Im Reich der Zirbe

Das Pitztal in Tirol. Über 40 Kilometer erstreckt es sich, nach Süden immer tiefer in die Bergwelt schneidend. Eine gigantische Sackgasse, an deren Ende eine Welt aus Schnee und Eis regiert. Weit über 3000 Meter hoch. Am Beginn des Tales jedoch, wo die Pitze in den Inn mündet, ist das Gelände noch sanft, fast lieblich. Als östlicher Pfeiler des Taleinganges, erhebt sich hier der Hochzeiger. Ein beliebter Wintersportort. Es ist aber das neue Jahr, das meiner Familie und mir eine Auszeit verschaffen soll. Wenn die Lifte schließen und die Natur zu neuem Leben erwacht, begeben wir uns auf Wanderschaft. Auf Abenteuer in Steilwänden, oder auf vier Rädern. Wir reisen hinauf bis in dünne Luft, zum ewigen Eis. Und hinein in eine schützenswerte Flora, voller spannender Geheimnisse. Immer mit dabei: Pitzi und Gratsch!

Unser Hotel liegt, als letztes Gebäude der Siedlung, am Westhang des Hochzeigers. Das Alpen-Royal Hotel ist wie geschaffen für meine Kinder und uns. Es ist ruhig. Keine Straße ist in der Nähe und so lassen wir die Kids auf der Wiese und dem großen Spielplatz hinter dem Haus spielen, während wir erst einmal ankommen. Von unserem Balkon genießen wir den Blick übers Pitztal, bis rüber zur mächtigen Schwarzwand. Selbst von hier aus ist zu erkennen, wie wild und einsam die Gegend dort drüben ist. Doch schon bald ziehen Wolken auf. Sie nehmen uns den Ausblick und bringen kaltes, nasses Wetter. Der nächste Morgen startet dann auch wie erwartet trüb. Es regnet und die Wolken scheinen uns gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten zu haben. Eine friedliche Stimmung. So still. 

Wir bereiten uns gut vor, packen die Kinder und uns wasserdicht ein. Wenig später schweben wir mit der Hochzeigerbahn durch die Wolkenfelder, versuchen immer wieder einen Ausblick zu erhaschen, doch der Nebel wird dichter und dichter. Als wir an der Mittelstation ankommen, beginnt es auch noch leicht zu regnen. Wahrlich kein Wetterglück. Trotzdem begeben wir uns auf den Wanderweg durch den Zirbenpark und rüsten uns dafür mit kleinen Zirbenholzkugeln aus. Immer wieder treffen wir am Wegesrand auf kleine und große Murmelbahnen. Durch die gegebene, natürliche Form des Holzes kullern die Kugeln bergab, manchmal so schnell, dass sie aus der Bahn fliegen. Es ist schön zu sehen, wie viel Spaß die Kinder haben. Im mittlerweile strömenden Regen, mit nichts als einer Holzkugel in der Hand. 

Der Zirbenpark hier oben bietet aber noch viel mehr als nur Murmelbahnen. In einer kleinen Holzhütte darf im Stroh geturnt werden. Klettertürme und Rutschen sorgen für Abwechslung und Action.

Denn auf der nassen Regenjacke sitzend, erreicht man in der Metallröhre ungeahnte Geschwindigkeiten. Auf Infotafeln zeigen uns Pitzi der Steinbock und Gratsch der Tannenhäher mehr über die Natur, in der wir uns bewegen. Die Hauptrolle spielt dabei immer die Köngin der Alpen, die Zirbe. Über diese Kiefernart und ihre besonderen Eigenschaften, werden wir im Pitztal noch mehr erfahren. Jetzt dürfen die Kids aber erst einmal selbst in einem kleinen Hochbeet Zirbensamen aussäen. Sachte drücken die kleinen Finger eine Mulde in die Erde, verstecken darin einen Samen und drücken ihn vorsichtig fest. Mit einem Holzstäbchen markieren wir noch unsere Aussaat. Und mit ein wenig Glück sehen wir nächstes Jahr, so wie am Beet nebenan, schon kleine, hellgrüne Nadelspitzen aus der Erde ragen. 

