Im Reich der Riesen

Auf den Gipfeln der Ötztaler Alpen

Fast schon ist der Hochsommer vorbei, als wir den langen Weg ins Niedertal auf uns nehmen. Die Rucksäcke sind vollbepackt. Die Nachmittagssonne scheint uns entgegen. Und je höher wir uns arbeiten, desto karger und lebloser erscheinen uns die Ötztaler Hochalpen. Nach einer anfangs noch unscheinbaren Kurve aber, bleibt uns plötzlich fast die Spucke weg: Da ist es, das lang ersehnte Lebenszeichen. Der Pulsschlag der Alpen. Das Eis! Direkt vor unseren Augen, da schiebt es sich uns mächtig entgegen. Und über ihm, da steht herrschend der Similaun, mit seinem 3606 Meter hohen, schneeweißen Gipfel. Ein wahrhaftig traumhafter Anblick.
Titelfoto: Einmalige Szenerie am Ostgrat der Wilden Leck: Früh morgens liegt der Sulztalferner schon hunderte Meter unter uns.

Beim Zustieg ins lange Niedertal rückt bald schon die Mutmalspitze ins Blickfeld.

Dünne Luft und fette Aussicht!
Unser Zeitplan geht genau auf: Von der Martin-Busch-Hütte auf 2501 Metern benötigen wir nur noch 90 Minuten, um die 3000er-Marke zu knacken und schließlich die Similaunhütte zu erreichen. Hinter ihrem Glasbau auf der Südseite, können wir sogar noch kurz die letzten Sonnenstrahlen genießen. Bis jemand unsere Namen ruft.

Ewald Holzknecht hat uns schon erwartet. Der Bergführer aus dem Tal bittet uns herein und heißt uns freundlich in den Ötztaler Alpen willkommen. Bald schon duftet es in der 2012 prächtig renovierten Hütte ganz köstlich und während wir uns das Feierabendbier schmecken lassen, erklärt uns Ewald, was er in den kommenden Tagen mit uns vorhat: Er will uns seine Berge, seine Gipfel und Gletscher zeigen. Und genau dafür geht es morgen schon in der frühen Dämmerung los auf jenen Eisriesen, den wir schon vom Tal aus so gut bestaunen konnten. Der Similaun, so Ewald, sei ein guter Berg für den Anfang. Und wenn wir uns dabei gut anstellen, dann stehen uns fast die gesamten Ötztaler Alpen offen!

Markus Pirpamer, der Hüttenwirt auf der privat geführten Hütte, hat uns mit seinem Küchenteam am Abend ausgesprochen lecker versorgt. Südtiroler Schmankerl auf 3019 Metern, die bekommt man ja nicht alle Tage. Südtirol? Richtig gehört – denn auch wenn man die Hütte von Tirol aus gut erreicht, sie liegt kurz hinter der Grenze auf italienischem Boden. Sogar noch schöner als der Zustieg von Tirol aus soll der Weg vom Vernagt-Stausee durchs Tisental sein. Fast 1500 steile, aber idyllische Höhenmeter mit Traumausblick bis rüber zum Ortler, wo dessen dicker Eispanzer noch immer golden in der Abendsonne strahlt.

Endlose Ausblicke auf dem flachen Grafferner. In dieser Höhe bringt mich allerdings schon die einfache Überquerung dieses Gletscherfeldes außer Puste.

Warmwerden mit dem ewigen Eis!
Der nächste Morgen beginnt früher als uns lieb ist. Unakklimatisiert ist eine Nacht in dieser Höhe nun mal kein Zuckerschlecken. Pirpamers Kaffee aber lässt selbst unseren Kreislauf bald auf Hochtouren laufen und so stehen wir mit dem ersten Tageslicht vor der Hüttentür. Aber was ist das? Nicht nur die Hütte scheint sich seit unserem letzten Besuch vor fast 15 Jahren verändert zu haben. Auch der Gletscher hat eine Veränderung durchgemacht: Wo man früher noch nach einigen flach verlaufenden Metern auf dem Eis stand, müssen wir heute gute 50 Höhenmeter absteigen, um den Marzellferner zu erreichen. Diese erste Überraschung des Tages trifft uns da doch völlig unvorbereitet. Eine traurige Entwicklung, die vor Ort noch viel stärker wirkt als zuhause vor dem Fernseher.

