OSTSCHWEIZ: Wo bin ich?

Zielsicher leitet mich das Navigationssystem mehrere hundert Kilometer nach St. Moritz und noch weiter nach Surlej. Dort steige ich in eine Gondel, die mich zuverlässig in zwei Etappen auf den 3303 Meter hohen Corvatsch hebt. In winterliches, hochalpines Gelände. Nach der langen Reise stehe ich endlich auf den Ski auf der Piste und frage mich dennoch: „Wo bin ich?“

Glücklicherweise finde ich schon bald eine große Tafel. Darauf zu sehen: Natürlich der Corvatsch, aber auch die gesamte Umgebung, vom Piz Lagalb bis zur Diavolezza. Von Furtschellas bis hinab ins Tal. Dahinter, klar, der Piz Bernina mit dem strahlenden Biancograt, gleich neben dem Piz Palü. Tolle Aussicht! Wenig später schwinge ich die Piste 3 hinab, wechsle dann zur 1a, über die ich schließlich wieder die Furtschellas Mittelstation erreiche. Eigentlich ganz einfach.

Überblick in Sekundenschnelle? Das schafft nur ein Panorama.

Die Illusion einer Realität
Während mich Satellitentechnik in die Südostschweiz lotste und Ingenieurskunst auf den Berg hievte, so ist es nichts anderes als ein Pinsel, der mir jetzt beste Orientierung ermöglicht. Genau genommen ist es der Pinsel von Arne Rohweder und seiner Frau Martina. Denn das Bergpanorama ist keine einfache Luftaufnahme, sondern eine handgemalte, komplizierte Konstellation. Das perfekte Bild einer Bergwelt, die so überhaupt nicht existiert. Eben nur eine Art Landkarte. Und dazu ist es echtes Kunstwerk!

Als ich auf der Piste das nächste Mal einer solchen Tafel begegne, schaue ich genauer hin. Feinste Details lassen mich die Bergspitzen der Panoramakarte in der Realität wiedererkennen. Sofort finde ich mich zurecht. Pisten, Lifte, Straßen und Ortschaften geben mir noch mehr Anhaltspunkte. Doch bei genauerer Betrachtung finde ich auch so etwas wie künstlerische Tricks. Bergflanken, die eigentlich in fast entgegengesetzte Richtungen zueinanderstehen, sind nun von dieser einen, offensichtlich frei erfundenen Perspektive einsehbar. Oder der Piz Morteratsch. Er müsste eigentlich die Sicht auf die prächtige Firnschneide, den Biancograt verdecken, doch er ist zusammengeschrumpft und gerade noch so zu erahnen.  

Dennoch gelingt selbst Kindern die Orientierung im Gelände. Arne Rohweder wird mir aber schon bald selbst erklären, dass es ja gerade diese Abweichungen von der Realität sind, die die Orientierung zum Kinderspiel machen. Es ist die geschickte Veränderung, das Weglassen und das Vergrößern bestimmter Areale. Und rein gar nichts auf diesem meterlangen Gemälde ist dem Zufall überlassen.

Digitale Arbeitsweisen ermögliche unter anderem auch einfache und schnelle Korrekturen.

Zu Besuch in der Panoramawerkstatt 
Östlich von Zürich bin ich mit Arne und Martina Rohweder verabredet. Zu gern möchte ich dabei sein, wenn ein solches Kunstwerk entsteht – und zwar von Grund auf! Doch meine romantische Vorstellung vom pinselschwingenden Künstler, von Farbklecksen und Staffeleien, sie platzt wie eine Seifenblase, als ich das Büro der Rohweder GmbH betrete. Mich empfangen flimmernde Monitore, große Grafiktablets und natürlich Arne sowie Martina Rohweder, die mir bei einem Kaffee erst einmal alles erklären. Von Anfang an.

Hierfür zeigt mir Rohweder eine Skizze, vielleicht knapp zwei Meter lang und 80cm hoch. Schwarze Striche und Schraffierungen, mehr ist eigentlich gar nicht zu sehen. „Eine solche Skizze lassen wir von unseren Kunden absegnen, bevor wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen“, so erklärt mir Rohweder geduldig. Doch bis es zu so einer Skizze kommt, gehe viel Zeit ins Land. Erst einmal will die richtige Perspektive gefunden werden, sonst funktioniert das Endprodukt schlicht nicht. Danach kommen weitere Hürden. So hat Rohweder oft die Aufgabe, es mit seinen Panoramakarten gleich mehreren Gemeinden oder Skigebieten recht machen zu müssen. Alle wollen sie möglichst gut dargestellt werden, natürlich sehr verständlich. Doch das führt oft zu kniffligen Aufgaben und trickreichen Lösungen. Die Künstler verzerren dann die Realität so lange, bis alle zufrieden sind, aber eine Orientierung noch problemlos möglich ist. 

Die höchsten Gipfel der Ostalpen. Ich verliere mich in diesem Gemälde regelrecht.

Und dann? „Dann wird gemalt!“, strahlt mir Rohweder sympathisch entgegen. Und früher, ja, da haben Rohweders noch ganz klassisch den Pinsel in die Hand genommen. Mit Gouache-Farben wurde der Skizze so Leben eingehaucht. Und als Arne Rohweder das gigantische Skizzenpapier zur Seite schlägt, da weiß ich was er meint. Urplötzlich fliege ich weit über Gstaad, mit einem grandiosen Rundumblick, über die tief eingeschneiten Felstürme des Rüblihorns und der Fuggerspiz. Hier und da durchzieht ein Felsband die Schneedecke, während unendlich viele hauchzarte Striche wirken wie überzuckerte Baumwipfel. Die perfekte Illusion des Details. 

