Nachtschicht für die perfekte Piste

Was passiert eigentlich im Skigebiet, während wir im Bett liegen?

Es ist Mitternacht. Über uns erstreckt sich ein Sternenhimmel par excellence. Ringsum tummeln sich Lichter – einige bewegen sich, einige stehen still. Ein Licht sieht sogar aus als würde es sich in der Dunkelheit langsam auf den senkrechten Weg gen Stratosphäre machen, dabei nutzt es die steilen Hänge der umliegenden Berge, die Nachts optisch mit dem schwarzen Himmel verschwimmen und eine Illusion erzeugen. Weiter unten, circa 500 Meter unter uns, erstrahlt ein Lichtermeer, das zwei Ortskerne erhellt. Was sich dort unten gerade so abspielt? Wir wissen es nicht, denn wir stehen mitten in der Stille der Nacht, um uns herum absolute Ruhe und der Duft des Winters.

Wir befinden uns am Reiterkogel in Saalbach Hinterglemm. Während hier Skifahrer bis 17:00 Uhr ihre Schwünge in den Schnee gezogen haben, schlief die Pistencrew, denn ihre Arbeit beginnt, wenn andere ihren Tag langsam ausklingen lassen und die Füße hochlegen. Nachdem die Gondeln eingefahren sind und die Pisten leer werden, treffen sich die „Schneiber“, also diejenigen, die für die technische Schneeerzeugung zuständig sind, mit dem stellvertretenden Betriebsleiter Christopher Kendler, um ihren heutigen Einsatz zu planen. 

Während der Nachtschicht werden die Pistenraupen gewartet und gepflegt. Dafür gibt es bei der Mittelstation am
Reiterkogel eine eigene Raupengarage.

„Wir vermessen das Gelände bereits im Sommer. Entweder per Hand oder mit einer Drohne. So haben wir die Oberflächen des Bergs dreidimensional und können so unsere Einsätze viel besser planen“, erzählt Christopher. Wie ich später zu sehen bekomme, schicken die Pistenraupen mittels GNSS-Gerät, das die aktuelle Schneehöhen misst, immer aktuelle Daten in das System. So weiß die gesamte Pistencrew zu jeder Zeit, wo bereits genug Schnee liegt und wo noch etwas mehr nötig ist. 

Nun geht es für mich auf den Berg. Umso höher wir fahren, umso kälter aber auch umso stiller und schöner wird es. Nach circa 15 Minuten kommen wir im Basislager der Pistenraupenfahrer und „Schneiber“ an und ich hüpfe vom Quad direkt zu Roland Fritzenwanker in die warme Kabine seiner Pistenraupe. 18 Jahre lang ist Roland bereits Raupenfahrer und er macht seinen Job, wie er sagt, immer noch gerne. Man spürt die Begeisterung für das schwere Gerät, das er im Winter fast jede Nacht über die Berge manövrieren darf, um für den nächsten Morgen wieder den perfekten Feinripp auf die Pisten zu ziehen. 

Christopher Kendler geht mit seinem Team die aktuellen Daten durch. Gemeinsam planen sie noch am Computer in der
Talstation den heutigen Einsatz. 

„Wir arbeiten immer vier Nächte und haben dann eine frei. So ist unser Dienstrad. Die Schicht beginnt für uns um 17:00 Uhr und je nachdem, in welchem Zustand die Pisten sind, sind wir zwischen 22:00 und 00:00 Uhr mit dem ersten Teil unserer Arbeit fertig. Bis dahin sollten alle Unebenheiten beseitigt sein“, erklärt mir Roland, während ich interessiert den bunten Bildschirm vor ihm beobachte. „Das ist ein GNSS-Gerät. Es misst die Schneehöhe und schickt die Daten über einen Satelliten zum System, damit wir immer im Überblick haben, wo wir mehr technischen Schnee brauchen.“ So kommt die Pistencrew zu seinen Daten für die Einsatzplanung. Aber nicht nur das. 

