Im Gespräch mit… Christoph Mayer

Nicht viele Menschen kennen die Gletscher der Ostalpen so gut wie der Glaziologe Dr. Christoph Mayer. Der gebürtige Allgäuer arbeitet in der Gruppe Erdmessung und Glaziologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. Der Geophysiker sammelte viele Jahre Erfahrung in der Polarforschung, wobei er auch promovierte. Seit 2004 beschäftigt er sich hauptsächlich mit den Gebirgsgletschern. Einerseits die der Ostalpen – aber auch mit Schwerpunkt Hochasien. Besonderes Augenmerk legt er auf den Schwarzmilzferner. Dieser kleine Gletscher ist den vielen Begehern des Heilbronner Weges im Allgäuer Hauptkamm bekannt.

Hallo Herr Dr. Mayer. Was ist das Besondere am Schwarzmilzferner?

Der Schwarzmilzferner ist insofern ungewöhnlich, da er sich an der Südostseite des Allgäuer Hauptkamms befindet. Normalerweise existieren Gletscher in dieser Höhe eher in den Schattenlagen wie beispielsweise das Blaueis oder der Watzmanngletscher, nicht aber in derart sonnenexponiertem Gelände.

Was genau ermöglicht demnach die Existenz des Schwarzmilzferners? 

Der Schwarzmilzferner kann an seiner Position nur wegen der enormen Niederschläge bestehen. Andernfalls hätte sich an dieser Stelle kein Eis über längere Zeit halten können.

Wie genau sieht ihre Arbeit am Gletscher aus? 

Wir bestimmen jährlich die Ausdehnung und die Oberflächenhöhe des Gletschers. So können wir Ab- oder Zunahme des Gletschers genau ermitteln. Zusätzlich messen wir seit etwa 15 Jahren die maximale Schneebedeckung im Frühjahr, um neben der Eisschmelze auch die Schneeakkumulation zu ermitteln. Die Oberflächenhöhe wird mit einem Tachymeter (einem Theodoliten mit eingebautem Entfernungsmesser) bestimmt. Damit messen wir etwa 500 bis 600 Punkte auf dem Gletscher und erzeugen daraus ein Höhenmodell. Die Schneeakkumulation wird durch Sondierungen bestimmt. Zusätzlich graben wir einen Schneeschacht, damit wir die Dichte des Schnees und somit auch die entsprechende Menge an Niederschlag bestimmen können.

Das klingt nach einer Menge Arbeit! Wie lange beobachten Sie den Schwarzmilzferner schon und welche Veränderungen konnten festgestellt werden?

Wir beobachten den Ferner seit 1999 kontinuierlich. Es hat allerdings auch schon vorher immer wieder einzelne Untersuchungen dort gegeben. Seit dem Beginn unserer Messungen hat der Schwarzmilzferner enorm an Masse verloren. Vergleichsmessungen von Mitte der 1980er Jahre zeigen nur mäßige Verluste bis Ende des letzten Jahrtausends. Seitdem ist aber vor allem die Oberfläche des Gletschers sehr stark eingesunken. Da der Gletscher in einer großen Mulde liegt, waren die Flächenänderungen lange nicht so groß. Seit etwa 2012 verringert sich aber auch die Fläche sehr deutlich, so dass heute nur noch weniger als die Hälfte der Gletscherfläche von 1999 übrig ist. 

Was sind die Gründe für den starken Rückzug des Gletschers?

Die Variationen des Niederschlags (und hier ist der Schneefall gemeint) sind von Jahr zu Jahr ziemlich groß, aber über längere Zeiträume doch relativ gleichbleibend. Dies gilt auch für andere Regionen in den Alpen, in denen keine gravierenden Änderungen der Schneeakkumulation festgestellt wurden. Das Abschmelzen der Gletscher in den Alpen liegt daher nicht am fehlenden Nachschub, sondern an der überdurchschnittlichen Schmelze im Sommer. Warme Winter stecken die Gletscher im Normalfall gut weg, da in diesen Höhen auch warme Winter immer noch kalt genug sind, dass es dort nicht schmilzt. 

Ist eine derartige Gletscherschmelze ein normaler Vorgang? Gab es derartige Ereignisse schon einmal, oder trägt allein der vom Menschen erzeugte Klimawandel die Schuld am Verschwinden des Eises?