Heute aber ist der Gletscher noch da und wir beschließen ihn so intensiv wie nur irgendwie möglich zu genießen. Und auch er scheint es gut mit uns zu meinen, mit der hauchzarten Schneeschicht, auf der es sich sogar ohne Steigeisen ganz gut gehen lässt. Ewald war dieses Jahr schon oft hier oben und kennt jede Gletscherspalte in Routennähe. Wir können daher selbst das Seil im Rucksack lassen und wandern ganz gemütlich über das Eis. Wo es wohl in weiteren 15 Jahren stehen wird?

Die Hintere Schwärze mit ihrem steilen Westgrat ist ein echtes Schmankerl für geübte Bergsteiger.

Höhe- oder Umkehrpunkt?
Der Similaun gilt nicht umsonst als relativ einfacher 3000er. Sogar die vielen Via Alpina Begeher die im Sommer über das Tisenjoch wandern, nehmen diesen schönen Aussichtsgipfel gerne noch mit. Der Gletscheranstieg ist verhältnismäßig anspruchslos. Erst die letzten Meter zum Gipfel werden wieder felsig, dabei aber keineswegs ausgesetzt. Ewald tritt hier sicher zwischen und auf die Felsen, erleichtert uns so den Aufstieg und schon anderthalb Stunden nach unserem Aufbruch, stehen wir auf dem Gipfel des Similaun. Als seine ersten Tagesgäste haben wir diesen Moment ganz für uns allein. Seine glasklare, kalte Morgenluft. Seine Ruhe. Und natürlich seine Schönheit.

Während wir den Gipfel genießen, blinzelt unser Bergführer bereits nach Osten. Er ist zufrieden mit unserer Leistung, mit unserer Kondition und Routine, traut uns sogar noch einen zweiten Gipfel zu. Und auch wenn der spitze Felsturm der Hinteren Schwärze von hier fast unerreichbar scheint: Ewald ist davon überzeugt, dass wir es immerhin versuchen sollten. Denn wenn es nach ihm geht, ist der Tag noch jung und viel zu schön, um hier und jetzt schon beendet zu werden.

Und so legen wir nun doch noch die Steigeisen an, balancieren über die Felsen zum Grafferner hinab, überschreiten wenig später seinen flachen Eispanzer, auf welchem wir wilden, vom Wind gestalteten Schneemustern begegnen. Fast fühlt es sich an, als würden wir uns auf arktischem Eis bewegen. Um uns herum ist alles weiß, so weit das Auge reicht, bis das Plateau in die tiefe bricht und vom stahlblauen Himmel abgelöst wird. Immer mal wieder aber erhaschen wir doch noch einen Blick auf die wunderschönen italienischen Alpen, die uns eindrücklich zeigen, dass wir doch noch in unseren heimischen Bergen sind. Königsspitze, Civetta, Langkofel, Monte Cristallo auf der einen, Wildspitze, Hochvernagtspitze und Weißkugel auf der anderen Seite. Die Berge scheinen dabei manchmal so weit entfernt, dass sie sich in ein Meer aus Fels und Eis verwandeln. Allein der Dunst vermag es jetzt noch, die Grate, Gipfel und Gletscher zu trennen. 

 Leichtes Klettergelände im soliden Fels. Die Wilde Leck bietet einen der lohnendsten Gratanstiege der Region.

