Im Gespräch mit: Hannes Rasp

Titelbild: © Daniel Sessler

Die Gemeinde Schönau am Königssee, südöstlichster Ausläufer des Landkreises Berchtesgadener Land. Kaum jemand, der ihn nicht kennt: Den Königssee, mit seinem glasklaren, reinen Wasser. Den Watzmann, mit seinen steilen und langen Touren. Oder den Jenner, den wunderbaren Aussichtsgipfel, hoch über dem See und gegenüber des Watzmannmassives gelegen. 

Die kleine Gemeinde am Nordufer des Sees ist nicht nur ein Tourismus-Hotspot des Nationalparks, sondern auch einer der gesamten Alpen. Mit mehr als zwei Millionen Übernachtungen und über einer halben Million Gäste im Jahr, war die Tourismus Region Berchtesgaden Königssee 2019 mit 75% an den Gesamtzahlen des Berchtesgadener Landes beteiligt. Ein stolzer Anteil, den es zu verwalten, zu koordinieren und zu lenken gilt. Ihr erst im März wiedergewählter Bürgermeister ist Hannes Rasp (CSU), dem sogar selbst schon einer der ganz großen Gipfelanstiege der Region gelang.

Guten Tag Herr Rasp und Glückwunsch zur deutlichen Wiederwahl. Mehr als 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger waren demnach zufrieden mit Ihrer ersten Amtszeit.

Guten Tag und vielen Dank! 

Als einen ihrer bisherigen Erfolge nennen sie den Neubau der Jennerbahn. Welche Gründe sprachen letztendlich für dieses Großprojekt?

Seit 1953 führt diese Seilbahn die Gäste unserer Region auf den Jenner. Im Wesentlichen ist diese Anlage in all der Zeit nur minimal modernisiert worden. Die Zustände wurden untragbar, im Erdreich verlegte Steuerungskabel waren nur in Papier gewickelt, Ersatzteile nicht mehr verfügbar. Die Bahn war außerdem keineswegs barrierefrei, der Komfort, besonders an heißen Tagen quasi nicht vorhanden. Niemand möchte im Sommer an der Talstation zwei Stunden warten, das entspricht schlicht nicht unserem Anspruch als Tourismusregion. Zur Debatte stand der Neubau – oder die Aufgabe. 

Nach einer Teileröffnung 2018, wurde im Folgejahr die gesamte Einseilumlaufbahn mit 10er Gondeln neueröffnet. 

Der Berchtesgadener Talkessel braucht ein Bergbahnen-Ausflugsziel. Dieses Ziel war seit mehr als einem halben Jahrhundert die Jennerbahn und heute bin ich froh, dass sie es auch weiterhin sein wird. Mit dem PKW ist das Roßfeld ein beliebtes Ziel. Mit einem Bus kann der Kehlstein erreicht werden. Und nun haben wir wieder eine Seilbahn für ein Gemeindegebiet, das 130 Quadratkilometer groß ist. Bewohnt davon sind lediglich etwa 13 Quadratkilometer. Der Rest ist Nationalpark, abgesehen von den wenigen bewirtschafteten Hütten also Natur pur. Eine Region wie Berchtesgaden, mit mehr als zwei Millionen Übernachtungen pro Jahr, benötigt eine moderne, leistungsstarke Seilbahn.

Trotzdem gab es laute Gegenstimmen.

Natürlich ist ein solches Großprojekt nicht ohne massive Baumaßnahmen umsetzbar. Allerdings wurden sämtliche, naturschutzrechtlichen Ausgleiche erbracht und die Bahn, wie sie heute steht, ist ein Kompromiss, mit dem alle gut leben können. Beispielsweise hätte die neue Mittelstation ursprünglich einige Meter unterhalb der alten Station, also am Speicherteich entstehen sollen. Die Terrasse des Restaurants hätte sogar über dem Wasserspiegel errichtet werden können, von wo man eine grandiose Sicht auf den Watzmann genossen hätte. Auch ein Wasserspielplatz für Kinder war angedacht. Allerdings hätte dieses Vorhaben eine neugerodete Trasse von der Mittelstation bis hinauf zur Bergstation erfordert. Zu Gunsten der Natur verwarfen wir schließlich diese Pläne, blieben wie bisher auf der alten Trasse.

