Klettern, Kultur und Karrenz

Bergführerin Lisi Steurer im Portrait

„Es geht um die Weitsicht, die vom Gipfel erlebbar ist,“ erklärt Bergführerin und Neu-Mama Lisi Steurer die Faszination Berge während ihre vier Monate alte Tochter Heidi mit großen Augen fasziniert das Treiben in der Gaststube der Karlsbader Hütte beobachtet. Ein Gespräch über Learnings als Neu-Mama und die Leidenschaft für Berge und Menschen.

„Das Mama-Dasein hat einiges verändert, beispielsweise als dass ich lernen musste, noch effektiver zu werden,“ erklärt Steurer auf die Frage was die ersten Learnings als Mutter wären. In Lisi‘s Leben dreht sich seit Ende März primär alles um Tochter Heidi. Die ohnehin schon knappe Zeit im Leben der umtriebigen Bergführerin und Bergschulbesitzerin gilt es nun noch effizienter zu gestalten. Zwar fängt die Top-Alpinistin und -Kletterin jetzt vier Monate nach der Geburt wieder langsam an, mehr Zeit in den Bergen zu verbringen und selber klettern zu gehen, aber: „Ich muss mir dabei immer die Frage stellen: Was ist wichtig und was würde ich gerne tun.“

Pflicht und Kür, Arbeit und Vergnügen, mit einem Neugeborenen, das alle drei Stunden gestillt werden will, unter einen Hut zu bekommen ist schwierig. Steurer nimmt die Herausforderung an: „Ich muss besser planen und daraus entsteht mehr Effizienz als vorher.“ Das Gespräch findet auf der Hüttenterrasse der Karlsbader Hütte statt – für Lisi einer der ersten Arbeitstage nach der Geburt ihrer Tochter. Die sitzt derweil dick eingemummt auf ihrem Schoß und schaut neugierig in die Welt der Lienzer Dolomiten. Ihr Partner Felix, ebenfalls Bergführer, hat in der Hüttenstube Platz genommen und isst schnell, damit er dann in Ruhe seine Tochter übernehmen kann. Elternzeit und geteilte Elternschaft wie man sich diese nur in ganz romantischen Momenten und lediglich insgeheim ausmalt. Für das Elternpaar Steurer/Tschurtschenthaler ein Normalzustand. „Wir nehmen zur Zeit unsere Tochter überall mit hin, wir probieren das jetzt mal und schauen wie sich das entwickelt, aber aktuell geht es super, weil die Heidi extrem gechillt ist, wir wundern uns da oft selbst“, erklärt Lisi Steurer das Modell und freut sich. Wie cool Baby Heidi ist, erläutert Mama Lisi gerne und mit stolz. Da wäre beispielsweise das jährlich stattfindende Bergsportforum „Vertical Arena“, das Lisi und ihr Südtiroler Partner Felix, gemeinsam leiten. Auch dieses Jahr fand die Veranstaltung wieder statt, Heidi war mit dabei und hat sich inmitten der Crème de la Crème der Alpinszene pudelwohl gefühlt. Ob das Kind mal ein Partymädel, Eventmanagerin oder Bergführerin wird – man weiß es nicht. Aber eines ist sicher: Das Kind hat die Ruhe und Besonnenheit von zwei Menschen geerbt. Just kommt Felix an den Tisch um seine Tochter zu übernehmen – für mehr Ruhe,  wobei Heidi bis jetzt ohnehin lediglich für jeden ein Lächeln übrig hatte. Lisi überreicht das kleine Bündel an den Papa und erzählt von der Veranstaltung in Felix‘ Heimat Südtirol. „Wir leiten das Event im Auftrag vom Tourismusverein Sexten und laden dafür jedes Jahr bekannte Bergsteigerinnen und Bergsteiger ein, mit denen wir auch privat vernetzt sind.“ Sie bekommen die Möglichkeit einen Vortrag zu halten. Über das Vortragsthema wird dann im Anschluss in einer Gesprächsrunde diskutiert. Dieses Jahr hatten die beiden unter anderem den Schweizer Extrembergsteiger Dani Arnold eingeladen. Er sprach über seinen Rekord an der Nordwand der Großen Zinne im September 2019. Dem 36-Jährigen war es gelungen, die Comici-Dimai-Route in unglaublichen 46 Minuten und 30 Sekunden zu durchsteigen. Um besser zu verdeutlichen, was der Schweizer hier hingelegt hat, muss erwähnt werden, dass es sich hier um eine  500 Meter lange Klettertour im 7. Grad handelt. Gängige Kletterführer geben dafür 6 Stunden reine Kletterzeit an … Die Diskussion im Anschluss war sicherlich interessant und vielschichtig. Nicht zuletzt, weil Lisi Steurer das Bergsteigen als ein ganzheitliches Erlebnis betrachtet. Das Prinzip „Höher, Weiter, Schneller“ wie es die Medien und Sponsoren vielfach multiplizieren, ist so gar nicht Steurers Verständnis. Ein Grund weswegen sie sich gegen eine Karriere als Profi-Sportlerin entschieden hat und stattdessen den Weg als Profi-Bergführerin einschlug.