Wie lange er denn an einem solchen Bild malt, frage ich Rohweder, ohne mich dabei sattsehen zu können. „Nun,“ höre ich da ganz lapidar, „das kommt immer drauf an. Aber hier,“ und jetzt schaut er zu seinem Engadin-Panorama, „hieran habe ich etwa drei Monate gemalt.“ Mir verschlägt es sanft die Sprache, obwohl es mir bei der Detailfülle eigentlich fast schon als zu knapp bemessen erscheint. Dann dreht sich Rohweder um, setzt sich an seinen Schreibtisch und öffnet mit wenigen Klicks ein Fenster. „Heute passiert das alles hier!“

Spielerische Koordination – selbst für die Kleinsten.

Google Earth – nur anders
Schon seit 30 Jahren malt Arne Rohweder Panoramakarten. Arne, der davor als Kartograf arbeitete, wurde schon damals ein baldiges berufliches Aus prophezeit. Künstliche Intelligenz würde ihn bald ersetzen, hieß es da. Doch es kam alles ganz anders. Aufträge aus der gesamten Schweiz und den angrenzenden Ländern trafen ein – sogar die Panoramakarte eines amerikanischen Gebirges malte er schon. Um aber auf Kundenwünsche und Änderungen schnell eingehen zu können, wurde die Rohweder GmbH schon vor 15 Jahren digitalisiert. So kann natürlich auch an mehreren Bildern gleichzeitig gemalt werden.  Das sei früher so nicht möglich gewesen, weil Rohweders ganz einfach der Platz dafür fehlte. Kein Wunder, bei diesen gigantischen Ausmaßen. 

Mit einem Kunststoff-Pen in der Hand, wischt Rohweder nun über das Tablet und ich staune nicht schlecht, als in Sekundenschnelle kleine Häuser, Dächer und Straßen entstehen. Routiniert führt er Arbeitsschritte so schnell aus, dass ich kaum folgen kann. Das ist in der Tat beabsichtigt, denn an Betriebsgeheimnissen, Techniken und Vorgehensweisen, wurde teils jahrelang gefeilt und getüftelt. Hier noch eine Schneewechte, ein weiterer Spalt im Gletschereis. Dann werden mit einem Klick Höhenlinien sichtbar gemacht. Rohweder erklärt mir, dass hier wieder ein Kundenwunsch, eine kleine Korrektur vorgenommen werden muss: Das Skigebiet auf der rechten Seite wirkt aufgrund der verzerrten Realität nun tiefergelegen als es eigentlich ist. Dank der digitalisierten Arbeit kann auf diesen Wunsch problemlos und relativ schnell eingegangen werden. Nicht auszudenken, wenn wie früher noch in traditioneller Maltechnik und nach dreimonatiger Schaffenszeit eine solche Korrektur hätte durchgeführt werden sollen.

Damals noch mit Pinsel und Farbe gemalt: Das Panorama ist so groß, dass ich es nur im Freien ganz abbilden kann.

Ein weiterer großer Vorteil der heutigen Technik: Satellitenbilder sind in bester Qualität verfügbar, sogar in 3D-Modellen hochaufgelöst einsehbar. Ja, das hilft Rohweders bei der Planung, doch das eigentliche Kunstwerk vollbringt nur ein menschliches Gehirn. Keine künstliche Intelligenz kann heute, was in diesem Büro passiert. Arnes Ausbildung als Kartograf hilft ihm hier zwar weiter, doch die Gabe, sich gerade von der Realität zu entfesseln und eigenständig Lösungen zu finden, das ist ein echtes Talent. Eines, das nur wenige Menschen überhaupt beherrschen. 

Kunsthandwerk für die alpine Freizeit
Menschen wie Martina und Arne Rohweder sind also unersetzbar für beinahe alle inneralpinen Tourismusdestinationen. Seine Landkarten hängen an unzähligen Parkplätzen und Liftstationen, begegnen einem in Faltblättchen und Infobroschüren. Und manche gibt es sogar schon in verschiedenen Ausführungen. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. „Das ostschweizerische Engadin beispielsweise ist schon seit 15 Jahren in Betrieb und erst seit kurzem auch in herbstlichen Farben zu sehen.“ Wieviel Leidenschaft hinter dieser Arbeit steckt, das ist während meines Besuches unübersehbar. Einzelne Bilder schlucken Unmengen an Zeit – der Aufwand wird schlicht unterschätzt. 

Heute nicht weniger eindrucksvoll als damals. Egal ob Pinsel oder Grafiktablett: Ohne Erfahrung und Talent geht nichts!

Arne aber, der früher noch selbst die unterschiedlichsten Bergsportdisziplinen ausübte, berichtet mit leuchtenden Augen über den für ihn schönsten Teil der Arbeit: „Wenn ich richtig hoch bin, weit über der Baumgrenze, und ich die Gletscher noch ein klein wenig weißer malen kann, als sie ohnehin schon sind!“

Letztendlich sind es Leidenschaft, die vielen kleinen Tüfteleien, Geduld und Talent, die aus einer Idee eine Panoramakarte entstehen lassen. All das finde ich im Büro, in der Künstlerwerkstatt zuhauf. Denn nur wenn der Skifahrer, Biker oder Wanderer, in Sekundenschnelle die Orientierung wiedererlangt, weiterzieht, ohne darüber nachzudenken, was er da eigentlich gerade gesehen hat, dann haben die Rohweders ihre Arbeit richtig gemacht. 

Text: Benni Sauer

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