Nordish by nature!

Skandinavisches Feeling am Hochtannbergpass

Insgesamt ist die Situation unübersichtlich: Gerade erst stiegen wir aus dem Wagen und schon stehen wir im knietiefen Schnee. Vor uns hüpft, bellt und tollt ein ganzes Huskyrudel. Wir sind in Vorarlberg, unweit der Tiroler Grenze, fühlen uns aber wie im hohen Norden. Der Besitzer der Tiere kommt ebenso aus dem Norden. Nicht aus Skandinavien, dafür aber aus Belgien. Und so verschaffen wir uns erstmal einen Überblick – zwischen nordischen Huskys, belgischem Akzent und österreichischen Berggipfeln.

Musher Marc van Landeghem mit Fotomodell Niki.

Marc van Landeghem wanderte 2002 aus und ließ sich im Vorarlberger Schoppernau nieder. Der schon damals weit über fünfzigjährige Naturfreund lernte bald darauf Jürgen Strolz mit seinen zwei Hunden kennen. Chilly und Cloud, die beiden Huskyrüden, übten eine große Faszination auf den Belgier aus, der eigentlich Bäcker war und mit Hunden genau so wenig am Hut hatte wie mit Schnee und Bergen. Trotzdem traten bald Nikka und Zora in das Leben des Wahl-Österreichers – so nahm die Geschichte ihren Lauf. Während es für Strolz bei Chilly und Cloud blieb, tummelten sich um van Landeghem bald 14 Huskys. Als wäre das nicht schon außergewöhnlich genug: Marcs Huskys kommen allesamt aus dem Tierheim. Jeder seiner Vierbeiner trägt sein eigenes Paket. Problemhunden und Findeltieren gab der Tierfreund so ein neues Leben. Und weil so viele Hunde nun mal auch etwas kosten und nahezu täglich Anfragen ins Haus flatterten, entschied sich der Musher dazu, künftig Schlittenausfahrten anzubieten.

Musher? So nennt man im Fachjargon denjenigen, der das Hundeschlittengespann lenkt. Und genau hierfür sind wir da: Wir werden heute zum Musher!

Das bedeutet aber auch, dass wir mehr tun müssen, als uns lediglich auf die hinteren Enden der Schlittenkufen zu stellen. Von Anfang bis Ende arbeiten wir von nun an mit den Hunden zusammen und dazu gehört natürlich auch das Anlegen des Geschirrs. Zuvor aber machen wir uns mit dem energiegeladenen Rudel vertraut. Mit der Hand, welche wir nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe dem Tier anbieten sollen, schaffen wir eine erste Verbindung. Es wird geschnuppert geleckt – natürlich auch gebellt – und schon sind wir Freunde! 

Bei dieser ersten Aufgabe fallen uns sofort die unterschiedlichen Gemüter der Tiere auf. Zely ist verschmust und holt sich auf dem Rücken kugelnd erste Streicheleinheiten. Luna ist jung und lernt noch. Die eigensinnige Kia kümmert sich schon nach einer kurzen Begrüßung wieder um ihren eigenen Kram. Und Layka kann sich kaum halten. Das energiegeladene Pulverfass ist auf Hochtouren und will endlich los! 

Das Anlegen des Geschirrs ist aber gar keine so einfache Aufgabe. Marc zeigt erst die einzelnen Handgriffe und lässt danach gleich uns Werk. Und siehe da: Die sonst pausenlos bellenden Tiere kennen die Prozedur genau. Wer vor wenigen Sekunden nicht zu bremsen war, hebt jetzt artig das Pfötchen und schlüpft gekonnt in das Gurtzeug, das im dichten Fell der Tiere fast schon untergeht. Danach wird natürlich weitergebellt. 

Schließlich zeigt uns Marc noch die verschiedenen Bremstechniken, den Anker (eine Art Hundeschlitten-Handbremse) und die Schaufel, um die Hinterlassenschaften der Tiere einzusammeln. Denn auch das gehört zu den Aufgaben eines Mushers. Besonders hier oben, wo wir die wunderbaren Winterwanderwege mit Spaziergängern, Langläufern und anderen Hunden teilen müssen.

Bei der Umrundung des Kalbelesees.