„Der Fokus liegt nicht mehr auf schwerem Klettern, sondern darauf, dass es der Heidi gut geht“
(Lisi Steurer)

Lisi Steurer: Vom Kletterausnahmetalent zur Bergführerausbildnerin
Ihre erste Begegnung mit den Bergen und wohl die Initialzündung für eine beispiellose Alpin-Karriere hatte Lisi in den Lienzer Dolomiten: „Mit fünf Jahren haben mich meine Eltern mit auf eine Bergtour auf den Roten Turm mitgenommen, das war ein großes Abenteuer für mich. Allein schon das frühe Aufstehen um vier Uhr morgens und dann die  Fahrt zur Dolomitenhütte. Von dort sind wir dann hierher aufgestiegen und auf den Roten Turm über eine leichte Kletterroute geklettert. Meine Eltern waren keine Kletterer sondern Bergsteiger. Und irgendwie hängt auch mein Herz mehr beim Bergsteigen als an einer schweren Sportkletterroute.“ Was sie aber nicht davon ferngehalten hat eine der besten Kletterinnen weltweit zu werden. Steurer war viel mit Ines Papert unterwegs. Unter anderem gelang den beiden Kletterinnen 2011 die dritte Begehung der Mixed Route „Illuminati“ (M11+, WI 6+) im Langental/Dolomiten. Auch viele Erstbegehungen und Routeneröffnungen kann Lisi Steurer für sich verbuchen, wie die „Hakuna Matata“ eine 400 Meter Alpinroute am Taè/Ampezzaner Dolomiten in der Schwierigkeit 8a (unterer 10. Grad). Auch an vielen Expeditionen war Lisi beteiligt, was eine Karriere als Profi-Bergsteigerin jetzt sehr nahe legen würde. Aber nicht so Lisi. „Ich habe mich bewusst gegen eine Profi-Sportler-Karriere entschieden, damit ich weiterhin frei sein kann in der Wahl meiner Expeditionen und Kletterrouten.“ Entsprechend entschied sie sich für den Beruf Bergführer. Denn, dann ist sie ebenfalls in den Bergen unterwegs, kann ihre Leidenschaft anderen Menschen näher bringen und in ihrer Freizeit machen was sie will. Was die Frage aufkommen lässt, ob die Eltern mit der Berufswahl ihrer Tochter auch einverstanden waren? „Meine Eltern hätten mich wohl lieber als Lehrerin oder Beamtin in einem sicheren Umfeld gesehen. Der Beruf als Bergführerin birgt natürlich einige Gefahren in sich. Meine Freunde hatten wohl nie Bedenken als ich den Berufswunsch geäußert habe, zumal sie mich auch immer dabei unterstützt haben. Naja, und die meisten von ihnen sind ja selber als Bergführer tätig.“ Und die Eltern, die sind bestimmt nach über 15 Jahren Berufserfahrung beruhigt… 

Ort: Osttirol

Sport – Kultur – Berge und die Arbeit mit Menschen
Lisi liebt was sie tut, einen anderen Beruf als in den Bergen zu arbeiten, könnte sie sich nicht vorstellen. Die Osttirolerin kann draußen, in der Natur arbeiten, ein Privileg, das sie zu schätzen weiß. „Zudem arbeite ich gerne mit Menschen und ich muss in meinem Beruf  wichtige Entscheidungen treffen – das fasziniert mich. Genau in der Reihenfolge.“ Jetzt muss man aber erwähnen, dass Frauen im Beruf des staatl. geprüften Berg- und Skiführers nach wie vor eine Seltenheit darstellen. Bergführen ist nach wie vor eine Männerdomäne und die wenigen Bergführerinnen erzählen zuweilen von lustigen bis beschämenden Erstkontakten mit ihren Gästen am Treffpunkt. Nach über 15 Jahren Berufsalltag am Berg als Frau, da kommt die Frage nach Veränderungen im Frauenbild auf. Lisi glaubt, dass die Toleranz der Menschen gegenüber „Ungewöhnlichem“ generell gestiegen ist. „Von daher werde ich jetzt als Frau in einer Führungsrolle vielleicht anders gesehen als zu Beginn.“ Primär, und das ist Steurer wichtig, ist sie aber damit beschäftigt einen guten Job zu machen, weswegen sie selten darüber reflektiert wie es früher mal war. Auch die ganze Männer-Frauen-Diskussion missfällt Lisi, sie mag auch nicht in Klischees denken. Eine wichtige Eigenschaft, die ihr als Ausbildnerin in der österreichischen Bergführerausbildung sicherlich hilft, nicht zuletzt bei den jungen Frauen, die den Mut haben und sich für diesen Berufszweig entscheiden. Was sie denn den jungen Bergführerinnen raten würde, wäre interessant: „Frauen, scheut euch nicht in eine sogenannte Männerdomäne einzutauchen. Es geht nämlich nicht um Männer oder Frauen in dem Beruf, sondern um die Menschen. Und mit Menschen zu arbeiten  – das macht Spaß!“

