Natur wie aus dem Bilderbuch

Die Zugspitz Region strotzt nur so vor lebendiger Natur. Der alpine Lebensraum um Deutschlands höchsten Berg herum beherbergt eine Vielzahl schützenswerter Tier- und Pflanzenarten. Doch gerade in den Tälern und Ebenen kann die Natur überraschend einfach erlebt werden. Leicht zugänglich, selbst für Familien mit Kindern, liegen dort die Moose und Moore der Zugspitz Region.

Die Ranger des Naturparks Ammergauer Alpen übernehmen verantwortungsvolle Aufgaben.
© Ammergauer Alpen GmbH | Foto: Deniz Gözen

Zwischen dem schroffen Gipfelturm des Kofels, dem Laber und der Notkarspitze, da liegt topfeben das Ettaler Weidmoos. Umgeben von Wiesen-, Wald-, Gebirgs- und Flusslandschaft, so wirkt es fast wie gemalt. Unweigerlich kommt mir Bob Ross in den Sinn, der amerikanische Maler mit Afro-Frisur, der in den Achtzigern durch grandiose Landschaftsgemälde und eine eigene Fernsehsendung berühmt wurde. Dass es möglich ist, durch eines seiner Bilder zu laufen, hätte ich nicht für möglich gehalten.

Vom Flachland bis in die Berge: Das Ettaler Moos steht
im krassen Kontrast zu den steilen Bergen ringsum.

Neben all den unterschiedlichen Naturräumen der Ammergauer Alpen, spielen in den Tälern die Moore eine bedeutende Rolle. Am südlichen Ortsrand Oberammergaus parke ich deswegen meinen Wagen und begebe mich auf eine, für mich ungewöhnliche Wanderung: Mehr als 8 Kilometer durchs Weidmoos liegen vor mir, dafür aber lediglich 45 Höhenmeter. Anfangs folge ich dem ausgetrockneten Flussbett der Ammer, wo sich der Klimawandel bemerkbar macht. Normalerweise strömt hier ein breiter Fluss. Doch aufgrund der momentanen Trockenheit ist der Grund ein staubiger, steiniger Kiesstreifen. Der wenige Schnee des Winters schmilzt zwar noch in den Bergen ab, in Wirklichkeit aber ist auch er nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Unterm Strich jedoch sind ausgetrocknete Flussläufe in der Zugspitz Region nichts Ungewöhnliches. Im Graswangtal zum Beispiel, wirkt die Linder, der Oberlauf der Ammer, oft ausgetrocknet. In Wirklichkeit aber fließt das Wasser unterirdisch weiter und kommt dann hier im Weidmoos wieder als Quelle an die Oberfläche.

Das gefleckte Knabenkraut.
© Ammergauer Alpen GmbH | Foto: Manfred Müller

Ein Grund für die vielen Moore der Zug-spitz Region ist wieder einmal in der Vergangenheit zu finden. Nach der letzten Eiszeit ließen ihre mächtigen Gletscher verlandete Seen und ein vielfältiges Kleinrelief zurück. Hier änderten sich die Wasserverhältnisse kleinräumig. Ein gigantischer Komplex aus Nieder-, Zwischen- und Hochmooren konnte sich so bilden. Etwa 10.000 Jahre ist das jetzt bereits schon her. Doch erst der Mensch, genauer die Landwirtschaft, bedeutete vielerorts das Ende dieser märchenhaften Wasserlandschaften. Der zweite Grund also für das Bestehen der Moore in Bayerns Süden ist die kleinstrukturierte Landwirtschaft. Eine durch Entwässerung intensivierte Nutzung der Flächen fand hier glücklicherweise nur selten statt.

Ein Apollofalter.
© Ammergauer Alpen GmbH

1982 wurde das Ettaler Weidmoos schließlich zum 159 Hektar großen Naturschutzgebiet erklärt. Es liegt außerdem im FFH-Gebiet „Moore im oberen Ammertal“ und ist Teil des Naturparks Ammergauer Alpen. Deniz Göcen ist Rangerin des Naturparks. Gemeinsam mit zwei weiteren Ranger-Kollegen und ihrer Hündin Maja, kümmert sie sich um die Besucherlenkung, Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit, leitet Führungen und unterstützt Forschungsaktivitäten. Seit anderthalb Jahren kümmert sie sich nun schon um den Park und erklärt mir die vielen kleinen Details und Zusammenhänge dieser einzigartigen Region. Da sind zum einen die vielen kleinen Bächlein und Flüsse, die immer wieder unseren Weg kreuzen. Nur dank der unzähligen Brücken kommen wir trockenen Fußes durch das Moos, genießen das unfassbar klare Wasser, das an den Ufern einen angenehmen, ganz zarten Duft verströmt. 

Die Ammerschlucht im Bereich des Scheibum
vereint wie so oft Natur- und Sporterlebnis.
© Ammergauer Alpen GmbH | Foto: Daniela Blöchinger

Nach einiger Zeit finden wir sogar die Quelle der kleinen Ammer, der kleinen Schwester der großen Ammer. Ihr Wasser blubbert sanft, mit kleinen Blasen aus dem Grund der Quelltöpfe, deren Tiefe ich gar nicht abschätzen kann, so klar ist das Wasser. Von einer kleinen, hölzernen Aussichtsplattform kann ich das Spiel der Luftblasen beobachten, ohne dabei die empfindlichen Pflanzen am Ufer zu zertreten. Seit die Ranger diese Plattform errichtet haben, gehört dieser Spot zu Deniz´ Lieblingsplätzen im Naturpark.