Normal ist ein relativer Begriff. Es kommt immer wieder vor, dass es einige Jahre mit starker Schmelze gibt. Ein Beispiel sind die Nachkriegsjahre in den späten 1940ern. Damals war die Eisschmelze ähnlich hoch wie heute. Aber das hielt nur einige Sommer an. In klimatischen Zeiträumen (Klima ist das mittlere Wetter über 30 Jahre) sind solche Bedingungen allerdings seit mehreren Tausend Jahren nicht vorgekommen. Vor allem die Geschwindigkeit, mit der sich das Klima derzeit ändert, wurde seit dem Ende der letzten Kaltzeit vor 10.000 Jahren so nicht festgestellt. Die Veränderung des Energieangebots an der Erdoberfläche und damit der Erwärmung ist eindeutig auf den Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre zurückzuführen und damit weitgehend menschengemacht. 

Auf den ersten Blick erscheint ein Gletscher starr und leblos. Wie wichtig sind aber die Eismassen für die umliegende Flora und Fauna?

Gletscher sind weder starr noch leblos. Einerseits ist ein Eiskörper nur ein Gletscher, wenn er sich auch bewegt. Manche Gletscher bewegen sich erstaunlich schnell, manchmal mehrere zehn Meter an einem Tag. Zudem bietet der Gletscher auch Lebensraum für Flechten, Algen und Bakterien. Sogar Spinnentiere leben auf dem Eis. Zudem beeinflusst der Gletscher auch das Klima in seiner Umgebung und stabilisiert dadurch die Umweltbedingungen in seiner Nähe. Das ist für eine Reihe von Pflanzen wichtig. So kann etwa der Gletscherhahnenfuß nur in kalten Verhältnissen überleben. Verschwinden die Gletscher in seiner Umgebung, wird es dem Pflänzchen mittelfristig auch zu warm. Je nach Größe der Vergletscherung, kann sich ein deutlich beeinflusstes regionales Klima herausgebildet haben und damit das Verschwinden der Gletscher zu einer sehr starken Veränderung des Lebensraums führen. 

Kann man eigentlich sagen, wie alt das Eis in einem Gletscher ist? Wie alt könnte beispielsweise das Eis der deutschen Gletscher sein?

Das Alter des Eises zu bestimmen ist nicht einfach. Allerdings sind Gletscher sich bewegende Systeme. Das Eis deformiert sich und bewegt sich Richtung Tal. Nur in ausgeprägten Mulden kann es sein, dass Eis über längere Zeit liegen bleibt. Die deutschen Gletscher sind alle sehr klein und haben einen großen Durchsatz an Masse (viel Niederschlag und große Eisschmelze). Daher wird das Eis in diesen Gletschern nur einige Jahrzehnte, vielleicht bis zu einem Jahrhundert alt sein.

Wie genau ermitteln Sie das Alter des Eises?

Wie gesagt ist die direkte Bestimmung des Alters ziemlich kompliziert. Am einfachsten ist die Abzählung der Jahresschichten. Wie bei einem Baum, kommt ja auch bei einem Gletscher jedes Jahr eine neue Schicht Schnee im Akkumulationsgebiet hinzu. Diese Schichtung bleibt relativ lange erhalten und die Schichten können gezählt werden. Andere Verfahren mit chemischen Untersuchungen sind sehr kompliziert, aufwändig und oft nicht durchführbar.

Lange Zeit wurden neue Gletscherskigebiete erschlossen. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Sind solche Vorhaben in den Alpen überhaupt noch von Dauer?

Neue Gletscherskigebiete werden in den Alpen eigentlich nicht mehr erschlossen. Die Betreiber haben ja schon genug damit zu tun, die alten Gebiete zu erhalten. Selbst falls sich das Klima ab heute nicht mehr verändert, wird bis Mitte des Jahrhunderts mehr als die Hälfte des Eises in den Alpen verschwunden sein. Ich denke das sagt schon alles darüber aus, wie sinnvoll solche Investitionen sind. 

Was verbinden Sie persönlich mit dem Gletscherrückgang und worauf müssen wir uns in den kommenden Jahren einstellen? 

Es ist natürlich schade, dass die Gletscher abschmelzen, vor allem da viele Regionen ohne die Eisflächen deutlich weniger attraktiv sind. Aber dies ist eben ein Anzeichen der klimatischen Veränderungen denen wir uns stellen müssen. Welche Auswirkungen dies auf unsere direkte Umwelt hat, ist schwierig zu sagen. Am deutlichsten hat uns die Dürre der letzten Jahre vielleicht vor Augen geführt, wie plötzlich sich die Bedingungen verändern können. Vieles deutet darauf hin, dass Wettersituationen stabiler werden. Das kann zu längeren Trockenperioden, genauso wie zu sehr hohen Niederschlägen führen. Aber wie die Auswirkungen auf die nördlichen Alpen im Detail sein werden, ist derzeit noch schwer abzusehen. Nur eines ist sicher: Die Erwärmung wird weiter zunehmen, wenn wir nichts dagegen unternehmen.  

Vielen Dank!

Mehr zum Thema: www.glaziologie.de

Fotos: © Astrid Lambrecht

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