Die Kunst der Schneeerzeugung
Durch diese intelligente Schneehöhenmessung werden durch die verbesserte Effizienz Ressourcen wie Fahrzeugstunden und Wasser in Form von durch die Schneekanonen produzierten Schnee eingespart, den man, wie ich in dieser Nacht gelernt habe, fälschlicherweise als Kunstschnee bezeichnet. Es ist zwar – wie ich finde – eine wahre Kunst den perfekten Schnee zu erzeugen, künstlich ist daran aber nicht viel. Der gesamte maschinell erzeugte Schnee im Skicircus Saalbach Hinterglemm Leogang Fieberbrunn kommt nämlich, wie mittlerweile zum Glück schon fast überall, ganz ohne zugesetzte Chemikalien aus. Die gesamte technische Beschneiung wird aus Quell-, Regen- und Schmelzwasser gespeist. Außerdem wird dabei das Wasser nicht einmal verbraucht, sondern durch einen intelligenten Wasserkreislauf nur genutzt, da der geschmolzene Schnee im Frühling  und Regenwasser im Sommer die Speicherteiche wieder auffüllt. 

Beim Aufstellen der mobilen Schneekanonen müssen „Schneiber“ und Pistenraupenfahrer eng zusammenarbeiten. 

Ganz nebenbei spielen die Speicherseen auch eine wichtige Rolle im Hochwasserschutz, denn sie können extreme Niederschlagsmengen zwischenspeichern und nach einem Hochwetter über Stauanlagen langsam abfließen lassen. 

Aber nun wieder zurück zu Rolands Nachtschicht. Was passiert nach Mitternacht, wenn es schneit? „Wir haben den Wetterbericht immer im Auge. Wenn es schneit, sitzen wir um 04:00 Uhr wieder in unseren Raupen und schieben den Neuschnee von der Piste, damit bis zum Betriebsstart alles wieder perfekt präpariert ist.“

Mittlerweile hat Roland den Übungshang bei der Mittelstation fertig und ich will noch wissen wie eine Pistenraupenfahrt im Steilhang aussieht. Ein kurzer Funkspruch kündigt mich bei Wolfgang Kendler an. Er fährt eine Windenraupe und nimmt mich mit auf eine steile Abfahrt. 

Wolfgang Kendler hat in seiner Fahrerkabine den Überblick über alles, was rund um ihn und unter der Pistenraupe passiert. 

Achtung Lebensgefahr!
Warum die Pisten nachts gesperrt sind. 

Wolfgangs Raupe ist die modernste am Berg und ist mit einer Winde ausgestattet, um sich in steilen Hängen sichern zu können. An einem Mast befestigt er das dicke Stahlseil der Winde und bittet seine Kollegen um Hangsicherung. Weil sich leider einige Menschen nicht an die nächtliche Pistensperre halten, ist dieser Schritt nötig. Denn wenn ein Skifahrer auf ein Stahlseil trifft, kann das tödlich enden. „Das Problem daran ist, dass sich das Seil im Schnee vergräbt, wenn wir über eine Kuppe fahren und es so nicht mehr sichtbar ist. Wenn wir weiter unten aber unsere Position ändern, kommt es oft zu einem sogenannten ‚Seilschlag‘. Das heißt, das Stahlseil springt plötzlich aus dem Schnee, in dem es sich vergraben hat, und hat somit eine gewaltige Wucht, der man nicht im Weg stehen möchte“, klärt mich Wolfgang auf.

„Und wenn das Seil nicht über eine Kuppe spannt ist es eben genau auf Kopfhöhe und nachts kaum sichtbar. Da wir mit der Pistenraupe oft größere Distanzen zurücklegen vermutet man uns dann auch oft nicht in der Nähe. Das ist wirklich gefährlich!“ Wer also sein Leben nicht riskieren will, sollte sich an die gegebenen Sperrzeiten halten. 

