Im Rhythmus der Natur

Am Falknerhof im Ötztal

Es dämmert schon. Die Bergspitzen der umliegenden Dreitausender leuchten nur noch schwach, während wir uns auf einem schmalen, kaum sichtbaren Pfad durch dichten Wald arbeiten. Arbeiten, weil wir trotz unseres schweren, sperrigen Gepäcks versuchen, uns so unauffällig und geräuschlos wie möglich zu bewegen. Nun bin ich schon wirklich viele, auch weglose Bergtouren gegangen. Das aber ist etwas Neues für mich. Eine ganz neue Art der Bewegung. 

An diesem spannenden Abend werde ich noch mehr Neues erleben. Zum Beispiel die Ruhe auf einem Hochsitz, von welchem aus man zusehen kann, wie die bunte Bergwelt langsam vom Dunkel verschluckt wird. Ein Ereignis, das viele Bergfreunde so überhaupt nicht kennen, sitzt man doch zu dieser Stunde meist schon mit einem guten Glas Wein irgendwo in der Zivilisation. Neu für mich ist auch, dass in diesem Moment die Berge überhaupt nicht in einen leblosen Schlaf verfallen. Ganz im Gegenteil! In den letzten Minuten ist sogar außerordentlich viel um uns herum passiert. Dinge, die man unmöglich realisieren kann, wenn man auf den Wanderwegen, nur im Lichtkegel der eigenen Stirnlampe, talwärts läuft. Andy regt sich nicht. Ganz still sitzt der Jäger da, schaut in die Dämmerung, während ich seinen Augen abzulesen versuche, was er wohl gerade sieht. Felsen, Bäume, Sträucher. Nicht das geringste Lebenszeichen.

„Da ist es“, sagt er schließlich leise. Keine hektische Bewegung. Kein Finger der in die Ferne zeigt. Wo ist es? Und was ist „es“ überhaupt? Meine Augen suchen fieberhaft den gegenüberliegenden Hang ab. Zwischen den tausenden von Bäumen kann man doch unmöglich etwas erkennen! Doch Andy baut in aller Ruhe ein Stativ auf, befestigt ein terrestrisches Teleskop darauf und dreht nach und nach an all den Schrauben und Rädern der Konstruktion. „Jetzt.“ Mit nur einer leichte Kopfbewegung deutet mir Andy an, dass nun ich durch das Glas blicken soll. 

Ein Reh schaut mich an. Mit großen Ohren und Augen, die direkt auf mich gerichtet sind. Hinter einem bemoosten Stein lugt es hervor. Fast schon erschrecke ich über den Anblick und die plötzliche Nähe, doch als ich meinen Kopf wieder hebe und meine Augen sich an die Entfernung gewöhnt haben, da ist es verschwunden. Im Gewirr, dem Chaos und den vielen Kontrasten der Natur. Mir ist es vollkommen schleierhaft, wie Andy ein Tier finden konnte, das fast 400 Meter von uns entfernt in der Dämmerung steht und lediglich den Kopf aus der Deckung reckt. Ungläubig schaue ich wieder durch das Swarovski-Glas. Noch einmal stehe ich dem Tier gegenüber, versuche mir die Umgebung einzuprägen, einen markanten Felsen oder Baum zu finden. Mir gelingt es nicht. Jäger zu sein, bedeutet wohl auch Adleraugen zu haben. „Es humpelt.“ Wirklich viel spricht Andy wohl nie, denke ich mir. Still schaut er in die Natur ohne auch nur eine Sekunde den Blick abzuwenden. Was er wohl diesmal sieht?

