OSTSCHWEIZ: So schmeckt die Ostschweiz

Eine kulinarische Reise von St. Gallen am Bodensee, übers naturverbundene Toggenburg, durchs Heidiland, bis ins schöne Oberengadin in Graubünden.

Das Bergland schlechthin, die Schweiz, mit dem weißen Kreuz auf rotem Grund. Mit dem Matterhorn, vermutlich berühmtester aller Berge. Mit Schokolade und Käse. Zugegeben: Die meisten Menschen haben ein etwas klischeehaftes Bild der Schweiz. Höchste Zeit also, einen Blick über den kulinarischen Tellerrand zu werfen, in die Ostschweiz, die mit altbekannten Leckereien, aber auch allerlei Überraschungen auf Gäste wartet. Ganz besonders in der kalten Jahreszeit.

Foto: ©  swiss-image Switzerland Tourism | Hans-Peter Siffert

Bier aus München? Wurst aus Nürnberg?
Nicht in der Ostschweiz! Wir beginnen unsere Fahrt im Norden, nur wenige Kilometer hinter der baden-württembergischen und österreichischen Grenze. In der Gemeinde St. Gallen am Bodensee. Die Gründung der Abtei St. Gallen ist für das Jahr 719 nach Christus nachgewiesen. Historische Geschichten und Bauwerke ziehen seitdem jährlich viele Touristen in das UNESCO Weltkulturerbe Stiftsbezirk St. Gallen. Ins milde Klima am Bodensee. Mit traumhaften Wanderwegen, mit umwerfender Aussicht. Und ja, auch mit einer stolzen Wurst- und Biertradition. 

Ganz richtig gelesen: Die St. Galler sind nicht überheblich, wenn sie von ihrer, sogar von der besten Bratwurst weit und breit erzählen. Schließlich wurde schon im Mittelalter der «schmackhafte Stolz der St.Galler» auf dem Grill gebraten und verspeist. Seit 1438 soll das schon der Fall sein – und ganz gewiss ist er das bis heute noch. Die Bratwurst wird nahezu überall angeboten. Ob in einem der acht Gault-Millau-Lokale der Stadt oder am Wurststand an der Ecke. Unbedingt beachten: Das St.Galler «Heiligtum» wird ohne Senf verzehrt.

Zu einer guten Wurst gehört natürlich auch ein gutes Bier und ganz selbstverständlich kommt das auch aus St. Gallen. Die Bierkultur hat in der Ostschweiz längst schon Tradition. Und während früher hauptsächlich die Schützengesellschaft vor dem Platztor ihren Durst mit dem Klosterbier stillte, so sind es heute Wanderer, Wintersportler und City-Reisende. Die stadteigene Brauerei Schützengarten ist sogar die älteste Brauerei der Schweiz. Mit wohlbehüteten Rezepturen des «St.Galler Landbiers» und des «St.Galler Klosterbräus». 

Das St. Galler Klosterbräu wird sogar beim Papst im Vatikan ausgeschenkt. Der Kommandant der Schweizergarde suchte ein Bier, das in die Bar des Garde-Quartiers passt. Und die St. Galler gewannen das Rennen. Sicherlich spielte die hohe geschmackliche Qualität eine Rolle bei der Entscheidung. Vielleicht lag es aber auch am St. Galler Klosterarchiv, in dem die älteste Bier-Urkunde der Welt liegt – aus dem Jahr 753!

Wer das leckere Bier und noch viele weitere regionale Leckereien einmal selbst probieren möchte, der macht sich am besten auf die Genusswanderung von der Gallusstadt hinein ins Rheintal. Blattsalat mit Mostbröckle, Zander Knusperli und frischer Apfelstrudel mit Rahm begleiten die Wanderer auf ihrer fast 18 Kilometer langen kulinarischen Wanderung. Wer lieber selbstständig, ohne Plan und ohne Ziel unterwegs ist, der packt sich einen Rucksack. Und zwar den Fonduerucksack! Er beinhaltet alles, was das Herz begehrt – von der leckeren Fondue-Hausmischung mit Brot, über den süffigen Weißwein, bis hin zu sämtlichem Zubehör und einer schöner Tischdecke. Die Picknick-Pakete können in St. Gallen und Rorschach entgegengenommen werden. So kann einfach mal querfeldein gewandert werden. Mit einem Rucksack voller St. Galler Schmankerl!