Später am Tag, lichten sich dann doch noch die Wolken. Kurz treffen uns sogar wärmende Sonnenstrahlen. Dieser Moment bleibt nicht ungenutzt. Kurzerhand reißen sich die Kinder die Schuhe von den Füßen und plantschen im Zirbenwasser. Der ganz neu angelegte Wasserspielplatz fesselt die Kinder und so bekommen wir erstmals die Gelegenheit, auf einer der Bänke selbst eine kleine Auszeit zu genießen. Genau das ist auch das Prinzip, das hinter einem Urlaub mit Pitzi und Gratsch steckt. Mit Pitzis Wochenprogramm können die Kids nämlich tagsüber kostengünstige Angebote wahrnehmen. Ob ein Badeausflug, ein Besuch des Klettergartens oder ein Ausritt mit den Pferden: Hier wird jedem etwas geboten. Die Eltern können derzeit entspannen, wandern oder selbst etwas über die Natur hier oben lernen. Und so packen wir den Kindern am nächsten Morgen großzügige Pausenbrote in die Rücksacke. Dann setzen wir sie mit den anderen Kindern in einen Bus, der schaukelnd bergauf, Richtung Klettergarten fährt. Schon nach wenigen Metern hat ihn die kalte, nasse Luft verschluckt. Etwas skeptisch schauen wir uns an. Ein ganzer Tag in dieser Höhe und bei dieser Witterung? Wir bereiten uns auf lange Kindergesichter am Abend vor. 

Doch die Zeit ist zu wertvoll, um sie mit Sogen zu verschwenden. Wir kosten unsere neu gewonnene Freiheit aus und starten voll durch. Zuerst erfahren wir selbst etwas über Pitzi, Gratsch und natürlich die Zirbe. Wir kochen im Zeigerrestaurant an der Mittelstation sogar unsere eigene Zirbensuppe. Natürlich unter fachmännischer Anleitung der Köche hier oben. Wir schnuppern an dem angesetzten Zirbenschnaps und an den seltenen Zapfen, von denen jedes Jahr nur eine streng begrenzte Anzahl geerntet werden darf. Und auch später im Tal, steht alles im Zeichen der Zirbe. Sepp Reinstadler hat sogar sein gesamtes Sägewerk auf die Verarbeitung des edlen Holzes spezialisiert. Ein Knochenjob, denn die Bäume dürfen nicht einfach nach Lust und Laune geschlagen werden. Bei Wind und Wetter geht er deswegen los, sucht und findet Bäume, an denen der Zahn der Zeit sein Werk vollbracht hat. Zwei-, Drei-, oder sogar Vierhundert Jahre kann es schon dauern, bis Wind oder Schnee die alten, knorrigen Stämme niederzwingt. Dann beginnt Sepps Arbeit. Er holt die Stämme vom Berg, verarbeitet sie zu Möbeln, Öl oder Schnaps. Ganze Schlafzimmer werden mit dem duftenden Holz ausgekleidet. Denn das Holz, genauer gesagt dessen Inhaltsstoffe, haben eine positive Wirkung auf den menschlichen Körper. Das Holz verringert erwiesenermaßen unsere Pulsfrequenz, was einen erholsamen Schlaf fördert. Die Zirbe hält noch so viele Geheimnisse für uns bereit. Kissen, gefüllt mit Holzspänen, Spielzeuge und sogar Kinderbetten baut der „Zirbensepp“, der trotz seines Alters kräftig anpackt und offensichtlich jede freie Minute in seinem Sägewerk verbringt. Man kann regelrecht hören wie das Herzblut in seinen Adern pocht, wenn er die Gäste durch sein Reich führt. Zuletzt gibt er uns dann noch etwas Besonderes mit. Einen dicken, duftenden Hobelspan. Ein Blitzschlag habe das Ende dieses Baumes besiegelt, so Sepp. Und in der Tat: Sein Geruch unterscheidet sich von dem der anderen Hölzer. Intensiv, ganz leicht rauchig.

Wir verabschieden uns. Sepp und seine Frau Roswitha haben uns liebevoll und eindrücklich gezeigt, wie hart und ehrlich ihre Arbeit ist. Wir aber machen uns langsam Sorgen um unsere Kinder, denn die Berghänge stecken noch immer in dicken Wolken. Wir beschließen, sie im Klettergarten zu suchen und begeben uns auf den Weg nach oben. Der Nebel im dichten Wald lässt wieder die mystische, friedliche Stimmung aufkommen. Er schluckt jedes noch so leise Geräusch, bis nichts mehr übrigbleibt. Alles, wirklich alles ist nass und kalt. Unmöglich, dass unsere Kinder hier irgendwo an Felswänden hängen. Die bleierne Stille und das fahle Licht um uns herum wirken fast schon erdrückend. Schritt für Schritt glaube ich weniger daran, hier meine Kinder finden zu können, während ich insgeheim hoffe, einen der duftenden Zirbenzapfen auf dem Waldboden finden zu können. Doch dann höre ich etwas. Vergnügte Kinderstimmen. Das Klimpern von Karabinern. Lachen! Kaum zu glauben, aber urplötzlich stehen wir direkt im Klettergarten. Links von mir sitzen gelb behelmte Kinder im Kreis und stärken sich. Zu meiner Rechten ragt eine steile Felswand so weit hinauf, dass sie im Nebel verschwindet. Da hoben finde ich meine Tochter. Stolz ruft sie zu mir hinunter, begeistert, freudestrahlend. Als sie wieder Boden unter den Füßen hat, rennt sie mir entgegen. So vieles gibt es zu erzählen, so vieles hat sie erlebt und gemeistert. Und ihr Bruder? Der Große scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Hubert vom Alpin-Center Pitztal, der sich den ganzen Tag liebevoll um die ganze Schar gekümmert hat, nickt auf meinen fragenden Blick nur in den Wald hinein. Also begebe ich mich auf die Suche. Schon wenig später finde ich ihn, über beide Ohren grinsend. Einen riesigen Steinpilz hält er mir entgegen, in der anderen Hand eine prallgefüllte Tüte. Die ganze Gegend hat er schon abgesucht, dabei das Klettern völlig vergessen. Schlechtes Wetter, so scheint es, gibt es für die Kinder im Pitztal überhaupt nicht. 

