Im Gespräch mit: Angelika Rainer

Die Meranerin, Angelika Rainer, ist dreifache Eiskletterweltmeisterin, hat in diesem Frühjahr ihr großes Ziel eine 8c durchstiegen und konnte im November 2017 als erste Frau eine Drytoolingroute im Grad D15 klettern. Die studierte Agrarwissenschaftlerin nahm sich als junge Kletterin die amerikanische Kletterlegende Lynn Hill zum Vorbild und fühlte sich von Hill’s Ausspruch »It goes boys« seit jeher angespornt die eigenen Grenzen immer wieder neu auszuloten. Ein Gespräch über Ruhe, Disziplin und dem Glück, jeden Tag Träume leben zu können. 

Unser Motto in dieser Ausgabe lautet »Erleben statt träumen« – wir wollen unseren Leserinnen und Lesern Persönlichkeiten wie dich und deine Berghaus-Teamkollegin Jaqueline Fritz vorstellen, die als Rolemodels, starke Persönlichkeiten und Motivatoren diese Devise leben.

Mit deinen sportlichen Leistungen hast du sicherlich schon viele junge Kletterer motiviert ihre Träume niemals aufzugeben sondern, an sich zu glauben. Hattest oder hast auch Du Vorbilder die Dich motivieren, und wenn ja, wer spornt Dich an?
 Als jugendliche Kletterin hat mich Lynn Hill sehr fasziniert. Ihre freie Begehung der Nose am El Capitan als erster Mensch war und ist wahnsinnig beeindruckend. Und mal ehrlich: Welches Mädchen würde sich durch ihren Spruch »It goes boys« nicht angespornt fühlen selbst seine Grenzen auszutesten? Ich habe damals ihr Buch gelesen und finde ihre Persönlichkeit beeindruckend. 
Heute motivieren mich die Erfolge vieler Frauen. Zu sehen, dass andere persönliche und absolute Bestleistungen erreichen, motiviert mich selbst auch wieder das Beste aus mir herauszuholen. 

Kommen wir auf deine Karriere zu sprechen: Du bist 2009 mit gerade mal 22 Jahren das erste Mal Eiskletterweltmeisterin geworden. 2011 und 2013 konntest du erneut den WM-Titel für Dich verbuchen. Eine starke Leistung, vor allem, wenn man bedenkt, wie viel sich im Klettersport und vor allem im Eisklettersport in den letzten Jahren getan hat. Die Leistungssprünge sind, meiner Meinung nach, riesig. Was bedeutet, dass man als Wettkampf-Athletin sein Training kontinuierlich anpassen muss. Wie ist dir das gelungen?
Persönlich gesehen, sind es fast noch mehr meine Vize-Weltmeistertitel 2015 und 2017, die ich in dieser Hinsicht als große Erfolge ansehe. Der erste Weltmeistertitel 2009 kam damals noch etwas überraschend, da ich noch nicht so lange im Weltcup aktiv war. Der zweite Titel 2011 war eine Bestätigung. Den Sieg 2013 habe ich einfach nur enorm genossen. Dann aber weiterhin am Ball zu bleiben, eben auch das Training anzupassen und genau bei der Weltmeisterschaft, die nur alle 2 Jahre stattfindet, in Höchstform zu sein, ist nicht leicht. Der Wettkampfstil hat sich im Laufe der Jahre verändert, die Routen sind technischer und die Anzahl der Athleten, die teilnehmen und vorne mitmischen können, ist größer geworden. Somit können kleine Fehler gleich zu einem großen Ausrutscher werden und es ist absolut nicht selbstverständlich, dass genau bei der WM alles perfekt verläuft. 2015 wurde ich bei meiner Heim-WM, bei der ich mir selbst natürlich sehr viel Druck auferlegt hatte, Zweite und gewann im selben Jahr (nach 2012) zum zweiten Mal die Weltcupgesamtwertung. 2017 wurde ich bei der WM in Frankreich wegen einer minimalen Differenz von 5 Sekunden Zweite. Generell denke ich, dass ich diese Erfolge meiner Ruhe zu verdanken habe. Ich bin im Stande auszublenden, dass es sich um einen so wichtigen Wettkampf handelt und versuche einfach mein Bestes zu geben, wie bei jedem anderen Wettkampf auch. 