© ChääsWelt Toggenburg

Genießen mit den Churfirsten
Toggenburg liegt nur einen Steinwurf südlich der Schweizer Bier- und Wurstmetropole und ist nicht nur wegen ihrer markanten Gebirgskette, den Churfürsten, berühmt. Die Bergspitzen gehören bereits zu den Appenzeller Alpen und erreichen eine Höhen von bis zu 2300 Metern. Herrliche Wanderrouten und Skitourenmöglichkeiten liegen den Toggenburgern damit direkt vor den Füßen. Ein Toggenburger Hausrezept ist auch verantwortlich für das bekannteste Produkt der Region: Der Toggenurger Biscuitspezialität, kreisrunden Kekse, die in keinem Outdoorgepäck fehlen sollten. Die Toggenburger der Schweizer Genussmanufaktur Kägi wecken oft sogar verloren geglaubte Kindheitserinnerungen!

Die Chääswelt Toggenburg dagegen ist unglaublich vielfältig. Die Milch dafür von Kuh, Schaf, Büffel oder Geiss. Insgesamt entstehen in Toggenburg sage und schreibe 200 Käsesorten. Milde und rezente. Mal rund, mal gelocht. Mal weich, mal halbhart, mal hart. Die Chääswelt Toggenburg und ihre Produzenten und Anbieter laden dabei zu kulinarischen Erlebnissen, auf schmackhafte Entdeckungstouren mit Führungen und Degustationen. Neben Käse aber, kommen auch andere Leckereien auf den Tisch. Schlorzifladen sind Kuchen mit einer Füllung aus passierten Dörrbirnen und Rahmguss. Würstli, Geräuchertes und Getrocknetes aus einheimischem Fleisch, gehören ebenfalls zu den typischen Toggenburger Schmankerln.

Foto: © swiss-image UFT | Frederic Grangier

Im Sommer erkurbeln sich Gäste die Toggenburger Geschmackswelt am besten auf dem E-Bike. Beim Cheasy Ride passiert man drei Genussstationen. Drei Gänge – wohlgemerkt auf dem Tisch, nicht am Zahnkranz! Im Winter dagegen bietet sich ein Besuch des Bergrestaurants Gamplüt an. Auf 1357 können hier die unterschiedlichsten Aktivitäten unternommen werden. Sogar winterliches Biken ist möglich! Mit den Fatbikes geht’s auch in der kalten Jahreszeit durch die Bergwelt. Eine Winterwanderung führt vorbei an Altmann und dem photogenen Wildhuser Schafberg. Mit Zipfelracer und Airboard erleben selbst die kleinsten Besucher eine spaßige Abfahrt. Nicht aber, bevor allesamt im Gamplüt eingekehrt sind. Denn das „Gamplüt ist für alli Lüt“! Fleischfondue, die Schlorzifladen, Raclette und jede Menge anderer schmackhafter Spezialitäten dürfen dort oben verköstigt werden. Mit eindrücklichem Ausblick auf die Churfürsten. Und sogar hinüber ins Heidiland, das noch weiter südlich seine Gipfel in die Höhe streckt.

