Jetzt wird’s bunt

Blumige Wanderwege im und ums Allgäu herum.

Der lange und kalte Winter ist vorbei und der Frühling geht in den Sommer über. Auf den ersten Wanderungen und kleinen Bergtouren hat mancher schon die lang ersehnten Frühlingsblumen, die den Wegesrand umsäumen, erblicken und sich daran erfreuen können. Ausschweifend wird’s an manch weithin bekannten Bergen. Ein Meer aus Krokusblumen ist nicht nur am Hündle in Oberstaufen zu finden, sondern ebenso auf dem Mittag in Immenstadt, wo sie zahlreich in zartem Lila und Weiß vertreten sind. Beide Touren lassen sich von jedem Wanderer gleich welchen Alters machen. Bei beiden Bergen gibt’s die Möglichkeit, sich die Unternehmung mit der Bahn zu erleichtern. Oben ist es eben, und breite, gut ausgebaute Wege führen zu verschiedenen Tourenvariationen. Beim Hündle kann man sogar via Webcam beobachten, wie weit die Krokusblüte schon vorangeschritten ist. Ein Besuch lohnt sich auf alle Fälle. 

So manchen Schnappschuss gelingt Fotofreunden auch unterhalb des Gipfelkreuzes vom Schnippenkopf. Auch hier blühen flächendeckend Krokusse. Aber auch andere Blumen wie Schlüsselblumen, Alpenglöckchen, Mehlprimeln sind dort genauso wie andernorts verbreitet. Und für Gipfelsammler lässt sich die Tour auf den Schnippenkopf noch erweitern: Über Heidelbeer- und Sonnenkopf geht’s zurück über Wiesen- und Waldwege zum Ausgangspunkt Berggasthof Sonnenklause in Hinang. Dort kann man aber auch weiter unten vor Hinang auf einem Wanderparkplatz parken und nach einem kurzen Stück durch das Dorf noch die Hinanger Wasserfälle besichtigen. 

In den flacheren Gefilden, wie zum Beispiel im Tannheimer Tal, verwandeln eine üppige Löwenzahnblüte im Mai die Wiesen links wie rechts in ein gelbes Meer. Viel weiter oben rund um das Gipfelkreuz des Schartschrofen lassen dafür zahlreiche Alpenaurikel das Plateau fast ebenso gelb strahlen wie die tief im Tal liegenden Löwenzahnwiesen. Wer so früh im Jahr schon einen kleinen Einsteiger-Klettersteig machen möchte, kann vom Gipfel des Schartschrofen starten und dort den Friedberger Klettersteig bis zum Gipfel der Roten Flüh in Angriff nehmen. Man sollte sich allerdings zuvor erkundigen, ob dieser nach der Winterpause bereits wieder instandgesetzt wurde. 

Nach und nach verschwinden die Frühlingsboten und auch der restliche Schnee wird glücklicherweise immer weniger. Und wo gäbe es bessere Möglichkeiten den Sommer mit blumenreichen Wanderungen und Bergtouren zu gestalten als im grünen Allgäu, das bekannt ist für seine Grasberge und dem dort angrenzenden Tannheimer Tal und Lechtal?

Neben vielen gewöhnlichen Blumen, die nahezu auf jedem nicht gemähten Wiesenstreifen zu finden sind, bergen unsere Alpen viele seltene und mittlerweile auch geschützte Blumenarten oder die Blumen stehen direkt in Naturschutzgebieten, die es natürlich zu beachten gilt. 

Eine der faszinierendsten Höhepunkte im Blumenjahr ist die Frauenschuhblüte gegen Ende Mai. Vor allem in Martinau im Lechtal sind diese einheimischen Orchideen zu bewundern. Mehrere Tausend Exemplare verwandeln den lichten Mischwald in ein Blütenmeer und bilden eines der größten zusammenhängenden Frauenschuhgebiete von ganz Europa. Damit das so bleibt, bewacht die Bergwacht das Gebiet. Eine Stunde allein für die Frauenschuhblüte sollte man einrechnen. Wer es gerne weniger spektakulär hat, kann in den Lechauen andere einheimische Orchideen wie die Fliegenragwurz bewundern. Auch große Flächen mit wilden Maiglöckchen verströmen hier einen umwerfenden Duft.  Der Ausgangspunkt für diese Tour befindet sich am Parkplatz vom Freibad, also fast direkt vorm Orchideengebiet. Möglich ist das Einbauen von Höhenwegen, um die Tour als Rundweg zu gestalten, oder man geht gleich ein Stück vom Lechweg, einem Weitwanderweg. Es gibt mindestens stündlich Busverbindungen zurück zum Ausgangspunkt.


