Outdoor-History: SCARPA

Man mag es kaum glauben: Vor einem Jahrhundert waren die Alpen eine noch weitestgehend unerschlossene Wildnis. 1857 gründeten englische Alpinisten zwar den britischen Alpine Club, den ersten Bergsteigerverband der Welt, doch war dieser eher ein elitärer Gentleman-Club und nicht mit den heutigen Alpenvereinen zu vergleichen. Ohne eine gewisse Anzahl durchstiegener Routen, ohne die Empfehlung mindestens zweier Mitglieder und ja, ohne adlig, Arzt, Anwalt oder Künstler zu sein, konnte man sich eine Aufnahme gleich abschminken. Bergsteigen war kein Massenphänomen, der Alpentourismus gerade erst geboren.

Wie die Geschichte des alpinen Fremdenverkehrs weitergeht wissen wir. In fast jedem Tal der Alpen ist er angekommen. Doch viel spannender sind kleine Facetten und Entwicklungen, die der Berg-Boom mit sich brachte, weit weg von den Großbaustellen, wo die Alpen mit Stahl und Beton gezähmt wurden. Wie beispielsweise in dem kleinen Bergdorf Asolo, wo zwischen den Hügel Norditaliens ein englisch-irischer Geschäftsmann einen ungeahnten Grundstein legte. Es war 1938, als Lord Rupert Edward Cecil Lee Guiness, Earl von Iveagh, den Zusammenschluss von Schuhmachern aus der umliegenden Bergregion begründete. Die Societa Calzatureri Asolani Riuniti Pedemontana Anonima war geboren. Die Anfangsbuchstaben dieses, etwas holprigen Namens: SCARPA – zu Deutsch Schuh!

Leidenschaft gepaart mit Qualitätsbewusstsein und der Liebe zur Natur, das waren von Beginn an die Zutaten für die Erfolgsgeschichte SCARPAs. Die Geschäfte liefen gut an, denn hochwertige, handgefertigte Schuhe für die harte Arbeit der Berg-Landwirtschaft waren gefragt. Doch auch hier hatte schon bald die touristische Erschließung der Alpen ihre Finger im Spiel. Ein gigantischer Wirtschaftszweig entstand, überall schossen neue Geschäftsfelder aus dem Boden, es wurde sich umorientiert. 18 Jahre nach der Gründung SCARPAS übernahmen die drei Brüder Luigi, Francesco und Antonio Parisotto die Firma und forcierten – natürlich: Die Produktion von Bergschuhen. Die Brüder verstanden ihr Handwerk. Kein Wunder, denn beispielsweise Luigi begann seine Ausbildung zum Schumacher bei SCARPA bereits im zarten Alter von elf Jahren. Die Verkaufszahlen schnellten also nach oben, immer mehr Menschen suchten in den Bergen Erholung, trieben Sport, stiegen auf Gipfel und benötigten dafür passendes Schuhwerk. Bergsteigen wurde langsam massentauglich.

Schon wenig später gewann die Marke mehr und mehr an Bekanntheit, exportierte ihre Premium-Produkte in die umliegenden Länder. 1965 begann ein italienisch-amerikanischer Händler SCARPA Schuhe in die USA zu exportieren – womit ein weltweiter Erfolgszug begann. In allen Ländern der Erde schätzte man bald schon die Qualität, Haltbarkeit und Passform. Das Produktprogramm wurde nach und nach um Ski- und Telemarkschuhe erweitert, bevor im Lauf der Zeit Wander- und Trekkingschuhe, Halbschuhe, Expeditions- und Kletterschuhe hinzukamen. In den 80er Jahren übernahm nach und nach die junge Generation der Familie Parisotto das Ruder: Christina, Sandro, Davide, Andrea und Piero sind heute alle im nach wie vor 100%igen Familienunternehmen in leitenden Positionen tätig. Aber auch drei Senioren, mittlerweile über 80 Jahre alt, sind noch immer so gut wie täglich in der Firma anzutreffen. Allen voran Francesco, der Älteste der Drei, mit seinen nunmehr 88 Jahren. Und wenn er sich nicht gerade der Qualitätskontrolle in der Lederproduktion widmet, erzählt er wahrscheinlich gerade jemandem mit dem gleichen Enthusiasmus, wie er doch damals zu seinem ersten deutschen Kunden mit dem Fahrrad und zehn Paar Schuhen nach München geradelt sei und wie dieser Kunde bereits zwei Wochen später telegaphiert und nach der nächsten Lieferung gefragt habe! Auch diesen Schuhhändler gibt es heute noch.

Zwischen damals und heute passierte viel bei SCARPA. Im Krieg konfiszierte das Kriegsministerium SCARPA und die Produktion wurde auf Ski- und Bergstiefel für militärische Zwecke umgestellt. 1983 stellte SCARPA erstmals auf einer ausländischen Messe aus: Der ISPO München. Zwei Jahre später statten die venetischen Schuhprofis die italienische Antarktis-Expedition aus.

Geblieben sind in der Zwischenzeit aber auch immer die Grundsätze, nach denen SCARPA-Produkte produziert werden: Überwiegend europäische, meist sogar italienische Fertigung in ausschließlich eigenen Betriebsstätten, absolute Topqualität, sowie Innovationen und Fertigungstechniken, die regelmäßig neue Maßstäbe setzen und weltweit ihresgleichen suchen. Und da immer schon großer Wert auf die Zusammenarbeit mit herausragenden Skifahrern, Bergsteigern und -führern gelegt wurde, ist es kaum verwunderlich, dass bahnbrechende Produkte, wie beispielsweise der erste Plastik-Telemarkschuh (Terminator) oder der erste Bergschuh aus Plastik (Grinta, heute Vega) aus dem Hause SCARPA kamen. Auch der erste Skitourenschuh mit Gehfalte (F1), oder die Phantom-Modelle, die ersten Bergschuhe mit integrierter Gamasche, gehen auf das Konto der Italiener. 

Luigi, Francesco und Antonio Parisotto

Heute ist SCARPA nach wie vor der weltweit einzige Hersteller, der Schuhmodelle, sogar ganze Produkt-Linien, für wirklich alle bergsteigerischen Aktivitäten anbietet: Sommers wie winters, vom Halb- oder Freizeitschuh, über Wander-, Trekking-, Berg-, Expeditions- bis hin zum Kletterschuh, aber eben auch Skitouren-, Freeride- und Telemarkschuhe auf Top-Niveau – alles von SCARPA „inhouse“ entwickelt und produziert.

Christina,  Sandro,  Davide,  Andrea und Piero Parisotto

Immer noch zu einhundert Prozent in Familienbesitz, entspricht SCARPA heute modernsten Standards, bleibt seinem eigenen Stil treu und führt diesen weiter. Bei der Produktion wird auf soziale Grundsätze geachtet. Auf betriebseigenen Fertigungsstätten, ganz egal ob in Italien, Europa, oder Fernost. Immer einen Schritt voraus. Stets am Puls der Zeit, mit großem Respekt für die Natur und mit Liebe und Leidenschaft zur Schuhwerkskunst.

Autor: Benni Sauer

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