OSTSCHWEIZ: Wintersport der Superlative

Rekordskigebiete der Schweiz

Sicher, es muss nicht immer die längste, höchste oder steilste Abfahrt sein. Skifahren ist für die meisten
doch pure Lebensfreude, Sport, Freizeit und eben gerade nicht die Jagd nach Rekorden. Doch sind wir mal
ehrlich, manchmal, da blitzt doch ganz kurz ein Funken auf. Wie es wohl wäre? Ob ich es schaffen könnte? Und wie es sich wohl anfühlen würde?
(Titelbild: Die Urdenbahn – Herzstück der Arosa Bergbahnen. © Arosa Tourismus | Nina Mattli)

Schweizer Wintersport-Highlights
Das weiße Kreuz auf dem roten Hintergrund ist überall präsent. Keine Hüttenterrasse, keine Piste, über der die quadratische Fahne nicht flattert. Ein Winterurlaub in der Schweiz fühlt sich allein schon deswegen so anders an, weil man jederzeit so schön daran erinnert wird, wo man gerade ist. Und wer im Winter eine dieser Fahnen sichtet, darf sich schonmal sicher sein, zumindest in der Nähe einer der weltweit spektakulärsten Pisten, oder zumindest deren Anlagen zu sein. Das klingt vielleicht im ersten Moment nach Profisport, Adrenalinschüben und No-Risk-No-Fun-Mentalität. Fakt ist aber auch: Ski-Rekorde müssen in der Schweiz nicht immer in halsbrecherischen Steilabfahrten enden. Da gibt es die doppelstöckige (!) Seilbahnkabine in Samnaun, die 180 Personen fasst. Eine drehbare Gondel, die eine wechselnde Panoramasicht gewährt. Im Wallis transportiert die Seilbahn sogar Autos, ja selbst Busse auf die Bettmeralp. Die Fahrzeuge werden einfach an der Talstation unter die Kabine gebunden. Wie wäre es aber auch zum Beispiel mit der schönsten Abfahrt? Oder dem leckersten, oder dem nachhaltigsten Skigebiet? Wir haben die Highlights des schweizerischen Ski-Winters zusammengetragen.

Das schnellste Skigebiet 
Dass das Skigebiet Arosa Lenzerheide heute zusammenhängt, ist nur einer einzigen Seilbahn zu verdanken. Nach einer langer Planungsphase, konnte 2013 endlich mit dem Bau der Urdenbahn begonnen werden, die heute Wintersportler über das geschützte Urdental befördert. 1719 Meter weit, ohne auch nur eine Stütze zu passieren. Das aber macht die Urdenbahn nicht zum Rekordhalter. Die Geschwindigkeit der unabhängig voneinander fahrenden Pendelbahnen dagegen schon! Mit zwölf Metern pro Sekunde rast man durch die Luft. Steil bergauf geht es dabei noch nicht einmal, die Bahn fährt fast horizontal. Denn auch wenn beide Stationen auf einer Höhe von mehr als 2500 Meter liegen, werden nicht einmal einhundert Höhenmeter überwunden. Die Fahrt dauert nur drei Minuten und 18 Sekunden – die Urdenbahn ist damit die schnellste Pendelseilbahn der Schweiz. Noch ein Highlight für Technikfreunde:  Mit Tragseilen, die einen Durchmesser von 76 Millimetern aufweisen, gelang der Urdenbahn der Aufstieg in die Top Ten der größten Tragseile aller konzessionierten Bergbahnen!

Grün und hipp: Flims Laax Falera zeigt wie’s geht!

Das grünste Skigebiet
Flims Laax Falera. Was für Ungeübte fast wie ein Zungenbrecher klingt, ist das wohl grünste Skigebiet der Schweiz, vielleicht sogar der ganzen Alpen. Flims Laax Falera möchte sogar die weltweit erste selbstversorgende alpine Destination werden. Ob das gelingt? Das ist schwer zu sagen, aber ganz offensichtlich sind die Ostschweizer auf dem besten Wege dorthin! Die extra dafür ins Leben gerufene Greenstyle Foundation verwandelte das gigantische Skigebiet in ein Vorführmodell, welches nach wie vor als Hotspot einer jungen und trendigen Lifestyle-Gesellschaft gilt. Der Schlüssel liegt hier nämlich (auch) im Detail! Nicht nur gigantische Photovoltaikanlagen, die ganze Bergstationen verkleiden, oder die Pellet-Anlage, die Energie erzeugt, um riesige Seilbahn-Kabinen bergauf zu transportieren, sollen den „Greenstyle“ vermitteln. In Restaurants wird Regionalität gewahrt, Küchenabfälle werden auf ein Minimum reduziert. Elektromobilität ist allgegenwärtig – sogar die Müllabfuhr fährt grün. Mehr über Flims Laax Falera gibt es in diesem Heft im Artikel „Think green? Ski green!“ zu lesen. Übrigens: Die Kabinenbahn auf den Crap Sogn Gion legt einen Weg von beeindruckenden 4165 Metern zurück. Einmalig in der Schweiz!

