Outdoor-History: 100 Jahre MILLET

Ein Jahrhundert Bergsteigergeschichte. Die Millet-Saga. Eine starke Gemeinschaft wahrer Legenden. Die Geschichte zwischen Berg und Mensch. Schaut man sich die vergangenen einhundert Jahre des französischen Bergsport-Ausstatters an, stolpert man fast zwangsläufig über solche Aussagen. Zurecht! Die Millet-Saga ist zwar eine Geschichte voller Innovationen und High-End-Ausrüstung, aber eben nicht nur. Millet ist vor allem die Geschichte von Menschen, die in die Berge gehen. Dorthin, wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist. Dorthin, wo die Grenzen des Möglichen sind. Und dorthin, wo die Freiheit am größten ist.

1959. Walter Bonatti inspiziert den neuen Prototypen eines Millet-Rucksacks.
Von links nach rechts: René Millet, Marcel Brion (Fertigungsleiter), Raymond Millet, Walter Bonatti

Die Geschichte von Millet begann vor einhundert Jahren in Frankreich – unerwartet weit weg von den Alpen. In Lyon waren die Berge nicht einmal in Sichtweite und zur damaligen Zeit war Bergsport sowieso nur etwas, für das sich nur einige wenige Zeit nehmen konnten. Marc Millet eröffnete damals mit seiner Frau Hermance eine Fertigungswerkstatt in Saint-Fons, um Leinen- und Stofftaschen herzustellen. Die beiden waren aus den Savoyen hierher ins Flachland gekommen, um hier ihr Glück zu finden. Jahrelang produzierten sie Stofftaschen für das familieneigene Lebensmittelgeschäft. Bis 1928, als Marcs angeschlagene Gesundheit die beiden nach Annecy führte. Von hier waren nicht nur wieder die Voralpen in greifbarer Nähe, sondern auch der höchste Gipfel weit und breit: Der Mont Blanc. Fast scheint es so, als wären Millets Ziele damals schon die höchsten Gipfel gewesen. 1934 wurde in Annecy der erste Rucksack mit Tragegestell entwickelt. Eine Innovation, mit der Millet erstmals den Weg zu den Hochalpen ebnete.

1937 jedoch starb Marc Millet. Hermance übernahm von da an die Geschäfte und übertrug sie 1945 an die beiden Söhne René und Raymond. „Es war meine Großmutter, die am Weitermachen der beiden Brüder festhielt. Sie hatten nicht studiert, Hermance fehlten die Mittel, sie mussten arbeiten. Die Marke Millet war ihrer aller Leben“, erzählt Françoise Millet, Renés Tochter. „Mein Onkel Raymond kümmerte sich um das Kaufmännische, René, mein Vater, war der Techniker.“ 

Die beiden bergbegeisterten Brüder schmiedeten damals große Pläne: Ein speziell fürs Hochgebirge geeigneter Bergsteiger-Rucksack, ein echter Meilenstein sollte es werden. Der Extrembergsteiger Louis Lachenal beriet sie bei der Konzeption dieser Modelle; einen davon trug er 1950 auf den Gipfel der Annapurna, der ersten erfolgreich bestiegenen Achttausender überhaupt.

Annapurna – 8091m, 3. Juni, 1950.
Maurice Herzog und Louis Lachenal glückte der erste 8000er überhaupt.

Dem Alpinisten aus Annecy gelang vier Jahre zuvor die zweite Durchsteigung der Eiger Nordwand. Im Mont-Blanc-Massiv wurde, aufgrund der vielen Erstbegehungen die ihm dort gelangen, ein 3613 m hoher Gratausläufer des Mont Blanc du Tacul nach ihm benannt: der Pointe Lachenal. Gemeinsam mit Maurice Herzog war er schließlich der erste Mensch auf einem 8000er – ein Erfolg, den er mit schlimmen Erfrierungen bezahlen musste. Louis Lachenal aber ist nur der erste von vielen Namen, welche die Millet-Saga so erzählenswert machen…

Annapurna 50. So hieß dieses erste Rucksackmodell. Wie geplant wurde es zum Meilenstein. Eine ganze Bergsteigergeneration bestieg mit ihm die Gipfel aller Herren Länder. Der Millet-Grundstein war endgültig gelegt. Was folgte, waren Staralpinisten, ruhmreiche Expeditionen und technische Innovationen. Und es folgte René Desmaison, die nächste Legende, der nächste große Name der Geschichte. 1959 hatte er bereits den ersten Klettergurt erfunden – eine bahnbrechende Erfindung. Zwei Jahre zuvor gelang ihm die Winterbegehung der Dru-Westwand, 1962 die Erstbegehung des wunderschönen 7711 Meter hohen Jannu. Am Walkerpfeiler der Grandes Jorasses überlebte er 15 Tage in einem Schneeloch. Er tüftelte gerade in der Millet-Werkstatt in Annecy, als er wenig später einen sogar noch berühmteren Alpinisten zum Kollegen bekam.

