Nordamerika für ein Wochenende

Paddeln und Wandern im bayerischen Klein-Kanada

Titelbild: Wild, wilder, Walchenklamm: an seinem östlichen Ende mündet der Sylvensteinspeicher in eine enge Felsschlucht.

Am Ufer liegt noch immer Schnee. Und das, obwohl es heute, an diesem Sonnentag Ende April, warm genug ist, dass wir im T-Shirt paddeln können. Keine einzige Wolke steht am Himmel, die Sonnenstrahlen glitzern auf der Wasseroberfläche. Ihre Farbe wechselt zwischen tiefem Blau, Smaragdgrün und Kristallklar – je nachdem, wo wir paddeln.

Gerade sind wir dem Ufer ganz nah. Kristallklar. Im Schatten der großen Tannen und Fichten riecht es nach Winter, der Schnee ist nur einen Paddelschlag entfernt.

Wir lassen uns treiben.

Rehe und ein Hirsch haben im Schnee ihre Abdrücke hinterlassen. Und ich ertappe mich dabei, wie ich insgeheim auch nach den Spuren von Bären Ausschau halte.

Natürlich aber finde ich keine.

Obwohl es warm genug ist, dass wir im T-Shirt paddeln, sind manche Uferabschnitte noch immer von Schnee überzogen.

Denn obwohl mir mein Gefühl in diesem Kajak, umgeben von schneebedeckten Bergen und tiefgrünen Nadelwäldern, vorspielt, ich sei irgendwo in Nordamerika – so ist das eben nicht mehr als ein Gefühl.

Tatsächlich paddle ich gerade über einen See in meiner bayerischen Heimat: über den Sylvensteinspeicher im Oberen Isartal. 

Deutschlands letzte, wilde Flusslandschaft gilt als eine der letzten wilden Flusslandschaften Deutschlands. Hier trifft Bayern auf Österreich. Von der Landesgrenze erstreckt es sich bis in die Landeshauptstadt – und streift damit eine Berglandschaft, die das am dünnsten besiedelte Gebiet Mitteleuropas ist: das Karwendel.

Die Isar entspringt zwischen seinen rauen Gipfeln. Auch am Talboden sind ihre weitestgehend unberührten Ufer das Zuhause zahlreicher Pflanzen- und Tierarten. Auf den Kiesbänken brüten vom Aussterben bedrohte Vögel, zum Beispiel der Flussuferläufer. In den Wäldern ringsum sind Hasen und Füchse heimisch. Rehe und Hirsche.

Für ein Wochenende wollen wir möglichst tief eintauchen in diese wilde Natur, wollen alle ihre Facetten kennenlernen. Wir haben deshalb nicht nur unser Kajak im Gepäck, sondern auch die Wanderschuhe. Einen Tag paddeln, einen Tag laufen. In der Ecke Bayerns, die Kanada am nächsten kommt.

Wir manövrieren das Kajak durch die steilen Felswände der Walchenklamm.

Vom See in die Klamm: Unterwegs im Kajak
Klein-Kanada. Ehe ich mich fragen könnte, was wohl hinter diesem Namen stecken mag, breitete sich die Antwort vor unserer Windschutzscheibe aus – weit bevor wir dem verschneiten Ufer im Kajak so nahe kommen: wir lenkten unseren Bus über die Faller-Klamm-Brücke, die den Sylvensteinspeicher überspannt. In 20 Metern Höhe ist das Panorama perfekt: auf den tiefblauen See, der am Ufer in grellem Türkis auf Kiesstrände und Schneedecken trifft. Auf die weißen Gipfel ringsum und die satten, grünen Nadelwälder, die sich über die vordere Hügellandschaft legen.

Der leichte Wind kräuselt die Wasseroberfläche zu kleinen Wellen, Geräusche vertreibt er bis weit über die Kronen der Nadelbäume.

