PORTRAIT: Benedikt Böhm

Ziemlich entspannt steht mir Benedikt gegenüber. Glücklich wirkt er und nicht im Geringsten gestresst. Wie er das alles so gut unter einen Hut bringt, frage ich mich ja schon – Job, Familie, Extremsport. Aber bei Beni ist das wohl einfach so. Warum es so ist? Zweitrangig. Wichtig ist nur, was er daraus macht!


„Ich war das fünfte von sechs Kindern und hatte schon immer zu viel Energie. In der Schule hat mir das nicht gerade geholfen, beim Sport dagegen schon.“


Da kam das Langlaufen gerade richtig. Der Münchner fand heraus, dass er seine Kraft gut bündeln, auf den Brettern richtig Gas geben kann. Für den jungen Böhm eine prägende, strenge Zeit. Im Skiclub gab es keine Schwäche. Ein Rennen aufzugeben stand nie, niemals zur Debatte. Einmal tat er es trotzdem, weil ihm fast die Finger abfroren. Es war das erste und letzte Mal, dass Beni ein Rennen abbrach.


„Ganz egal wann du ins Ziel kommst, es zählt nur, dass du ins Ziel kommst! Mein Rennen beginnt jeden Morgen aufs Neue, wenn der Wecker klingelt.“


Das sagt sich wohl leicht, als einer der schnellsten Ski-Bergsteiger der Welt. Drei Jahre kämpfte er in der deutschen Skibergsteigen-Nationalmannschaft und heute früh, so erzählt er ganz lässig, da war er auf der Alpspitze, hoch über Garmisch-Partenkirchen. 

Schon möchte ich fragen, ob er dafür wenigstens mit der Gondel aufs Kreuzeck abgekürzt habe. Aber da fällt mir ein, dass die Liftbetriebe derzeit ohnehin geschlossen sind. Fast 2600 Höhenmeter zum Frühstück? Nur eine Trainingseinheit vor dem Büro – Geschäftsführer bei Dynafit, natürlich. Und dabei korrigiert er, dass es schon auch um die Zeit ginge, aber eben nur um die eigene.


„2005 bestiegen wir den 7509 Meter hohen Mustagh Ata und fuhren bis ins Basislager ab. 10 Stunden und 40 Minuten haben wir dafür gebraucht. So etwas hat vor uns noch niemand gemacht.“


Natürlich gab es auch damals schon sehr schnelle Expeditionen, die im Alpinstil ihr Risiko auf den ganz hohen Bergen minimierten. Für Beni und seine Kameraden aber stand die Geschwindigkeit im Mittelpunkt – der Speedski-Stil war geboren. 

Auf einem Foto sind drei Männer auf Motorrädern zu sehen. Sie brettern über die Pampa, die Ski auf dem Rücken, während im Hintergrund der 7000er prangt. Fast kann ich die Bikes knattern hören, die Freiheit spüren. Beni mit seinem langjährigen Jugendfreund Sebastian Haag und dem Expeditionsleiter Matthias Robl auf dem Weg zu nie dagewesenen Rekorden.


„Ein Jahr später bestiegen wir den Gashebrum II. Von 5900 Metern auf den 8035 Meter hohen Gipfel und zurück in 17 Stunden. 2009 folgte der 8028 Meter hohe Vorgipfel des Broadpeak – in nur 16 Stunden.“


Und dann kommt sie, die schwarze Seite. Bene erzählt von den Erlebnissen am Manaslu 2012. Wie eine Lawine elf Menschen tötete, er einige Bergsteiger aus den Schneemassen graben konnte. Manche lebend, manche nicht. Ich kann seiner Stimme gut anhören, wie das gewesen sein muss.

Schon am Mustagh Ata begegneten Böhm und Haag dem Tod und seitdem gehört er wohl irgendwie dazu. 2014 dann ein weiteres Lawinenunglück an der 8012 Meter hohen Shishapangma. Von dieser Expedition kehrt Böhm ohne seinen Freund zurück.

Wie das alles unter einen Hut bekommen, wie so etwas verarbeiten? Aber für Beni sind die Berge auch nach den Schicksalsschlägen Orte der Glückseligkeit. Sie trifft ja keine Schuld. Und ja, irgendwann, so sagt er, habe er schon wieder Lust auf einen Berg mit der magischen Acht.


„Bergsteigen ist gefährlich. Einerseits muss ich so viel wie möglich aus meinem Leben herausholen. Andrerseits habe ich große Verantwortung. Ich bin dreifacher Familienvater. Die eigentliche Kunst ist es vielleicht, eine Balance zu finden.“

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