Kitzbühler Alpen: Wie Wolken schmecken

Unser Besuch im Pillerseetal

Das Herbstwetter hat es leider nicht sehr gut mit uns gemeint. Schon während der Anfahrt in die Kitzbüheler Alpen, den äußersten Osten Tirols, fielen dicke Tropfen auf die Windschutzscheibe. Den Familienurlaub aber wollen wir uns keineswegs von ein paar grauen Wolken vermiesen lassen. Gummistiefel, Regenhosen und Wechselklamotten füllen deswegen unseren Kofferraum.

Irgendwo im nirgendwo in den Kitzbühler Alpen

Fieberbrunn liegt nur wenige Kilometer östlich von Kitzbühel. Eingebettet zwischen den typischen, sanften Grasbergen, wirkt die Region besonders idyllisch – bei jedem Wetter. Etwas mehr als 4000 Einwohner. Auf knapp 800 Metern Höhe. Und natürlich: Die Streuböden- und Lärchfilzkogelbahn, die Wanderer, Klettersteiggeher und Bergfreunde aller Art in Richtung des berühmten Wildsees hinaufhebt. Von unserer kleinen Ferienwohnung am südlichen Ende Fieberbrunns können wir aber nur beobachten, wie die Stahlseile der Gondelbahn in den Wolken verschwinden. Enttäuschte Blicke werfen sich die Eltern da schon entgegen, doch die Kinderherzen beginnen überraschender weise schneller zu schlagen. „Können wir dann mal auch eine Wolke anfassen?“

Hoch über dem Pillerseetal

Sechseinhalb Minuten später, auf 1214 Metern: Ruhig ist es. Windstill. Und wie erwartet trüb. „Zum Glück!“, ruft da die jüngste Tochter und holt mit den Armen weit aus. Aber so einfach lassen sich die Wolken dann doch nicht einfangen. Und auch der Rucksack (für einen eventuellen Weitertransport der Wolke) hätte in diesem Fall auch im Tal bleiben können.

„Macht nichts.“ Zwei Wörter, von denen wir uns Erwachsene ruhig öfters eine Scheibe abschneiden könnten. Macht nichts, dass das Wetter heute nicht mitspielt. Macht nichts, dass man Wolken ja gar nicht einpacken kann. Macht nichts, dass Wolken nach nichts schmecken, denn auch das wird hier oben am Speichersee umgehend ausprobiert und festgestellt. Nur einige hundert Meter später wandern wir schließlich um den See, der eigentlich ein gut besuchtes Ziel in den Kitzbühler Alpen ist. Heute aber sind wir die Einzigen, haben die mystisch schöne Stimmung ganz für uns allein. Und selbst auf dem Abstiegsweg hinab nach Fieberbrunn begegnen wir nur einigen Kühen, die interessiert zu uns rüberschauen, um sich gleich darauf schon wieder grasfressend dem schlechten Wetter hinzugeben.

Kitzbühler Alpen: Wo Kräuter wachsen und Bienen fliegen

Der neue Tag beginnt wie der gestrige endete. Wir aber haben dazugelernt: Die Regenjacken sind schon wieder getrocknet, die Gummistiefel stehen bereit und auch unser Tagesprogramm ist den Wetterverhältnissen angepasst. Nach einem ausgedehnten Frühstück geht es deswegen ganz ohne Stress hinauf auf die Bergwiesen rund um den Pillersee.

Birgit Schwaiger lebt auf über 1000 Metern Höhe in den Kitzbühler Alpen. Eigentlich könnte man von ihrem uralten Hof einen wunderbaren Blick über Fieberbrunn genießen – natürlich wieder mit den Loferer, diesmal aber auch mit den Leoganger Steinbergen im Panorama. Eigentlich! „Macht nix,“ stoßen wir Erwachsenen uns da an. Die Kinder sind dabei aber längst schon auf Erkundungstour.

