Im Gespräch mit: Simon Gegenheimer

Homestory.

Ein Profisportler, ein Weltcup-Sieger, eine Villa in Monaco, ein Butler und ein roter Ferrari? Mmmhhh, nein! Bei Simon Gegenheimer trifft nur Weltcupsieger und Profisportler zu, ansonsten ist der 30-jährige mehr als nur auf dem Teppichboden geblieben, liebt Barbecue und von Statussymbolen hält er nicht so wirklich viel. AKTIV in den ALPEN war zuhause beim 5-maligen Weltcup-Sieger und durfte hinter die Wohnzimmer-Gardinen des amtierenden Deutschen Meisters schauen. Dabei stellten wir fest: er hat gar keine Gardinen. 

Es ist Samstagmorgen und wir fahren auf die Ostalb, genauer gesagt nach Aalen. Noch genauer: Attenhofen. Den Weg zwischen Ortseingang und Ortsausgang würde der Sprintstar Gegenheimer wohl unter zwei Minuten schaffen. Es ist also alles überschaubar in der Nachbarschaft des Deutschen Meisters. Wer ein prunkvolles, großes, in »Schwarz-Rot-Gold« lackiertes Eingangstor erwartet, der liegt falsch. Eine Dachgeschosswohnung, rund 100 Quadratmeter, und eine ziemlich volle Garage: das sind die »hard facts«. „Aalen ist die Heimatstadt von meinem Teamkollegen Steffen und ich wollte vor acht Jahren von ihm lernen und mich mit meinem Team weiterentwickeln. Sportlich weiterentwickelt habe ich mich. Es hat mir hier aber auch ganz gut gefallen und darum bin ich auch geblieben. Die Stadt ist mit 80.000 Einwohnern so groß, dass es alles gibt, was man so braucht. Ich bin in zwei Minuten auf den Singletrails, die sind übrigens ziemlich geil hier, und die Anstiege mit maximal 200 Höhenmetern nicht zu lange für einen Fahrer wie mich. Nur ein wenig wärmer könnte es sein“, so Gegenheimer zu seiner Wahlheimat auf der Ostalb.

Nun betreten wir die Wohnung noch etwas näher und sehen viel Persönliches, sehr viel Persönliches.

Schwedische Klon-Möbel trifft man nicht wirklich, vielmehr ist jede Ecke individuell gestaltet oder sogar selbst gemacht. Bereits die Garderobe ist weit weg vom Standard. Hier hängen mehr Snowboards, Longboards, Helme und Caps als Jacken. Der Wohnzimmertisch ist aus Holzpaletten gezimmert und gesessen wird auf einer langen Bank. Es gibt einen Raum mit Kinosessel, Projektor und altem Schallplattenspieler. Laut Gegenheimer seine »kreative Zentrale«, und dann wäre da noch die Cafèbar. Bella Italia ist das Thema, denn Espresso wird auf der Mailänder Maschine serviert. Für den deutschen Otto Normaltrinker, ziemlich starker Espresso. „Wenn ich etwas mache, dann mache ich es auch mit Überzeugung. Ich mag alte Filme und auch Schallplatten. In den Kinosesseln kann ich abschalten, egal ob vom harten Sprint-Training oder einfach nur vom alltäglichen Stress. Und das Kaffee-Ding. Ja also, wir trinken eben viel Kaffee und dann darf das ja auch ein guter sein. Wie gesagt, wenn ich etwas mache, dann auch mit Überzeugung. Es geht nicht nur um den Espresso an sich. Es geht darum, die richtigen Bohnen auszusuchen, sie passend zu mahlen, der Druck im Kessel muss stimmen. Das Zubereiten an sich ist für mich schon ein klein wenig Meditation“, erzählt Gegenheimer.

Wenn man in den Kühlschrank des 30 -Jährigen schaut, dann ist das eher überschaubar. Frisches Obst, Eier, ein selbstgebackenes Brot, und ein frischer Lachs, that’s it. Laut Gegenheimer soll es entweder lange halten oder eben absolut frisch sein. Schließlich ist man als Profisportler auch öfters mal zwei Wochen im Hotel. Entweder muss es die 14 Tage gut überleben oder in den drei Tagen zuhause verbraucht und aufgegessen sein, so die Devise von Gegenheimer.

Nun wird es spannend, denn wir dürfen auch einen Blick in die Garage werfen. Was hat der mehrfache Weltcupsieger dort wohl stehen? Ist da doch ein E-Bike versteckt? Trainiert er mit demselben Rad wie er im Weltcup fährt? Was ist der Schlüssel zum Erfolg, mit welchem Gegenheimer immer wieder seine Beine in Topform bekommt?

Wir zählen sieben aufgebaute Räder und vier einzelne Rahmen. Auf jeden Fall gehen ihm die Bikes schonmal nicht aus. Straßenrad, Cyclocrosser, Enduro, Hardtails, ein Fully und ein BMX Doch was ist die erste Wahl? „Ich finde es schon sehr geil, wenn man alle Facetten am Biker-sein genießen kann. Und das eigentlich in jeder Disziplin mit top ausgestatteten Rädern. 70% des Biketrainings absolviere ich mit dem Crosscountry-Fully, 30% mit dem Hardtail. Cyclocross, Enduro und BMX sind nicht wirklich Trainingmittel, das ist einfach nur Funbiken und ich kann gar nicht genau sagen, wieviel Stunden ich darauf sitze, denn die zähle ich nicht“, gibt der Mann mit dem »Schnorres« einen Überblick.

