Kein undankbarer zweiter Platz!

Bike & Hike auf den Hochwanner

„Welcher ist das überhaupt?“ Als ich in meinem Freundeskreis vom Vorhaben erzähle, den zweithöchsten Berg Deutschlands zu besteigen, bekomme ich diese Frage des Öfteren zu hören. Ist das nicht der Watzmann? Oder die Alpspitze? Könnte auch der Schneefernerkopf sein! 

Auf dem Forstweg hinauf zur wunderschönen Rotmoosalm.

Zugegeben, die Sache ist nicht ganz eindeutig! Denn nur wenn man die Wetterspitzen und den Schneefernerkopf lediglich als Nebengipfel der Zugspitze ansieht, wird der Hochwanner zum zweithöchsten Gipfel Deutschlands. Wie dem auch sei: Der Hochwanner fristet neben den Berühmtheiten des Wettersteingebirges ein regelrechtes Schattendasein. Kaum jemand, der schonmal seinen Namen gehört, geschweige denn ihn bestiegen hat. Und so erwarten wir keine großen Menschenmassen, als wir uns auf die E-Mountainbikes schwingen und von Osten aus ins Gaistal hineinrollen. 

Auf dem Bike Trail Tirol folgen wir zunächst der Leutascher Ache. Sanft ansteigend führt der Weg durch lichte Wälder, entlang des rauschendes Flusses und über blühende Wiesen. Dabei bietet dieser Weg eine dankbare Möglichkeit, unseren Kreislauf behutsam in Schwung zu bringen. Die Akkus tun ihr Übriges. 

Genussvoll rollen wir durchs Gaistal – immer entlang der rauschenden Leutascher Ache.

Das schöne Gaistal ist dabei keineswegs eine Sackgasse. Viel mehr ist dieser Durchgang die Verbindung hinüber nach Ehrwald, vorbei an der gesamten Mieminger Kette auf der einen, und dem Wettersteinkamm auf der anderen Seite. In Letzterem erblicken wir auf halber Strecke erstmals unser Gipfelziel. Eindrucksvoll schichtet sich die Südwand des Hochwanners über der Gaistalalm auf, 500 Meter, teilweise sogar mehr und während wir bergauf rollen, versuche ich mir vorzustellen, dass die Nordwand vom Gipfel sogar weit mehr als 1000 Meter ins Reintal hinabstürzt. Dieser Nordwand hat der Hochwanner zu verdanken, dass er immerhin in der extremen Kletterszene einen Namen hat. Warum aber bei Normalbergsteigern wie mir dieser Berg nur höchst selten den Weg in die Gipfelbücher findet? Das konnte ich mir während der Fahrt entlang der Leutscher Ache genauso wenig erklären, wie jetzt, wo wir direkt auf dieses Bollwerk zusteuern. Landschaftlich ist die Tour von Anfang an ein echter Hingucker!

Die Gaistalalm liegt wenig später schon viele hundert Höhenmeter unter uns. Die Akkus der E-Bikes leisten Schwerstarbeit, schieben uns aber lässig den breiten Forstweg hinauf. So bleibt sogar auch noch ein wenig Atem, um sich zu unterhalten. Die Elektro-Esel bringen eben viel mehr Vorteile als nur eingesparte Kraft und Zeit. So erreichen wir gut gelaunt die Rotmoos Alm, eine kleine Almhütte, die idyllischer nicht liegen könnte: Dem zwanzig Kilometer mächtigen Wettersteinkamm vorgelagert, liegen immer wieder halbhohe, mehr oder weniger ausgeprägte Bergschultern. Eine dieser Geländekuppen ist der Schönberg, an dessen südlicher Kante die Rotmoosalm über dem Gaistal thront. Ein einmaliger Aussichtspunkt!

Bergführer Franz beseitig letzte Unklarheiten bezüglich der Wegführung.

Am Abend ist hier oben nicht mehr viel los. Die vierzehn Lagerplätze lassen mehr Betrieb auch gar nicht erst zu, so Siegmund Neuner, der hinzufügt, dass die Almwirtschaft hier oben sowieso die eigentliche Arbeit sei. 300 Rinder, etwa 80 Kälber und 30 Pferde wollen ja erstmal versorgt werden. Sigmund führte gemeinsam mit seiner Frau Gabi elf Jahre lang die Rotmoos Alm. Heute ist die jüngere Generation am Zug, was Siegmund aber nicht daran hindert, sich liebevoll um jedes einzelne Tier zu kümmern. Gerne erzählt er vom Almleben hier oben und so oft wie der bärtige Mann währenddessen lacht, haben wir keinen Zweifel daran, dass die Neuners hier oben ein ausgesprochen glückliches, zufriedenes Leben führen. 

Am Abend flutet die Sonne noch unter grauen Wolken hindurch das Gaistal mit einem warmen Licht. Dann kehrt Ruhe ein. Wir haben gut gegessen, die Aussicht und Gastfreundschaft genossen, sogar Peter das Schaf und Nela den Hüttenhund kennengelernt. Dann kommt die Nacht. Als später dann die Wolken sogar den Blick auf den Sternenhimmel freigeben, beschließe ich, die Nacht nicht im geräumigen Lager, sondern im Schlafsack auf der Hüttenterrasse zu verbringen. Wie die Milchstraße über mir vorbei zieht, ab und zu sogar eine Sternschnuppe über mich hinweghuscht, ist ein grandioses Erlebnis und ich schaue so lange in den Nachthimmel, bis mir die Augen zufallen.

