OSTSCHWEIZ: Back to the roots

Die Schweizer Alpen einmal anders erleben

Berge sind Wildnis, zumindest mancherorts noch so wie vor Jahrtausenden. Und diese Wildnis ist letztendlich auch der Grund, warum wir uns so gerne dort aufhalten. Für die einen kann das eine ausgedehnte Radtour, ein Spaziergang, oder eine kleine Skitour bedeuten. Für die anderen wird ein Aufenthalt in den Hochalpen zum Grenzgang. Am Limit, ohne Platz für Fehler. Was auch immer wir in der Bergwelt unternehmen, was auch immer wir finden: Suchen werden wir immer nur die Wildnis.

Mountain Wilderness International wurde 1987 in Biella unter anderem von Sir Edmund Hillary gegründet, dem Erstbesteiger des Mount Everest. Heute ist die Naturschutzorganisation mit Untergruppen in acht europäischen Ländern tätig und schützt aktiv die ursprüngliche Gebirgswelt. Wer die Internetseite der deutschen Gruppe besucht, stößt dabei auf ein starkes Zitat:

„Tausende von erschöpften, zivilisationsmüden Menschen beginnen zu entdecken, dass der Gang in die Berge einer Heimkehr gleicht. Sie begreifen, dass die wilde Natur lebensnotwendig ist und dass Naturparks und Reservate nicht nur Schlagholz und Wasser zum Bewässern liefern, sondern wahre Quellen des Lebens sind.“

Aktueller könnten diese Worte kaum sein. Jedoch schrieb sie John Muir vor mehr als einhundert Jahren, 1909, in seinem Werk „Our National Parks“. Die Welt war damals eine andere, sicher war sie auch eine wildere. Das Problem aber war damals schon dasselbe: Alle wollen wir die Wildnis erleben. Was aber tun wir, um dort hinzugelangen, um dort eine sorgenfreie Zeit zu erleben? Und gibt es nicht vielleicht Möglichkeiten, diese Ursprünglichkeit ganz nah zu erleben, sogar mit ihr zu leben?

Kleine Geschichtsstunde: John Muir wurde 1838 in Schottland geboren. Mit elf Jahren wanderte er mit seiner Familie in die USA aus, verrichtete Schwerstarbeit auf einer Farm und besuchte keine Schule. Autodidaktisch bildete er sich selbst weiter. Später verließ er die Uni ohne Abschluss und beschloss die Natur auf eigene Faust zu erkunden. In seinen späteren Büchern berichtete er detailgenau von seinen Wanderungen, erschuf dabei sogar ein literarisches Genre, das Nature Writing, und wurde mehr und mehr zum Naturschützer. Seine veröffentlichten Beobachtungen und Forschungsergebnisse, kombiniert mit teils philosophischen Reflexionen, machten ihn zum Gründer des Naturschutzgedanken und Vater des Nationalparks. Auf niemand geringeren als Muir ist der Yosemite-Nationalpark zurückzuführen – einen der ältesten Nationalparks der Welt.

Warum Muir so wichtig für diese Seiten ist? Wer seine Bücher gelesen hat, wird schnell merken, was es bedeutet in echter Wildnis zu sein. Zugegeben, manche seiner Werke lesen sich in der heutigen Zeit etwas schwergängig und erfordern die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Sie zeigen aber auch, wie wichtig es war, wie wichtig es heute ist, dass wir Menschen eine solche Wildnis finden können. Und was liegt da näher, als einmal selbst das gewohnte Umfeld hinter sich zu lassen? Um voll und ganz auszusteigen. Aus dem Luxus und der vermeintlichen Einfachheit unserer Zivilisation. Um einzutauchen in die wenige echte Wildnis die uns heute noch bleibt?

Mountain Wilderness Schweiz hat sich bereits 2014 dieser Frage angenommen, Ideen gesammelt, recherchiert und einen Hüttenatlas der etwas anderen Art veröffentlicht: Der alternative Hüttenführer. W-LAN, heiße Dusche und 3-Gänge-Menü? Fehlanzeige. Nach eigenen Angaben gehören aber die im Führer vorgestellten Dächer zu den wildesten und einsamsten, die man in der Schweiz über dem Kopf haben kann. Und genau so lässt sie sich doch bestimmt am intensivsten erleben: Die echte Wildnis!

