OSTSCHWEIZ: Green Ski – Stay safe

Flims, Laax, Falera. Drei kleine Graubündner Gemeinden – mit großen Zielen.

Es ist ein strahlender Wintertag im Februar 2020 als ich am Crap Sogn Gion, dem Stein des heiligen Johannes, aus der Großraumgondel steige. Eiskalte Luft weht mir sanft um die Nase. Die Stimmung ist locker lässig und auf den Pisten viel Platz für die eigenen Schwünge. Ganz egal, ob oben auf dem Vorabgletscher, wo die Seilbahn die 3000er-Marke knackt, in der gigantischen Superpipe, oder auf der P60, der fast endlos langen Funline. Vier Tage werde ich hier sein. Um den Skigebietszusammenschluss kennenzulernen. Und um die Idee dahinter zu verstehen. Denn Flims, Laax und Falera sind nicht nur Fun and Powder. Sondern auch Green and Safe!

Ein Traum in Weiß und Blau. Und in Laax immer in Sichtweite: Grün!

Die Schweiz – unendliche Weiten – wir schreiben das Jahr 2020
Hört sich an wie Raumschiff Enterprise, ist aber eines der wohl prächtigsten Skigebiete der Schweiz. Und  ein wenig wie ein Raum-schiff sieht es ja auch aus, das futuristische Seilbahngebäude hier oben, das GALAAXY, mit dem Workspace „The Bridge“, modernen, hippen Meetingräumen, Restaurants, einem Tattoo-Studio, Urban-Lifestyle und der Aussichtsplattform. LAAX ist so anders, dass ich fast einen kleinen Kulturschock erleide. Urige Holzhütten und Volksmusik sind weder zu sehen, noch zu hören. Macht eigentlich auch nichts finde ich, staune noch über eine zweite Großraumgondel, die hoch über meinem Kopf weiter zum Crap Masegn fährt, klicke die Ski unter die Füße und tauche ein. Ja, tatsächlich in unendliche Weiten, denn die perfekt geneigten Hänge über dem Vorderrheintal sind so offen, weitläufig und frei, wie man sich es als Skifahrer eigentlich nur erträumen kann.

High-Tech am Berg. Der Hybrid-Pistenbully ist ein Hingucker und wir dürfen sogar selbst den Schlüssel drehen – Verzeihung – das Knöpfchen drücken.

Ein erster Eindruck von Laax? Cool! Laax ist cool! Saucool um genau zu sein. Der Altersdurchschnitt, so denke ich mir, als ich bergab brettere, dürfte niedriger als in irgendeinem anderen Skigebiet der Welt sein. Junge Menschen, eine verhältnismäßig große Snowboardgemeinde und ein herzlicher, enger Zusammenhalt machen sich am deutlichsten bemerkbar. Die Super-Pros warten geduldig, selbst bis die kleinsten unter den Anfängern vorsichtig über die Kicker zuckeln. Überall, selbst in der Monsterpipe mit ihren haushohen Eiswänden, ist der respektvolle Umgang spürbar. Denn immerhin schauen sich hier in Laax die Anfänger auch Tricks und Kniffe von den Profis ab, lernen von ihnen dazu und werden so zur neuen Generation Laax – und die wird mindestens genau so cool wie die aktuelle. Bald schon wundert es mich nicht mehr, wenn kleine Skizwerge, die mir gerade bis zur Hüfte gehen, mit irrsinnig verdrehten Backflips über mich hinwegfliegen. Das ist Laax!

Fun, Fun, Fun! Skifahren in Laax hat seinen ganz eigenen Touch, der einen glücklicherweise auch ziemlich schnell einnimmt. Als ambitionierter Ski-Einsteiger lasse ich die Monsterpipe aber trotzdem erstmal aus.

Vom Freestyle zum Greenstyle
Der Freestyle, mit seinen Twintip-Ski und teils ausgefallener Wintersportklamotte, macht schon ordentlich was her. Und das ist nicht erst seit vergangenem Winter so. Wirklich erstaunlich aber ist der Greenstyle. Keine hippe Modeerscheinung. Kein Zug auf den man aufgesprungen ist, sondern eine Lebenseinstellung. Und das schon seit mehr als zehn Jahren. Dafür wurde ein ausgeklügelter 7-Punkte-Plan entwickelt, die Green-style Foundation gegründet und so viel Liebe ins Detail gesteckt, dass der Aufenthalt im Graubündner Ski-Mekka ein Erlebnis voller Überraschungen wird. 