Wir erfahren aber noch mehr. Grundsätzlich gibt es keinen Unterschied vom Race- zum Trainings-Setup der Bikes. Es wird natürlich viel getestet, sagt Gegenheimer. Neue Gabeln: 160 mm, 120 mm, 100 mm oder nur 80 mm Suspension-Setup. In diesem Jahr stammt dieses auf jeden Fall von Fox-Racing. Speed, Dry, Wet und Mud ist die Auswahl in seinem Reifenprofil, aber das Testen bezieht sich für den 30-Jährigen nicht nur auf das Training, sondern auch auf den Wettkampf. Grundsätzlich sagt er, wolle er im Rennen auch das benutzen, was im Training erprobt wurde. Darum schaltete er in Barcelona auch noch ohne Batterie am Heck. „Ich hatte die eTAP (Elektroschaltung von Hersteller SRAM; die Redaktion) erst seit 12 Tagen und das war mir noch nicht genug Erfahrungswert für einen Weltcupeinsatz. Eventuell ist es dann beim kommenden Tschechien-Weltcup soweit, ich bin da eben etwas konservativer als meine Teamkollegen und möchte es erst sicher getestet haben, bevor es dann im Wettkampf am Pech scheitert“, so Gegenheimer.

Doch wir zählen aktuell nur noch zwei von den sechs Schaltsystemen in der Garage, welche noch mit altbewährtem Seilzug verbaut sind. Laufräder gibt es verschiedene, von selbstgebauten Edelwheels bis zu Standard Crossmax, die man eins zu eins so im Laden bekommt. An einem der Carbonfullys ist auch eine absenkbare Sattelstütze verbaut, aber an sich sind die Räder des Deutschen Meisters zwar allesamt sehr edel ausgestattet, könnten aber mit dem nötigen Kleingeld auch genauso in unserer privaten Garage stehen.

Doch was hat der Mann mit dem Mustache, der akribisch getrimmt und gekämmt wird, in der Zukunft vor? Für welche Rennen soll ihm sein Schnurrbart 2019 und 2020 Kraft und Energie geben? „Wir haben in den vergangenen 20 Monaten eine Umstellung unseres Sponsorenportfolios vollzogen. Alles sollte zusammenpassen, die Partner branchenexterner werden und dadurch nicht ausschließlich mit finanziellen, sondern vielmehr mit integren Werten als Hintergrund getrieben sein. Trotzdem sind und bleiben wir Weltcupteam und meine Aufgabe ist es hier die Sprinterposition zu besetzen“, so Gegenheimer, der auf unsere Nachfrage hinzufügt: „Wenn du als mehrfacher Weltcupsieger sagst, mein Fokus liegt auf dem Weltcup, dann nicht um hier Zehnter zu werden. Ich will auch 2019 mindestens einen Weltcup gewinnen. Dazu möchte ich schon auch gerne mein Deutsches Meistertrikot verteidigen“, so Gegenheimer, der in der aktuellen Saison weniger die Gesamtwertungen, als starke Einzelplatzierungen anstrebt.

Das klingt nach Leistungsdruck, schließlich hat er mit Marion Fromberger zwar einen weiblichen Sprintpart im Team, jedoch können Thum und Laffont als Langstrecken- und Kletterspezialisten nicht viel helfen in einem Sprintfinale. Wir bohrten dann zum Abschluss unseres Besuchs noch ein bisschen tiefer in Bezug auf die Teamaufstellung und ob da zukünftig nicht noch andere hinzukommen werden. Hierzu verwies Gegenheimer, dass das strategische Entscheidungen seien, welche das Teammanagement treffen müsse. Er habe jedoch keine Angst davor und wisse, dass – sollte in den kommenden Jahren ein weiterer Sprinter dieselben Teamfarben im Weltcup tragen – dies für ihn nur eine Hilfe und keine Konkurrenz wäre. „Es wäre eine Hilfe, wenn wir zu zweit im Sprintweltcup wären, keine Frage. Und ich weiß, dass wenn wir uns diesbezüglich vergrößern, ich ein zentrales Mitspracherecht auf die Besetzung habe. Aber jede sinnvolle Vergrößerung sollte auch organisatorisch getragen werden. Mein Team ist in dieser Hinsicht sehr schwäbisch – konservativ aufgestellt. Offene Rechnungen gibt es nicht und ich bin sehr froh, dass dies in einem sonst eher unsicheren Profisportbusiness unsere Guideline ist“, so formuliert es Simon Gegenheimer mit einem Espresso in der Hand.

Man merkt ihm an, dass er mit Druck umgehen kann. Er kennt die Mechanismen, um sich runter zu bringen und auf das Wesentliche zu konzentrieren. Handlungsweisen, wie sie wir uns so oft wünschen würden. Doch darum ist der 30-Jährige auch der, der am Ende die Weltcups gewinnt. Wir sind froh, dass Simon uns die Pforten geöffnet hat und einen Einblick in seinen Alltag gab und wünschen ihm weiterhin viel Erfolg.

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