Auf dem Weg zur Mittelstation sind uns die Kinder schnell weit voraus. Das dachten wir zumindest, denn schon bald kommen sie uns jubelnd entgegengerannt. Ein jedes hält doch tatsächlich einen kleinen Zirbenzapfen in der Hand. Wir beglückwünschen die jungen Finder und fragen, wo genau sie die Zapfen gefunden haben. „Genau hier!“ Hüpfend zeigt meine Tochter auf den Wegesrand, kurz vor einer steilen Kehre im Weg. Hier seien einfach so zwei Zapfen den Berg hinuntergekullert. Einfach so? Ein großer Zufall, oder hat vielleicht doch der Hubert, der schon einige Kehren über uns ist, etwas damit zu tun?

Auch am dritten Morgen hängen die Wolken tief, aber heute soll es wenigstens trocken bleiben. An unserem letzten Urlaustag wollen wir wieder gemeinsam die Gegend erkunden und fahren dafür mit der Hochzeigerbahn hinauf bis zur Gipfelstation. Dort steigen wir in eines der flotten Zirbencarts. Mit diesen Highend-Seifenkisten rasen wir wenig später die Schotterwege hinab. Vom Gipfel auf 2370 Metern, lassen wir über fast vier Kilometer die Steine spritzen, bis wir die Mittelstation 400 Meter tiefer erreichen. Ein echter Geschwindigkeitsrausch und ganz sicher eines der Highlights in Pitzis Abenteuerland. Für unseren letzten Tag haben wir uns aber auch noch etwas wirklich Großes aufgehoben. Wir fahren tiefer ins Pitztal, bis zum Talschluss, wo wir das Auto gegen eine Zahnradbahn tauschen. Der Pitztaler Eisexpress bringt uns ratternd hinauf, ins ewige Eis. Die Fahrt mit der Bahn ist schon ein aufregendes Erlebnis, selbst für uns Erwachsene. Im Tunnel ist es stockfinster, schnell wird es arktisch kalt. 

Das helle Licht blendet uns zuerst, als wie ins Freie treten. Wir stehen in hochalpinem Gelände, fühlen uns fast wie Raumfahrer auf einem weit entfernten Planeten. Keine Pflanze scheint hier oben noch zu wachsen. Fels und Eis, soweit das Auge reicht. Die Kinder stellen sich mit ausgebreiteten Armen dem starken Wind entgegen oder laufen staunend über den Wanderweg, der immer eindrucksvoller Gletscheraussichten zulässt. Aber erst auf der Fahrt zum Café 3.440 verschlägt es ihnen endgültig die Sprache. In schwindelerregender Höhe über dem Gletscher schüttelt der Wind unsere Gondel ganz ordentlich durch, währen die Aussicht immer bombastischer wird. Oben angekommen, erklimmen wir noch die letzten Stufen hinauf zur Aussichtsplattform. 3440 Meter über dem Meer. Familienhöhenrekord! 

Nachmittags sitzen wir wieder in unserem Auto. Alles ist kalt und nass. Das Wetter der letzten Tage hat uns ordentlich zugesetzt, aber trotzdem waren die Tage im Pitztal ein tolles Erlebnis für die ganze Familie. Die Heizung des Wagens trägt das Zirbenholzaroma vom Armaturenbrett durch den ganzen Raum. Und der Duft der Steinpilze breitet sich am Abend von der heimischen Küche schnell in der ganzen Wohnung aus. Früh fallen den Kindern die Augen zu. Und auch ich bin müde. Der Abend klingt voller Erinnerungen und Eindrücke aus, als Sepps Zirbenschnaps auf meiner Zunge zergeht. 

Text: Benni Sauer

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