Ortler Ronda – Der bequeme Weg

… von und mit Hans-Martin Haller

Trainingsunlust angesichts ausgefallener Marathons – welche mit Sicherheit eine Vielzahl an ambitionierten Hobbysportlern in den vergangenen Monaten erfasste – und die Nachsicht des Alters brachten uns zu der Überlegung, unsere jährliche Alpentour diesmal etwas bequemer zu gestalten. Wir – das sind ein paar „alte Hasen“, die sich gerne in der Natur bewegen, vorrangig per Bike, manchmal auch per Pedes.

Im Dreieck zwischen Vinschgau, Engadin und Veltlin ist unser Anflug an Bequemlichkeit angesichts vieler Aufstiegsmöglichkeiten mit Shuttle, Bus, Zug und Bergbahn problemlos möglich. 

Eine Rundtour im Halbkreis um den Ortler, bei der sich Aufstiegsmittel in die Tour integrieren lassen und trotzdem noch ausreichend Schweiß vergossen werden sollte, war unser Ziel. Mehr oder weniger den Trails von Uli Stancius Transalp-Routen folgend zwischen den Orten Mals, Livigno und Bormio ergibt sich ein Hochgenuss zwischen 2000 und 3000 m Höhe pendelnd.

Vom Ofenpass nach Livigno bieten sich die Klassiker Passo Gallo oder Val Mora und Alpisellapass an, bis auf kurze Passagen alles bequem fahrbar. Angekommen in Livigno, bekannt als Trendsetter für Mountainbiken und ein Shopping-Paradies zugleich – zoll- und mehrwertsteuerfrei – gibt es viele Optionen, um Arnoga im Valdidentro zu erreichen. Dort beginnt der Aufstieg zum Passo Viola, kein Muskelbrenner, eher ein sanfter, grobsteiniger Anstieg – wie häufig bei alten Militärwegen. Perfekt ausgebaut ist der Downhill ab der Passhöhe hinab nach Sfazu und Poschiavo. Oben am Berninapass angekommen – mit Hilfe der Rhätischen Bahn – wartet eine besonderer Leckerbissen: die 1200 Höhenmeter Abfahrt über die Alp Grüm und Cavallo nochmals nach Poschiavo. Auf der Berninaroute, wahlweise als Trail oder  Forstweg machbar. Ein weiteres Mal mit der Rhätischen Bahn hinauf und ab der Berninapasshöhe über den vor wenigen Jahren neu angelegten Trail hinüber zur Forcola de Livigno. Das ist sogar für „alte Hasen“ ein echter Spaß. Ein Blick auf den Rucksack und schon verbietet sich selbst für shoppingaffine Kameradinnen jedes sogenannte Einkaufserlebnis in Livigno.

Die Königsetappe folgt am Tag darauf. Ein großes Stück selbst erarbeiteter Höhenmeter. Trelapass und Bocchetta di Forcola. Immerhin ein Herzstück des Transalp-Rennens. Dieses gewährt wenigstens an einem Tag Schweißtropfen auf der Haut zu spüren. Selbst die Transalprofis, auf deren Spuren wir wandeln,  müssen irgendwann ab dem Lago Cancan den Pfad schiebend angehen, bevor auf der alten Militärstraße ein Uphill der feinsten Art zu den verfallenden Kasernen am Passo Bocchetta di Forcola folgt. Traumhaft ist dann der Trail hinunter zum Umbrailpass. Früh am Abend, in Erinnerung an alte Rennradzeiten, geht es dann für uns auf Teer hinab nach Bormio. Auch das: Flow pur. Wir genießen in San Catarina italienisches Flair und italienische Küche. Verdient: an -immerhin – einem Tag mit selbst erarbeiteten Höhenmetern. 

Klammheimlich besteigen wir am nächsten Morgen in Santa Catarina das Shuttle zur Pizzini Hütte. Verschämt im Jeep sitzend bewältigen wir 1000 Höhenmeter, um dann schiebend den über 3000 Höhenmeter hohen Passo Zebru zu erreichen. Ein perfekter Rundblick auf die Welt der Gletscher und Eisriesen, alle knapp unter 4000 Höhenmeter, entschädigt für die mentale Depression, zu viele Höhenmeter mit dem Jeep aufgestiegen zu sein. Auf scheinbar endlosen Trails und Wegen geht es das Valle Zebru hinab nach Bormio. „Trails surfen“ – wie man das neudeutsch nennt – war unser Traum, der streckenweise einer Wanderung weichen musste. Zu viele Rinnen und ein stetes Auf und Ab zwingen zu wiederholtem Absteigen.

Trotz allem kommen wir gut gelaunt in Bormio an. Bus oder Shuttle anheuern und ab geht es aufs Stilfser Joch. Dort stehen wir vor der Qual der Wahl: Auf der Straße über Umbrail oder Stilfser Joch, oder auf Trails über den Goldseeweg oder den Tibettrail hinunter in den Vinschgau. Schweren Herzens bleiben wir aus Zeitgründen auf der Straße. Sollten Sie in den Genuss kommen, uns die Tour nachzufahren: planen Sie einen Zeitpuffer ein, den Sie hier verwenden. Die Trails ins Vinschgau sollen phantastisch sein.

Der Vinschgau ist dann auch die Ziellinie für uns. Rückblickend bleibt natürlich ein schlechtes Gewissen, sittenwidrig viele Aufstiegshilfen in Anspruch genommen zu haben. Aber wie gesagt: im Alter wird man nachsichtig, vor allem sich selbst gegenüber. Am Ende überwiegt die Erinnerung, die Welt der Ortler-Trails aufgesogen und unvergessliche Eindrücke im Hochgebirge „radlerisch“ in nur vier Tagen erlebt zu haben.

Einfacher Tipp: unbedingt nachmachen.

Geheimtipp für den Winter: www.haldigrat.ch – ein privater Ein-Mann Sessellift mit minimalen Transportkapazitäten. Im Winter nur an Wochenenden und bei guter Schneelage geöffnet. „Freeriding“  pur. Anmarsch zur Talstation ca. 30 Minuten nur zu Fuß möglich.


Hier gibt es Informationen zur Strecke und den Transportmöglichkeiten:

Transporte:
Mals – Ofenpass:
www.postauto.ch

Anmeldung Radtransport mit Postauto:
www.terretaz.ch
www.suedtirolbike.info
www.taxitop.it

Poschiavo-Bernina:
www.sbb.ch
www.rhb.ch
www.ride.ch

Livigno -Bernina/Zernez/Tunnel Munt La Schera /Poschiavo:
www.silvestribus.it

Bormio /San Catarina – Pizzini Hüttel/Stilfser Joch:
www.alpintaxi.it
www.bormiobike.it 
www.busperego.com


Übernachten:

Livigno
www.montivas.com
www.sporthotellivigno.it

Bormio:
www.hotelsanvitalebormio.com

Feinkost, lokale Spezialitäten:
www.lasceleira.com

San Catarina
www.hotelsport.info
www.albergovedig.it

Bergbahnen Livigno:
www.livigno.eu
www.bikepark.online.de

Bergbahnen Bormio:
www.bormiobike.it

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