Natürlich auf Tour

Wintersport, aber naturverträglich.

Die kalte Jahreszeit steht vor der Tür. Lange Schatten, Minusgrade und der erste Schnee kündigen die neue Wintersaison an. Und während in den Sportgeschäften der Skiverkauf startet, fressen sich die Steinböcke lebenswichtige Fettpolster an. Während wir die Schneeschuhe aus dem Keller räumen, bereitet sich die Tierwelt auf die härteste aller Jahreszeit vor. Wir dagegen holen mal eben die Winterjacken aus den Schränken und wachsen die Bretter. All das, um verzauberte Eislandschaften zu durchwandern. Um glitzernde Schneehänge abzufahren. Und um einen ausgesprochen sensiblen Lebensraum zu besuchen: Das Winterwohnzimmer der alpinen Fauna. (Titelbild: © Martin Glantschnig)

Stille Nacht?
Das Fest der Liebe, romantische Abende am Kachelofen, heimelige Wärme. Ein Winterurlaub in den Alpen ist für Wintersportler meist schon obligatorisch. Die Skipisten sind in aller Regel gut gefüllt, genauso wie die Hotels und Restaurants. Doch eigentlich spielt sich in den Alpen zu dieser Zeit etwas ganz anderes ab. Etwas, das beim gemütlichen Glühwein, beim lauten Après-Ski, oder einer Nachtwanderung schnell mal in Vergessenheit gerät: Der Kampf ums Überleben. 

Klingt überspitzt, wird oft runtergeredet, ist aber Fakt. Manfred Scheuermann vom Deutschen Alpenverein und Dr. Gunther Gressmann, Biologe und Wildökologe im Nationalpark Hohe Tauern, berichten von selbst kleinen Störungen, die schwerwiegende Auswirkungen haben können. Dabei ist es eigentlich gar nicht so schwer, vernünftig durchs Wohnzimmer unserer geschätzten Wildtiere zu wandern. Alles was es braucht ist etwas Achtsamkeit, Respekt und Verantwortungsbewusstsein.

Das gilt ganz besonders nachts, früh morgens oder in der Abenddämmerung. Viele Wildtiere sind zu dieser Zeit auf der schwierigen Suche nach Nahrung, reagieren dann besonders empfindlich auf Störungen. Das gilt in hohem Maße für ruhige Regionen, abseits von Skigebieten, Straßen und Städten. Die Nacht sollte also wirklich eine stille sein. Nicht nur für uns Menschen.

In die Natur – mit der Natur
Manfred Scheuermann ist seit 1995 beim DAV beschäftigt und genau so lange kümmert er sich nun schon auch um die Naturverträglichkeit des Wintersports. Der Schneeschuh-Boom und Skitouren-Hype der letzten Jahre, scheint also nicht wirklich Auslöser des Problems zu sein, sondern viel mehr Verstärker. Denn schon vor 25 Jahren wurde der Wintertourismus als mögliche Bedrohung für die Umwelt erkannt, Lösungspläne entwickelt und die Öffentlichkeit sensibilisiert. Damals wurde das Projekt „Skibergsteigen umweltfreundlich“ ins Leben gerufen. Man wollte damit nicht erst reagieren, wenn es zu spät war, sondern präventiv agieren bevor es zu Einschränkungen der Skitourenmöglichkeiten kommt. Zeitgleich begann das Bayerische Umweltministerium mit der Untersuchung „Wildtiere und Skilauf im Gebirge“. Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe entstand. 

In den bayerischen Alpen wurde daher schon früh der Fokus auf die Überwinterungsgebiete der Raufußhühner gelegt. Bei dieser Tierart gab es deutliche Überschneidungen mit Wintersportlern, hauptsächlich Skitourengehern, später auch mit Schneeschuhwanderern. Gebiet für Gebiet wurde deswegen gemeinsam mit Wildbiologen und wissenschaftlichen Methoden untersucht. Jede Region wurde mit Vertretern der örtlichen Verbände und den Behörden im Zuge vieler Exkursionen genau unter die Lupe genommen. Kaum eine Skitourenmöglichkeit wurde dabei ausgelassen. Der Aufwand: Enorm. Das Ergebnis: Ein großer Schritt in die richtige Richtung! >>>

© DAV | Daniel Hug

Vor-Ort-Recherche die sich auszahlt
Im winterlichen Gelände konnten so bei über 150 Exkursionen nützliche Lösungsvorschläge konzipiert werden. Arbeitsgruppen wurden gegründet, der gesamte deutsche Alpenbereich durchgearbeitet. Skigebiete wurden hier übrigens von Anfang an mit einbezogen, denn viele Tourenmöglichkeiten werden aufgrund der vorhandenen Infrastruktur vermehrt genutzt, der Abstecher in die unberührte Natur so extrem vereinfacht.