Im Juni geht’s nach Hinterstein. Geparkt wird »Auf der Höhe«, von dort aus laufen wir Richtung Willersalpe. Nach einem kurzen Anstieg geht es nach links zu den Wilden Fräulein. Ein schmaler Höhenweg führt uns an diesem bemerkenswerten Felsen vorbei durch Wiesen mit Farn, mit Waldvögelein, Knabenkraut und Ragwurz, Teufelskralle und Schwalbenwurz. Über den Bärenweg gehen wir bis zum Zipfelsfall und steigen dort ins Tal ab. Zwei Stunden sollte man einplanen, der Rückweg führt uns entweder durchs Dorf oder auf der anderen Seite der Ostrach übers Kutschenmuseum. Wer lieber hoch hinaus will, kann zunächst vom kleinen Parkplatz an der Kapelle in Hinterstein auf den Iseler steigen, ein Gipfelerlebnis verbuchen und auf dem Rückweg noch bei den Wilden Fräulein vorbeischauen. 

Leuchtend, sogar an trüben Tagen, zeigt sich Anfang Juli das Wertacher Hörnle. Es ist bekannt für seine großartige Alpenrosenblüte, aber auch viele Arten einheimischer Orchideen, Glockenblumen und Tüpfelenzian begleiten unseren Weg. Bereits kurz nach dem Parkplatz in Untergschwend begrüßen uns üppige Wiesen mit Orchideen, Habichtskraut, gefolgt von Alpenmilchlattich und Alpendost. Den See auf dem Hörnle, der nicht einmal einen eigenen Namen hat, säumt Fieberklee in voller Blüte. Mit ein wenig Glück beginnt bereits der weiße Germer zu blühen. Einkehrmöglichkeiten hat diese Wanderroute auch gleich mehrere, unter anderem die Buchelalpe, zu der der Parkplatz in Untergschwend, unserem Ausgangspunkt, gehört.

Zwei, drei Wochen später erscheinen auf den Wiesen im Retterschwanger Hochtal weitere einheimische Orchideen: Sumpfstendelwurz, breitblättrige Stendelwurz, Händelwurz und manch andere geschützte Blumen wie Türkenbund und Alpenflockenblume zeigen sich dem aufmerksamen Wanderer. Von Imberg aus geht es zum Parkplatz am Ende der schmalen Mautstraße. Den Parkschein, mit dem zugleich die Mautgebühr bezahlt ist, gibt es am Automat gegenüber des Gasthofes Sonne. Am Parkplatz angekommen geht man bequem und fast eben entlang der Wiesen Richtung Strausbergsattel bis zur Strausbergalpe. Die Runde lässt sich über den Sonthofer Hof wieder nach Imberg zurück gestalten. 

Wer allerdings gerne mehr wandert, der kann vom Parkplatz Hörnlebahn in Bad Oberdorf die Strecke übers Alpenrosenköpfle nach Bruck zur Säge, den Schmugglerweg und/oder die Straße zum Mitterhaus, über den Strausbergsattel in Richtung Imberg und dann am Imberger Hörnle entlang wieder nach Bad Oberdorf zurück in Angriff nehmen. 

Wenn’s Ende Juli und Anfang August so richtig heiß wird, lohnt sich ein Ausflug in höhere Regionen. Jetzt geht es wieder ins Lechtal, diesmal hinauf bis nach Lech. Die oberste Etappe des Lechwegs ist nur wenige Wochen im Jahr schneefrei. Um diese Jahreszeit steht endlich auch hier alles in Blüte. Würziges und Heilsames wächst am Wegesrand, wie der holzige Augentrost, Steinquendel und Thymian. Niedrige Alpenrosen gedeihen vor Steinblöcken, und mit steigender Höhe machen sich grüner Germer und gelber Enzian breit. Das tiefblaue Wasser des Formarinsees bietet einen wunderbaren Kontrast zu Zypressenwolfsmilch, Baldrian und Gemswurz. 