Das fängt schon im Tal an, wo eine E-Kehrmaschine geräuschlos an mir vorbeizeiht. Oder in den Restaurantküchen, wo der Abfall videoüberwacht wird. Mithilfe einer Kamera wird so die Verschwendung von Lebensmitteln und die Müllproduktion auf ein Minimum reduziert. Das E-Shuttle befördert währenddessen Wintersportler mithilfe 100% erneuerbarer Energie, in den Tiefgaragen stehen genügend Elektro-Tankstellen zur Verfügung, auf den Dächern blitzen Photovoltaikanlagen. 

Geschmolzener Käse gehört in der Schweiz einfach dazu.

Übernachten werde ich im rocksresort, dessen kantig moderne Bauten die letzten Meter der Talabfahrt säumen. Hier darf man nicht nur in direkter Pistennähe nächtigen, sondern gleichzeitig auch noch etwas Gutes tun: Die Appartements kann man nicht nur mieten, sondern auch kaufen. Wenn man dann selbst nicht gerade die Zeit im Eigenheim genießt, wird es eben kurzerhand vermietet. So wird Leerstand vermieden und eine lebendige Urbanität geschaffen. Ein preisgekröntes Konzept – das rocksresort belegte in der Kategorie „World’s Best Green Ski Hotel 2018“ sogar den ersten Platz. Das alles hat jetzt mit Skifahren noch nicht so viel zu tun, ist aber auch erst der Anfang.

Das rocks resort, eine clevere Unterkunftsmöglichkeit direkt an der Talstation.

Plus Energie – Minus Verbrauch
Direkt vor den Türen des rocksresorts steige ich ein weiteres Mal in die Großraumgondel. Mehr als vier Kilometer wird sie mich den Berg hinaufziehen, wieder hinein in den hippen Hot-Spot, wo Mülltrennung selbst auf den höchsten Gipfeln völlig normal ist. Auf der Fahrt begleitet mich Reto Fry. Er ist Umweltbeauftragter der hier tätigen Weissen Arena Gruppe und Mitglied im Stiftungsrat der Greenstyle Foundation, der Non-Profit-Organisation, die sich für den Erhalt und den Schutz der Umwelt vor Ort einsetzt. Mit ihm habe ich zuvor das Pellet-Heizwerk in der Seilbahn-Talstation besichtigt und jetzt, über den Dächern Laax schauen wir hinab auf die schwarz glitzernden Platten, die hier die Hausdächer zieren. „Unsere Vision ist nicht nur, das ganze Skigebiet mit 100% erneuerbaren Energien abzudecken – das tun wir jetzt schon. Wir wollen vom Verbraucher zum Produzent werden!“ Und schon heute deckt das Potenzial für die Energieproduktion mindestens 290GWh pro Jahr ab: 90GWh aus Wasserkraft, 10 GWh aus Windkraft, aus Solarstrom 160 GWh und aus Biomasse 30 GWh. Beim Gesamtenergieverbauch der Destination von circa 280 GWh, kann das Ziel also erreicht werden? Reto nickt.

Wer sich auskennt nutzt eine der vielen Möglichkeiten und lässt die Talabfahrt links liegen. Weit und offen – das bedeutet auch: Ein Traum für Freerider!

Wenig später folge ich dem sympathischen Snowboarder durch das gigantische Skigebiet, stoße auf futuristische Seilbahnstationen, die von oben bis unten mit den schwarz-silbernen Platten bedeckt sind, um möglichst viel der Sonnenstrahlen einzufangen. Sonnenstrahlen, von denen es hier sowieso genug zu geben scheint. Kleinere Lifthäuschen sind dagegen aus heimischen Hölzern gebaut. Sie stehen im angenehmen Kontrast zur Moderne, ohne altbacken zu wirken. In weiter Ferne auf einem Hochplateau, so Reto, dort soll ein Windpark entstehen. Auch hier wird wieder deutlich: Flims, Laax und Falera handeln aus Überzeugung und machen aus Visionen greifbare, fast schon perfektionistische Lösungen. Die Windräder sollen in einer ohnehin schon erschlossenen Umgebung stehen, der Eingriff in die Natur wird auf ein Minimum begrenzt. Dann aber, so zeigen Machbarkeitsstudien, wird die Anlage Energie für 5000 Haushalte liefern. Mehr Strom als die gesamte Destination überhaupt verbraucht!

