Im Gespräch mit: Luis Stitzinger

»Go climb a mountain!« So nennt Luis Stitzinger sein Gemeinschaftsprojekt, welches er gemeinsam mit seiner Frau Alix von Melle auf die Beine gestellt hat. Zusammen bilden sie eines der erfolgreichsten Alpinisten-Ehepaare Deutschlands. »Go climb a mountain« ist ein Blog, eine Plattform mit News und Fotos von den höchsten Bergen der Erde. Die beiden bieten Kurse und Führungen an, halten Vorträge und teilen so ihre große Leidenschaft für die Berge.

Luis stand am 24.5.2019 auf dem höchsten Gipfel unserer Erde. Kein Tag wie jeder andere. Denn was sich am 24. und dem Vortag am Berg der Berge abspielte war mehr als skurril. Fotos von langen Schlangen gingen um die Welt. Ein schneeweißer Grat, gespickt mit unzähligen knallbunten, dick eingepackten Männchen. In der Todeszone. Ich musste schon zwei Mal hinsehen, so unwirklich erschien mir dieses Bild. Dabei erinnerte ich mich sofort an Staus und Warteschlangen, die ich selbst erlebt habe. Auf Hochtouren in den Alpen, bei vergleichsweise angenehmen Temperaturen. 

Wie es aber sein muss, auf über 8000 Metern und Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt in einer Schlange aus über 300 Menschen zu stehen, das kann ich mir einfach nicht ausmalen. Luis wählte die richtige Taktik, stieg über die Nordroute auf den Gipfel. Stand dabei nicht eine Minute in diesem Stau und mit nur 30 weiteren Bergsteigern auf dem Gipfel. 

Mit ihm möchte ich mich unterhalten. Über die Zustände am Everest. Aber auch über den Tourismus in den Alpen, wie versucht wird, ihn zu kontrollieren. Und nicht zuletzt über den Ruf der Berge an sich.

Hallo Luis! Herzlichen Glückwunsch zum Everest! Verlief die Expedition wie geplant?
Es lief alles wie geplant – fast. Dass ausgerechnet dieses Jahr das Wetterfenster für den Gipfelversuch so spät in der Saison kommen sollte, dass manche schon gar nicht mehr daran glaubten, konnte natürlich niemand vorhersehen. Diese Saison war allein vom 22. bis zum 24. Mai ein Gipfelgang möglich. Das sorgte für dieselbe Situation wie bereits 2012: Alle Gipfelaspiranten brachen zur selben Zeit auf, da muss es zwangsläufig zum Stau kommen, insbesondere auf der Südseite. Die Natur lässt sich nicht beeinflussen, aber genau das ist es ja, was einen Teil des Abenteuers auf Expedition ausmacht. 

Die Situation auf der Südseite des Berges war dramatisch. Es gab lange Staus und mehrere Todesfälle. Was habt ihr davon mitbekommen und wie habt ihr darauf reagiert?
Ich war als einer von zwei Bergführern für einen österreichischen Expeditionsveranstalter am Everest unterwegs. Mein Kollege und Freund Rupert Hauer hatte fünf Teilnehmer in seiner Gruppe, ich sieben. Jeder der Kunden hatte zudem einen persönlichen Climbing Sherpa an seiner Seite. Alles in allem schon an sich ein kleiner Auflauf. In dieser Funktion tun wir natürlich alles, um Gefahrenmomente für unsere Teilnehmer zu vermeiden. Wir hatten bereits vorhergesehen, dass es mit einem so kleinen Gipfelfenster eng werden würde und daher entschieden, uns auf zwei verschiedene Tage aufzuteilen, um eine Entlastung zu erreichen. Rupert startete am 23., ich am 24.5. zum Gipfel. Wir hatten versucht, abzuklären, welchen Gipfeltag die anderen Veranstalter im Auge hatten, um gegebenenfalls eine gleichmäßige Verteilung der Bergsteiger absprechen zu können. Einige verhielten sich aber leider sehr unkooperativ und wollten sich nicht in die Karten sehen lassen. So kam es zu keiner Absprache und alles war dem Zufall überlassen.  Wir hatten Glück, es gab nahezu keine Verzögerungen. Unsere erste Gruppe musste teilweise zwei Stunden am Second Step vor dem Abseilen warten. Aber natürlich kein Vergleich zur Situation auf der Südseite des Berges. Dort waren dreimal so viele Leute unterwegs. Es muss schrecklich gewesen sein.  

