Portrait: Alexander Huber

Schön. Und abgelegen. So lässt es sich aushalten, denke ich mir, als mein Blick über das Berchtesgadener Land schweift. Hier das wuchtige Göllmassiv. Dort der Untersberg. Ja, so lässt es sich aushalten. 

Wenig später höre ich einen Wagen herauffahren. Alexander steigt aus, begrüßt mich gutgelaunt mit einem, wie erwartet kräftigen Händedruck und bittet mich, ihm zu folgen. Vorbei an knallbunten Spielsachen, Kinderfahrrädern und dem schönen, hölzernen Hof, bis wir es uns schließlich auf der sonnigen Terrasse bequem machen. Vor mit sitzt die Gelassenheit in Person. Hektik? Aufregung? Nicht hier oben.

„Heute noch fahre ich zum Eiger runter. Das Wetter ist gerade stabil und der erste Schnee konnte sich schon gut setzen.“

Das macht Alexander also, wenn gerade das Wetter gut ist: Mal eben zum Eiger runterfahren. In schwierigen, nein, in den schwierigsten Wänden der Welt klettern, seit mehr als drei Jahrzehnten. Dreißig Jahre, in denen er gemeinsam mit seinem Bruder als die Huber-
buam, aber auch wegen seiner, für uns haarsträubenden Alleingänge weltberühmt wurde. Haarsträubend nur für uns, weil für Alexander solche Vorhaben kalkulierbar wurden. Trotz seiner Ängste, vielleicht sogar dank seiner Ängste. 

Alexander eröffnete Kletterrouten im glatten 11. Schwierigkeitsgrad. Durchstieg die Nordwand der großen Zinne – free solo. Dazwischen stand er auf dem 8188 Meter hohen Cho Oyu, bestieg den Cerro Torre, durchstieg mit seinem Bruder die Bigwall am El Capitan, für die Kletterer gewöhnlich drei bis vier Tage einplanen, in nur einer Stunde und 52 Minuten. Weltrekord! Mit Blick auf die bunt bemalten Fenster des Hauses muss ich einfach fragen.

„Nein. Ich wusste auch schon was ich tue, bevor ich Familienvater war. Vieles ändert sich, wenn man Familie hat. Aber nicht die Beziehung zwischen mir und dem Klettern.“

Das könnte jetzt etwas hochgestochen klingen, tut es aber nicht. Ganz im Gegenteil. Ich glaube Alexander, wenn er sagt das Risiko sei kalkulierbar. Wenn er davon spricht, dass er wisse was er tue, dass die Angst sein bester Freund sei. Und so sitzt vor mir ein Alexander, der vor einer Tour am Eiger fast wirkt, als sei sein Beruf wie jeder andere. Katze Carla hat es sich indessen schon längst auf mir bequem gemacht, drückt sanft ihre Krallen in meine Knie, während Alexander plaudert. Von früher, als er seine ersten Vorträge gehalten hat. Mit Dia-Projektor und Musik von CD, alles war genau getimt. So gut es eben ging. Und er spricht von heute. Von einer politischen Normalisierung, die er sich nun in den USA erhofft. Vom Homeschooling. Von leeren Vortragshallen. 

„Mit meinem Bruder Thomas und Stephan Siegrist möchten wir eine Erstbegehung am Eiger realisieren. Ich rechne mit drei, vielleicht vier Tagen.“

Auch das ist eine Möglichkeit den Lock-Down hinter sich zu bringen. Einfach in eine Route einsteigen, in der niemand zuvor kletterte.

Er ist aber auch gerne bei sich, in seiner Heimat. Im Hausinneren steht ein Klavier. Auf der Wiese über uns weiden die Schafe, einige Hühner flitzen um den Hof. Erst kürzlich fertiggestellt: Ein schickes Baumhaus, natürlich mit Traumaussicht, scherzhaft nennt er sie Villa Corona. Nur einen Steinwurf entfernt die Barmsteine, sein Klettergarten vor der Haustür. Heimat! 

Von der Bank hinterm Stall genießen wir den postkartenartigen Anblick auf den Watzmann. Die Sonne steht tief so spät im Jahr und wir blinzeln ihr mit fast geschlossenen Augen entgegen. Im Dezember wird Alexander 52 Jahre alt. Wie er sich auf eine Tour am Eiger vorbereitet, frage ich ihn.

„Ich pack meine Sachen und fahr runter. Heute sitze ich mit dir in der Sonne. Morgen hänge ich in der Wand. “

Auch das könnte wieder hochtrabend klingen. Tut es aber nicht. Es gibt kein Mysterium um Alexander. Auffallend klar und deutlich ist mein Bild von ihm, dem Pragmatiker. Und wieder glaube ich ihm, als er sagt, er habe es dafür einfach schon zu oft gemacht.

Autor: Benni Sauer

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