Wir fahren zurück in die Raupengarage, um zu tanken. Aufwärmen müssen wir uns nicht, denn in der Kabine des 14 Tonnen schweren Pistengeräts ist es herrlich warm und sogar sehr gemütlich. 

Erfolgreich in Betrieb genommen. Die mobilen Schneekanonen gleichen Unregelmäßigkeiten in der Schneedecke aus. 

Aus dem Nebenraum höre ich den Satz: „Wia fouhn a so umma und a so oa und noand stö’h ma’s um“, was im tiefsten Pinzgauer Dialekt im Grunde den nächsten konkreten Einsatz beschreiben soll. Es geht um das Umstellen einer mobilen Schneekanone, wofür man wieder die schwere Pistenraupe braucht, diesmal in direkter Zusammenarbeit mit Andreas Altenberger, der Beschneiungstechniker, der mich zu Beginn auf den Berg gebracht hat. 

Während ich mit Wolfgang und Roland unterwegs war haben er uns sein Bruder Anton die 105 Schneekanonen und -lanzen in Betrieb genommen. Nun müssen etwaige dünnere Schneeschichten mittels mobilen Schneeerzeugern ausgeglichen werden. Dazu hakt die Pistenraupe bei der Kanone ein und positioniert sie am richtigen Platz. Danach wird der Wasserschlauch ausgerollt und angeschlossen, welcher nach jedem Einsatz wieder ausgelassen und zusammengerollt werden muss, denn „Wasser hat die unangenehmen Eigenschaft bei Minusgraden zu frieren“, scherzt Andi auf meine laienhaften Fragen. 

Andi Altenberger und Roland Fritzenwanker: Zwei von unzähligen Helden der Nacht. 

Wir warten noch, bis sich das Gerät aufgewärmt hat und beginnt zu laufen, um sicherzugehen, dass Andi den richtigen Winkel eingestellt hat. Er hat nun sein Gefährt gegen einen superschnellen Skidoo eingetauscht und wir fahren wieder Richtung Basislager bei der Reiterkogel Mittelstation. Am Computerbildschirm checkt er nochmal die Lage und stellt per Mausklick die Beschneiungswinkel und Schneequalität der Schneeerzeuger ein. 

Nun beginnt der kalte aber adrenalingeladene Teil der Nacht, denn Andi weiß, wie man mit einem Skidoo so schnell wie möglich von A nach B kommt. Wir fahren den ganzen Berg ab und kontrollieren die Schneeerzeuger, für die er und sein Bruder verantwortlich sind, um danach am Computer wieder feinadjustieren zu können. Bereits nach der ersten Ausfahrt ist mein Gesicht gefroren und meine Zähne klappern. Andi scheint die Kälte nichts auszumachen. Die Temperatur wird ungemütlich aber trotzdem sind die „Schneiber-Brüder“ gut drauf und haben Spaß, so auch ich, denn das Adrenalin der schnellen Fahrt in meinen Adern lässt trotz der späten Uhrzeit keine Müdigkeit aufkommen. „Skidoo fahren wird einfach nie langweilig!“ Das kann ich mir gut vorstellen. 

Das Ende meiner Schicht um 01:00 Uhr bedeutet noch lange nicht das Ende von Andis Arbeitsnacht. Ich stehe nochmal draußen und beobachte das Geschehen der umliegenden Berge. Überall sehe ich die emsigen Lichter, die ich von nun an mit anderen Augen betrachten werde. Ein langsames Licht verrät mir, dass ein Pistenraupenfahrer oder eine Pistenraupenfahrerin gerade dafür sorgt, dass meine morgendlichen Skiausfahrten so traumhaft sind, wie sie sind. Ein sich schnell bewegendes Licht lässt mich grinsen, denn ich weiß nun, dass hier jemand per Skidoo Spaß an seiner Arbeit hat. Stillstehende Lichter sorgen für die perfekte Unterlage. Und die vielen kleinen Lichter am Himmel verraten mir, dass morgen ein sonniger Skitag auf mich wartet.

Text und Bilder: MOKKA & IVY

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