Blumen und Kräuter. Katzen, Hühner und Hunde. Uns bleibt derweil ein wenig Zeit, um Birgit etwas besser kennenzulernen. Ihr ganzes Leben hat sie auf Bergbauernhöfen wie diesem gelebt – und so war es für sie schon als Kind selbstverständlich, die umliegende Natur nicht nur als Spielplatz, sondern eben auch als Apotheke zu nutzen. Erst aber die Ausbildung zur Kräuterpädagogin hat ihr klargemacht, dass dieses Wissen tatsächlich vom Aussterben bedroht ist. Seitdem bietet die „Kräuterfee“ das ganze Jahr über Kurse an – denn schließlich gibt es immer etwas zu tun. Birgit versteht aber nicht nur viel von den Wildkräutern der Kitzbüheler Alpen, sondern auch von Kindern. Von Anfang an lauschen ihr die Kids wie gefesselt. „Wie macht sie das nur?“, wirft da der Papa in blickform zur Mama hinüber. Schulterzucken.

Kräutersammeln in den Kitzbühler Alpen

Keine anderthalb Stunden später verlassen wir Birgits urige Kräuterküche. Wir haben eine Zahnpasta angerührt. Eine Salbe gegen die kleinen Wehwehchen des Alltags hergestellt. Und unser Wissen über die Alpenpflanzen ganz gehörig aufgefrischt. Selbst die Jüngste war aufmerksam bei der Sache: Eine Brennnessel hat sie beim Kräuterpflücken erwischt, weswegen sie schon bald auf der Wiese vor unserer Ferienwohnung Spitzwegerich sammelt. Zerdrückt und verrieben lindern die Blätter den Juckreiz, hat die Sechsjährige heute gelernt. Gleich eine ganze Handvoll findet dabei den Weg in die Regenjackentasche. „Ersatzspitzwegerich!“ Man wisse ja nie.

Bienenwissen für Groß und Klein im Pillerseetal

Am Nachmittag hat sich das Wetter nur unwesentlich gebessert. Dunkle Wolken. Nieselregen. Aber nach dem Besuch bei der Kräuterfee verspüren wir eben auch den Drang, die Natur mit all ihren Wundern näher kennenzulernen. Also: Macht nichts! Ab ins Auto und rüber ans nördliche Ufer des Pillersees. Dort tauchen wir auf dem kleinen, aber feinen Bienenlehrpfad in die Welt der schwarzgelben Helferlein. Auf Schautafeln wird Groß und Klein das Wissen über die Nützlinge nähergebracht – ganz egal ob es nun regnet oder nicht. Zugegeben, auf dem Pfad selbst fliegt uns bei diesem Wetter keine Biene über den Weg, doch plötzlich kommen wir den Insekten doch ganz überraschend nahe: Beim Öffnen einer Holzklappe darf man nämlich direkt ins Innere eines Bienenkastens blicken. Nur noch eine Glasscheibe trennt uns Zuschauer dann von tausenden fleißigen Bienen, die sich nicht im Geringsten von uns stören lassen. Der Lehrpfad ist nur 500 Meter lang und führt durch leicht hügeliges Wald- und Wiesengelände. Mit den Infotafeln, dem Bienenkasten, einer Holzhütte, in der es einiges zu entdecken gibt, und den vielen liebevollen Details am Wegesrand, eignet sich der kleine Spaziergang dennoch bestens für jede noch so kurze Regenpause.

Kitzbühler Alpen: Das Jakobskreuz

Auf der Rückfahrt erspähen wir dann in einer kleinen Wolkenlücke überraschend das mächtige Jakobskreuz. Wie groß es tatsächlich ist, können sich die Kinder nicht wirklich vorstellen. Also beschließen wir, uns am nächsten Tag ein eigenes Bild davon zu machen.