Doch wirklich spannend wird das Ettaler Weidmoos durch seine ausgesprochen hohe Artenvielfalt. Zwischen den Gräsern leben Wiesenbrüter wie die Bekassine, das Braunkehlchen oder Wiesenpieper. Besonders aber Amphibien fühlen sich hier wohl. Immer wieder findet man Durchlässe und Leitzäune, durch welche die Tiere vor den Straßen geschützt werden, die um das Naturschutzgebiet herumführen. Und auch die Lüfte des Naturschutzgebietes sind voller Leben – mit Glück entdeckt man sogar einen Steinadler. Dabei sind es eher die vielen kleinen Falter, die mir Freude bereiten. Manche Schmetterlingsarten erreichen hier eine Populationsdichte, die wahrscheinlich nirgendwo sonst in Bayern übertroffen wird. Ganz baff bleibe ich wieder stehen, schieße noch ein Foto. Von den Wiesen, die, eben wie sie sind, von weiter Ferne fast wie der Rasen eines Golfplatzes wirken, bei näherem Hinsehen sich aber als das genaue Gegenteil entpuppen. Im Ettaler Weidmoos, aber auch in den Moorgebieten rund um den Soier See sind mehr als zwei Dutzend Orchideenarten zu Hause. Das gelb-blühende Karlszepter dagegen ist ein Überbleibsel aus der Eiszeit und kommt in ganz Mitteleuropa nirgends so häufig vor wie im Naturpark der Ammergauer Alpen. Geführte Wanderungen über solche Wiesen kommen bei den Gästen besonders gut an, so Deniz. Besonders die Wiesmahdhänge in Oberammergau werden gerne besucht. Diese Wiesen, aus dessen Kräutern das Kloster Ettal Schnaps gewinnt, sollen sogar Teil einer UNESCO-Weltkulturerbe-Bewerbung werden.

Von kurz und flach, bis steil und lang:
Wandern im Naturpark ist immer ein Erlebnis.
© Ammergauer Alpen GmbH | Foto: Thomas Bichler

Spannend ist aber auch, was sich hinter den Kulissen abspielt. Denn der Naturpark ist auch hier ein komplexes System der unterschiedlichsten Mitspieler. Da sind Alm- und Weidegenossenschaften, Jagdgenossenschaften, Ortsverbände des bayerischen Bauernverbands und nicht zuletzt auch alle sechs Naturparkgemeinden. Gemeinsam ermöglichen sie einen nachhaltigen Schutz des Weidmooses, aber auch naturverträgliche Erholungsmöglichkeiten und landwirtschaftliche Nutzung, die mancherorts ganz direkt an der gewaltigen Biodiversität beteiligt ist. Nur Hand in Hand ist das alles umsetzbar. Hier kommt wieder Deniz ins Spiel, denn sie vermittelt nur zu oft, beispielsweise zwischen Landwirten und Hundebesitzern. Meistens mit Erfolg, zu dem Hündin Maja ihren Teil beiträgt. Sie bricht das Eis, bei Kindern, aber auch älteren Menschen und bietet noch weitere Vorteile im Naturpark: Mit ihrer feinen Nase zeigt sie Deniz zuverlässig die Hinterlassenschaften seltener Tiere an. Deniz war es deswegen auch, die mit ihren Kollegen ein spezielles Hundekonzept für Oberammergau entwarf. Denn für Hundebesitzer gibt es kaum etwas schöneres, als durch die Wildnis der Ammergauer Alpen zu streifen. Das Konzept umfasst nicht nur Regeln, sondern auch Angebote und Empfehlungen. Aufklärung statt strikter Verbote – weil im Naturraum die verschiedensten Interessen aufeinandertreffen. 

Ein weiterer wichtiger Naturraum in den Ammergauer
Alpen ist der Bergwald, wie hier am Laber.
© Ammergauer Alpen GmbH | Foto: Bernd Ritschel

Wie das in der Realität aussieht: Während meines Spazierganges kommen mir nicht nur Hunde, sondern auch Reiter entgegengaloppiert. Radfahrer, Familien mit Kindern, Jung und Alt, alle finden sie Ruhe, Erholung und: Sport. Denn als ich um eine der vielen Flusswindungen herumgehe, kommt mir vertrautes Geklimper entgegen. An Felswänden, die hier senkrecht aus der Ebene ragen, hängen Kletterer, rufen sich Seilkommandos entgegen. Im Ettaler Weidmoos geht es also sehr wohl auch in die Höhe! 

Nach wenigen Minuten, mein Nacken ist schon fast steif geworden, senke ich wieder den Blick. Ich drehe mich der Weite des Mooses entgegen, erkenne einmal mehr die Handschrift Bob Ross´ und atme tief durch. Was für ein wunderbares Zusammenspiel aus Tourismus, Landwirtschaft und sportlichen Möglichkeiten der Naturpark Ammergauer Alpen doch ist. 

Autor und Fotos: Benni Sauer

Titelbild: Einer der zahlreichen Wasserfälle der Schleifmühlklamm.
© Ammergauer Alpen GmbH | Foto: Stephan de Paly

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