Ein kleiner Vergleich: Der Trubel am Matterhorn hat mich immer abgeschreckt. Und trotzdem war ich irgendwann oben. Von Italien aus standen wir nur zu zweit auf dem Gipfel. Was hat dich am Ende dazu gebracht doch durch den Rummel auf den Everest zu steigen?
So kann es auch am Everest sein: 2018 führte Rupert seine Gruppe am 16. Mai auf den Gipfel und sie waren ganz allein dort oben! Der Vergleich mit dem Matterhorn ist wirklich sehr treffend. Man ist auf das Schlimmste vorbereitet und hofft dennoch auf das Beste, irgendwie durch eine geschickte Taktik und Terminwahl den großen Massen entgehen zu können. Auch am Matterhorn ist die Route so eng und gespickt mit schwierigen Stellen, dass man einander kaum ausweichen oder überholen kann. Aber der Berg – ob Everest oder Matterhorn – übt dennoch eine so große Anziehungskraft aus, der man sich nicht entziehen zu können scheint.

Haben sich die Mühen gelohnt? Was fühlst du jetzt, wo du oben warst? Ist der Berg abgehakt?
Bei mir war die Ausgangssituation ja etwas anders. Für mich war der Everest zuallererst einmal Job. Mein vorrangiges Ziel dabei war es, alle Teilnehmer gesund wieder vom Berg hinab zu bringen, und wenn möglich, erfolgreich auf ihn hinauf – in dieser Reihenfolge. 

Ich habe mein Ziel erreicht, alle Teilnehmer waren auf dem Gipfel und sind ohne jegliche Blessuren wieder ins Basislager zurückgekommen. Das war auch für mich ein persönlicher Erfolg. Natürlich war ich trotz aller Skepsis auch neugierig auf den Berg und bin positiv überrascht worden. Die Route ist eine elegante, abwechslungsreiche Linie, die letzte Etappe eine richtige Klettertour. Oben am Gipfel erscheinen selbst andere Achttausender des Himalayas winzig und man kann am Horizont tatsächlich die Erdkrümmung erkennen, »Dach der Welt« ist wirklich ein sehr treffender Begriff dafür. Ich kann die Faszination des Everest nun gut nachempfinden und war auch für mich selbst froh und glücklich, auf dem Gipfel gestanden zu sein. Meine persönliche Ambition, den Gipfel ohne künstlichen Sauerstoff zu erreichen, konnte ich allerdings nicht umsetzen. Also, abgehakt ist er nicht. Vielleicht fahre ich ja nochmals hin?!

Deine Ehefrau Alix von Melle konnte leider nicht mit zum Everest. Wäre sie gerne dabei gewesen? Immerhin habt ihr schon öfters gemeinsam die Aussicht von über 8000 Metern genossen.
Hier war vom ersten Augenblick klar, dass Alix aus beruflichen Gründen nicht mitfahren würde können. Selbst, falls sie die Zeit und das Geld dazu gehabt hätte, wüsste ich nicht, ob sie wirklich mitgekommen wäre. Der Everest war noch nie ihr Traumberg und die Erlebnisse während des großen Erdbebens 2015, als wir gemeinsam einen ersten Versuch an ihm unternommen hatten, haben ihn bei ihr nicht gerade beliebter gemacht.

Wie fühlt es sich an, mit dem Ehepartner in der Todeszone zu klettern? Gibt es da überhaupt Platz für solche Gedanken oder vielleicht Ängste? Profitiert ihr voneinander?
Wir ergänzen uns sehr gut am Berg und durch jahrelanges gemeinsames Bergsteigen als Team verstehen wir uns in vielen Situationen ohne Worte. Gerade in Krisen ist es wichtig, einander blind vertrauen zu können und zu wissen, dass einen der andere nicht im Stich lassen wird. Natürlich ist es auch am schönsten, Erlebnisse auf diesen Reisen mit dem Menschen teilen zu können, der einem am wichtigsten ist. Klar spielt da auch die Angst eine Rolle, allerdings mehr um den anderen, als um sich selbst. 

Der Tourismus und die Kommerzialisierung des Everests scheinen auszuarten. Auch in den Alpen ist Ähnliches zu beobachten. Am Mont Blanc wird es ab dieser Sommer-Saison beispielsweise ein Permit-System geben. Ist das der richtige Weg?
Bergsteigen ist einfach zum Massenphänomen geworden. Daran haben wir alle Schuld, deshalb können wir uns jetzt nicht über »die anderen« beschweren. An bestimmten, besonders frequentierten Bergen scheint es nur über den Weg der Auflagen zu funktionieren, Selbstregulation klappt dort einfach nicht mehr. Natürlich tut die Beschneidung unserer Freiheit weh. Aber daran werden wir uns wohl in Zukunft mehr und mehr gewöhnen müssen. Am Denali klappt das seit längerem schon sehr gut, ich habe selten einen saubereren Berg gesehen. Auch Aconcagua oder Kilimandjaro sind auf einem besseren Weg, seitdem die Bestimmungen verschärft wurden. Kein Wunder, dass bald weitere Kandidaten, wie Mont Blanc, Elbrus, etc. folgen müssen. Auch am Everest hat diese Entwicklung bereits begonnen und ist in Tibet bereits viel weiter fortgeschritten als in Nepal. Beschränkungen der Permitzahlen, organisierte Müllabfuhr- und entsorgung, ein professionelles »Route Fixing Team«, das sich um die Einrichtung und Versicherung der Route von staatlicher Seite aus kümmert, sind nur einige Bausteine davon. Durch die Medien bekommen wir immer nur zu sehen, was sich am Berg Negatives ereignet. Und das ist natürlich in solchen Katastrophenjahren wie 1996, 2012 oder auch dieses Jahr, nicht gerade wenig. Darüber geht aber komplett verloren, welche positiven Entwicklungen stattfinden. Das interessiert das breite Publikum aber einfach nicht, das lieber über Leichen, Müll und Staus lesen möchte.

