Norwegen mit Camper und Zelt

Es ist Ende Mai. Heute startet unsere Reise, auf die wir uns schon seit Monaten vorbereiten. Eine grobe Strecke und einen ungefähren Zeitplan haben wir uns herausgearbeitet. Schnell gekommen ist der Tag, der uns Ende letzten Jahres noch so weit weg erschien.

Die letzten Monate bedeuteten für uns viele Stunden Planung, Diskussionen, verworfenen und neu gefundenen Zielen und vor allem Vorfreude. Mit wieviel Pech das alles enden sollte, hätten wir nicht erwartet…

Wir sind Theresa und Martin. Krankenschwester und Mediengestalter aus Kempten im Allgäu und outdoorbegeisterte Wanderer und Kletterer. Unterwegs sind wir mit einem zum Camper umgebauten VW T3-Bus, den wir von einem Freund geliehen haben.

Über die Nacht gehts für uns einmal durch Deutschland und Dänemark bis nach Hirtshals, wo wir mit der Fähre nach Kristiansand übersetzen. Endlich in Norwegen angekommen verlassen wir die Stadt und suchen uns einen Platz für die Nacht. Nach kurzer Fahrt finden wir am Ende einer Schotterstraße einen schönen Parkplatz am See und lassen den Tag ruhig enden.


Am nächsten Morgen gehts  – nach einem kurzen Bad im See – weiter zu unserem ersten großen Ziel, dem Preikestolen (deutsch „Prediktstuhl“). Für uns beginnt der Zustieg erst nachmittags, da wir vor Ort mit dem Zelt übernachten werden. Dass das eine gute Idee war, fällt schon beim Hinweg auf, als uns eine Reisegruppe nach der nächsten entgegenkommt, wodurch wir fast allein an diesem weltberühmten Felsen stehen. Fast unscheinbar wirkt die Felskante im ersten Moment. Die Faszination wird einem jedoch schnell klar, je näher man dem über 600 Meter tiefen Abgrund kommt. Selbst als geübter Bergsteiger flößt einem dieser Anblick Respekt ein. Wir genießen die Sonnenstrahlen der Abendsonne und schlagen unser Zelt etwas abseits auf. Hier fällt uns das erste Mal auf, wie kurz die Nächte in Norwegen sein können. Es ist mitten in der Nacht, als die Sonne fast zögerlich hinter den Bergen verschwindet und nach kurzer Zeit schon wieder auftaucht. Dunkel wird es dazwischen nie.

Nach einem kurzen Frühstück geht es wieder zurück zum Camper und in Richtung unseres nächsten Zieles, der Trolltunga (deutsch „Trollzunge). Ausrüstung und Zelt auf den Rücken und los gehts. Dieses Mal aber deutlich weiter und anspruchsvoller. Der Motivation hilft es nicht gerade, wenn einem auf den ersten Kilometern schon humpelnde Wanderer mit einem gequälten „good luck“ auf den Lippen entgegenkommen. Wir haben schon das Schlimmste erwartet, sind jedoch ohne Probleme vorangekommen. Ungeübten Wanderern sei jedoch gesagt, dass man den Weg zur und von der Trolltunga nicht unterschätzen sollte. Die knapp 30 km mit einigen hundert Höhenmetern verlaufen zum größten Teil nicht auf präparierten Wegen und können sich gegen Ende ziemlich ziehen.

Weil wieder eine Übernachtung im Zelt geplant ist, geht unser Zustieg gemütlich voran. Bei einer Pause unterwegs folgen wir einem kleinen Flusslauf, um abseits der zurück ins Tal strömenden Mengen die Aussicht zu genießen. An der Kante angekommen ergibt sich ein überraschender Anblick. Der so unscheinbare Bach stürzt spektakulär in die Tiefe, der Blick auf See und Felswände ist atemberaubend und wieder einmal wird uns bewusst, wieso wir uns für gerade dieses Land entschieden haben.


Als wir schließlich an der Trolltunga ankommen, können wir uns ein Grinsen kaum verkneifen. Fast unwirklich scheint diese immer dünner werdende Felsnadel, die sich dort von der Klippe weg über den Abgrund streckt. Wir können es kaum erwarten selbst vorzugehen und müssen dank der Uhrzeit (wieder ist es so spät, dass nur noch die wenigen Wanderer mit Zelt vor Ort sind) nur einige kurze Momente warten. Fast unwirklich fühlt es sich an, die Beine ins Freie baumeln zu lassen.

Für uns gibt es heute aber noch ein zweites Ziel. Einen weiteren Preikestolen gilt es zu sehen. Etwa eine halbe Stunde durch unverspurten Schnee später sehen wir diesen wenig bekannten Felsen auch schon. Deutlich mehr Trittsicherheit fordernd und mit einem über 1.000 Metern tiefen Abgrund darunter, ist dieser etwa drei Meter lange Fels nichts für schwache Nerven. Danach geht es wieder raus aus dem Schnee und rein ins Zelt.