René Desmaison: „An dem Tag, an dem ich nicht mehr da sein werde,
seid ihr mich dennoch nicht los. Ich werde in den Gipfeln herumstreichen.“

Walter Bonatti war der erste technische Berater, den Millet offiziell einstellte. Von da an war die Line von Millet glasklar – auch wenn noch neben Bergsteiger-Rucksäcken „Sporttaschen für Mannschaftssportarten, Schutzhüllen und eine Camping-Kühlkiste“ im Katalog zu finden waren. Zehn Jahre später aber hatte sich dieses Bild gewandelt: Spezifische Ausrüstung für die unterschiedlichsten Bergsportarten. Sogar ein eigens für Sherpas entwickelter Kletterrucksack mit Brustgurt war im Angebot.

Bonatti durchstieg schon im Alter von 20 Jahren die Nordwand der Grand Jorasses – eines der letzten großen Probleme der Alpen. 13 Jahre später gelang ihm diese Leistung im Winter. Legendär ist seine Solo-Begehung der Matterhorn Nordwand – über eine Route, die bis heute nur vier (!) Wiederholungen zu verzeichnen hat. 

Dass Millet trotz weltberühmter Prominenz fast durchgehend ein echter Familienbetrieb blieb, zeichnet das Unternehmen aus – damals wie heute. Selbst als Bonatti als Teil einer erfolgreichen italienischen K2-Expedition zeigte, wozu Menschen in der Lage sind (gezwungenermaßen musste er auf 8100 Meter ohne Zelt biwakieren, überlebte aber ohne größere Blessuren), war Millet immer ein familiäres Unternehmen geblieben. „In den Ferien habe ich mit meinem Bruder Marc, meinen Cousinen Christiane und Chantal und meinem Cousin Jean-Pierre im Betrieb und Geschäft mitgearbeitet, ich habe in der Endfertigung den ganzen Tag Löcher gestanzt. Die Lohnzettel habe ich noch!“, erinnert sich Françoise.

1964 eroberte Nylon den Markt. Der Annapurna 50 – damals nur in geringen Stückzahlen produziert – wurde vom Sherpa 50 abgelöst. Im gleichen Zug entwickelte Millet einen revolutionären, mit Schaumstoff gepolsterten und nahtlos verarbeiteten Schulterträger, ebenfalls aus Nylon. Von da an machte sich die gute Vorarbeit mit den Alpinisten der Zeit bezahlt. Es entstand der erste Parka mit Gore-Tex-Membran: 1978 trat Reinhold Messner dem Millet-Team bei. Perfekt ausgerüstet gelang ihm noch im selben Jahr die erste Besteigung des Everest ohne künstlichen Sauerstoff. Die Everest GTX 3L Jacke wurde weltberühmt. 

1980 erreicht Reinhold Messner den Everest – ohne künstlichen Sauerstoff.

1982 blühte das Sportklettern auf. Die Liebe zur Natur, lange Haare, Freiheit und natürlich: die ersten, schrill bunten Kletter-Kollektionen speziell fürs Klettern. 1987. Christophe Profit trug das Pro Model Profit, den ersten technischen Anzug für Bergsteiger, bei seiner legendären «Alpentrilogie». 2001 kamen Everest GTX Stiefel und Jacke auf den Markt. Schon von Tag eins an waren sie quasi lebende Legenden. 2002 die Ride On Series. Sie wurde für und mit Marco Siffredi entwickelt, dem ein Jahr zuvor die erste vollständige Snowboardabfahrt vom Gipfel des Mount Everest gelang. Das Millet-Equipment wurde zunehmend sportlicher. Es passte sich dem neuen Alpinismus an, was den Franzosen ausgesprochen gut gelang. Jährlich räumten die Produkte begehrte Preise ab.

Jahr für Jahr bestieg die Millet-Familie so neue Gipfel. Jahr für Jahr wurde neues Equipment entwickelt, altbewehrtes verbessert und überarbeitet. Längst war Millet nicht nur im Rucksack- und Expeditionsparka-Sektor aktiv. Ebenso wie die Menschen, gestalteten auch weiterhin echte Meilensteine das Bild. Der Everest-Stiefel ist bis heute eine Ikone, die alle Rekorde bricht. Damals wie heute spielt er eine zentrale Rolle in der Geschichte des Alpinismus. 

Außerdem motiviert Millet Jahr für Jahr jeden, an seine ganz eigenen Grenzen zu gehen. In einer Videokampagne mit dem Namen RISE UP, wird derzeit die Firmen-Philosophie weitergegeben. Eine Philosophie, entstanden und inspiriert von der Einstellung der Bergpioniere. Von Messner, Bonatti und Lachenal. Ganz egal ob nun beim Felsklettern, ob beim Wandern, beim Eisklettern, beim Höhen-, oder Skibergsteigen: Millet lädt heute jeden dazu ein, Teil der Millet-Familie zu werden.

Im Jahr 2002 zeichnete sich ein Wandel ab: Unter der Führung von Frédéric Ducruet wurden die Firmen Eider und Oxbow mit ins Boot geholt. Elf Jahre später übernahm ein Schweizer Konzern die Millet Mountain Group. Als Partner vierer symbolträchtiger Bergführervereinigungen ging Millet von da an weiterhin innovative Wege für alle Bergsportenthusiasten, was sich zum einhundertsten Jubiläum aber wieder ändern soll: Romain Millet, Renés Enkel übernimmt seinerseits die Geschäftsführung. Die Familie Millet ist wieder zurück. Wo ihre Reise diesmal wohl hingehen wird?

Autor: Benni Sauer

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