Wie bist überhaupt zum Eisklettersport gekommen?
Zum Eisklettern kam ich eigentlich durch Zufall. Ich habe mit 12 Jahren mit dem Sportklettern begonnen und dann mit 18 spontan entschlossen, an einem Drytooling Wettkampf teilzunehmen. Drytooling bedeutet, dass mit Pickel und Steigeisen auf Fels oder auf künstlichen Griffen an einer Kletterwand geklettert wird. Dies war der erste organisierte Italiencup-Wettbewerb dieser Art und ich habe überraschend gewonnen. Das Klettern mit diesen Geräten und das Erlernen einer neuen Klettertechnik haben mich fasziniert und so bin ich zu den Eiskletterwettkämpfen und zum Eisklettern, an natürlich gefrorenen Wasserfällen, gekommen. 

Dann kam also das sommerliche Felsvergnügen vor der eiskalten Leidenschaft im Winter?
Ja. Ich habe mit 12 Jahren durch einen Kinderkletterkurs des Alpenvereins in der gerade neu eröffneten Kletterhalle in meiner Heimatstadt Meran mit dem Klettern begonnen und habe sofort gemerkt, dass das mein Sport ist. Als Kind war ich bereits mit meiner Mutter in den heimatlichen Südtiroler Bergen unterwegs, wo wohl meine Leidenschaft für die Natur und die Berge geweckt wurde. Mit 18 kam ich dann zum Eisklettern und habe mich in den letzten 10 Jahren mehr auf winterliche Projekte konzentriert. Ich klettere aber gleich gern an Fels und Eis. Beide Disziplinen haben ihren besonderen Reiz und der Wechsel zwischen Sommer und Winter, zwischen Fels und Eis, Wettkampf und Projekten im Freien, gibt mir immer neue Motivation. Gerade konnte ich auch im Fels wieder einen großen Erfolg feiern und meine erste Route im Grad 8c durchsteigen. 


Gratulation zu dem tollen Erfolg! Wo bist du die 8c geklettert und hat sie einen Namen?
Vielen Dank! Die Route heißt Cinque Uve und befindet sich in einem Klettergebiet bei Arco.

Du hast Agrarwissenschaften studiert, kletterst seit Jahren konstant in den obersten Schwierigkeitsgraden, sowohl im Eis, als auch am Fels, wie gerade gehört. Das erfordert auch bei großem Talent viel Trainingsdisziplin. Wie motivierst Du Dich? 
Klettern ist das, was ich am Liebsten mache. Während meiner Schulausbildung, meinem Studium und dann während der Arbeit in einem landwirtschaftlichen Versuchszentrum, war es nicht immer leicht, die Zeit für das Training zu finden, aber ich bin ein sehr disziplinierter Mensch und ich denke eine gute Zeiteinteilung ist sehr wichtig. Nun bin ich seit 4 Jahren Profisportlerin und kann meine ganze Zeit dem Klettern, meinem Training und meinen Projekten widmen. Das sehe ich als Privileg an und bin überglücklich, das machen zu können, was mir Spaß macht.  Meine Sponsoren, vor allem mein Hauptsponsor Berghaus, ermöglichen es mir, jeden Tag meine Träume zu leben. Natürlich habe ich nicht an jedem der 365 Tage im Jahr Lust mein Training zu absolvieren und mein Bestes zu geben, aber generell mache ich es sehr gern.

Und wie bringt man Arbeit, Studium und Training unter einen Hut? Bleibt da auch was auf der Strecke? 
Arbeit, Studium und Training unter einen Hut zu bringen, erfordert eine straffe Zeiteinteilung. Nach der Schule wurden sofort die Hausaufgaben erledigt, dann das Training. Zur Uni nahm ich immer gleich meine Kletterausrüstung mit und auf dem Heimweg ging es direkt in die Kletterhalle. Meine Freunde kenne ich fast alle über das Klettern und man trifft sich dort. Diskobesuche und das Nachtleben haben mich nie so interessiert und waren damit auch keine große Entbehrung.

