Hoch über Reutte

„Reutte? Das liegt doch irgendwo zwischen Füssen und dem Fernpass, oder?
Da bin ich mal durchgefahren!“

Alexandra Posch vom Tourismusverband Naturparkregion Reutte kennt diesen Satz zu gut. Und auch ich saß noch vor wenigen Minuten im Wagen, fuhr auf der B179 entlang, wie schon so oft – meistens gleich weiter, gleich tiefer in die Alpen hinein. „Durch die Windschutzscheibe sieht man nicht viel“, werde ich Alexandra nach drei Tagen in, um und über Reutte entgegnen. Natürlich sieht man die gigantische Hängebrücke. Jeder von uns wird sich schon einmal übers Lenkrad geduckt und die highline179 von der Straße aus bestaunt haben. Auch die Burgruine fällt auf. Und dann ist da natürlich noch der Säuling: Beliebter Sommer-Aussichtsberg, mit Aufstiegen für Wanderer, Bergsteiger und Felskletterer. „Dabei ist da so viel mehr!“

Einmal rechts rausfahren – direkt ins Mittelalter! 
Eigentlich logisch, dass Reutte oft nur im Vorbeifahren wahrgenommen wird. Die einzige römische Kaiserstraße über die Alpen, die Via Claudia Augusta, führte durch die Region und verband das Alpenvorland mit der Adria. Anfangs nur militärisch genutzt, entwickelte sie sich im Laufe der Zeit zu einer wichtigen Handels- und Reiseroute.  Im Jahre 15 vor Christus (!) begann der römische General Drusus, Adoptivsohn von Augustus, eine Straße über die Alpen anzulegen. 60 Jahre später beendete Claudius, Drusus‘ Sohn, dieses Mammutprojekt. Noch heute führen unsere modernen Straßen teilweise haargenau deckungsgleich mit dieser Römerstraße durch die Bergwelt – natürlich! Schließlich war damals der Weg des geringsten Widerstandes noch bedeutender als heute.

Und so kam es, dass die Route des Generals zwischen zwei steilen, anfangs noch unbedeutenden Bergen in die Nordalpen hineinführte. Ein erstes Aha-Erlebnis!

Die Klause, also die mächtige Talsperre, wurde erst hunderte Jahre später errichtet. Mit ihrer Hilfe konnte man schließlich teure Mautgelder eintreiben. Natürlich war aber auch damals der militärische Nutzen von großem Vorteil. Das schmale Durchfahrtstor wurde absichtlich seitlich versetzt zur eigentlichen Via Claudia Augusta erbaut. Einen möglichen Angriff des Feindes wollte man so ausbremsen, dem direkten Beschuss ausweichen. „Schon beeindruckend“, murmle ich mit Blick auf die nahegelegene Bundesstraße. So oft bin ich hier schon vorbeigefahren. Und bis heute hatte ich keine Ahnung, welch spannende Geschichte sich hier zeigt.

Per Knopfdruck in die Vergangenheit
Grundsätzlich ist er nichts anderes als ein Aufzug: Der Ehrenberg Liner, dessen steile Schienen man seit dem Frühjahr 2019 auch schon von der Straße aus sehen kann. Fast wie ein Raumschiff, so wirkt dieses moderne Transportmittel in der mittelalterlichen Umgebung. Dabei ist der Schrägaufzug bei weitem nicht das einzige futuristische Bauwerk in der Burgenwelt Ehrenberg…

Mit zwei Metern pro Sekunde gleiten wir die 100 Höhenmeter zur Burgruine hinauf. Die einst uneinnehmbare Burganlage auf dem Ehrenberg ist so in nur zwei Minuten erreicht. Während der kurzen Fahrt erklärt mir Alexandra wichtige geschichtliche Zusammenhänge und erstaunliche Details aus der damaligen Zeit. So waren die Berghänge um uns herum nicht immer so dicht bewaldet. Um bessere Sicht zu haben, wurde nämlich der Wald großflächig abgeholzt. So eindrucksvoll schon allein der Besuch der Burgenwelt Ehrenberg ist, mit einem so guten Guide an der Hand, macht die Erkundung gleich doppelt so viel Spaß!

Wer sich über den Bau der spektakulären highline179 informieren möchte, findet im Museumsshop eine hochinteressante
Baureportage auf DVD.

Zwischen damals und heute
Schon lange wachsen wieder haushohe Fichten am Burghügel und wer genau hinsieht kann verfallene Mauern erkennen, die von der Klause ausgehend auf beiden Seiten den Berg hinaufziehen. Viel ist heute hier oben, an diesem spätwinterlichen Tag, nicht los und so spuren wir teilweise sogar unseren Weg durch die verfallenen Gemäuer der Burgruine. Es fällt mir nicht schwer, meiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Mit den Augen eines Kindes versuche ich die eingestürzten Mauern zu rekonstruieren, den so entstandenen Räumen einen Zweck zuzuteilen und Alexandra setzt diesem Vorhaben schließlich die Krone auf, als sie mir einen Geheimgang zeigt, der erst vor zwei Jahren bei Bauarbeiten entdeckt wurde. 

