Perlenkette

Es ist wahrlich ein zauberhafter Gebirgszug, der sich aus dem Voralpenland erhebt. Das Gestein eine Besonderheit, genau so wie die endlose Aussicht in das Flachland oder der grandiose Rundumblick vom Säntis bis zur Zugspitze. 14 Gipfel verknüpfen sich, reihen sich aneinander und ermöglichen eine Überschreitung der Superlative. Eine glückliche Fügung, die Abfahrtspaß und Wandergenuss vereint. Die Nagelfluhkette: das Beste, was das Allgäu zu bieten hat!

Zum Staufner Haus
Ein langer Tag steht einem bevor, will man in einem Zug vom Hochgrat bis zum Mittag wandern. In Immenstadt lassen wir deswegen ein Auto stehen und fahren eingequetscht zwischen Stiefeln und Ski Richtung Oberstaufen am Hochgrat. Ein wenig mulmig kann einem auf der Fahrt schon werden, wird einem dabei doch ganz deutlich, welche Strecken wir morgen zurückzulegen haben. 200 Meter unter dem Hochgratgipfel schmiegt sich das Staufner Haus an den Hang, bietet ein warmes Plätzchen, ein hervorragendes Abendessen und eine gigantische Aussicht. Nach zwei Stunden ist sie erreicht. Wer es sich nicht verkneifen kann, der geht im letzten Licht noch weitere fünf Minuten bergauf. Denn dann öffnet sich erstmals der Blick nach Süden. Die Alpen scheinen einem zu Füßen liegen, präsentiert wie auf einem Silbertablett, eingetaucht in das Gold des Abendlichtes. Der Bodensee reflektiert die untergehende Sonne. Diese Aussicht, man kann sich an ihr nicht sattsehen, wird uns den morgigen Tag über begleiten. Sie wird ihre Gestalt ändern, ihr Licht und ihre Farbe. Sie wird uns zeigen wie lange wir unterwegs sein werden und welche Strecken wir zurückgelegt haben.

Warum wir hier sind
Auf der Hütte ist die Stimmung ausgelassen. Wir legen uns trotzdem früh in das Lager. In der gemütlichen »Kaminniesche«, etwas versteckt neben den anderen Lagerplätzen, machen wir es uns gemütlich. Man könnte meinen der Wecker würde früh klingeln und das Frühstück würde nur so geschlungen werden. Tatsächlich wachen wir aber erst auf, als die Sonne die ersten Hügel berührt. Wir lassen den Sonnenaufgang heute Sonnenaufgang sein und trinken in aller Ruhe unseren Kaffee. Auf dem Staufner Haus scheint es keinen Platz für Hektik zu geben. Auch nicht auf den Gipfeln, wie wir später herausfinden werden. Genuss steht hier im Vordergrund, keiner muss der Erste oder der Schnellste sein. Ganz im Gegenteil: Hier noch einen Kaffee, später noch einen Abstecher mehr. Die Gediegenheit schlägt schnell um sich und nimmt uns alle ein.

Eine Kathedrale aus Beton
Unter glasklarem Himmel klicken wir wenig später die Skier an die Stiefel und beginnen in aller Ruhe mit dem Aufstieg. Es geht vorbei an der Gipfelstation der legendären Hochgratbahn und wenig später erreichen wir im warmen Morgenlicht den Hochgrat-Gipfel. Wieder lassen wir uns vom Panorama beeindrucken, saugen es in uns auf, wie die kühle Luft um uns. Wir fellen ab, suchen schnell die beste Route und schon fahren wir durch unverhofft pulvrigen Schnee nach Osten zur Gütle Alpe.

Wenig später, die Felle wieder unter den Ski, erreichen wir das Plateau unter dem Gelchenwanger Kopf. Hinter diesem flachen Schneefeld erhebt sich wie ein riesiges Bauwerk das Rindalphorn. Der Nagelfluh, eine Gesteinsart, die an Beton erinnert, hat in tausenden von Jahren ein steiles Gerippe entstehen lassen. Auf dem Dach des Bauwerkes, das an eine Kirche erinnert, prangt am höchsten Punkt, ganz wie es sich gehört ein Kreuz.

Der Traum geht weiter
Nach einem letzten, steilen Aufschwung erreichen wir den Gipfel und stehen auf dem Steildach des Domes. Wieder einmal ziehen wir die Felle von den Skiern und fahren durch die südliche der zwei riesigen Schläuche. Immer bewusster wird uns, dass hier nicht nur abfahrtsorientierte Tourengeher auf ihre Kosten kommen. Vielmehr geht es um´s Vorankommen und um Kondition. Der Weg ist das Ziel, es geht um´s Ganze! Gipfel um Gipfel, Abfahrt um Abfahrt, kommen wir immer weiter nach Osten. Was die Tour so interessant macht, ist, dass die Gipfel der Nagelfluhkette so perfekt in einer Flucht liegen, dass der nächste Gipfel immer erst vom vorherigen aus eingesehen werden kann. So ergeben sich stündlich neue Anblicke. Immer wieder wird über die geschickteste Route und die beste Abfahrt diskutiert. Die Überschreitung bietet keine Möglichkeit zur Langeweile.

