PORTRAIT: Hermann Huber

Krummgeschlagen sind sie, die uralten Metallhaken. Bleischwer. Und eigentlich sollten sie noch schwerer in den Händen wirken, in denen sie liegen. Hermann Huber ist an diesem Tag beeindruckende 89 Jahre alt. 


„Der hier ist aus der Trollwand. Etwas mehr als zwei Tage waren wir in eintausend Höhenmetern senkrechtem Granit unterwegs und das war eben die beste Ausrüstung, die wir damals beschaffen konnten.“


Hermann greift in das Metallbündel und zieht so gekonnt einen Haken heraus, wie man nur selbst seinen Hausschlüssel zwischen dutzenden anderen Schlüsseln finden kann. Immerhin hatte sie 1973 schon Alu-Karabiner und Nylonseile. So steigen die drei Kletterer in die Trollwand ein – eines der höchsten, senkrechten Bergmassive Europas. Davor band er sich lediglich in Hanfseile und hing in Karabinern, welche die Feuerwehr im Dorf nutzte. 

Dabei fing alles ganz harmlos an. Hermanns Vater Max nahm seine vier Söhne nur zu gerne mit in die Berge. Damals, so lacht er, sei ja eine Reise ins Karwendel schon fast eine Expedition gewesen. Dann kam der Krieg. Zerrüttung und Gewirr. Drei verschiedene Gymnasien besuchte Hermann in nur einem Jahr. Festen Halt fand er dagegen in den Bergen. Wobei: Schon im zarten Alter von 13 Jahren verlor er ebendiesen und stürzte ab. Am Hochstaufen bei Bad Reichenhall, eines der wenigen überhaupt erreichbaren Ziele. Dabei war das doch erst gestern:


„Ich sehe die Schrofenwand noch ganz deutlich vor mir. Dass ich so alt werde hätte ich ja nie gedacht. Doch die Tatsache, dass mein Gehirn noch funktioniert, freut mich wirklich!“


Tatsächlich spricht Hermann so davon, als sei das alles erst kürzlich passiert. 76 Jahre später.

Irgendwann fand er in der Nachkriegszeit dann eine Ausbildungsstelle. Industriekaufmann sollte er werden, bei einem Münchner Sattler – und Lederwarenproduzenten: Salewa. Nun galt es Beruf und Berg unter einen Hut zu bekommen. Was Huber gelang. Die Laliderer Nordwand, der Peutereygrat, die Comici-Benedetti-Führe in der Civetta-Nordwest-Wand folgten. 1955 sollte es dann erstmals in die Berge der Welt gehen.  


„Für die Erstbesteigungen in der Cordilera Blanca gab es aber einfach nicht die Ausrüstung, die wir uns vorstellten. Glücklicherweise aber gab es bei Salewa die nötigen Materialien dafür. Leder und Segeltuch.“


Und so kam es, dass Huber mit seinen Gefährten ausgesprochen erfolgreich, mit einem völlig neuerfundenen Rucksacksystem, die wilden Berge Südamerikas bestieg. Hermann Huber erschuf somit nicht nur sein eigenes Equipment, sondern ein ganz neues Berufsfeld, setzte so den Grundstein für einen, bis heute erfolgreichen, weltweit agierenden Bergsport-Ausrüster. Das Rucksackmodell „Anden“ war jahrelang Kassenschlager, während Hermanns Erfindergeist noch lange nicht am Ende war. 

In meiner Linken liegt jetzt ein schwerer langer Haken. Huber drosch ihn damals selbst mit einem Hammer ins Eis – vermutlich nicht ohne hunderte Meter Luft unter den Sohlen zu haben. In meiner Rechten dagegen, um ein Vielfaches leichter, glitzert eine moderne Eisschraube.


„Die Eisschraube ist meine bis heute bedeutendste Erfindung. Wirklich stolz bin ich darauf nicht, aber die Tatsache, dass das Prinzip selbst heute noch genutzt und perfektioniert wird, freut mich.“


Huber fand mit den hohlen Schrauben einen Weg, die gefährliche Sprengwirkung der Eisnägel zu umgehen. Denn mit jeder Drehung der Schraube, wird das verdrängte Eis durch die rohrförmige Bauweise nach außen transportiert. Die russische Kletterszene schaute sich das Prinzip schnell ab, stellten sogar in alten Rüstungsfirmen erste Prototypen aus Titan her. 

Wie kann man auf eine der bedeutendsten Erfindungen des Alpinismus nicht stolz sein, frage ich. Doch Hermann zuckt nur mit seinen Schultern, in denen fast 70 Jahre aktive Kletterhistorie stecken. 


„Ich freu mich einfach nur!“


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