KARWENDEL-SPEZIAL: Karwendelig!

Karwendelig! ist unser Opener-Artikel für das Karwendel-Spezial:

Frühsommer im Karwendelgebirge
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Das Kranzbach
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Die Erschliessung des Karwendels
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„An Barg geah“
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Vom Glück in einer Sardinen-Dose
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Find yourself!
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Karwendel-Kaiserin
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Schützenswertes Karwendel
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Titelbild: © Innsbruck Tourismus | Christian Vorhofer

Als ich das erste Mal im Karwendel war, lernte ich es gleich besonders eindrücklich kennen. Dabei waren wir doch eigentlich nur zum Camping mit den Kindern hier hergekommen. Die Familie verbrachte aber diesen einen Tag planschend am Achensee, während mein Tourenpartner und ich am Ende des Falzturntals die Rucksäcke schulterten und Richtung Lamsenjochhütte aufstiegen. Wir waren guter Dinge, topfit und freuten uns auf sonnige Kletterstunden im warmen Fels.

Auch die gigantische Schutthalde unter der Ostwand der Lamsenspitze stimmte uns nicht um. Dabei hätten uns diese Gesteinsmengen am Wandfuß eigentlich schon als wir sie überquerten verdächtig vorkommen müssen. Eine Stunde und drei Seillängen später hingen wir hoch oben in der Wand. Vor uns, genauer über uns, kletterten noch zwei weitere Seilschaften, was für uns mehr und mehr zum Problem werden sollte.

Immer häufiger pfiffen und zischten faustgroße Steine an uns vorbei. Jedes Mal pressten wir unsere Körper gegen die Wand, verharrten, trauten uns nicht nach oben zu schauen, bis es lange genug still war und wir uns aus der Deckung wagten. Meistens ging es dann genau so weiter, wie es aufgehört hat.

Den Seilschaften vor uns, so merkten wir später, konnten wir keine Vorwürfe machen. In der Wand galt es mehrere Male abschüssige, mit losen Steinen übersäte Querbänder zu passieren, wobei man einfach nicht umhin kam, einige der Felsbrocken in den Abgrund rutschen zu lassen. Auch das zweite große Problem des Klettertages war allein uns selbst zuzuschreiben: Als Flachländer waren wir den Tiroler Akzent unserer Vorauskletternden einfach nicht gewohnt und jedes Mal, wenn weit über uns „Stand“ gerufen wurde, zogen wir die Köpfe ein, kauerten uns in Felsnischen – dabei blieb die Luft um uns still.

Erst kurz vor dem Gipfel, als wir eine der Seilschaften fast eingeholt, sogar Sichtkontakt hatten, begriffen wir lachend den Unterschied zwischen „Stand!“ und „Stoa!“. Am Kreuz dann plauderten wir mir den Kletterern und einer, ein lokaler Bergführer, der gerade gekonnt sein Seil aufschloss, ließ ganz beiläufig fallen, dass es hier in der Gegend eben etwas „karwendelig“ sei.

Seitdem geht mir dieses Wort nicht mehr aus dem Kopf. Es begegnet mir immer wieder – vor allem, wenn die teils (aber auch nur teils!) haarsträubende Felsqualität dieses Gebirgsstocks umschrieben wird. Jedoch bekam für mich dieses Wort im Laufe der Zeit eine andere, für die meisten allerdings eine sinngemäß falsche Bedeutung.

Karwendelig ist für mich, wenn die Kinder am See plantschen und Papa in der Felswand hängt. Karwendelig ist Deutschland, ist Österreich. Klettern, Skifahren. Biken, Baden, Bergsteigen.  Karwendelig ist, wenn man einsam auf dem Seinskopf sitzt und auf die bis in den Sommer tief verschneiten Nordwände der nördlichen Karwendelkette blickt. Dort, wo mein Tourenpartner von der Lamsenspitze gerade im Viererkar die letzte Skitour der Saison geht, mir ein Foto in die Soierngruppe rüberschickt und drunter nur ein Wort steht: Karwendelig!

Text: Benni Sauer

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