MENSCH für/ohne/gegen/mit NATUR

„Naturschutz“ – ein großes Wort, das uns Bergfreunde hellhörig werden lässt.
Heute bestreitet niemand mehr, dass die Alpen in Gefahr sind. Klimaerwärmung, Tourismus und andere wirtschaftliche Faktoren nagen täglich an ihnen. Damit sollte aber Schluss sein, als der Mensch den Naturschutz erfand. Alle würden davon profitieren. Von der Idee nicht nur in und von der Natur zu leben, sondern sie dabei auch noch zu erhalten.

Die Idee
In den deutschen Alpen wurden letzten Sommer über 6000 Bäume gepflanzt und fast zehn Kilometer Wegstrecke saniert. Nicht von Förstern oder Waldarbeitern. Sondern von 140  ehrenamtlichen Helfern, die von überall her kamen um ihren Beitrag zu leisten.
Zugegeben: pro Nase ist das ein kleiner, ein sehr kleiner Beitrag. Aber sind wir in einem gigantischen Bergwald das nicht auch selbst?

Der Deutsche Alpenverein und seine Aktion Schutzwald, in dessen Rahmen die Bäume gepflanzt und Wege saniert wurden, packt trotzdem an. Denn mit mehr als
1,2 Millionen Mitgliedern kann man viel bewegen! Sehr viel!

Die Realität
140 Freiwillige von über 1,2 Millionen. Das sind kaum mehr als 0,01 %.
Als ich den steilen Pfad bergauf hechle, versuche ich mir diese Zahl wieder aus dem Kopf zu schlagen. Auf meiner Schulter liegt schwer eine Motorsäge, in der Hand halte ich eine Hacke.
Wir sind zu siebt. Mehrere Sägen, Hämmer, einen Spritkanister und Unmengen Nägel schleifen wir so den Berg hinauf. Als ich beschloss die Aktion Schutzwald zu besuchen, habe ich mir Naturschutz noch anders vorgestellt.

Josef, unser Leiter der Aktionswoche, ist Berufsjäger. Für die Bayrischen Staatsforsten hält er den Wildbestand gering. Einer seiner abgelegenen Hochsitze ist aber längst verfallen und so machen wir es zu unserer Aufgabe, ihn wieder aufzubauen. 


Die Helfer
Schweißperlen stehen uns auf der Stirn, als wir den Hochsitz erreichen. Nur noch einige vermoderte Bretter sind übrig. Noch schlimmer hat es die Zustiegsleiter erwischt, die über eine Felswand einen gedeckten Zugang zum Sitz ermöglichen sollte.
Josef checkt die Lage, schaut sich um und wir bekommen endlich richtig was zu tun.
Wir, das sind Volker, Frank, Manuela, Robert, Florian und ich, sind alle aus dem selben Grund hier. Jeder von uns opfert eine Woche Urlaub, um im Wald Knochenarbeit zu leisten. Volker (53) aus Kleinbottwar und Frank (52) aus dem Sauerland sind schon zum zweiten Mal dabei.
Aus der Stuttgarter Gegend kommt auch Manuela, die einzige Frau in der Gruppe.
Robert ist der älteste. Mit stolzen 72 Jahren hat er sich – wie die vielen Jahre davor auch schon – einiges vorgenommen. Aber wenn er mal nicht mehr so gut kann, dann hilft uns allen seine humorvolle Art.

Dann ist da noch Florian. 31 Jahre jung ist er, von Beruf Tätowierer, wohnt direkt im Tal und greift Josef immer wieder gerne unter die Arme. Auch er mag den Ausgleich, den Kontrast hier draußen. Die Ruhe und Ursprünglichkeit, die der Wald ausstrahlt.

Wir fällen einige kleine Bäume, sägen direkt aus den Stämmen unser Bauholz und nageln eine neue Sitzgelegenheit sowie ein Dach zusammen. Schwerstarbeit im steilen Bergwald!

Das Problem
Was genau ein Hochsitz mit Naturschutz gemein hat, leuchtet auf den ersten Moment vielleicht nicht ein. Aber die Antwort ist simpel: Das Wild verbeißt das junge Holz, der Wald erholt sich davon nur schwer. Die Folge sind vermehrter Steinschlag und Murenabgänge, ja sogar Felsstürze und Lawinen, die Tallagen erreichen können.

Aufforstung scheint hier auf den ersten Blick die ökologischste Lösung zu sein. Aber der Aufwand ist enorm, wirtschaftlich oft nicht tragbar. Frische, junge Triebe werden sofort wieder niedergefressen. Ein Biss kann schnell zehn Jahre Wachstum vernichten. Nun könnte man meinen, der Wald würde sich schon selbst helfen und ja, das würde er auch. Hätten wir nicht schon vor langer Zeit die großen Beutegreifer wie Luchs und Wolf nahezu ausgerottet.

Die Lösung
Die Jäger der Bayrischen Staatsforsten regulieren den Wildbestand, bis der Wald wieder wachsen kann. Eine Aufgabe mit vielen Hürden. Verfallene Hochsitze und das steile Gelände, über das erlegte Tiere abtransportiert werden müssen, sind dabei aber das kleinste Problem. Viel schwerer wiegt ein Interessenkonflikt zwischen Berufsjägern und  Trophäen-Schützen, von Josef gerne auch als „Knochensammler“ bezeichnet.