Steiler Schutt: Jeder Tritt muss hier sorgsam gesetzt werden.

Der nächste Morgen beginnt früh. Siegmund öffnet die Hüttentür, lacht mir selbstverständlich einmal mehr entgegen und fragt, wie die Nacht war. Gut war sie! Insgesamt etwas kurz, aber unfassbar schön und vielleicht gerade deswegen so erholsam. Viel Zeit bleibt dem Almwirt in Ruhestand allerdings nicht zum Plaudern. Er greift nach einem mannshohen Stock, schultert eine schwere, schwarze Ledertasche, aus der ein weißes Pulver rieselt und wandert so gemeinsam mit Nela sicheren Schrittes den Tieren auf der Weide entgegen. Von der Holzterrasse aus kann ich dann ein echtes Schauspiel beobachten: Die strahlende Sonne geht neben der schroffen Schüsselklarspitze just in jenem Moment auf, in dem Siegmund die Tiere zu sich ruft, allen ein wenig Salz auf die gierigen Zungen legt. Siegmunds kräftiges Rufen hallt derweil durch die Stille, prallt hörbar gegen die Felswand des Teufelsgrats. Das ist Alpenromantik. Fast schon zu kitschig, um wahr zu sein! Spätestens jetzt hat die Rotmoosalm einen Platz in meinem Herzen und als wir uns zur Verabschiedung die Hände reichen, meine ich es ernst, als ich sage, dass wir uns diese Saison sicher noch einmal wieder sehen werden. 

Dann geht es bergab. Wir brauchen die schweren E-Bikes nur rollen lassen, um die alte, die frühere Rotmoosalm zu erreichen. 2009 wurde sie von einer Lawine komplett zerstört und heute markieren ihre Überbleibsel den Abzweig, wo wir den Fahrweg verlassen und erstmals dem Hochwanner zu Fuß entgegentreten. Dabei gewinnen wir dank der steilen Wiesen schnell an Höhe. Bald schon können wir sogar über die Rotmoos Alm hinwegblicken, wo wir im Dunst des Tages die Stubaier Alpen, sogar die Zilltertaler Eisriesen erblicken können. Auf einem schmalen Pfad lassen wir noch den Predigtstuhl links liegen und queren hinter ihm hinüber zum Mitterjöchl. Hier scheint der Weg anfangs nur wieder bergab und weiter zum Steinernen Hüttl zu führen. Wir dagegen halten uns direkt auf der Geländekuppe und erreichen über die Flanke bald schon wieder eine feine Pfadspur. 

Ab und zu müssen sogar die Hände zur Hilfe genommen werden.

Doch als sich selbst dieser Weg im Nichts verliert, erfahren wir, warum der Hochwanner gerne als Steinbeißer bezeichnet wird. Lange Schuttreisen müssen überquert werden. Festes Gestein ist eine Seltenheit und bald schon sind uns die Wanderstöcke eine große Hilfe. Lediglich in einer kleinen Steilstufe, einer kaminartigen, kleinen Schlucht, finden wir verlässlichen Fels. Hier müssen wir kurz unsere Hände zur Hilfe nehmen, bringen die kurze Kraxelstelle aber ohne Problem, dafür mit einer Menge Spaß hinter uns. Dann wartet nur noch eine Fleißaufgabe: In der heißen Südflanke des Hochwanners, muss sich jeder Meter hart erarbeitet werden. Doch schon jetzt bietet das Panorama einen eindrücklichen Vorgeschmack auf das, was uns bald geboten wird.

45 Minuten später ist das Gipfelkreuz endlich in greifbarer Nähe. Noch einige kleine Stufen, nur noch eine Handvoll enger Kurven im Geröll und der zweithöchste Gipfel Deutschlands ist erreicht. In mir spüre ich Erleichterung. Freude. Dankbarkeit. Da steigen Glücksgefühle auf, die ich so nur selten an Gipfeln verspüre. Vielleicht spielt dabei der anstrengende Aufstieg eine Rolle. Oder der schwindelerregende Blick hinab in die imposante Nordwand. Vielleicht liegt es daran, dass ich von hier oben unsere geparkten Räder erblicken kann. Oder den gleißenden Lüsener Ferner ganz im Süden. 

Am Gipfel des Hochwanners, dem zweithöchsten Berg Deutschlands.

Vielleicht liegt es am Anblick der abweisenden Dreitorspitzen, dem kleinen roten Punkt am Jubiläumsgrat, der berühmten Biwakschachtel, oder an der Sicht hinüber zur Zugspitze selbst. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass über dem Gaistal die Rotmoosalm so bezaubernd schön am Berg steht, als hätte sie ein Pinsel gerade erst dort hingemalt. Auf die Schulter des Schönberges, von wo aus ich glaube, noch immer Siegmunds Rufen zu hören. 

Text: Benni Sauer

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