Spieglein, Spieglein an der Wand, wo liegt das nachhaltigste Skigebiet im ganzen Land? Photovoltaikanlagen zieren die Seilbahnstationen.

Und dann finde ich sie doch noch: Die urige Skihütte, aus nichts als Holz und Stein, das Stalla auf der Alp Nagens. Tatsächlich ist der einzige Raum des Restaurants lediglich ein umgebauter Kuhstall und umso überraschter bin ich, als ich neben dem offenen Feuer, grade dort wo ganze Käseleibe dahinschmelzen, Platz nehmen darf. In herrlich rustikal-modernem Ambiente. Mir wird ein kühles Bier serviert und neben den Silberzwiebeln, Kartoffeln und Essiggurken, wird der Käse direkt vom Laib auf meinen Teller gestrichen. Den Duft aus dem engen, schicken Restaurant werde ich zwar noch einige Zeit mit mir herumtragen, die Erinnerung aber noch sehr viel länger. 

Währenddessen surrt draußen ein E-Pistenbulli vorbei. Dank GPS-Steuerung verteilt er den Schnee zentimetergenau, holt so das Maximum aus dem weißen Gold heraus und minimiert die teure, künstliche Beschneiung. Laax ist also immer etwas von beidem. Topmodern und klassisch. Eigentlich genau so wie es mir gefällt.

Vom Crap Sogn Gion zum Crap Masegn bedeutet auch einmal mehr die Traumaussicht hoch überm Skigebiet genießen.

Stay safe in 20/21
Mit Problembewältigung scheint sich Laax ja auszukennen. Wie kein zweites Skigebiet präsentieren Flims, Laax und Falera Ideen, allen voran die Möglichkeit, vielleicht bald sogar ganz ohne Klima-Fußabdruck Skifahren zu können. Die lange Arbeit zahlt sich mehr und mehr aus.

Weniger Vorbereitungszeit blieb dem Skigebiet mit der Bewältigung der Corona-Situation. Kurz nach meinem Besuch wurden fast alpenweit die Skigebiete geschlossen. Um die diesjährige Saison aber für Gäste so reibungslos wie möglich zu gestalten, sollen nun gewisse Maßnahmen getroffen werden. So werden Tickets ausschließlich online verkauft. Das wird für die meisten Wintersportler kein Problem sein, die junge Generation ist ohnehin gut gerüstet, die INSIDE LAAX App auf den meisten Smartphones installiert. Das Programm schafft also in Zukunft nicht nur einen perfekten Überblick über das Skigebiet, sondern ermöglicht auch ein sicheres Erwerben der Liftpässe.

Am Ende hat es mich doch – das Laax-Fieber. Mit ein wenig Hilfe von den Profis setze ich an, zu meinem ersten Schwung in der größten Halfpipe der Welt. 6,90 Meter hoch, 200 Meter lang und 22 Meter breit. Abgesehen von einem kleinen Ausrutscher besteht die Fahrt aus Schwerelosigkeit, Adrenalin und purer Freude. Unten angekommen freuen sich alle mit mir. Lachende Gesichter, Schulterklopfen und das dumpfe Geräusch, wenn man versucht mit dicken Handschuhen zu applaudieren, sind ganz besonders hängengeblieben.

Auch die Öffnungszeiten sollen nach Bedarf verlängert werden. Lange Schlangen sollen demnach vermieden werden und wer möchte, darf sogar beim Early Bird Programm besonders früh auf die Piste. Ansonsten gelten die üblichen Masken- und Abstandsregeln. Bars und Restaurants bleiben geöffnet, die Clubs allerdings werden diese Saison leider ihre Türen geschlossen halten müssen. 

So werde ich also auch dieses Jahr die dünne Luft auf dem hohen Vorabgletscher schnuppern. Die Funslopes, mit den unterschiedlichsten Obstacles befahren. Und das Gefühl der Schwerelosigkeit in der Superpipe genießen. Ein Erlebnis, das ich jedem Laax-Besucher nur ans Herz legen kann. Denn so furchteinflößend die Röhre von oben auch erscheinen mag, so einfach ist ihre Befahrung – auch für mich als Halfpipe-Newbie. Ein Sturz in ihr verläuft überraschend sanft und sorgt höchstens für ein paar blaue Flecken. Auch das gehört zu Laax: Hinfallen. Aufstehen. Skihelm richten. Und weiterfahren!

Text: Benni Sauer

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