900…

Zwei Sennen, 1937. Fritz Heimhuber j.

2012 war ein bedeutendes Jahr, das öffentliche Interesse wuchs. Wie genau kam es dazu?

Schon im Jahr 2005 wurde unser Fotoschatz im Keller quasi ‚entdeckt‘. Der Filmemacher Alexander Freuding macht damals einen Film über die Firmengeschichte und ist begeistert, als er damals die Archivräume entdeckt. Es dauerte dann noch einige Jahre, um Fördergelder zu erhalten und das Projekt ‚Visuelles Gedächtnis Allgäu‘ zu erhalten. 2012 ist es endlich so weit, das Projekt startet, der Schatz aus dem Keller wird mit höchster Sorgfalt geborgen und digitalisiert. 

Auf dem Weg zur Valluga, 1920. Eugen Heimhuber s.
Ursprüngliches Einödsbach, 1880. Joseph Heimhuber

Eines eurer bestverkauften Fotos ist heute das Höfatspanorama mit einer Edelweißblüte im Vordergrund. Das Foto ist aus dem Jahre 1956. Ein nahezu identisches Foto könnte ich auch heute aufnehmen. Was genau macht die historischen Bilder zu dem was sie sind?

Ich denke der Wert der Bilder liegt in der Geschichte hinter den Bildern, der Anstrengung, dem fotografischen Können und natürlich der Einzigartigkeit. Viele der beliebtesten Allgäu Motive wurden von den Heimhuber Fotografen zum ersten Mal fotografiert, heute werden Sie zigfach aufgenommen. Teilweise sieht es heute noch ähnlich aus, aber natürlich gibt es auch drastische Veränderungen und die Welt von damals existiert eben nur noch auf unseren Bildern. 

Höfats im Gegenlicht, 1963. Fritz Heimhuber j.

Im Museum über den Geschäftsräumen in Sonthofen gibt es viel mehr zu sehen als nur historische Aufnahmen. Was erwartet die Besucher?

Man taucht ein in das Allgäu vor 100 Jahren. Schaut man unseren ‚Zwei Sennen‘ in Lebensgröße in die Augen, fühlt man sich direkt in den Alpsommer 1937 versetzt. Man bekommt ein Kribbeln im Bauch, wenn man sieht wie die Kletterer von damals mit einem Hanfseil um die Hüfte gebunden über die damalige Slackline zwischen zwei Felsnadeln an der Fuchskarspitze tänzeln. Beim Anblick der alten Skitourenbilder geht jedem Skisportler das Herz auf und das Rätselraten beginnt, wann und wo diese Aufnahme wohl entstanden ist und wie das mit der Ausrüstung von damals überhaupt möglich war. Faszination kommt spätestens auf, wenn man sieht, wie scharf die teilweise über 100 Jahre alten Aufnahmen sind und dann kommt manchmal die Frage auf „ist das wirklich alt oder nachgestellt?“ Selbstverständlich ist alles original!

Edelweiß mit Höfats und Wolkenspiel, 1950. Fritz Heimhuber j.
Drei Zinnen mit Paternkofel, 1979. Fritz Heimhuber j.

Heute besteht das Team Heimhuber aus neun Mitarbeitern. Die Profifotografen beschäftigen sich mit Hochzeits- Pass- und Werbefotografie. Über Landschafts- und Alpinfotografie ist nichts zu lesen. Endet hier der rote Faden?

Wir machen weiterhin Landschafts- und Bergbilder, allerdings nicht mehr so intensiv wie damals. Im Fokus steht vor allem die Panoramafotografie. Aber wie schon beschrieben haben sich die Zeiten geändert und es gibt heute so viele Bergfotografen, dass es schwierig ist allein von der Bergfotografie zu leben. Deswegen sind die anderen Bereiche wie Studio- Hochzeits- und Werbefotografie sehr wichtig für uns. Mit dem Verkauf unserer historischen Bilder gehen wir aber wieder zurück zu unseren Wurzeln und leben heute von dem, was die früheren Generationen mühsam erarbeitet haben. Für dieses Erbe sind wir sehr dankbar, wollen es in die Welt hinaustragen und hier wird die Geschichte weitergeschrieben….

Eine kompakte Felswand. Fast senkrecht, nur ganz leicht nach hinten geneigt. Jede einzelne Stufe, jeder noch so kleine Riss oder Vorsprung zieht in die obere Mitte des Bildes und lenkt so mein Auge. Der Fels wirkt herrlich griffig und fest, die Sonne muss ihn schon kräftig aufgeheizt haben.


So genau weiß ich das aber nicht. Ich kann es nur vermuten, denn das Bild ist alt. Der zweite Weltkrieg tobt zu dieser Zeit. Ein interessanter Gedanke, besticht das Foto doch durch seine Ruhe und Friedlichkeit. 


Zwischen den klaren Linien und Kontrasten des Bildes schlängelt sich ein Seil. Ein einfacher Hanfstrick, ganz simpel um die Hüfte eines Kletterers geknotet. Mit hochgekrempelten Hosen und leichten Lederschlappen, die vermutlich Marke Eigenbau sind, setzt dieser zu einem weiten Schritt an. 


Fritz Heimhuber Junior drückte am 9. September im Jahre 1940 auf den Auslöser. Hier am Wolfebner im Allgäu schoss er in meinen Augen eines der eindrücklichsten Fotos der Bergsteigergeschichte.

Die Welt der Fotografie ändert sich rasant. Wo siehst du das Projekt Heimhuber in 50, 100 oder sogar in weiteren 140 Jahren?

Erstmal hoffe ich natürlich, dass es uns dann immer noch gibt. Mal sehen ob die sechste Generation sich dazu entscheidet weiterzumachen, denn das geht nur mit Spaß und Begeisterung und kann natürlich nicht erzwungen werden. Einerseits wollen wir natürlich weiterhin als Geschäft und Fotograf vor Ort bestehen, hier muss man sich auch anpassen und innovativ sein. Digitalisiert ist bisher nur ein Bruchteil unserer historischen Bilder, es wird noch viele Jahrzehnte dauern, um das ganze Archiv aufzuarbeiten. Langfristig wollen wir aber auch viel mehr mit den Bildern arbeiten, neue Produkte neben den Leinwandbildern entwickeln und diese tollen Motive weltweit bekannt machen. Das ist noch ein langer Weg, aber in 50 oder sogar 140 Jahren kann man ja einiges bewegen und die Ideen werden uns nicht ausgehen.

Vielen lieben Dank Lena Heimhuber, für diese einzigartigen Einblicke!

Mehr von Fotohaus Heimhuber im Internet unter:
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