Während wir auf der Nordabdachung des Bergkammes unter Leitung der Bayrischen Staatsforsten aktiven Naturschutz betreiben, toben sich auf der Südseite private Waldbesitzer bei der Jagd aus. Und damit auch immer ein kapitaler Hirsch erlegt werden kann, werden die Tiere angefüttert, regelrecht gezüchtet. Koste es was es wolle.

Die Folge
Der Wald auf der Südseite hat das Nachsehen, verkommt mehr und mehr. Nachhaltigkeit sieht anders aus! Nicht nur, dass der Wald und besonders der Boden leidet. Die Überpopulation hat gravierende Ausmaße angenommen. Seuchen breiten sich aus. Es muss sogar schon jedes erlegte Tier auf Tuberkulose getestet werden. Das Gleichgewicht ist längst aus den Fugen geraten.

Die Gegenwart
Interessenkonflikte wie hier gibt es überall in den Alpen. Der Naturschutz ist ein politisches Instrument, ein Druckmittel und oft genug auch schlicht eine Farce.

Luftaufnahmen in Naturschutzgebieten könnten schon längst mit kleinen Drohnen erstellt werden. Genehmigungen sind aber überaus schwierig zu bekommen, das Wirrwarr im Behördenjungel kaum überschaubar. Und so donnert man dann doch einfach wie gewohnt mit Helis über die Berge: Mehr Lärm, mehr Abgase und ein wesentlich größerer Schattenwurf, der die Tiere aufschreckt.

Der Schrecksee bei Bad Hindelang liegt im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen. Zelten ist dort verboten. Und trotzdem kommen ganze Campinggruppen, manchmal 80 Personen und mehr. Sie wollen die Natur erleben und genießen, ja. Aber sie stören das System, lassen ihren Müll dort oben liegen und waschen sich sogar mit Shampoo im See!

Der Konflikt
In Hinterstein bei Bad Hindelang verhärten sich die Fronten skurrilerweise schon zwischen Naturschützern und Naturschützern. Ein geplantes Wasserkraftwerk sollte den Ort, der um ein Haar den Titel „Bergsteigerdorf“ erhalten hätte, vollständig mit Energie versorgen. Das Prädikat Bergsteigerdorf erhalten Ortschaften die besonders nachhaltigen und schonenden Tourismus betreiben. Doch der DAV weigerte sich den Titel zu vergeben, sollte das Kraftwerk gebaut werden. Denn das Werk wäre in einer äußerst sensiblen Umgebung errichtet worden.

Letztendlich wurde im Herbst das Projekt als nicht genehmigungsfähig vom Tisch geräumt. Es wird vorerst kein Wasserkraftwerk geben. Bergsteigerdorf ist Hinterstein aber bis heute nicht.

Wer hat den Sieg nun davongetragen?

Die Zukunft 
Der Tourismus in den Alpen boomt. Ob Hinterstein Bergsteigerdorf wird oder nicht.
Das Werk dort wäre kaum sichtbar gewesen, hätte Hinterstein vielleicht sogar als Vorreiter dastehen lassen können. Sicher, der Titel hätte noch mehr Touristen angelockt. Aber die DAV Sektion Allgäu-Immenstadt hatte zumindest die Hoffnung, dass die zusätzlichen Besucher ohnehin schon sensibilisiert und umweltbewusster gewesen wären. Das hätte sich positiv auf die Situation am Schrecksee auswirken können. Ein Kompromiss wäre also sinnvoller gewesen, als einfach alles auf Eis zu legen. So wie ein genehmigter Drohnenflug im Naturschutzgebiet kaum ein Tier stören kann.

In der Nähe von Kreuth am Tegernsee wurde so ein Kompromiss gefunden. Zwei Wasserkraftwerke werden dort vom Mühlbach angetrieben. Und trotzdem fühlen sich hier Forellen, Biber und Eisvögel wohl. Blanke Ironie, dass Kreuth erst kürzlich zum Bergsteigerdorf gekürt wurde.

Der Wald
Ich hieve einen fünf Meter langen Baumstamm durch den Wald. Alle packen mit an und wenig später steht die Leiter. Wir sind stolz. Wie immer bedeutet Naturschutz, dass alle am selben Strang ziehen. Drüben lachen sich die Knochensammler aber wahrscheinlich ins Fäustchen, faken problemlos ihre Abschusslisten und machen weiter wie bisher.

Wir arbeiten trotzdem hart weiter. Nach dem Motto „Wald vor Wild“.
Ein ausgewachsener Laubbaum stabilisiert nicht nur den Waldboden, liefert schattigen Lebensraum und filtert die Luft. Er bindet 15 Kilogramm Kohlendioxid. Er verdunstet  400 Liter Wasser und senkt so die Lufttemperatur. Er produziert genug Sauerstoff für 20 Personen. All das vollbringt er jeden Tag. 

Infos und Anmeldung zum Projekt und den Aktionswochen „Aktion Schutzwald“:
www.aktion-schutzwald.de

Text und Bilder: Benni Sauer

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