Für die kommende Amtsperiode haben Sie sich den Nationalpark, aber auch den Tourismus betreffend viel vorgenommen. 

Ja. Wir möchten beispielsweise die im Nationalpark bewirtschafteten und betriebenen Gasthäuser und Almhütten an das Wasser- und Kanalisationsnetz anschließen. In die Gräben, die dafür geöffnet werden müssen, soll dann auch gleich noch eine Strom- und Internetanbindung gelegt werden. Gerade die Almen am Königssee, die Saletalm am Südufer und die Fischunkelalm am dahintergelegenen Obersee, werden, weil sie gut erreichbar sind, viel besucht. Mit der Anbindung wollen wir einen zukünftigen Betrieb dieser Häuser sicherstellen. Auch das Schneibsteinhaus südlich des Jenners und das Carl-von-Stahl-Haus auf der österreichischen Seite soll in diesem Zuge an eine Wasserzuleitung angeschlossen werden. Davon profitieren schließlich auch die darunterliegenden Milchviehbetriebe, die mitversorgt werden sollen.

© Karl Ibri

Wird damit der Nationalpark dem stetig wachsenden Tourismus angepasst?

Nein. Es geht hier auch nicht nur um Tourismus. Die Arbeit der Almbauern und Sennerinnen muss ordentlich respektiert und honoriert werden. Davon zu reden ist das eine – handeln das andere. Wenn wir weiterhin die Almen und ihre Kulturlandschaft erhalten wollen, dann müssen einfach bestimmte Standards mitwachsen. Niemand muss dort oben arbeiten wie noch vor 500 Jahren. Außerdem sind immer strengere Hygienemaßnahmen einzuhalten. Was den Tourismus betrifft, sind diese Schritte dringend nötig. Niemandem ist geholfen, wenn weiterhin der Treibstoff für die Generatoren der Fischunkelalm und Saltealm mit einem Schiff quer über den See transportiert werden muss. 

Das wird für den Nationalpark vermutlich bauliche Eingriffe mit schwerem Gerät bedeuten.

Diese Almen sind über vorhandene, gut ausgebaute Wege zu erreichen. Eine Kanalverlegung unterhalb dieser Wege stellt für die Umwelt einen kaum spürbaren Eingriff dar. Die Vorteile dagegen liegen auf der Hand und rechtfertigen diese Maßnahmen allemal. 

Themenwechsel: Wie schlimm trifft die Corona-Krise eine vom Tourismus so stark geprägte Gemeinde?

Vergangenen Sonntag war ich am offiziell nicht gesperrten Parkplatz Königssee. Dort standen nicht einmal zehn Autos. Es ist sehr ruhig bei uns. Einige wenige Spaziergänger und Radler, mehr gab es nicht zu sehen. Ansonsten herrscht hier, wie überall sonst auch, die Ungewissheit. Eine Lockerung der Maßnahmen ab Ostern halte ich für unwahrscheinlich – ab Pfingsten hoffe ich aber auf eine langsam anlaufende Sommersaison. Grundsätzlich halte ich es wirtschaftlich, wie auch die Gesundheit unserer Bürger betreffend, sinnvoll, einen harten Weg einzuschlagen. So können wir nach einer strikten, aber hoffentlich relativ kurzen Zeit auf Sparflamme, wieder kraftvoll durchstarten.

Jetzt im April sind die Einschränkungen allerdings so groß, dass jegliche Freizeitunternehmungen in der Region nicht möglich sind, ohne gegen die Regeln zu verstoßen. 

Immer wieder hört man im Zuge der Krise von einer regelrechten Erholung der Natur. Die Luftverschmutzung nimmt mancherorts ab, Gewässer werden wieder klar. Sind solche Effekte auch im Nationalpark spürbar?