Fels in der Brandung
Wir haben längst eine Seilschaft gebildet und die Marzellspitzen passiert, als wir vor dem Gipfelgrat der Hinteren Schwärze stehen. Während in Blau und Weiß die Alpen um uns herum schäumend Wellen schlagen, scheint der schwarze Fels vor uns plötzlich greifbar. Jetzt heißt es zupacken! Schlagartig wird das Gelände steil, fast senkrecht und ausgesetzt. Zwar führt die Route immer am Grat entlang, ist aber mit kurzen Kletterstellen im dritten Grad nicht zu unterschätzen. Wir sind froh über Ewalds Routine und Erfahrung und können so perfekt gesichert den meist soliden Fels hinaufsteigen. Eine großartige, hochalpine Klettererfahrung. Und ein ganz besonderes Erlebnis für jeden Bergfreund.Vom Gipfel scheint die Aussicht einmal mehr unendlich weit. Noch dazu ist es windstill und wir lassen uns auf 3628 Metern, umringt von dicken Gletschern, in der wärmenden Sonne nieder. Ein Hochgenuss – selbst das Wasser scheint uns hier oben viel besser als im Tal zu schmecken. Zu früh dürfen wir uns aber dennoch nicht freuen: Der lange Abstieg über den spaltenreichen Marzellferner und ein kräfteraubender 150 Meter hoher Gegenanstieg warten noch auf uns.

Irgendwann schaffen aber auch wir es zurück zur Martin-Busch-Hütte, wo wir händeschüttelnd und radlertrinkend die Tour für beendet erklären. Wir bedanken und bei Ewald, der uns noch auf der Terrasse zu
geländetauglichen Bergsteigern schlägt. Uns freut daher nicht nur das Lob, sondern auch sein Vorschlag für den kommenden Tag: Der Ostgrat der Wilden Leck, so Holzknecht, verspricht Plaisier-Bergsteigen auf allerhöchstem Niveau. Also nichts wie hinunter ins Tal, durch Sölden hindurch, ins wilde Sulztal hinein und hinauf zur Amberger Hütte, die malerisch schön auf 2135 Metern liegt. 

Ein wohlverdientes Nickerchen. Bei diesem Ausblick fällt es mir allerdings schwer die Augen zu schließen.

Einsame Spitze!
Ewald hat uns nicht zu viel versprochen: Schon früh am nächsten Tag erreichen wir den Ostgrat und haben den Sulzkar- und Wilde-Leck-Ferner schon längst weit unter uns gelassen. Wieder ist es windstill. Wieder wärmt uns die Sonne, wenngleich auch die Wolken am Horizont einen baldigen Wetterumschwung ankündigen. Wir beschließen daher die Pausen auf in Minimum zu reduzieren und steigen stetig dem Gipfel entgegen. Immer höher schrauben wir uns so, über die Schlüsselstellen im vierten Grad hinaus, weit über den unzähligen Spalten des Sulztalferners, die eine bombastische Hintergrundkulisse für einmalig schöne Aufnahmen bieten. 

Langsam spüren wir aber wie die Tour an unserer Kondition nagt. Und auch den gestrigen
Tag scheint unser Körper trotz der frühen Nachtruhe noch immer nicht vergessen zu haben. Schlussendlich ist es wieder Ewald, seinem Können und Wissen zu verdanken, dass wir den Gipfel rechtzeitig erreichen. Dass außer uns sonst keine weitere Seilschaft hier oben ist, setzt diesem Moment die Krone auf – nicht zuletzt auch, weil auf diesem ausgesetzten Felszacken ohnehin nicht sehr viel mehr Platz für weitere Seilschaften zu finden ist. 

Am ausgesetzten Gipfel der Wilden Leck: Geschafft! © Ewald Holzknecht

Ich nutze die Zeit zum Fotografieren, wobei das Gipfelkreuz wunderbare Möglichkeiten bietet. Auch die in warmem Orangebraun leuchtenden Felsen geben einen schönen Kontrast zur Schattenseite des Berges, die so rein gar nichts mit der sonnenüberfluteten Traumroute der Ostseite zu tun hat. Nach einem kurzen Nickerchen schlägt der Bergführer wieder die Augen auf. Eine kurze Einschätzung der Wetterlage genügt, da schultert er schon den Rucksack und stupst mich an: „Schön wars!“ Schnell versuche ich noch mir diesen Anblick, dieses Gefühl so genau wie möglich einzuprägen, dann verschluckt sie mich auch schon. Die kalte, schattige, schneeverhangene Nordwand der Wilden Leck.