In den nächsten Tagen bewegen wir uns langsam weiter Richtung Norden. Wir fahren entlang endloser Fjorde, vorbei an unzähligen Wasserfällen und immer wieder können wir nicht anders, als das Auto stehen zu lassen und wandern zu gehen. Hinein in lange Täler, auf Gipfel und an die Ausläufer mächtiger Gletscher.


Tag ein Tag aus unglaubliche Landschaften. Die Faszination bleibt und wir kommen kaum aus dem Staunen heraus. Als Allgäuer ist man ein gewisses Niveau gewohnt. Schön ist unsere Heimat. Was sich uns hier aber bietet, übersteigt in seinen Ausmaßen alles, was wir bislang in den Alpen sehen durften.

Der Alltag im Camper geht uns dabei erstaunlich gut von der Hand. Eine Routine stellt sich schnell ein und sollte auch eingehalten werden. Morgens das Bett abziehen, Schlafsäcke einrollen, Sitze umklappen und alles verstauen. Auf so engem Raum merkt man schnell, wenn man das mal schleifen lässt.

Was die kulinarischen Ansprüche angeht muss man sich aber etwas zurücknehmen. Ob das an den fehlenden Möglichkeiten der Camperküche oder den norwegischen Preisen liegt, darf jeder selbst für sich entscheiden.

Selbst die Hygiene ist dank unzähliger Flüsse und naturverträglicher Seifen kein Problem. Allerdings auch nur, wenn das Wetter mitspielt. Wir haben viel Glück mit den Temperaturen. Ein warmer norwegischer Sommer mit bis zu 26° C begleitet uns ein gutes Stück des Weges in den Norden.

Nach etwa zwei Wochen setzen wir mit der Fähre auf die Lofoten über. Allerdings endet das gute Wetter hier in der ersten Nacht und damit auch unsere Glückssträhne. Sturm und Regen ziehen auf und sollten bis zu unserem Rückflug ohne Camper auch nicht mehr nachlassen. Aber eines nach dem anderen…

Den ersten Tag auf diesem kargen aber wunderschönen Archipel verbringen wir mit einer kleinen Tour und bestaunen die schroffen Felswände. Wir können es kaum erwarten, die ersten Gipfel zu erklimmen.

Grob wachgerüttelt werden wir mitten in der Nacht von den heftigen Windböen, die vom Meer herziehen. Einige unruhige Stunden später sitzen wir beim Frühstück und besprechen die Lage. Anspruchsvolle Touren fallen damit schonmal raus. Der Wetterbericht verspricht leichte Besserung am Nachmittag. Eine Ersatztour ist schnell gefunden und die Motivation fast schon wieder voll da. Obwohl das Wetter nicht besser wird, starten wir. Trotz guter Ausrüstung zwingt uns das Wetter allerdings nach zwei Stunden völlig durchnässt in die Knie. Der Wetterbericht ist mittlerweile in absehbarer Zeit nur noch als pessimistisch zu bezeichnen. Wir entscheiden uns, die Lofoten wieder zu verlassen. Anscheinend ist das Wetter weiter nördlich, wo unser nächstes Ziel (Senja) wartet, besser. So leicht lässt uns die Inselgruppe aber nicht los. Dank Windgeschwindigkeiten von über 100 km/h verbringen wir eine lange Nacht im Stau vor einer gesperrten Brücke.

Am nächsten Morgen befinden wir uns auf dem Festland, wo wenigstens der Wind nachgelassen hat, wenn auch nicht der Regen. Eine Stunde später ist das Wetter aber nicht mehr unsere größte Sorge, als auf einmal unser Wagen stehen bleibt und sich nicht mehr dazu überreden lässt, weiterzufahren.

Zwei Abschleppdienste (weil uns die erste Werkstatt nicht helfen konnte), ein paar Nächte im Hotel und zwei Tage Diagnose bei der zweiten Werkstatt später die Entscheidung:

Die Reparatur in Norwegen ist zu teuer (pro Abschleppdienst etwa 600 Euro; jeder Tag in der Werkstatt ca. 700 Euro, Ersatzteile nicht einberechnet), ein Rücktransport plus Reparatur in Deutschland dank Versicherung die bessere Alternative. Für uns geht es mit dem Flugzeug zurück.

Trotz dieses abrupten Endes ist unser Fazit ein positives:
Wir haben viel erlebt, gelernt und vor allem gemerkt, dass auch eine Woche im Regen und ein kaputtes Auto nicht ausreichen, um uns die Laune zu versauen.

Mehr Bilder von ihrer Zeit in Norwegen
gibt es auf den Instagram-Accounts
von Theresa und Martin:

@palimpalum
@martinhehlephotography

Kommentar verfassen