Eine gute Vorbereitung auf eine Klettertour erfordert Zeit. Zeit, die bei vielen von uns im Alltag fehlt: wegen Arbeit, Familie, Haushalt, Schweinehund. Nach jedem Sommer sagt man sich dann, aber nächstes Jahr greife ich an. Kannst Du unseren Leserinnen und Lesern Motivationstipps mit auf den Weg geben, damit Träume eben nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden, sondern umgesetzt werden?
Wenn ich müde von Uni oder Arbeit kam, dann wollte ich am liebsten nach Hause auf die Couch. Aber wenn der innere Schweinhund überwunden ist und ich in der Kletterhalle bin, dann konzentriere ich mich nur noch aufs Klettern. Ich denke, das ist eine Besonderheit des Kletterns, da man während dem Klettern total konzentriert auf die nächste Kletterbewegung sein muss, da bleibt kein Platz für die Alltagssorgen und schlussendlich kam ich viel frischer aus der Halle, als ich reingegangen bin.  
Und wenn es einfach zeitmäßig nicht klappt: Kletterrouten und Berge laufen glücklicherweise nicht weg. Sprich, wenn Arbeit und Familie nicht (immer) so viel Zeit lassen, wie man möchte, ist es wichtig, die freie Zeit zu genießen. Früher oder später kommt dann auch der Erfolg: die durchstiegene Route oder die absolvierte Bergtour. Die Hauptsache ist doch, dass man seine Träume nicht aus dem Kopf verliert.

Absolut! Du konzentrierst Dich momentan voll auf Deinen Sport, bist als Profikletterin in der ganzen Welt unterwegs. Welches Land fasziniert Dich am meisten und was bedeutet für Dich im Umkehrschluss Heimat?
Ich kann kein besonderes Land nennen, es gibt so viele tolle Orte, die ich glücklicherweise bereits bereisen konnte. In China, Südkorea und Japan fasziniert die so unterschiedliche Kultur, in Kanada und den USA die unzähligen Natur-Denkmäler und -Parks. In Griechenland kann man direkt über dem Meer klettern und Sport mit Urlaub verbinden. Letztens habe ich den Iran bereist und plane eine längere Reise im Oktober, dort hat mich die Gastfreundschaft der Menschen fasziniert.
Heimat ist für mich extrem wichtig, ich komme immer gerne zurück nach Hause, hier kann ich wieder Energie tanken und mir gefällt es, wo ich aufgewachsen bin. Ich genieße es zu reisen, aber ich habe noch keinen anderen Ort gesehen, wo ich leben möchte. 

Klingt fast nach einer Liebeserklärung an die Heimat … Verrätst Du unseren Leserinnen und Lesern eines deiner Lieblings-Klettergebiete in Südtirol? 
Ich klettere wahnsinnig gern in den Dolomiten. Mein Lieblingsgebiet ist Plan Cogoi oder auch Pian Schiavaneis genannt, unterhalb des Sella Joches. Der Platz dort ist super schön, eingebettet in eine Wiese und umrahmt von einem tollen Panorama. 

Gibt es in diesem Jahr Ziele, die Du ins Visier genommen hast? 
Mein großes Ziel dieses Jahr war es, meine erste 8c**-Sportkletterroute zu klettern. Das ist mir jetzt gelungen und es ist ein persönlicher Meilenstein. Nachdem ich mich in den letzten Jahren so sehr auf meine winterlichen Projekte, auf die Teilnahme an Eiskletterweltcups und das Klettern schwierigster Mixed- und Drytooling Routen verschrieben hatte, war ich im Sommer eher ausgebrannt und konnte nicht auch dort Höchstleistungen bringen. Im letzten November gelang mir dann als erste Frau weltweit eine Drytoolingroute im Grad D15* zu klettern – das gab mir die Motivation, auch im Sportklettern zu versuchen, mein Limit nach oben zu verschieben. 

Das Interview führte Susa Schreiner. 

*D15: Momentan der höchste, bestätigte Schwierigkeitsgrad beim Drytooling. Die Route »A Line Above The Sky« ist im Drytooling Gebiet »Tomorrows World« in den Dolomiten. Die Route ist 40 Meter lang und führt durch ein fast komplett horizontales Dach, gespickt mit einigen sehr weiten Zügen. 

8c** : Französische Skala. Die Schwierigkeiten beim Sportklettern gehen bis UIAA 12. Eine 8c entspricht in der UIAA-Skala einer 10+/11-. 

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