Autor: Benni Sauer

Auf allen hier vorgestellten Touren bewegt man sich in hochalpinem Gelände, wofür gute Kondition, alpine Erfahrung sowie routiniertes Seilhandling in Fels und Eis Voraussetzung ist. Die langen Hüttenzustiege lassen sich auch wunderbar mit einem E-Bike abkürzen. Hier angegeben Zeiten beziehen sich aber auf Fußgänger. 

E-Bike Verleih:
Riml Sports in Längenfeld,
Tel.: +43 50 311 400
www.rimsports.com

Von Vent auf den Similaun
Kostenpflichtiger Parkplatz am Ortseingang von Vent, rechts der Kirche (1888m). Auf dem Fahrweg in knapp drei Stunden zur Martin-Busch-Hütte (2501m). In einer starken Stunde hinauf zur Similaunhütte (3019m). Umweg über Tisenjoch (Ötzifundstelle) +45 Minuten.

Von der Similaunhütte auf den Similaun (3606m) in 1,5 Stunden.

Info:
Der Gletscher ist einfach zu begehen, jedoch keineswegs spaltenfrei. Seilfreie Begehung nur wenn ausgeapert oder mit Führer.

Weiterweg auf die Hintere Schwärze
Vom Gipfel weglos die einfache Ostflanke des Similaun hinab. Auf dem Grafferner südlich an den Marzellspitzen vorbei und über den Ostgrat (je nach Route bis UIAA III) auf die Hintere Schwärze 3 Stunden (3628m). Abstieg zur Martin-Busch-Hütte 2,5 Stunden. 

Info:
Landschaftlich reizvolle Tour, mit ausgesetzten Kletterstellen, für erfahrene Bergsteiger oder mit Bergführer.

Wilde Leck Ostgrat
Letzter Parkplatz im Sulztal hinter Gries, kostenpflichtig (1595m). Auf dem Fahrweg in 2,5 Stunden zur Amberger Hütte (2135m). 

Auf markiertem Weg rechtshalten bis auf den Sulztalferner. Auf diesem die Wilde Leck umgehend, bis auf den kleinen Wilde-Leck-Ferner, den man auf etwa auf 3000 Metern Höhe, etwa 2 Stunden nach Aufbruch, weglos in Richtung Ostgrat verlässt. Von dort in 2 bis 3 Stunden immer am Grat entlang bis zum Gipfel. (3359m, bis UIAA IV, wenige Haken, mobile Sicherungen meist gut möglich)

Auf dem Abstieg trifft man erstmals auf Markierungen. Nordseitig steigt man ausgesetzt vom Hauptgipfel (Achtung: Schnee und Eis hält sich hier lange, wenige Haken) wieder hinauf auf den Süd-Westgrat und erreicht bald einfacheres Gelände. Über den Wilde-Leck-Ferner gelangt man wieder auf die Aufstiegsroute. Vom Gipfel zur Hütte in 3 Stunden. 

Info:
Anspruchsvolle Hochtour, die in jeder Hinsicht hohe Anforderungen stellt. Als Tagestour vom Tal mit 1800 Meter lange, anstrengende Tour. Früher Aufbruch erforderlich. Auch von der Amberger Hütte wird die Tour oft noch unterschätzt – Gehzeiten von 12 Stunden und mehr sind keine Seltenheit. (Stirnlampe!)

Bergführer
Alpinschule ALPIN GUIDE
Ewald Holzknecht
www.alpin-guide.at | info@alpin-guide.at

Ewald Holzknecht führt außerdem mit Bergführerkollege Alexander Riml das einzige bergsportspezialisierte Sportgeschäft im Ötztal:

Alpintreff
Unterlängenfeld 90 | 6444 Längenfeld
www.alpin-treff.at

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