Das hier, das ist keine Landschaft, die man durch die Windschutzscheibe durch bestaunen sollte. Das hier ist eine Landschaft, die zum Eintauchen da ist. Zumindest im übertragenen Sinne – denn das eisige Wasser ließ unsere Zehen schon frieren, als wir das Kajak auf den See schoben.

Nur wir, das Wasser und die Weite. Die Gedankenreise nach Kanada ist perfekt.

Die ersten Paddelschläge fühlten sich an, als würden wir durch die Luft gleiten. Das Wasser unter uns war kristallklar. Sogar noch in zwei Metern Tiefe. Es gab keine Stelle, an der wir nicht bis zum Boden sehen konnten. Es war, als würden wir mit den Paddeln in die Luft stoßen, als würden wir über die feinen Kieselsteine am Boden schweben.

Als wir dann weiter auf den See hinaus paddelten, überquerten wir die Palette eines Wassermalkastens: von Pastellgrün glitten wir in helles und dann in sehr grelles Türkis. In Grünblau und schließlich in ein tiefes, ruhiges Dunkelblau. Wenn wir die Paddel für einen Moment still hielten, drehte uns die leichte Strömung um die eigene Achse. Als wolle sie dafür sorgen, dass wir auf keinen Fall das 360-Grad-Panorama verpassen.

Kleine Wellen klatschten mit einem leisen „Pflatsch, pflatsch, pflatsch“ gegen das Boot. Ansonsten war es mucksmäuschenstill.

Wir sind ganz allein auf dem Wasser.

PADDELN IN KLEIN-KANADA

Entlang der B 307 gibt es zwar einige Parkbuchten – der Zugang zum See ist aber wegen des Steilufers oft nicht möglich. Eine gute Einstiegsstelle ist der Badeplatz in Fall, an dem auch die Wasserwacht stationiert ist. Die Zufahrt befindet sich in einer scharfen Rechtskurve ungefähr 500 Meter hinter dem Ort.

Bayern, Österreich, Kanada? Klein-Kanada? Gerade spielt all das überhaupt keine Rolle, Grenzen sind hier genauso unwichtig wie alles, was auf der anderen Seite der Berge passiert.

Mit jedem Paddelschlag gleiten wir immer weiter in eine völlig andere Welt. Vom Ersten bis zum Letzten – dazwischen liegen einige: 14 Kilometer sind wir insgesamt auf dem Sylvensteinspeicher unterwegs. Vom Badeplatz in Fall über einen Schlenker gen Westen und einmal quer über den See bis in die Walchenklamm.

Hinter jeder Kurve taucht etwas Neues auf, das uns tief fasziniert: eine nächste, türkisgrüne Bucht, ein nächster Blick auf weitere Gipfel, schneebedeckte Ufer oder kleine Wasserfälle, die eine Böschung hinunter in den See rieseln. Bis der Sylvensteinspeicher an seinem östlichen Arm immer enger wird, das Wasser seichter. An manchmal Stellen müssen wir großen Felsen und alten Wurzeln ausweichen. Die Strömung, die uns entgegenkommt, wird immer stärker. Bis wir uns schließlich durch eine Gasse aus Felsen in die Walchenklamm manövriert haben.

Türkis und Kristallklar mündet die Isar in den Sylvensteinspeicher.

Hier schafft es die Sonne kaum mehr bis zur Wasseroberfläche. Die Luft ist kühl, feucht. Riecht nach nassem Fels und trockenen Nadelbäumen.

Aus dem Wasser ragen die Steinwände steil nach oben, unsere Stimmen bilden ein Echo. Das Wasser gluckert hohl und laut.