Nun, ich bin kein Biologe, aber wenn ich in die Straßen der Region schaue, dann muss die Luft zur Zeit noch besser sein als vor der Krise. Das merke ich sogar an meiner eigenen Tankanzeige. Dank unseres Biomasse-Kraftwerkes, das viele Haushalte versorgt, haben wir aber eine ohnehin schon sehr saubere Luft. Die Messungen, die wir als heilklimatischer Kurort durchführen, zeigen vor und während der Krise, eine nach wie vor ausgesprochen gute Luft. (Auf Anfrage der Redaktion antwortete die Nationalparkverwaltung: In den Höhen des Nationalparks herrschen weiterhin winterliche Verhältnisse. Die Tierwelt dort oben hat sicherlich noch überhaupt nicht mitbekommen, dass weniger Menschen unterwegs sind. Hier sind, ebenso wie in den Niederungen, keine Veränderungen spürbar. Um überhaupt Veränderungen, beispielsweise eine neuartige Verhaltensweise der Tierwelt feststellen zu können, dauert die Situation im Nationalpark insgesamt noch nicht lange genug an.)

Sonst ist an den touristischen Ballungszentren des Nationalparks fast immer mit einem sehr hohen Verkehrsaufkommen zu rechnen. Findet der Tourismus im Nationalpark nicht zu konzentriert statt?

Gerade diese Strategie ist teilweise sogar das Ziel der Nationalparkverwaltung. Die meisten Gäste werden erfolgreich gelenkt, der Großteil des Nationalparks bleibt dabei nahezu unberührt. Anders sieht es bei Alpinisten oder Extrem-Wanderern aus, die viel häufiger als der durchschnittliche Tagesgast, weit in den Park eindringen. Das stört besonders im Winter die sensible Natur wesentlich mehr als die vielen Spaziergänger, die sich auf offiziellen Wegen bewegen. Eine effektive Entzerrung wünsche ich mir vor allem aber auf den Verkehrswegen außerhalb des Parkes. Das geht jedoch über die Grenzen unserer Gemeinde hinaus – der gesamte Talkessel muss da an einem Strang ziehen. 

Von Ihrem Bürgermeisterkollegen Franz Rasp (Marktgemeinde Berchtesgaden, CSU) gab es zum 50. Geburtstag ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk.

In der Tat: Eine Führung durch die Ostwand des Watzmanns. Ein wirklich unwahrscheinliches Erlebnis! Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich die Tour an diesem Tage zwei Mal gegangen bin – das erste und das letzte Mal. Ich treibe zwar in meiner Freizeit viel Sport, der beste Kletterer bin ich aber nicht. Trotzdem wollte ich die Wand wenigstens einmal durchsteigen und mein Kollege Franz, der die Ostwand wie seine Westentasche kennt, hat mich perfekt hindurchgeführt.

Welchen Abstieg haben Sie gewählt?

Die Überschreitung des Watzmanns habe ich schon mehrfach gemacht, weswegen wir uns nach der Ostwand auf diesen, ausgesprochen schönen Weg gemacht haben. Franz und ich starteten am Königssee und beendeten dort auch die Tour. 

Franz‘ Vater Franz Rasp sen. galt als Hausmeister der Ostwand. Knapp 300 Mal hat er die höchste Wand der Ostalpen durchstiegen, bis der Bergführer dort an Neujahr 1988 leider verunglückte. Waren sie verwandt?

Nein, wir tragen nur zufällig den selben Nachnamen.

Leider überschatten immer wieder Unfallmeldungen den Watzmann, teils mit schlimmem Ausgang.

Der Watzmann ist und bleibt ein nicht zu unterschätzender Berg, ganz egal welchen Aufstieg man wählt. Ob die Sanierungen der Stahlseile am Watzmanngrat 2017 die Situation entschärft haben, getraue ich nicht zu beurteilen. Es muss jedoch ohnehin einfach zu erwarten sein, dass man sich vernünftig auf solch eine Unternehmung vorbereitet. Es gibt genug Infomaterial über alle gängigen Routen am Berg. 

Von Verboten oder Regulierungen halte ich jedoch nichts. Bergsteiger lassen sich in der Regel nur selten von Schildern oder Hinweistafeln beeinflussen. Wege werden begangen, selbst wenn sie gesperrt sind. Die Sozialen Medien tragen ihren Teil dazu bei, wie man leider am sogenannten Infinity Pool sehen kann. Dieses natürliche Wasserbecken über dem Königssee ist ein beliebtes Fotomotiv, der Weg dorthin aber gefährlich und nicht ausgelegt für einen solchen Ansturm. Unfälle häufen sich, leider auch mit tödlichem Ausgang.

Vielen Dank für das Gespräch, alles Gute für die kommenden sechs Jahre und auch darüber hinaus!

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