Karwendel-Kaisern

Die Kaltwasserkarspitze ist zwar „nur“ der vierthöchste Gipfel des Gebirges zwischen Oberbayern und Tirol, doch deutlich anspruchsvoller zu besteigen als die Birkkarspitze. Das Gipfelbuch von 1982 (!) verzeichnet jeden Sommer nur wenige Dutzend Einträge. In Zeiten des „Overtourism“ klingt das wie eine Verheißung.

Ein ganz normaler Samstag am großen Karwendeltäler-Parkplatz in Scharnitz: Obwohl es noch nicht einmal halbsechs Uhr morgens ist, drängen sich schon Hunderte von Autos auf den Stellplätzen. Mountainbikes werden von Dachträgern gehoben, Rucksäcke geschnürt, Brotzeiten eingepackt, Wanderstöcke ausgefahren. „Wo wollen die nur alle hin?“, frage ich Bernd Eberle, den in Scharnitz lebenden Bergführer. „Keine Sorge, die werden uns heute keine Konkurrenz machen“, meint der Local entspannt. „Die meisten steuern das Karwendelhaus an. Besteigen die Birkkarspitze. Besuchen die anderen Schutzhäuser wie Pfeishütte und Hallerangerhaus.“

Ja, die Birkkarspitze (2.749 m): Als ich mit dem Bergsport anfing, war der höchste Karwendel-Gipfel auch für mich ein Sehnsuchtsziel, eben ein Superlativ. Mountainbikes waren damals noch wenig verbreitet. Also begannen wir die Tour in Hinterriß. Marschierten zum Kleinen Ahornboden, weiter zum Karwendelhaus, zum Gipfel. Und dann alles wieder zurück. Viel Staub, viel Hitze, viel Durst. Die Fußsohlen brannten nach dem Zwölf-Stunden-Marathon. Heute erleichtern Bergräder die Anfahrt zum Karwendelhaus. Dafür herrscht aber auch entsprechend viel Betrieb. Zu viel Betrieb.

Und deshalb haben wir uns ein anderes Ziel in den Kopf gesetzt: Auf die Kaltwasserkarspitze (2.733 m) soll es heute gehen. Die ist zwar „nur“ der vierthöchste Gipfel des Gebirges. Aber deutlich anspruchsvoller zu besteigen, die Tour entsprechend einsam. 

Bernd und ich schauen uns an, nicken. Besser hätte man es nicht auf den Punkt bringen können. Also nichts wie auf zur Zicken-Kaiserin, die auch noch eine Klassenkameradin ist: Die Kawaka ist nämlich der direkte östliche Nachbar der Birkkarspitze. Was auf uns zukommt, hat Bernd so beschrieben: „Die Kawaka ist keine Klettertour, sondern eine klassische Bergtour, bei der man im II. Grad seilfrei unterwegs sein sollte. Wenn wir den Zustieg zum Grat zügig und den Abstieg im steilen Karwendel-Schutt sicher bewältigen, haben wir jedoch ausreichend Zeit, um an den Schlüsselstellen ein Seil auszupacken, sofern notwendig. Wenn wir allerdings bis zum Großen Heißenkopf schon mehr als fünf Stunden brauchen, sollten wir besser umkehren. Und nehmt bitte ausreichend Wasser mit, denn Tränken gibt es keine auf der Tour.“

Puh, jetzt hat uns der Bernd doch etwas den Schneid abgekauft, zumal ja auch satte 2.000 Höhenmeter zu bewältigen sind. Egal, schon sitzen wir auf den Bikes und kurbeln Richtung Hinterautal, dem Lauf der jungen Isar folgend, zum Glück ohne steile Rampen und auf gutem Forstweg. Auf etwa 1.200 Metern, dort, wo sich der Weg gabelt (rechts zum Hallerangerhaus, links ins Rossloch) befindet sich eine Schranke. Hier steigen wir ab und verstecken die Räder in den Büschen. Danach bleiben wir noch einige hundert Meter auf dem Forstweg taleinwärts und biegen dann nach links ab, queren das ausgetrocknete Bachbett und folgen dem Steiglein ins Moserkar. Bernd ist hochkonzentriert. Er weiß, dass der Abzweig zu den Heißenköpfen leicht zu verfehlen ist und man die blassen roten Markierungen schnell übersieht.

Supersteil geht es jetzt durch die enge Latschengasse auf den Kamm (2.100 m). Zum Glück sind wir früh genug dran, die Sonne brennt noch nicht gar so erbarmungslos. Über Wiesenhänge und einfaches Blockwerk gehen wir zum Großen Heißenkopf (2.437 m). Erstmals ist die Südgrat-Route über die Sägezähne zum Gipfel einsehbar. Wir schauen auf die Uhr: alles im grünen Bereich, wir sind gut unterwegs! Weil das Gelände ab jetzt deutlich schwieriger wird, ziehen wir die Gurte an. Am ersten Türmchen zögern wir: Man könnte es in Aufstiegsrichtung links auf einem Band umgehen. Dabei müsste man aber in die bröselige Flanke ausweichen. Wir entscheiden uns deshalb für eine Überschreitung – und sind ziemlich dankbar, dass uns Bernd beim Abklettern mit dem Seil sichert.