Vor drei Tagen reiste ich an. Ins Ötztal, genauer ins etwas höhergelegene Horlachtal. Dieses malerische Hochtal, in dem der Falknerhof liegt, ist ein wahrlich ruhiger Fleck. Angenehm abgeschieden und naturbelassen. Auf etwa 1500 Metern steht hier das Hotel von Steffi und Peter Falkner. Dort lebt man noch wirklich im Rhythmus der Natur. Und genau das wollen die sympathischen Hoteliers auch ihren Gästen weitergeben. Dafür haben die beiden sogar erst kürzlich einen Nature-Guide eingestellt, der mir schon auf einer Wanderung durch die wunderschöne Bergwelt die Natur hervorragend näherbrachte. Etwas verdutzt bin ich aber dann schon, als ich in der Hotellounge eine Preisliste finde. Wer möchte, der kann sich hier einen Abschuss erkaufen. Rehbock: ab 450 Euro. Gamsbock: ab 1200 Euro. Die Preise für Rotwild und Steinwild können dabei noch weit höher liegen. Im ersten Moment erscheint mir die Preisliste einfach nur absurd. Ganz so leicht, wie die Sache auf den ersten Blick erscheint, ist sie dann aber doch nicht. Glücklicherweise. Um die Populationen im Gleichgewicht zu halten, sind die jährlichen Abschusszahlen genau geregelt. Einige Tiere der heimischen Wildarten wie Reh, Gams und Rotwild müssen demnach jährlich aus Peter Falkners Jagdrevier entnommen werden. Keine leichte Aufgabe, weswegen sie Peter Falkner mit Andy und einem weiteren Jäger teilt. Eine traditionsreiche Verantwortung, die oft von Generation zu Generation weitergegeben wird. Für so manchen Gast ist das ein besonderes Erlebnis. In und mit der Natur. Und erlegt werden müssen die Tiere in jedem Fall, denn ansonsten drohen den Falkners für jeden nicht erbrachten Abschuss sogar saftige Strafen. 

Das alles aber hindert Peter nicht daran, ab und an auch eine Anfrage abzulehnen. Man jagt nie ausschließlich des Schießens wegen. Wer nur eine Trophäe absahnen will, der kassiert ebenfalls eine Absage. Denn so wie Andy den Rhythmus der Natur lebt, so leben auch Steffi und Peter diesen: Respekt und Achtung vor der Natur. Das bedeutet lange Tage mit nur kurzen Nächten. Das bedeutet harte, körperliche Arbeit, wenn das oft mehr als hundert Kilogramm schwere Tier ins Tal transportiert werden muss. Und das bedeutet auch, dass nichts von ebendiesem übrig bleibt. Diese Philosophie findet sich sogar auf den Tellern des Hotelrestaurants wieder. Anfangs etwas skeptisch bin ich aber schon bald überrascht, von Leber, Zunge und andere Leckereien, die köstlich zubereitet aufgetischt werden. 

Zurück auf dem Hochsitz. Fernseher brauche er keinen, so sagt Andy schmunzelnd. Bis zu drei Mal am Tag ist er hier oben, liest die Berg- und Tierwelt, wie andere Bücher. Und auch wenn er heute kein Tier erlegen wird, so lerne ich, was es bedeutet Jäger zu sein. Denn Andy kennt nicht nur die Gegend, jeden Stein und jeden Baum wie seine Westentasche. Er kennt auch die Tiere, ihre Lieblingsplätze und die Uhrzeiten, an denen sie dort anzutreffen sind. Und tatsächlich: Während wir dasitzen, entdecken wir mehr und mehr Tiere, die sich auf die Lichtungen trauen. Selbstverständlich sieht sie Andy immer als Erster und oft schon habe ich Mühe, sie überhaupt ausfindig zu machen. Ich bin beeindruckt vom Blick durch das Zielfernrohr des Gewehres. Vom Einschätzen der Entfernung. Und letztendlich wäre ich es vermutlich auch vom Schuss, der selbst auf 200, gelegentlich sogar 300 Metern oder mehr, exakt trifft. 

Wie gut Andy die Tiere im Revier wirklich kennt, wird mir aber an diesem Abend noch eindrucksvoll klar. Denn während wir die Tiere beobachten, frage ich Andy flüsternd, woher er wohl weiß, dass das Reh, welches gar nicht ganz zu sehen ist, humpelt. „Die Tiere bewegen sich nicht so weit, wie viele oft meinen. Das Reh steht schon länger in diesem Gebiet. Es sieht nicht gut aus. Und über den Winter wird es nicht kommen.“

Am Vortag erst war ich mit Peter Falkner und seinem Sohn Luis unterwegs. Nur wenige Meter hinter dem Hotel rauscht der Horlachbach. Ein schnell fließender Bergbach mit kaltem, sauberen und sauerstoffreichen Wasser. Trinkwasserqualität, wie im Ötztal eben üblich. Saiblinge, Regenbogen- und Bachforellen fühlen sich hier wohl und eine davon wollten wir an den Schonhaken bekommen. Nicht mit einer klassischen Angelrute, sondern mit kunstvoll geknoteten Fliegen und Nymphen, die täuschend echt wirken. Mit einer federleichten Fliegenroute. Und mit jeder Menge Übung und Geschick.