Die Ergebnisse werden seitdem gesammelt – und weiterentwickelt. Manches bewährt sich, manches nicht. Oft muss auf neue Situationen eingegangen werden und manches war schlicht nicht vorhersehbar. 2007 wurde schließlich in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Vermessungsamt ein völlig neues Kartenwerk erarbeitet. Die neue Alpenvereinskarte deckt seitdem die gesamten bayerischen Alpen, sowie Teile des bayerischen Waldes ab, und beinhaltet die Ergebnisse der vorangegangenen, jahrelangen Arbeit. Schongebiete und Wildschutzgebiete sind eingetragen und natürlich auch die vom DAV empfohlenen Skirouten (seit 2014 auch naturverträgliche Schneeschuhrouten). 

Auch die Alpenvereins-Kampagne „Natürlich auf Tour“ wird von diesen Ergebnissen gespeist. Der weltgrößte Bergsportverband sieht sich nämlich in der Verantwortung, frühzeitig auf die steigenden Zahlen der Ski- und Schneeschuhtourengeher zu reagieren. Infotafeln und Hinweisschilder machen auf das Projekt aufmerksam. Der DAV versucht so sensible Bereiche in den Alpen für alle Wintersportler kenntlich zu machen und nachhaltig zu schützen. Und zwar auf freiwilliger Basis. Von Verboten sieht der Verein bisher ab. Doch die Situation spitzt sich zu! Der Handlungsbedarf steigt.  

© Gunther Gressmann

Naturschutz endet nicht an einer Landesgrenze
Die deutschen Alpen liegen nicht nur oft sehr nahe an der Landesgrenze, oftmals führen Skitouren – auch die vom DAV ausgewiesenen – über eine solche Grenze hinweg. Keine Frage also, dass Manfred Scheuermann auch mit dem Österreichischen Alpenverein, mit Grundstückseigentümern und den dortigen Behörden zusammenarbeitet. Das Kleinwalser- sowie das Tannheimer Tal sind hier nur zwei erfolgreiche Beispiele. Dieser Erfahrungsaustausch ist wichtiger Bestandteil einer frühzeitigen Erkennung von Problemen. 

Dr. Gunther Gressmann beispielsweise, der im Tiroler Teil des Nationalparks Hohe Tauern arbeitet, sieht das nicht anders. Der Wildökologe kennt sich bestens aus mit dem dortigen Lebensraum, ganz besonders was das Steinwild betrifft. Die Hohen Tauern sind ein beliebtes Gebiet für hochalpine Skitouren, was natürlich auch dort vielfältige Probleme auslöst. Ganz egal wo man sich im Nationalpark bewegt, man bewegt sich als Eindringling im empfindlichen Lebensraum der Wildtiere. Im Nationalpark Hohe Tauern besonders interessant: Die steigende Zahl der Tourengeher ist zwar erkennbar, das Problem aber ein anderes. Die flächenmäßige Zunahme ist, was Gressmann Sorgen bereitet. Wo früher noch einhundert Menschen eine Spur nutzten, werden heute eine Vielzahl, teils nicht nachvollziehbarer Spuren gelegt. Die Störung der Lebensräume nimmt dadurch zu, weitet sich enorm aus.

Dazu muss man wissen, dass sich das gesamte Leben der Tiere in den Hochalpen am Winter ausrichtet. Nicht nur der Winter ist hier entscheidend – das gesamte Jahr spielt eine wichtige Rolle im Kampf ums Überleben. Raufußhühner sind hier ebenso betroffen wie Schneehasen. Schalenwildarten werden aber am intensivsten durch die flächendeckende Freizeitnutzung der Menschen bedroht. Gressmann betont außerdem, dass es sich im Problemfall nicht um eine einzelne Störung handle, sondern um das Aufschaukeln, wenn beispielsweise mehrere Störungen aufeinanderfolgen. Ein von einem Skitourengeher einmalig aufgeschrecktes Tier, wird keine besonderen Hürden zu meistern haben. Ein Tier, das mehrmals am Tag, über mehrere Tage oder Wochen hinweg flüchten muss, hingegen schon! Ein Gedanke, den man zulassen muss. Schließlich weiß niemand, wie oft ein verscheuchtes Tier an diesem Tage schon um sein Leben gerannt ist. 

Aufklärung und Lenkung
Ein weiterer Faktor, den die Problematik mit sich bringt, ist die Zeitverzögerung. Ein flüchtendes Tier fällt nicht an Ort und Stelle tot um. Glücklicherweise. Steinwild lebt beispielsweise sehr gut und lange von Fettreserven. Der Stress aus dem Frühwinter kann sich deswegen unter Umständen erst im März oder April bemerkbar machen. Dann ist schon längst nicht mehr nachvollziehbar, wer welche Teilschuld am Leid des Tieres hat. Kleine Arten, wie etwa die Schneehühner, haben dagegen überhaupt nicht die Möglichkeit solche Fettreserven aufzubauen. Schließlich wollen sie auch noch fliegen. Je nach Witterung sind diese Tiere daher schon nach wenigen Tagen am Limit. Hier schlägt die Natur also wesentlich direkter zu – aber noch immer zu langsam. Der Wintersportler freut sich meist nur über die Sichtung des Tieres und geht unbeschwert weiter. 