Dann kommt Bewegung uns Spiel: Es folgt eine erste Bremsübung. Dafür lösen wir den Anker und schon setzt sich mit einem heftigen Ruck das Gespann in Bewegung. Urplötzlich ist es still. Das laute Gebell ist einem leisen Surren gewichen. Wir gleiten überraschend schnell über den Schnee. Zu hören ist nur noch das schnelle Atmen der Tiere. Das Trippeln der vielen Pfoten auf dem Schnee. Und das leise Klimpern der Führgeschirre und -leinen. Ansonsten ist es ruhig und wir genießen von der ersten Sekunde an diese Art der Fortbewegung.

Dann plötzlich reißt Marc seinen Arm in die Höhe. Das Kommando! Mit dem rechten Fuß trete ich erst auf die Mattenbremse. Diese Platte mit griffiger Unterseite drücke ich in den Schnee, was die Tiere sofort zu spüren bekommen. Ans Anhalten denken sie dagegen nicht im Geringsten! Man muss die Mattenbremse also durchaus kraftvoll treten und wenn das Gespann dann zum Stillstandgekommen ist gilt es sofort die Krallenbremse zu treten. Sie ist ähnlich aufgebaut wie die Schaufel eines Eispickels und gräbt sich auf Zug nur noch tiefer in den Schnee. Mit dem Fuß auf der Krallenbremse können wir nun ankern, also den schweren Stahlzahn mit aller Kraft ins Eis treiben. Erst dann dürfen wir uns vom Schlitten, an welchen wir selbst mit Gurt und Karabiner gesichert sind, lösen. Insgesamt ist das alles gar nicht so einfach, doch Marc ist zufrieden mit uns. Der Ausfahrt steht nach dieser Probe nun nichts mehr im Wege.

Vom Parkplatz aus gleiten wir auf dem flachen Wanderweg bis zum Kalbelesee. Kalte klare Bergluft strömt uns entgegen und die Aussicht könnte prächtiger kaum sein. Im Westen, also dem Bregenzer Wald, sticht die markante Hochkünzelspitze in den Himmel. Auf der gegenüberliegenden Seite steht sogar noch dominanter der Biberkopf. Zu sehr darf man sich jedoch nicht auf das Panorama konzentrieren! Als Musher ist man ständig gefordert. Wir müssen bremsen, in Kurven das Gewicht verlagern und mit den Tieren zusammenarbeiten. Das bedeutet auch, dass wir bergauf selbst mitanschieben. Umgekehrt müssen wir die Mattenbremse treten, wenn wir bergab fahren. Ansonsten laufen wir Gefahr hinten auf die Tiere aufzulaufen. Außerdem muss das Gespann unbedingt ständig auf Zug sein, denn ansonsten könnten die Husyks links oder rechts vom Weg abkommen. 

So umrunden wir den zugefrorenen Kalbelesee und gleiten unter den Skiliften hindurch bis zur Jägeralpe. Eines ist schonmal sicher: Jeder einzelne Spaziergänger, dem wir entgegenkommen zückt in Windeseile das Smartphone, um dieses Bild festzuhalten. Wer rechnet schon damit, auf einer Winterwanderung in den österreichischen Alpen drei Huskyschlitten zu begegnen? Auf den so geschossenen Bildern wird sicher unschwer zu erkennen sein, mit wieviel Freude und Spaß wir bei der Sache sind. Es ist eine schöne Erfahrung, bei Weitem eindrücklicher als ich es mir je hätte vorstellen können!

Marc gibt nur einmal den Befehl „Auto“ und schon stehen wir nach einer starken Stunde wieder am Ausgangspunkt. Uns allen, Mensch und Tier, ist anzumerken, was hinter uns liegt. Auch wenn natürlich von den Tieren weit mehr Einsatz gefordert wurde: Als Musher waren auch wir ständig in Bewegung. Für die tolle Arbeit bedanken wir uns aber natürlich großzügig bei den Tieren mit Leckerlis und Streicheleinheiten. Lautes Gebell ist jetzt nicht mehr zu hören. Es wird entspannt. Gekuschelt. Gedöst. Oder eben ein Loch in den Schnee gegraben – Layka, die nordische Frohnatur, hat einfach nie genug! Autor: Benni Sauer

Weitere Infos, Buchung und Gutscheine unter: www.huskytouren.at

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