Gehgelände und Kraxelpassagen wechseln sich im weiteren Verlauf ab. Wir beginnen uns an die Ausgesetztheit zu gewöhnen. Oft gibt es keine eindeutige Route. Bernd versucht, möglichst oft am Grat zu bleiben, wo der Fels kompakter ist. Immer mal wieder helfen uns Steinmänner bei der Orientierung. Aufpassen muss man trotzdem. Aufgrund der wenigen Begehungen sind Tritte und Griffe mitunter lose. „Es kann nicht schaden, sie zu testen, ehe man sie belastet“, rät Bernd. Dann endlich haben wir auch das letzte Türmchen, das den Weg zum Gipfel bewacht, überwunden. Gute sechs Stunden sind wir schon unterwegs, doch der 360-Grad-Blick entschädigt für alle Mühen. Wir schauen hinüber zur Birkkarspitze und ihrem recht bequemen, drahtseilversicherten Normalweg, auf dem es zugeht wie in einem Taubenschlag. Nein, wir sind sehr zufrieden mit unserer „Zicke“. Wir entdecken, dass ein Bergfreund neben dem Kreuz eine noch halbvolle Plastik-Flasche mit Kräuterschnaps deponiert hat. War sie ihm zu schwer geworden? Wir trauen uns nicht so recht, davon zu kosten. Als wir das Gipfelbuch aufschlagen, finden wir pro Saison nur wenige Dutzend Einträge. Vom Gipfelkreuz steht nur noch das betonierte Fundament.

Für alle Bergtouren gilt ja: Geschafft hat man es erst, wenn man wieder unten ist. Für die Kawaka trifft das aber ganz besonders zu. Denn der „Downhill“ hat es in sich. Gleich nach den ersten 60 Abstiegshöhenmetern und dem Abklettern der ersten Schlüsselstelle verlassen wir die Aufstiegsroute nach rechts und blicken in eine sehr steile Rinne. „Da hinunter?“, fragen wir Bernd mit etwas belegter Stimme. Der nickt nur und fordert uns auf, den Helm aufzusetzen. Nach der Brösel-Schlucht peilt er Punkt 2552 an, die Östliche Hochjöchlspitze. Für kurze Zeit ist entspanntes Wandern angesagt, mit tollen Blicken hinab zum Kleinen Ahornboden und zurück zur Kawaka mit ihrer steilen Nordflanke. Doch wir haben uns zu früh gefreut. Der Grat von diesem Gipfel ins Hochjöchl hinab bietet noch einmal Abklettern bis II. Erst dann, als das letzte, abschüssige Schuttband überwunden ist, wird das Gelände einfacher. Wir orientieren uns Richtung Südwesten und erreichen über Geröllreisen und Grashänge auf Pfadspuren den gut ausgebauten Adlerweg, der vom Birkkar ins Hinterautal herunterzieht.

So langsam entspannen wir uns, nehmen unser Gespräch wieder auf. Bernd weist uns darauf hin, dass Hermann von Barth bereits 1870 als Erster auf dem Gipfel der Kawaka stand. Uns zeigt das einmal mehr, was für ein cooler Hund der Alleingänger und Karwendel-Erschließer war. An einem klaren Bach machen wir Rast und füllen endlich unsere längst leeren Wasserflaschen auf. Bestens rehydriert wandert es sich doch gleich besser! Die letzte Stunde bis zum Bike-Parkplatz im Hinterautal vergeht wie im Flug. Schon sitzen wir auf den Rädern und fliegen einem frischen Weißbier auf Bernds Terrasse entgegen. Die vielen anderen Bergfreunde, die uns plötzlich wieder begegnen, irritieren uns. Wir würdigen sie keines Blickes. Schließlich haben wir mit der Kawaka geflirtet, der einsamen Schönen. Das Beste dabei: Wir mussten nicht einmal Vatis Porsche ausleihen, um der Angebeteten näher zu kommen!

Text und Fotos: Günter Kast

DER WEG ZUR KAWAKA

Allgemeine Auskünfte
www.alpenwelt-karwendel.de
www.karwendel.org

Anreise:
Mit dem Auto via Garmisch-Partenkirchen oder über den Walchensee nach Scharnitz. Im Ort nach der Brücke der Beschilderung „Parkplatz Karwendeltäler“ folgen; mit der Bahn in gut zwei Stunden von München via Garmisch nach Scharnitz.

Einkehren:
Nach der Tour in der Kastenalm im Talschluss des Hinterautals, gleich hinter dem Isarursprung; wochentags und spät in der Saison nicht immer geöffnet.

Bergführer:
Bernd Eberle Inrain 100 | A-6108 Scharnitz
berndeberle.61@gmail.com
Mobil: +49(0)172 8393220

Medien:
Mark Zahel: „Alpine Bergtouren Wetterstein und Karwendel: 50 anspruchsvolle Gipfelziele zwischen Zugspitze und Achsensee“, Bruckmann; AV-Karte 1:25000 Nr. 5/2, Karwendelgebirge (Karwendel), mittleres Blatt.

Equipment:
Normale Bergausrüstung und Helm (für den teilweise steinschlag-gefährdeten Abstieg); wer sich die II-er-Passagen nicht seilfrei zutraut, braucht zusätzlich Seil, Sitzgurt und Sicherungsmaterial.

Tipp: Nicht allein gehen, oder zumindest Freunde über das Vorhaben informieren!

Saison: Mitte Juli bis Ende September

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