Kinderdrachenland

In den Kitzbühler Alpen, im Herzen Tirols, lag einst ein wunderschöner See. Am Ufer ebendieses Sees trieb ein ungeheurer Drache sein Unwesen. Ein Monster. Mit feurigen Augen, groß wie Wagenräder. Das alles zerschlug, was ihm in den Weg kam. Bis sich ein mutiger Bauer ihm entgegenstellte. Er kämpfte, ohne Angst und mit großer Entschlossenheit. Und siegte. Der Drache aber biss mit letzter Kraft in den Felsen, der den See aufstaute. Dieser zerbarst in tausend Splitter und der See entleerte sich in das Inntal. Der ehemalige Grund des Sees erwies sich als fruchtbares Ackerland und das Tal wurde zum Schönsten weit und breit: Die Wildschönau war entstanden.

Sagen wie diese gibt es in der Wildschönau viele. Für Kinder spannende Geschichten. Fast überall finden sich Hinweise auf die märchenhaften Erzählungen. Was die Wildschönau aber noch bietet, sind 300 traumhafte Wanderkilometer. Einfache und wilde Mountainbikestrecken. Typische Tiroler Koch- und Handwerkskunst. Musik. Eine Bimmelbahn und Landwirtschaft, die den Kids spielerisch nähergebracht wird.

Was dafür fehlt sind Hotelkomplexe. Riesige, hochmoderne Liftanlagen und Partymeilen. Nichts muss hier neu oder perfekt sein. Wir finden, dass genau hierin der Reiz liegt und ziehen ein.

Genauer gesagt ins »Schönanger« der Talheim Appartements in Auffach. Helle, geräumige Zimmer mit viel Holz, einem Balkon und sogar einer Infrarot-Kabine. Unsere Gastgeber Karina und Andreas Breitenlechner stellen sich schnell als äußerst nett und hilfsbereit heraus. Durch sie kommen wir noch an die ein oder anderen Tipps, die wir uns nicht entgehen lassen wollen.

So essen wir beispielsweise im Hotel Platzl zu Abend. Saisonale und traditionelle Köstlichkeiten werden hier aufgetischt. Aber auch Gastfreundschaft wird großgeschrieben. So leistet uns beispielsweise der Seniorchef persönlich Gesellschaft und erzählt von früher. Als er noch einer der Ersten war, der geführte Wanderungen in der Wildschönau anbot. Heute aber kümmere er sich nur noch um seine Gäste. Zusammen ergibt das alles ein sehr sympathisches Bild – einfach eine runde Sache.

© TVB Wildschönau

Früh am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg Richtung Talende, um einem weiteren Tipp nachzugehen. Der Himmel ist wolkenverhangen. Doch genau das gibt der rauen Wildnis um mich herum ihren ganz eigenen Charakter. Es ist ruhig. Noch nicht einmal die Bimmelbahn fährt, die sonst Familien durch das Tal kutschiert.

Es ist 9.30 Uhr, als ich an der Schaukäserei ankomme. Die Schönangeralm liegt wunderbar idyllisch zwischen grünen Wiesen, Wander- und Spazierwegen. Hier begrüßt mich Johann erst einmal mit einem deftigen Stück Bergkäse und einem Obstler. Johann ist bereits den fünfundzwanzigsten Sommer in Folge hier oben. Mit viel Fingerspitzengefühl stellt er unterschiedliche Käsesorten her. Das macht er mit unglaublich viel Herzblut, wie ich merke, als ich ihm über die Schulter schauen darf. Und man schmeckt es auch, denn der Johann hat schon mehrere Preise für seine Produkte eingeholt! Außerdem zeigt er mir nicht nur wie er den Käse macht, sondern auch die Käserei selbst, die Tradition und Fortschritt vereint. 25 Bauern nutzen die Alm gemeinsam. So werden hier täglich über 2000 Liter Milch zu Käse oder Butter verarbeitet. Ein ganz besonderer Ort. Einfach, aber genau deswegen so genial gut. Eben typisch Wildschönau!