Besonderes Aufsehen haben immer wieder deine Ski-Abfahrten erregt. Sieben 8000er bist du schon abgefahren. Welche Abfahrten waren deine bisher wichtigsten?
Eigentlich sind sie alle große Abenteuer gewesen, aber die wichtigsten sind mir vermutlich diejenigen, die am unwahrscheinlichsten waren, dass sie klappen. Beispielsweise 2011 die Teilabfahrt vom K2 8611 m (8000 m bis Basislager, 5100 m – der Gipfel wurde nicht erreicht) über die Cesen- und Kukuczka-Route in der Südwand war schon sehr gewagt Erst 2018 gelang einem Polen die erste komplette Skibefahrung des K2 über dieselbe Linie. Oder die erste Skibefahrung der zentralen Diamirflanke am Nanga Parbat 8125 m im Jahre 2008. Allein durch dieses Labyrinth aus Seracs, Gletscherspalten und Steilabbrüchen irgendwie hindurch zu kommen, war wie ein kleines Wunder.

Und welche die schönste und warum?
Die schönste war wahrscheinlich die Abfahrt vom Broad Peak 8051 m im Jahre 2011, da ich dort wirklich von oben bis unten guten Schnee hatte – oben Pulver, unten Firn – und das Skifahren richtig genießen konnte. Das kommt an so hohen Bergen selten vor.

Wie gestaltest du deine Arbeit als Bergführer? Du bietest kaum speziell ausgewählte Touren an. 
Die großen Reisen, Expeditionen oder Trekkings, habe ich als Freiberufler schon immer für größere Spezialveranstalter geführt. Der Aufwand, da selbst etwas auf die Beine zu stellen, lohnt nur, wenn man das System dann auch auslastet. Ich wollte aber nie einen eigenen Reiseveranstalter betreiben, da wäre ich dann nur mehr am Schreibtisch als in den Bergen unterwegs. Mit Stammgästen oder auch neuen Kunden, die mich über die Webseite ansprechen, unternehme ich viel individuell, hier vor der Haustür, in den Alpen oder auch weiter weg. Im Herbst beispielsweise fahre ich als Privatbergführer mit einem Stammkunden nach Nepal, um dort einen Sechstausender erstzubesteigen. Das ist ein exklusives Abenteuer, das man nicht jeden Tag geboten bekommt.

Welche Touren sind demnach für dich als Bergführer die, die dir am meisten Freude bereiten?
Mir persönlich machen ausgefallene Routen oder Ziele am meisten Spaß. Aber eigentlich geht es beim Führen hauptsächlich darum, sich möglichst gut in den Kunden versetzen zu können. Da zählt es nicht, seine eigenen Vorstellungen und Faibles auf den anderen zu projizieren, wenn er davon dann nur überfordert und gestresst wird. Wenn man den Nagel genau getroffen hat, und der Kunde begeistert und glücklich von einer Tour zurückkehrt, die man ihm vorgeschlagen hat, freut man sich selbst auch am meisten. 

Ich habe nicht den Eindruck, dass du bald damit aufhören wirst. Welcher 8000er ist als nächstes an der Reihe?
Solange ich gesund und leistungsfähig bleibe, werde ich nicht so schnell mit dem Expeditionsbergsteigen aufhören. Mich würde der Kantsch (Kangchendzönga 8586 m) sehr reizen, in der Ecke Nepals war ich noch nie und der Berg sah vom Gipfel des Mount Everest so schön und imposant aus. 

Und welcher Berg wird der nächste sein auf dem du stehen wirst? Vielleicht der Säuling hinter der Haustür?
[lacht] Auf dem Säuling war ich seitdem ich wieder hier bin (seit etwa 3 Wochen) sicher schon fünf oder sechs Mal, das ist quasi meine Hausrunde: Zwölf-Apostel-Grat rauf, Normalweg wieder runter – optimal. Wir haben das Glück, so schöne Berge vor der Haustür zu haben. Ohne Aufwand und in so kurzer Zeit zum Bergsteigen gehen zu können, das ist schon ein Privileg, das man im Alltag viel zu gering schätzt. Die Träume gehen immer in die Ferne und in die Höhe, dabei haben wir es doch zuhause am schönsten!

Danke, viel Erfolg und alles Gute bei deinen nächsten Abenteuern!

Text: Benni Sauer

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