Hoch hinaus im Tiroler Unterland

Die Kitzbüheler Alpen bieten unzählige Skitouren. Wer das Brixental in Richtung Kelchsau, Wildschönau, Windau oder ins Spertental verlässt findet ideale Reviere für Genussskitouren. Das gilt für die Einsteigerrunde auf den Schatzberg genauso wie für den Klassiker Tristkopf. 

Unsere Atemwölkchen verharren scheinbar schockgefrostet im Dunkel des Waldes. Die Tannen tragen schwer an ihrer frischen Schneelast – ein vielversprechender Anblick. Die Felle an unseren Tourenskiern gleiten mit einem rauen Surren über den frisch angezuckerten Ziehweg. Der frühe Anstieg vom Gasthof Wegscheid im Kurzen Grund der Kelchsau zwickt zwar angesichts von minus 15° Grad Celsius herzerfrischend im Gesicht und die klammen Zehenspitzen sind auch noch nicht in der Komfortzone, aber gemütlich Ausschlafen und unverspurter Powder passen nun mal nicht auf einen Bierdeckel. 

Die westlichen Kitzbüheler Alpen sind ein wahres Paradies für Skitouren-Fans. Zwischen dem Unterinntal und in den vielen herrlich eingeschnittenen Seitentälern des Brixentals mit Hopfgarten als seinem Epizentrum, finden Novizen und Touren-Freaks eine überwältigende Auswahl an Tages- und Wochenend-Touren. Anfänger schätzen die einfachen Wald- und Wiesenberge, Fortgeschrittene finden auf den fast 2500 Meter hohen Gipfeln auch erstklassige Steilhänge und Pulverrinnen. Die hohe Qualität der Touren, die gute Erreichbarkeit über die Inntalautobahn und ein vorbildliches Netz aus gemütlichen Berghütten hat sich natürlich längst bei den Tirolern und Oberbayern herumgesprochen und somit heißt es früh raus. 

Zurück zur Tour: Im wohlig warm geheizten Auto hatte der Schneebericht gerade nochmal 30 cm feinsten Neuschnee in den höheren Lagen bestätigt – in diesem Winter ohnehin ein seltener Segen – und somit ignorieren wir Kälte und Müdigkeit. Schnelle Schritte und eine ordentliche Portion kalter Sauerstoff reißen uns zackig aus dem physischen Standby. Bald schon lassen wir die Baumgrenze unter uns. Ziehen frische Spuren über die Rosswildalm und erkennen in einiger Entfernung schon die Neue Bamberger Hütte, aus deren Kamin der Rauch kräuselnd aufsteigt. Eine lange Querung und noch ein paar Spitzkehren, schon duftet der frisch gebrühte Kaffee. Ein ordentliches Stück hausgemachter Käsekuchen dazu sorgt für frühmorgendliche Verzückung. Doch die Sonne klettert bereits über die Kitzbüheler Alpen. Insgeheim scharren wir bereits mit den Skistiefeln, also schnell die Brösel vom Mund gewischt und auf geht’s. Über weite Kehren gewinnen wir schnell an Höhe. Lassen die wellige Rosswildalm unter uns. Gleiten entlang der Wildalmseen, die im Sommer wie frisch geschliffene Saphire leuchten und jetzt in weißer Stille, gefroren in sich ruhen. Über das Nadernachjoch erreichen wir den felsigen Gipfelaufbau des Tristkopfs. Vom Skidepot sind es nur noch wenige Höhenmeter auf den 2361 Meter hohen Tourenskiklassiker mit seinem wuchtigen, metallenen Gipfelkreuz. Das 360 Grad Panorama ist zum Niederknien opulent. Die makellose Zahnreihe der Hohen Tauern mit ihren tief verschneiten Dreitausendern strahlt wie frisch-gebleachte Hollywood-Diven. Weit reicht der Blick in die Kitzbühler Alpen. Zum markanten Horn und zum Hahnenkamm, wo es jedes Jahr wieder aufs Neue zum Showdown in der Königsdisziplin des Wintersports, der alpinen Skiabfahrt auf der »Streif« kommt und der Schicki-Micki-Zirkus die Boulevard-Blätter füllt. Direkt neben uns ragt das 2444 Meter hohe Kröndlhorn auf. Jede Menge wunderbarer Skigipfel im kongenialen Einzugsbereich der Neuen Bamberger Hütte. Die Brotzeit fällt knapp aus. Ein Müsliriegel muss reichen. Der Tee aus der Thermoskanne ist immer noch so heiß, dass wir ihn bedächtig schlürfen müssen … und uns bei dieser Geduldsprobe dabei ertappen, wie die Vorfreude auf die Abfahrt schon fast zur Unruhe wird. Den Alubecher schnell wieder drauf schrauben, Felle runter, Bindung arretieren und halleluja. Die Unterlage ist perfekt. Die Auflage aus dem goldrichtig prognostizierten, in der Nacht, wie ein Geschenk vom Himmel gefallenen  Pulverschnee, zerstiebt wie Sternenstaub, klettert langsam über die Funktionsklamotten in unsere breit grinsenden Gesichter und kühlt unseren Übermut runter. Rhythmisch ziehen wir unsere Spuren in den grandiosen Hang. Erst unten beim Markkirchl, wo ein Wappenschild die Landesgrenze zwischen Tirol und Salzburg markiert, kommen wir vorübergehend zur Ruhe. Bei einem weiteren Müsliriegel lassen wir den Blick schweifen. Der nahe Schafsiedel reckt seinen Gipfel in den stahlblauen Himmel. Auch der wesentlich weiter entfernte Salzachgeier würde noch ein paar schöne Abfahrten bieten. Wahrlich, die neue Bamberger Hütte bietet ein top Tourenspektrum. Aber jetzt passt der Schnee gerade perfekt, also rauschen wir runter zur Hütte, wo wir bei einem leckeren Tiroler Gröstl gleich die nächsten Touren planen.