Geschichte zum Anfassen: So wird eindrücklich klar, wie die Burganlage verteidigt wurde.

Ein echter Geheimgang! Vermutlich als Fluchtweg angelegt! Spätestens jetzt fällt der Entschluss im Sommer noch einmal mit den Kindern hier hochzukommen. Wo heute feine Schneekissen auf den Mauerkronen liegen, sprießen dann frischgrüne Blätter und Zweige aus den Fugen. Überhaupt ist die Burgenwelt Ehrenberg ein echtes Paradies für Kinder. Es gibt unheimlich viel zu entdecken. Mithilfe einer Karte können die Kids auf Schatzsuche gehen. Und überall hier oben kann man sich auf die Spuren des lustigen Ritters Rüdiger mit seiner spitzen Blechnase und dem kleinen Drachen Juhui machen. 

Während dann die Kleinen in die Welt der feuerspeienden Drachen eintauchen, dürfen sich die Erwachsenen mit der turbulenten Geschichte dieser Burganlage auseinandersetzen. Denn die hat es durchaus in sich. So viel sei an dieser Stelle schon einmal verraten: Anhand des Waffenarsenals der damaligen Zeit ist unschwer zu erkennen, dass die Soldaten hier oben ein raues, in Kriegszeiten brutales Leben führten. Übrigens ist die Burg Ehrenberg die wohl einzige Burg Tirols die gleich zwei Mal von den Tirolern selbst mit Kanonengewalt sturmreif geschossen wurde. Warum? Das weiß natürlich Alexandra, die mir verrät, dass auch ein Film, der in den Gemäuern der Ruine zu sehen ist, Besucher über die kriegerische Geschichte der Burganlage aufklärt.

Durch die Klause betritt man die Burgenwelt Ehrenberg – und hat schon bald einen eindrucksvollen Blick auf sie herab.

Auf neuen Wegen hoch über der Via Claudia Augusta
Auch wenn die Burgenwelt Ehrenberg, also die Burg Ehrenberg mitsamt der höhergelegenen Festung Schlosskopf und dem Fort Claudia auf der gegenüberliegenden Bergseite, ein eindrucksvolles Bild abgeben: Das wirkliche Highlight überspannt das Tal zwischen den beiden Bergen erst seit 2014. Die highline179 war zu der Zeit der Eröffnung die weltweit längste Fußgängerhängebrücke im Tibetstil. Beeindruckende 406 Meter lang und schwindelerregende 114 Meter über der Klause, durch deren Tor wir heute Morgen noch spazierten. Dass der Boden der Brücke lediglich aus Metallgittern erbaut ist – also größtenteils einen Blick direkt unter die Fußsohlen erlaubt, lässt dann auch mich ganz reflexartig ans Geländer fassen. Grund zur Sorge gibt es aber natürlich keinen: Das 70 Tonnen schwere Bauwerk ist auf beiden Seiten 17 Meter tief im Felsen verankert und könnte mit Leichtigkeit 1000 Personen tragen. Sicherheitshalber sind aber nur 500 Personen gleichzeitig zugelassen. Heute haben wir die Hängebrücke ganz für uns alleine – und spüren sofort die Schwingung und Bewegung. Sehr beeindruckend!

Manchmal, so Alexandra, schließen dann tatsächlich die automatischen Einlassschranken und die Besucher müssen warten, bis auf der Brücke wieder Plätze frei werden – so beliebt ist sie. Während ich aber über die menschenleere Stahlkonstruktion schlendere, bemerke ich nicht nur, wie gigantisch dieses Bauwerk sein muss, damit sich auf ihm 500 Personen aufhalten können: Schließlich waren auf der gesamten Burg Ehrenberg oft weit weniger Soldaten stationiert – einmal konnte sogar einem Angriff mit nur 60 Mann standgehalten werden. Ich bemerke während der Überschreitung auch, dass die Brücke zwei Berge verbindet, von deren beiden Seiten man schon mit faustgroßen Kanonenkugeln aufeinander geschossen hat. Wo früher Mord und Totschlag wortwörtlich in der Luft lag, schauen wir heute auf die B179, auf welcher wir ohne Wegezoll und Feindkontakt fahren können, wohin auch immer wir wollen. Und nächstes Mal werde ich mich dabei sicher wieder übers Lenkrad lehnen und hinauf zur highline179 blicken. Dann aber mit einem ganz anderen Gefühl als die vielen Male zuvor.

Text: Benni Sauer

Kommentar verfassen