Le Mur Suisse: Die steilste Piste der Welt
© Antoni Villoni

Das steilste Skigebiet
Steil ist geil! Für viele, die das Kribbeln im Bauch spüren und Grenzen ausloten möchten, gibt es in der Schweiz auch wirklich steile Pisten. Dafür muss man zwar etwas weitere Anfahrten auf sich nehmen, doch wer einmal am Beginn der Le Mur Suisse, der Schweizer Mauer steht, wird sich vermutlich noch lange dran erinnern können. In Portes du Soleil, dem grenzübergreifenden Skigebiet zwischen Frankreich und der Schweiz, ist nämlich die steilste Piste der Schweiz zu finden. Manche behaupten sogar, sie sei die steilste Piste der Welt. Ein Schild weist am Beginn der Bergflanke noch daraufhin, dass auf den nächsten 300 Höhenmeter ein Gefälle von 90% wartet, stellenweise soll die Neigung sogar noch steiler sein. Optimale Pistenverhältnisse sind dort übrigens fast ausgeschlossen. Die Abfahrt wird aufgrund ihrer Steilheit überhaupt nicht präpariert, was die Schweizer Mauer sicherlich zu einer der schwersten offiziellen Skipisten der Welt macht. Manchmal türmen sich dort die Pistenbuckel auf über zwei Meter. Der Steilabfahrt in nichts nach steht eine Piste am Mont Fort bei Verbier im Wallis. Hier wird stellenweise die 40°-Marke geknackt. Natürlich unpräpariert! Wer die Anfahrt schon auf sich genommen hat und in der Region noch mehr Superlative sucht, der stattet dem Matterhorn ski paradise einen Besuch ab. Mit 3899 Metern ist es das höchste Skigebiet der Schweiz! 

El Paradiso in St. Moritz. Sonnenterrasse mit Ausblick.
© Filip Zuan

Das leckerste Skigebiet
Tolles Wetter, tolle Pisten, tolle Aussicht. Was fehlt noch für den perfekten Skitag? Ganz klar: Tolles Essen! Das gibt es genaugenommen überall in der Schweiz, aber vermutlich ist kaum ein Ort dafür so berühmt geworden wie St. Moritz. Schon seit 1994 findet dort das St. Moritz Gourmet Festival statt. Dabei punktet der Kulinarik-Hotspot im Engadin ganz und gar nicht ausschließlich mit teurem Luxus! Die typische Schweizer Küche ist ausgesprochen simpel: Oft genug stellen Kartoffeln die Grundlage für deftige Mahlzeiten dar. Etwas Speck und guter Käse, ganz egal ob Appenzeller oder Emmentaler und schon hat man das Nationalgericht, den Rösti. Der ist an jeder Ecke, jeder Hütte, natürlich auch in den Skigebieten zu haben. Genauso wie Fondue und Raclette. Ersteres wird sogar in der ein oder anderen Gondel serviert. Letzteres dagegen steht auf Skihütten oft am offenen Feuer, schmilzt dort langsam dahin, um dann mit Silberzwiebeln und sauren Gurken vom Laib direkt auf den Teller gestreift zu werden. Man muss schon einmal selbst erlebt haben, welch aromatischer Duft einem zur Mittagszeit in solch einer Hütte entgegenweht! Die Ostschweiz aber kann nicht nur deftig: Traditionelle Süßspeisen sind im Engadin allgegenwertig. Oft liegt die Entstehung der Rezepte viele hundert Jahre in der Vergangenheit und wieder waren es oft nur einfachste Rezepte, die mit wenigen Zutaten auskommen. Berühmtestes Beispiel: Vor mehr als 500 Jahren verließen viele Engadiner ihre Heimat und versuchten sich im Ausland als Bäcker und Konditoren. Mitte des 18. Jahrhunderts waren sie zu angesehenen Handwerkskünstlern geworden – mehr als die Hälfte der venezianischen Bäckereien wurde damals von Bündnern geführt. Das Ergebnis dieser Epoche: Die Engadiner Nusstorte. Eine Leckerei, die am besten auf einer sonnigen Terrasse in den Skigebieten der Ostschweiz schmeckt! Gourmet-Tipp: Das Skigebiet Corviglia ist ein wahrer Schatz für Schlemmer-Freunde. Einheimische Köstlichkeiten in der legendären Alpina Hütte bei atemberaubender Aussicht oder die Gault-Millau-Küche von Kult-Koch Reto Mathis. Hungrig muss man in der Ostschweiz nun wirklich nicht Skifahren!

Text: Benni Sauer

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