Im Nationalpark Hohe Tauern wird deswegen auf die gleichen Mittel gesetzt wie in den deutschen Alpen. Wieder auf freiwilliger Basis. Eine wichtige Anlaufstelle sind hier Berg- und Bergwanderführer. Der Biologe möchte ihnen eine Art Wildtierverständnis mit auf den Weg geben. Die Führer tragen dieses Wissen dann als Multiplikator nach außen weiter, wodurch sehr schnell sehr viele Menschen erreicht werden. Außerdem ist gerade im Winter eine Anlegung einer wildtierfreundlichen Spur im Schnee wichtig. So können Wintersportler unkompliziert gesteuert werden, ganz ohne Verbotsmentalität. Berufliches Skitourengehen im Zeichen des Umweltschutz? Klingt nicht nur cool, ist es auch! Zeitgleich werden über Magazine und andere Kanäle Informationen verbreitet, Wintersportler sensibilisiert. Gressmann vermutet außerdem aber auch, dass aufgrund der Corona-Situation diese Arbeit intensiviert werden muss. Skifahrer könnten in Zukunft vermehrt von der Piste ins freie Gelände ausweichen.

Respekt vor der Welt in der wir leben
Es steht also nicht besonders rosig um die Wildtiere in den verschneiten Alpen. Die Schutzorganisationen, Verbände und Vereine leisten aber weiterhin einen wertvollen Beitrag. Nicht nur, weil schöne Skitouren- und Winterwandergebiete weiterhin zugänglich bleiben sollen, sondern auch, weil ein so wichtiger Denkanstoß ins Blickfeld rückt. Letztendlich sind es nämlich nicht nur Wintersportler, deren Aktivitäten sich negativ auf die Tiere auswirken. „Man muss sich einfach mal fragen, wann für das Wildtier der Winter beginnt,“ so Gressmann. Untersuchungen belegen, dass beispielsweise Steinwild schon Mitte August mit dem Herunterfahren des Stoffwechsels beginnt, so der Ökologe. In der klassischen Hochtourenzeit also, wenn die Gletscher meist aper und die 3000er größtenteils schneefrei sind. Die Pulsfrequenz der Tiere sinkt. Fettpolster werden bereits aufgebaut. Wanderer, Bergsteiger, Mountainbiker. Alle sind sie zu dieser Zeit im Hochgebirge unterwegs. Alle gemeinsam wirkt sich ihre Bewegung auf die Tiere aus. Und nur alle gemeinsam können wir den Tieren die kommenden Monate so erträglich wie möglich machen. Wenn wir nur verstehen, dass wir nicht durch einen unverspurten Hang schwingen, sondern durch das Wohnzimmer von Steinbock, Raufußhuhn und Co. 

Die 10 Natürlich-auf-Tour-Tipps des DAV
Wer eine Ski- oder Schneeschuhtour plant, sollte diese zehn Regeln für naturverträgliche Wintertouren kennen und unbedingt beachten:

Routenempfehlungen, Markierungen und Hinweise der DAV-Kampagne „Natürlich auf Tour“ beachten.

Schutz- und Schongebiete für Pflanzen und Tiere respektieren, Lärm vermeiden.

Lebensräume: Wildtieren möglichst ausweichen, sie nur aus der Distanz beobachten, Futterstellen umgehen, Hunde anleinen.

Zeit: Im Hochwinter Gipfel, Rücken und Grate vor 10 Uhr und nach 16 Uhr meiden.

In Waldgebieten und an der Waldgrenze auf üblichen Skirouten, Forst- und Wanderwegen bleiben, Abstand zu Baum- und Strauchgruppen halten.

Vegetation: Aufforstungen & Jungwald schonen.

Umweltschonend anreisen: öffentliche Verkehrsmittel oder Fahrgemeinschaften nutzen; ausgewiesene Parkplätze anfahren, keine Zufahrten blockieren.

Eher mehrtägige Aufenthalte statt vieler Tagestouren planen, das gastronomische Angebot vor Ort nutzen.

Planung: Touren mit Führern und Karten planen, die das DAV-Gütesiegel „Natürlich auf Tour“ tragen.

Pistenregeln: Die Regeln für Skitouren auf Pisten beachten. Siehe alpenverein.de/skitouren-auf-pisten

Text: Benni Sauer

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