Halbzeit
Die nächsten beiden Gipfel bieten uns wunderbare Firnhänge. Auch wenn die Beine langsam schwer werden, das Schwingen kostet hier keine Kraft. Wie von selbst ziehen wir unsere Wellenlinien hinunter zur Gatteralpe. Die Hälfte der Kette ist hier überschritten und wir legen eine verdiente Mittagspause ein. Vier Gipfel und vier Abfahrten liegen hinter uns, das Selbe noch einmal vor uns! Noch immer sind wir mit der selben großen Gruppe unterwegs, die uns seit der Hütte begleitet. Es herrscht eine angenehme Stimmung. Man trifft sich auf den Gipfeln, tratscht ein wenig, findet sich wieder beim auffellen und plaudert weiter. Wenig später soll sich das aber noch ändern.


Wanderlust
Der Aufstieg zum Gipfel des Sedererstuiben auf 1737 Metern zehrt noch einmal an den Kräften. Trotzdem ist es der schönste Aufstieg der gesamten Tour. Durch ein zauberhaftes, lichtes Wäldchen, das nach warmer Erde und Fichtenholz duftet, folgen wir der Spur bergauf. Es wird heiß auf dem Südhang. Den Pullover schon längst im Rucksack verstaut, genießen wir den kühlen Schatten der wenigen Bäume, huschen so von Fichte zu Fichte und sind schneller am Gipfel als erwartet. Von hier oben fahren unsere Mitstreiter alle zur Gundalpe und direkt weiter nach Immenstadt. Wir sind etwas erstaunt, denn vor uns liegen noch drei Gipfel. Und so ziehen wir als alleine unsere Linie in der eisigen Steilabfahrt vom Stuiben, hinein in den schattigen Kessel nördlich des Gipfels. Abfahrtspaß sieht anders aus. Aber in diesem Moment geht es nicht um den schönsten Schwung oder den lockersten Schnee sondern um Konzentration und Können. Krachend rattern wir bergab. Wenige Sekunden später haben wir den anspruchsvollsten Teil der Tour hinter uns gebracht und stehen auf der kleinen Ebene in der Sonne.

Ab hier ist Spurarbeit angesagt. Ganz plötzlich überkommt uns ein Hauch Abenteuerlust. Steil bergauf legen wir unsere Spur in Richtung eines markanten, namenlosen Felsgipfels und stehen wenig später im sanft ansteigenden „Gratschlauch“.

Finale ganz für uns alleine
Unsere Schatten vor uns haben schon eine beachtliche Länge, als wir das Ende des Gratschlauches erreichen. Die Sonne, die morgens noch in unsere Gesichert schien, taucht den Grat in ein warmes Licht. Hier überrascht die Tour wieder mit einem wundervollen Wandergelände. Eine gänzlich andere Welt als heute morgen liegt vor uns. Es gibt keine großen Anstiege mehr. Die hohen Gipfel liegen allesamt hinter uns. Auch das Panorama hat sich geändert. Die Bergflanken, die morgens noch im kalten Schatten lagen, strahlen gleißend. Gipfel die vom Hochgrat aus gesehen hintereinander liegen, liegen jetzt nebeneinander und zeigen uns so, welche gigantische Strecke schon hinter uns liegt.

Wir gelangen an eine steile Felsflanke, durch die ein Stahlseil führt. Jetzt ändert die Tour endgültig ihren Charakter. Wir binden unsere Skier an den Rucksack und wackeln etwas unbeholfen über die Felsen. Unglaublich kräftezehrend ist diese Art der Fortbewegung im Gegensatz zum monotonen Voranschieben der Ski.

Nach der Steilstufe behalten wir die Skier noch ein wenig auf dem Rücken. Mit großem Respekt passieren wir eine mächtige Abbruchkante und stehen wenig später auf dem Steineberg. Von hier geht es nicht die 20 Meter hohe Leiter hinab, sondern direkt nach Süden, vorbei an einer kleinen Baumgruppe in eine versteckte Scharte. Erstaunlicherweise finden wir in der folgenden kurzen Abfahrt den besten Schnee des Tages. Und das trotz der geringen Höhe und des heißen Frühlingstages! Wir mobilisieren unsere letzten Kräfte und rauschen durch den tiefen Pulverschnee.


Im letzten Licht
Die Abfahrt hat uns noch einmal motiviert. In der Dämmerung erreichen wir den Bärenkopf und wenig später den Mittag – unser Ziel seit über 8 Stunden auf Ski. Es ist kein Skibetrieb, wir sind ganz alleine. Hinter uns liegen acht Gipfel und mehr als 20 Kilometer. Ein ganzer Gebirgszug. Ein Abenteuer, ein Erlebnis, eine Erfahrung. Die Gewissheit, dass man den Tag nicht besser hätte verbringen können, fühlt sich gut an. Das alles zaubert uns ein dickes Grinsen ins Gesicht, als wir auf der frisch präparierten Piste hinab nach Immenstadt und hinein in die Dunkelheit fahren.

Text und Bilder: Benni Sauer

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