Deine Welt sind die Berge!
Klare Luft, eindrucksvolle Berge, tiefblaue Seen und über allem der Heidi-Mythos, der seit nun schon 140 Jahren das Bild der Schweiz weltweit geprägt hat. Die Geschichte des Waisenkindes lockt nach wie vor Gäste von überall her in die Schweizer Berge, mit ihren sanften Wiesen und schroffen Wänden. Aber nicht nur Kinder und Nostalgiker freuen sich im Heidiland auf besondere Erlebnisse. Auch Feinschmecker lassen sich verzaubern, von den weltmeisterlichen Weinen, herrlichen Pilzgerichten, deren Zutaten selbst zu sammeln sich die Spitzenköche nicht nehmen lassen. Im Tal, oder eben oben, in der Welt der Berge. 

Foto: © swiss-image | Switzerland Tourism Giglio Pasqua

Das autofreie Weindörfchen Quinten liegt am Nordufer des Walensees und ist nur über Wanderwege oder mit dem Schiff erreichbar. In diesem 60-Seelen-Dorf herrscht ein spezielles Mikroklima, das nicht nur Trauben, sondern auch exotische Früchte wie Kiwis und Feigen gedeihen lässt. Die Quintener Weinreben finden hier also optimale Wachstumsbedingungen. 

Auch im Bündner Rheintal, das gerne Weintal genannt wird, finden sich vielfältige Weine. 42 unterschiedliche Sorten wachsen hier. Eine Traubensorte dominiert hier aber deutlich: Der Blauburgunder, auch Pinot Noir genannt. Sechs Mal schon konnten die dortigen Winzer den Weltmeistertitel ins Heidiland holen. Dass die Region zur offiziellen «Schweizer Genussregion 2020» ernannt wurde, verwundert angesichts dieser Erfolge nicht.

Das weitere kulinarische Rahmenprogramm stellen auch im Heidiland Schlemmerwanderungen und Genuss-Biketouren dar. Wahlweise über Berge, durch Täler oder entlang des Walensees. Romantiker aber wählen gerade im Winter die Fondue-Kutschfahrt durch die Bündner Herrschaft. Im beheizten Wagen, mit Schweizer Musik und einmalig guter Atmosphäre. Wer dagegen Bewegung sucht, findet tolle Winterwandermöglichkeiten, Skipisten und Rodelbahnen in den umliegenden Bergen. Und sicherlich überall auch ein gutes Glas Wein aus dem weltmeisterlichen Heidiland.  

Foto: © swiss-image Switzerland Tourism | Ivo Scholz

Gutes Essen als Tradition
Im Engadin, zwischen Maloja und dem Örtchen S-chanf (kein Tippfehler!), finden Bergsportler zu jeder Jahreszeit lohnenswerte Ziele. Skifahrer und Snowboarder brettern die erstklassigen Pisten am Corvatsch hinab, auf dessen Gipfel erst im Herbst die weltweilt höchste Whiskey-Destillerie eröffnete. Winterwanderer finden dagegen in den verschneiten Wäldern abseits des Trubels noch echte Ruhe, denn hier, so heißt es, hier atme das Engadin noch tiefe Zufriedenheit.

Dank der drei Sprachregionen und der verschiedenen kulturellen Einflüsse entwickelte sich aber im Engadin auch eine der vielfältigsten kulinarischen Landschaften der gesamten Schweiz. Im Engadin haben 26 Restaurants 389 GaultMillau-Punkte und sieben Michelin-Sterne erkocht. Bei den typischen Engadiner Restaurants, mit ihrem rustikal eleganten Charme, stehen exquisite lokale Spezialitäten auf der Speisekarte. Eben noch die ehrliche Traditionsküche. 

Im Engadin hat sich aber auch eine ganz neue kulinarische Szene entwickelt. Schlicht, authentisch und richtig lecker. Mit lockerem Ambiente und raffinierten Konzepten geht man gerne auch neue Wege. Denn: «Zurück zu den Wurzeln» bedeutet für die jungen Köche nicht nur die Rückbesinnung auf puren Geschmack und regionale Produkte, sondern auch die Wiederentdeckung des ursprünglichen Engadins, wie sie es lieben: klein, fein, urchig und entspannt.

Text: Benni Sauer

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