© Switzerland Tourism | By-Line: swiss-image.ch/Lorenz A. Fischer

Nordostschweiz
1732 Meter über dem Meer liegt in einem kleinen Wäldchen die Kletterhütte Pardutz. Links dahinter ragen die spitzigen Kirchlispitzen in die Höhe. Weiter rechts, noch steiler, noch schroffer, die Drusenfluh. Diese Südwände bieten Extremkletterern schon lange schwierigste Routen. Aber auch Wanderer, Naturfreunde und Genießer dürfen die Hütte nutzen. Wer die Unterkunft erreichen will, fährt am besten mit dem Postauto von Schiers nach Schuders und wandert von dort in zwei Stunden auf befestigten Wegen bergauf. Oben finden Hüttengäste dann Platz für 20 Personen im Sommer, beziehungsweise 15 im Winter, Schlafsäcke, Wolldecken, Geschirr und einen Gasherd. Auch Solarlicht, Wasser und eine Toilette sind verfügbar. Wer während des Alpbetriebs eintrifft, der kann sich noch bei der nur wenige Minuten entfernten Grüscher Alp mit Käse, Butter und Milch eindecken. Urig und naturverbunden darf man schließlich dort oben zur Ruhe kommen. Und es vielleicht auch ein wenig John Muir gleichtun: Mit offenen Augen die Natur beobachten. Sonst nichts.

Südostschweiz
Tief im Welschtobel, einen zweieinhalbstündigen Fußmarsch von Arosa entfernt, liegt die Ramozhütte. Auch sie ist unbewirtschaftet, allerdings ähnlich gut ausgestattet wie die Kletterhütte Pardutz. Den Graubündner Ski-Hotspot um Arosa, die perfekt geneigten Hänge, die Seilbahnen, all das lässt man während der Wanderung hinter sich. Der tief eingeschnittene Welschtobel, baumlos und steinig, schluckt den Bergfreund regelrecht auf. Eine ursprüngliche Berglandschaft, eine grandiose Wanderregion. Im Winter dagegen bietet sich eine andere Zustiegsmöglichkeit an: Vom Parpaner Rothorn kann das fast 3000 Meter hohe Aroser Rothorn erreicht und von dort direkt zur Hütte abgefahren werden. Aber ganz egal zu welcher Jahreszeit man sich auf der Ramozhütte aufhält, die Einsamkeit, das Naturerlebnis ist garantiert. Die Hütte steht so wildromantisch, allein und verlassen da – ganz besonders im Winter, wenn die Schneeflanken ringsherum weiß strahlen. Das ist Natur pur. Rein und unberührt.

© Switzerland Tourism | By-Line: swiss-image.ch/Christof Sonderegger

Zentralschweiz
Habkern liegt nördlich von Interlaken, zwischen Thuner- und Brienzersee. Hier hat die Green Advance Stiftung ein wunderbares Projekt realisieren können: Die Alphütte Habkern. Diese Unterkunft wird zwar nicht im alternativen Hüttenführer aufgeführt, trifft aber den gleichen Sinn und Hintergedanken. Denn dort kann man nicht nur einen schönen Urlaub genießen, sondern gleichzeitig auch noch etwas Gutes tun. Unnötigen Luxus darf man auch hier nicht erwarten, wobei das natürlich Ansichtssache ist. Immerhin ist die Hütte mit dem eigenen Auto anfahrbar. Selbstgekochtes schmeckt sowieso oft am besten. Und der Holzofen heizt nicht nur den Herd, sondern auch die Stube. Lediglich Schlafsack, Isomatte und Hygieneartikel müssen mitgebacht werden. Schlafmöglichkeiten, Wasser und Geschirr sind vorhanden. Ebenso wie Balduin die Hausmaus, die momentan zwei ihrer Cousins zu Besuch hat. 