Pillerseetal: Der Vorhang fällt

Mittlerweile haben wir uns angefreundet, mit den Wolken im Pillerseetal. Sie tun uns ja nichts, verleihen der Umgebung einen mystischen Touch und lenken unsere Blicke auf die kleinen Dinge, die wir sonst nur zu schnell aus den Augen verlieren. Trotzdem aber zaubert uns der Wetterbericht ein Lächeln ins Gesicht: Sonne satt und warme Temperaturen! Die Wolken geben nun doch noch den Blick frei! Endlich bekommen wir die Steinberge zu Gesicht, die wilden Grate und spitzen Felstürme. In den sonst so sanften Kitzbüheler Alpen sind es gerade diese Kontraste, welche der Landschaft ihren einmalig schönen Charakter verleihen.

Mit dem E-Bike wollen wir heute das Pillerseetal erkunden. Die Elektro-Esel sind nämlich – gemeinsam mit einem Anhänger für die Kids – das passende Fortbewegungsmittel, um möglichst viel an einem Tag zu entdecken. Die Buchensteinwandrunde soll es sein, auch wenn die Auswahl bei der Vielzahl lohnender Routen zugegebenermaßen nicht einfach fiel. Aber 20 meist flache Kilometer und ständig neue Ausblicke möchten wir uns einfach nicht entgehen lassen. Also rauf auf die Bikes und an Wiesen, Kühen und Schweinen vorbei, bis zum kleinen Wiesensee. Hier wird die erste Entdeckungspause eingelegt. Ein Kneipp-Becken. Ein abstraktes Kunstwerk. Natürlich das kühle Nass. Und jede Menge Spitzwegerich. Man wisse ja nie.

Hoch hinaus, dank der Pillersee Card

Nach dem Wiesensee legen wir einen kleinen Abstecher ein und besuchen den Pillersee. Ganz anders als noch gestern schillern heute froh die Farben. Im klaren Wasser schwimmen Enten und Forellen und das verdiente Eis schmeckt in der wärmenden Sonne gleich doppelt so gut. Unter den mächtigen Hörnern – Ulrichshorn, Rothorn, Mitterhorn, Reifhorn und Ochsenhorn – schieben uns die Akkus nahezu mühelos um die Buchensteinwand.
Erst, als wir schon fast wieder Fieberbrunn erreichen, parken wir die Räder und tauschen die Sattel gegen Sessel.

Dank der Pillersee Card gondeln die Kinder im Herbst 2022 sogar kostenlos. Noch dazu ist die All-Inclusive-Karte nicht nur hier am Pillersee, sondern auch in vielen der umliegenden Regionen der Kitzbüheler Alpen gültig. So schweben wir dem beinahe 30 Meter hohen Jakobskreuz entgegen. Minute zu Minute wird es gigantischer – ein beeindruckendes Bauwerk, selbst für uns Großen. Oben angekommen, finden wir uns schon bald im Inneren des Jakobskreuzes wieder. Durch die riesigen Panoramascheiben erfreuen wir uns an einmaligen Ausblicken – die beiden „Querbalken“ des Kreuzes lenken dabei geschickt unsere Blicke in alle vier Himmelsrichtungen. Jeweils vier Aussichtsterrassen befinden sich auf den Dächern dieser Ausleger und selbst der höchste Punkt, die oberste Plattform des Kreuzes, ist mühelos über eine Treppe zu erreichen.

Dort oben stehen wir, schauen uns um. Entdecken jetzt endlich doch noch den Wilden Kaiser. Im Süden sogar den Großglockner. Nicht weit von uns entfernt, da können wir den Speichersee erblicken – jenen Ort, an dem meine Kinder feststellten, dass eine Wolke ja nach gar nichts schmeckt. Und weit, weit unter uns schillert der Pillersee. Ein wahrhaftig eindrücklicher, ein wunderbarer Familienmoment. In den Kitzbüheler Alpen. Auf dem größten Gipfelkreuz der Welt.