Steurer: Die Ausbildnerin und Kulturliebhaberin
Lisi wurde im Oktober 2014 zur Ausbildnerin der österreichischen Bergführerausbildung bestellt, eine von vielen „Nebentätigkeiten“ mit viel Verantwortung. Denn Lisi hat auch ein fünfjähriges Masterstudium mit den Schwerpunkten Sport-, Kultur- und Eventmanagement an der FH Kufstein absolviert. Eine Tatsache, die ihr nicht nur in der Gestaltung und Durchführung der eigenen Bergschulangebote nützlich ist, sondern die ihr auch zahlreiche weitere Aufgaben einbringt. So ist die frischgebackene Mutter seit 2012 verantwortlich für die Piolet d‘Or-Kommunikation im deutschsprachigen Alpenraum und seit 2013 externe Lektorin der Fachhochschule Kufstein, an der sie selbst studierte. Wenn Sie als Ausbildnerin für angehende Bergführer tätig ist, dann ist ihr wichtig, dass sich der Bergführernachwuchs darüber im Klaren ist, das sie gerne mit Menschen arbeiten müssen, das sie eine Führungsrolle inklusive allen Konsequenzen übernehmen müssen. Steurer weist auch darauf hin, dass womöglich bei einer schlechten Saison auch mal wochenlang kein gutes Einkommen zu erwirtschaften sei. Die körperliche Fitness setzt Lisi voraus, ihr sind die menschlich-sozialen Fähigkeiten wichtiger. Vielleicht rührt diese Einstellung von ihrem Studium her: Sport, Kultur und Eventmanagement – alles hat mit Menschen zu tun und so Steurer: „Die Parallelen zwischen Berg, Sport und Kultur faszinieren mich. Für mich ist der Alpinismus mehr als nur Sport.“ Beim Bergsteigen geht es Lisi nicht nur um Zahlen und Rekorde. „Es geht um die Weitsicht, die vom Gipfel erlebbar ist.“ Ganz anders als bei anderen Sportarten, wo schon die Zahlen dominieren. „Außerdem“, so Steurer weiter, „habe ich die wichtigsten Menschen in meinem Leben – meinen Partner Felix inklusive – beim Bergsteigen getroffen und kann mit ihnen meine Leidenschaft teilen. Felix ist akademischer Künstler und hat seine Arbeiten ebenfalls auf die Bergkultur fokussiert. Das ist wohl auch ein Grund warum die Kultur für mich sehr wichtig geworden ist.“ Wer weiß vielleicht wird die Tochter der beiden eine kletternde Künstlerin, die die Bergwelt und die Menschen in den Bergen -egal ob Männer oder Frauen – mit einem charmanten Lachen komplett auf den Kopf stellt. Es bleibt spannend, genauso wie die Kletterprojekte der Mama Lisi Steurer, die am Roten Turm bei der Karlsbader Hütte auf sie warten. Genau dort, wo vor gut 35 Jahren alles begann.

Text: Susa Schreiner

Rund um die Karlsbader Hütte in den Lienzer Dolomiten erheben sich prächtige Gipfel gen Himmel, die mit schönen Klettereien um jeden Bergsteiger buhlen. Das Gebiet ist für Alpinkletter-Novizen ideal. Lisi Steurer und ihre Bergführerkollegen bieten regelmäßig Wochenendprogramme an, die ideal aufgebaut von der Trittschulung über Knotenkunde bis hin zur ersten Alpinkletterei mit Gipfelerlebnis, alles bieten. 



Voraussetzung:
Eine gute Kondition, Bergwandererfahrung, Schwindelfreiheit und Klettertechnik beispielsweise vom Sport- oder Hallenklettern. Lisi und ihre Kollegen klopfen aber ohnehin noch einmal das Wissen vor Ort ab und schauen bei der ersten Trittschulung genau hin. Überhaupt legt Lisi viel Wert auf eine Trittschulung, denn gerade bei leichten Klettereien und Graten im zweiten und dritten Grad ist die Kletterei selbst wenig anspruchsvoll, aber dafür die Zu- und Abstiege in alpinem Gelände zuweilen sehr herausfordernd. 

Definitiv eine gute Möglichkeit sein eigenes Wissen und seine eigene Technik noch zu verbessern und auszuweiten. Und mit einer Tour beispielsweise über die „Bügeleisenkante“ an der „Kleinen Laserzwand“, ein grandioses Erlebnis – wenn man gut gesichert am Seil des Bergführers über den luftigen Grat rund 300 Meter nach oben klettert. Und wenn Wetter und Kondition passen, dann kann man auf Lisis Kindheitsspuren sogar noch den „Roten Turm“ dranhängen. Aber Achtung: Es besteht akute Suchgefahr, eventuell landest Du dann früher oder später bei der Ausbildnerin Lisi Steurer und wirst selbst Bergführer oder Bergführerin.

Infos zu Kursprogrammen und geführten Touren unter:
www.lisisteurer.at


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