Kaum zu glauben, dass es erst wenige Kilometer her ist, als wir uns im schier endlosen Wasser des Speichersees kaum entscheiden konnten, in welche Richtung wir lospaddeln sollten. Hier, zwischen den Felswänden der Walchenklamm, fehlen nur noch ein paar Stöße, bis es nicht mehr weiter geht. Die Klamm wird so schmal, dass für die Paddel kein Platz mehr ist. Erst recht zu schmal, um umzudrehen. Von der Strömung lassen wir uns rückwärts zurück auf den See treiben und von der Sonne wärmen, die es nun wieder bis zur Wasseroberfläche schafft.

Auf dem Rückweg sind wir nicht weniger fasziniert. Das Wasser glitzert, die Wellen gluckern. Und wann immer wir nah genug am Ufer paddeln, sehen wir in der Schneedecke auf dem Kiesbett neue Spuren von Hasen und Rehen.

Morgen werden wir ihnen näher kommen – dann nämlich schnüren wir die Wanderschuhe und laufen durch die Wälder, die wir vom Kajak aus bestaunt haben.

Eine gute (und mindestens genauso schöne) Einstiegsstelle ist der Kiesstrand in Fall.

Immer am Wasser entlang: Unterwegs in Wanderschuhen
Still und leise habe ich mich nach der Kajak-Tour vom kristallklaren Wasser verabschiedet. Das hat mich so in seinen Bann gezogen, dass ich stundenlang zuschauen könnte, wie die Steine am Grund im Rhythmus der Wellen von rechts nach links gleiten.

Beim Wandern würde ich das freilich nicht mehr zu sehen bekommen, dachte ich. Habe mich aber geirrt: wir sind noch keine Stunde gelaufen, da stehen wir Mitten im Wald. Schauen zwischen den Stämmen hindurch auf einen Seitenarm der Isar. Sein Wasser, das später in den Sylvensteinspeicher mündet, ist auch hier und jetzt kristallklar. Nur unsere Perspektive ist heute eine andere. 

WANDERN IN KLEIN-KANADA

Ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen im Oberen Isartal ist beispielsweise der Parkplatz an der Geschiebesperre. Über den Damm führen schöne Wege unterhalb des Schwarzbergs und Hirschhörnl entlang. Im Staffelgraben gibt es immer wieder kleine Gumpen und sogar einen Wasserfall.

Ein anderer Wanderweg führt von Vorderiß nach Krün immer an der wilden Isar entlang.

Wir laufen bergauf und bergab, über steile Steige zu Aussichtspunkten hinauf und über Wurzeln und Stufen wieder nach unten. Immer wieder führt uns der Wanderweg am Wasser entlang, manchmal auf kleinen Steinbrücken hinüber, tiefer hinein in den Wald.

Längst haben wir haben aufgehört, zu zählen: wie viele Mäuse sich vor uns erschrecken und in Windeseile in der raschelnden Blätterdecke verschwinden. Wie oft wir einen Specht hören, ihn aber nie in den nächsten Stämmen zu sehen bekommen. Wie oft wir staunend stehen bleiben, um die Farben des Frühlings oder das glasklare Wasser zu bestaunen.

Es lohnt sich, Zeit zu nehmen: um in die besondere Vegetation am natürlich-wilden Isarufer einzutauchen.

Und als wir nach Stunden, in denen wir uns vom Wald haben verschlucken lassen, ein letztes Mal über den Isardamm zurück zum Parkplatz laufen, kommen wir wieder an dieser kleinen Lichtung vorbei, in deren Mitte ein Bauwagen steht.

Das Grinsen kann ich mir nicht verkneifen: es scheint, als würde der Bauwagen genau hier stehen, um noch ein bisschen mehr aus Nordamerika ans Isarufer zu holen: Wer die Geschichte von Christopher McCandless kennt, der in die Wildnis Alaskas gezogen und nie wieder zurückkehrt ist, und die Erzählungen über dieses Leben, denen der Autor Jon Krakauer den Titel „Into the wild“ verliehen hat – der weiß, dass dieser Bauwagen für die Wildnis steht.

In Nordamerika wie im Oberen Isartal.

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