Wem es vom Allgäu bis ins Lechtal zu weit zum Fahren ist, der kommt im Tannheimer Tal auf seine vollen Kosten. Parkt man am Vilsalpsee und steigt über den Traualpsee vorbei bis zur Landsberger Hütte weiter, hat man es schon nicht mehr weit bis zur Roten Spitze. Dieser auffallende Berg verdankt seinen Namen dem schlanken Gipfel. Er hat den ganzen Rücken geschmückt mit Eisenhut in sattem, kräftigem Lila. Das schöne Gewächs ist hochgiftig! Also am besten ausschließlich mit den Augen bewundern und gerne mit der Kameralinse festhalten. 

Gelbe Trollblumen leuchten zu Hauf, wandert man vom Breitenberg über die Hohen Gänge dem Daumenmassiv entgegen. Sie erinnern ein wenig an zu groß geratenen Hahnenfuß. Hier und da mischt sich auch gelber Tüpfelenzian unter die vielen Trollblumen. Wiederum ein Traummotiv mit diesen leuchtenden Blüten lässt sich auch im Lechtal vor dem Gipfel der Kelmenspitze finden. Besteigt man die Kelmenspitze – es führt nicht immer ein richtiger Weg an ihren Gipfel – entdeckt man sogar zahlreich den weißen Alpenmohn und die Alpenanemone in den steilen, hohen Grasflanken.

Egal, ob im Tannheimer Tal, dem Lechtal, dem Allgäuer Hauptkamm, dem Walsertal mit seinen unerschöpflichen Blumenbergen oder den Ammergauer Alpen, überall kommt dem Wanderer immer mal wieder Heinos „Blau, blau, blau blüht der Enzian“ in den Sinn. Denn diese leuchtend blaue Blume lässt sich in ihren Spielarten nahezu überall und auch schon früh im Jahr bewundern. 

Im Herbst kann man die Wandersaison wunderbar im Naturschutzgebiet der Nagelfluhkette ausklingen lassen. Die Nagelfluhkette erstreckt sich über zahlreiche Berggipfel, ein Besuch kann beliebig lang oder kurz gestaltet werden. Da hier der Mittag und der Hochgrat dazugehören, bietet sich die Bahn als Aufstiegshilfe oder bequemer Abstieg an. Spät im Jahr sehen wir hier nicht nur Gämsen und den ein oder anderen Auerhahn, sondern vor allem auch viele Silberdisteln, als eine der letzten Bergblüten im alpinem Blumenjahr. Sie beginnen ihre Blüte im Juni und erfreuen uns bei guten Verhältnissen bis in den Oktober, bei schneefreiem Wetter sogar bis Anfang November. 


Die Königin aller Bergblumen jedoch ist und bleibt das Edelweiß. Hierfür braucht man viel Glück und auch ein gutes Auge. Zudem muss man hoch hinaus, denn sie wachsen für gewöhnlich erst ab einer Höhe von 1800 Metern. Die ursprünglich nicht heimische Blume galt recht bald als das begehrteste Bergsouvenir und wurde früher sogar gewerbsmäßig gepflückt. Dies hatte natürlich alsbald zur Folge, dass der Bestand stark gefährdet war. Für seinen Schutz stellte der DAV von 1935 bis 2007 eigens ein Zelt an der Biwakschachtel der Höfats auf, um es dort von Bergwachtlern während der Blütezeit bewachen zu lassen. Und das hat geholfen! Der Bestand unseres Edelweißes hat sich wieder erholt. Hier und da kann man oberhalb des Gaisalpsees, wenn man den langen Weg von Rubihorn zum Entschenkopf antritt, welche entdecken. Und natürlich auf der Höfats, dem »Edelweißberg«. Das Allgäuer Wahrzeichen ist allerdings nicht für jeden Bergler was. Mit Wandern kommt man hier nicht allzu weit, doch gibt es einen schönen Rundweg, auf dem sich unendlich viele Blumen im Sommer zeigen. Das Edelweiß ist dort allerdings eher nicht dabei. Meist muss man den normalen Wanderweg ein wenig verlassen, um diese seltene Schönheit zu finden. Das kann am Laufbacher Eck, das man von der Station Höfatsblick der Nebelhornbahn aus erreicht, unter anderem passieren oder auch am Rauhhorn in den Tannheimer Bergen. Wohl dem, der einen Schnappschuss von ihm nach Hause bringt und den weißen Stern stehen ließ.

Text und Bilder: Chrissie Gleich

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