Später am Tag steigen wir in die Schatzbergbahn. Die Gondel zieht uns gemütlich hinauf auf den gleichnamigen Hausberg Auffachs. Unsere Kleine kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und als wir 22 Minuten später, auf beinahe 1800 Metern die Kabine verlassen, finden wir schnell die letzten Schneefelder, werfen Schneebälle und bauen Schneemänner. Auf den Wiesen und unter den Bäumen gibt es für Kinder viel zu entdecken. Und auch hier wird uns wieder klar: Für die Jungen braucht es nicht viel mehr als Natur und eine schöne Aussicht, um jede Menge Spaß zu haben.

Am Abend sind wir zwar müde, unsere Tochter aber längst noch nicht ausgelastet. Doch auch hierfür ist schnell eine Lösung gefunden: Wir begeben uns auf den Holzweg! Dieser kurze Rundweg durch Auffach und entlang der Wildschönauer Ache erklärt uns an 13 Stationen spannende Details der Natur und welchen Stellenwert man dem Holz in Tirol zuspricht. Es gibt unglaublich viel zu entdecken. Und nach einem informativen Kilometer durch die Abendluft werden langsam auch die kleinen Beine müde.

Ungetrübter Sonnenschein erwartet uns am nächsten Morgen. Wir sind gut ausgeschlafen und natürlich wieder voller Tatendrang. An unserem letzten Tag in der Wildschönau ist schnell gefrühstückt. Denn heute verlassen wir Auffach und fahren ins wenige Minuten entfernte Niederau. Dort steigen wir kurzerhand in die Markbachjochbahn und fahren bergauf. Übrigens ist genau wie gestern die Fahrt für uns gratis. Denn mit der Wildschönau Card, die wir beim Check-In erhalten haben, lässt sich kräftig Geld sparen. Dabei sind nicht nur die Bergbahnen inklusive. Auch für geführte Wanderungen, das Freibad und Museen muss nicht extra in die Tasche gegriffen werden.

Oben angekommen freundet sich unsere Tochter gleich mit den Kühen an. Wir zögern aber nicht lange und nehmen uns gleich den nahegelegenen Gipfel vor. Von dort haben wir eine schöne Sicht auf die kleine Kapelle unter uns. Auch der Wilde Kaiser und sogar das Rofangebirge weit im Westen ist von hier aus gut zu sehen.

Hinter der Mittermoosenalm glitzert uns schließlich der Speichersee entgegen, der auch schnell erreicht und umrundet ist. Die kleinen Augen können sich kaum satt sehen und als wir wieder am Markbachjoch ankommen und den Paraglidern beim Starten zuschauen können, ist die Stimmung auf dem Höhepunkt angelangt. Einer nach dem anderen reißt seinen knisternden Schirm in die Luft, geht ein paar Schritte und fliegt dann, als wäre es das normalste auf der Welt, einfach davon. So schauen wir unzähligen Starts zu. Erst spät überkommt uns dann noch ein Hungergefühl, das uns in die nahegelegene Rübezahlhütte führt.

Die Hütte mit der fast einhundertjährigen Geschichte, ist mittlerweile eigentlich eher ein Haus als eine Hütte. Aber trotzdem ist der urige Berg-Charme erhalten geblieben. Wieder einmal gibt es viel Holz um uns herum und selbstverständlich muss man auf der großen Panoramaterrasse nicht auf die herrliche Aussicht verzichten. Hier lassen wir uns ganz besonders den Marmorkuchen schmecken, der bis auf den letzten Krümel verputzt wird. In der Wildschönau ist der Fokus auf Familien gerichtet. Auf die Natur und Ursprünglichkeit des Bergtales. 

Das spürt man, so wie man die alten Tiroler Gerichte schmecken kann. Das sieht man, so wie man die bewirtschafteten Felder ringsum erkunden kann. Und man hört es sogar, denn die Wildschönau ist ein Tal der Musik. Vier Musikkapellen und über fünfzehn Chöre sorgen für Veranstaltungen, sowie Volks- und Blasmusik wohin man auch kommt. Für uns gibt es vieles zu entdecken. Und noch so viel mehr für die Augen und Ohren der Kleinen.

Text und Bilder: Bernd Götz

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