Schon am Wochenende drauf sind wir wieder unterwegs. Steuern das nahe Hochtal der Wildschönau an. Auch hier reihen sich die Skitourengipfel wie Perlen an einer Kette hübsch nacheinander auf. Das Feldalphorn, das Schwaiberghorn – einfache Touren mit hohem Panorama- und Funfaktor. Das Große Beil, mit 2309 Metern der höchste Gipfel der Wildschönau und getreu seinem martialischen Namen eine kräfteraubende, zähe Sechs-Stunden-Tour. Doch wir sind heute später dran, nehmen ausnahmsweise den Skilift zum 1776 Meter hoch gelegenen Schatzhaus. Ziehen flugs die Felle auf und bringen den Puls, hoch zum 1898 Meter hohen Schatz-
berg schon mal in Wallung. Eine kurze Abfahrt in den Gernsattel lässt uns schon mal frohlocken. Der Schnee ist noch flockig, klumpt nicht. Über weite Kehren und ein paar aussichtsreiche Geländekanten erobern wir den 1904 Meter hohen Joel. Eine Kupfertafel am Gipfelkreuz erinnert an Rudolph Joel, der hier in den Hängen am 21.02.1909 in einer Lawine sein Leben ließ. Der Rundblick in die Zillertaler und runter ins Alpbachtal ist bereits zum Zunge schnalzen. Zudem verspricht der Gipfelhang angesichts eines stabilen Schneeaufbaus und einer feinen Pulverschicht höchsten Flow. Butterweiche Schwünge durch den märchenhaft glitzernden Schnee lassen unsere Glückshormone jubilieren. Die Abfahrt ins Tal ist ein einziges Sahnehäubchen. Und weil wir davon nie genug bekommen können, springen wir gleich noch mal in den Lift auf den Schatzberg und gönnen uns eine Nachspeise auf der kaum befahrenen Skiroute hinunter nach Thierbach. Auf dieser Seite der Wildschönau ist im Winter fast gar nichts los. In dem urgemütlichen und romantischen Bergdorf mit der kleinen alten Volksschule stärken wir uns beim Sollererwirt in der alten Speckbacherstube, wo vor über 200 Jahren schon die Kampfgenossen des Tiroler Freiheitskämpfers, Andreas Hofer, einkehrten. Vor dem Fenster tanzen leise Schneeflocken. Drinnen setzt die Bedienung eine dampfende Ladung Kaiserschmarrn im XXL-Format auf den alten Holztisch. Reicht dazu stilgerecht und typisch tirolerisch eine Schüssel Zwetschgenröster. „Do drüben, do sinds damals gsessn, da Speckbacher und seine Spezln“, verrät uns die Bedienung und deutet auf den dunklen Klapptisch im Eck. Wir planen zwar keinen Aufstand in der urigen und geschichtsträchtigen Stube, aber dafür schon die nächsten Skitouren… morgen werden wir wohl im Spertental mal das Brechhorn anpeilen und hoffentlich wieder als eine der ersten unsere Spuren in die Hänge zeichnen.

Text und Bilder: Norbert Eisele-Hein

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