Der Clou? Der Aufenthalt kostet genau so viel, wie es den Gästen wert ist. Diese Spende geht dann natürlich zu einhundert Prozent an die Green Advance Stiftung. Dafür bekommt man aber nicht nur eine einmalig urige Berghütte für sechs, sieben, acht oder mehr Personen, sondern ein intensives Naturerlebnis! Die Alphütte und ihr angrenzender Garten wurden so konzipiert, dass kleine wie große Naturbuschen und -mädels überall spannende und interessante Dinge entdecken können. Hier wird versucht, inmitten der doch recht monoton geführten Landwirtschaft, eine kleine Biodiversitäts-Oase mit den ursprünglich typischen Pflanzen und Insekten aufzubauen. Bisher mit Erfolg: Bereits nach wenigen Jahren hat sich die Natur hier ein Stück weit erholen können, verlorengeglaubte Pflanzen und Insekten siedelten sich wieder an. Auch in und um die Alphütte Habkern liegt die Schönheit in der alpinen Einfachheit. Es gibt einfach unendlich viel zu erleben. Sei es ganzjährig im Garten, beim Baden im Brienzersee, beim Pilze suchen im Herbst, beim Winterwandern, beim Botanisieren oder beim Beobachten der Wildtiere. Sogar Steinböcke gibt es unweit der Hütte hin und wieder zu sehen. Intensiver kann man die Alpen kaum erleben und dazu braucht man nicht mehr als eine alte Holzhütte in der Natur.

John Muir war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er durchwanderte riesige Areale, beobachtete Tiere und Pflanzen im Wandel der Jahreszeiten, bestieg sogar viele Gipfel als erster Mensch überhaupt. In seinem Buch „Die Berge Kaliforniens“ erzählt er von waghalsigen, mehrtägigen Gipfeltouren, mit nichts als einem unter den Gürtel geklemmten Stück Brot und ungewissen Ausgang. Er fand dabei bis dahin unentdeckte Seen, Schluchten, riesige Wälder. Der gigantische Muir-Gletscher in Alaska wurde nach ihm benannt. Er war es, der das riesige, bis ins Meer hinabfließende Eisfeld 1879 entdeckte. 

Unbekannte Gletscher gibt es heute keine mehr zu entdecken. Auch eine Erstbesteigung ist für die meisten Menschen ein Ding der Unmöglichkeit. Doch Aktivurlauber finden mit den drei genannten Hütten und den unzähligen weiteren Möglichkeiten der Schweiz noch immer die wirkliche Natur der Berge wieder. Der alternative Hüttenführer fördert, genau wie Mountain Wilderness, ein neues, nachhaltiges Natur- und Tourismusdenken. Green Advance setzt sich darüber hinaus auch für die Biodiversität, Artenerhalt und die mehr als 600 in der Schweiz lebenden Wildbienenarten ein. Die Stiftung ermöglicht denkbar einfach ein echtes Naturerlebnis, selbst für Outdoorneulinge. Ein solcher Ausstieg auf Zeit macht nicht nur Sportlern und Familien Spaß, manchmal wirkt er sogar wahre Wunder. Er erdet uns. Gibt uns die Möglichkeit, wieder die wirklich wichtigen Dinge in unserem Leben zu fokussieren. Er kann die wahre Quelle unseres Lebens werden – wenn wir es nur zulassen. Und wer möchte, der führt sich dabei vielleicht eines von John Muirs Werken zu Gemüte. Es lohnt sich! 

Mitmachen lohnt sich!

Möglichst viele Menschen für den Alpenschutz begeistern, das kann man nicht alleine. Mountain Wilderness Schweiz lebt von der Unterstützung von Mitgliedern, Spendenden und vielen engagierten Freiwilligen. Es zahlt sich aus: Ihre Anliegen gelangen mit wachsendem Echo an die Öffentlichkeit und erreichen immer mehr Menschen.
Infos, Spendenmöglichkeit, Mitgliedschaft, der alternative Hüttenführer und andere spannende Publikationen:
http://www.mountainwilderness.ch

Text: Benni Sauer

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