Fliegenfischen hat so rein Garnichts mit gewöhnlichem Angeln zu tun. Das realisierte ich bei der Pirsch zum Bachbett hinunter, wobei wir schon die leicht grauen Schatten der Fische entdeckten. Einige Knoten später war die Ausrüstung bereit und Peter begann, die Route gekonnt durch die Luft zu bewegen. Die lange Schnur, an dessen Ende Fliege und Schonhaken befestigt, pfiff schwirrend durch die Luft. Kaum zu sehen, aber dafür überraschend kontrolliert, landete das künstliche Insekt schließlich etwas oberhalb der Forellen auf der Wasseroberfläche. Nur die Strömung trieb den Köder über die Fische hinweg und es passierte: Nichts. 

Eine schnelle Bewegung mit dem Handgelenk und wieder zischte das Insekt an mir vorbei, hin und her, bis es wieder auf dem Wasser aufsaß. Das wiederholte sich etliche Male und auch Luis, Peters Sohn, versuchte sein Glück. Einmal, da schnellte eine Forelle hervor, schnappte nach der Fliege, verzog sich aber wieder in der Tiefe, so flink wie sie aus ihr hervorgeschossen kam. Fast! Wie ich den beiden bei ihrem Vorhaben zuschaute, konnte ich spüren, welch tolles Vater-Sohn-Erlebnis sich gerade vor mir abspielt. An einem wilden Gebirgsbach, vor schönster Kulisse, verstanden sich die Fischer wortlos, konzentrierten sich auf ihr Ziel. Eben ganz im Rhythmus der Natur. Gefangen haben die beiden an diesem Tag leider nichts, doch wie sie ihre Ausrüstung einpacken, merke ich deutlich, dass ihnen das auch überhaupt nichts ausmacht. Das Erlebnis war schön. Mit oder ohne Fang, den Vater und Sohn ohnehin vom widerhakenlosen Angelhaken genommen hätten, um in vorsichtig im Horlachbach wieder schwimmen zu lassen. Für 40€ können hier Fliegenfischer eine Tageskarte erwerben und dann sogar am 2500 Meter hoch gelegenen Gruesee ihr Glück probieren. Bedingungen: Fliegenfischen. Schonhaken und „catch and release“. Einzige Ausnahme: Während des Aufenthaltes am Falknerhof darf ein Fisch in der Küche des Hotels zur Zubereitung ausgenommen werden. Eine besondere Mahlzeit nach einem langen Tag am Berg!

Andys knisternde Zigarette holt mich wieder zurück, auf den Hochsitz, der drauf und dran ist, von der Nacht verschluckt zu werden. Noch eine Weile genießen wir in der Stille die kommende Dunkelheit, bis wir beschließen unsere Ausrüstung einzupacken. Ein letzter Blick durch das Okular, wo das Reh schmatzend zu mir blickt. Heute ist es zu weit weg und ein Jäger schießt nur, wenn er sich ganz sicher ist, perfekt zu treffen. Sogar noch mehr Gründe sprechen heute gegen einen Schuss. Das Gelände, in dem das Reh steht, ist stark abschüssig, ein Absturz des Tieres sehr wahrscheinlich und die Bergung des erlegten Tieres wäre kaum möglich. 

Schon als wir bergab gehen, drehe ich mich noch einmal um. Mit gemischten Gefühlen halte ich das ungeladene Gewehr in der Hand. Schaue still durch das Zielfernrohr, welches ein dünnes Kreuz auf das schmatzende Reh legt. Wortlos wende ich den Blick von dem schönen Tier, froh nicht abdrücken zu müssen, als ich gerade noch vernehme, wie es sich aus seiner Deckung begibt. Für einen kurzen Augenblick kann ich es zur Gänze sehen. Wie es sich über einen kleinen Felsen bewegt, irgendwie etwas holprig und steif. Tatsächlich! Es humpelt!

Text: Benni Sauer

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