Portrait: Ines Papert

Titelfoto: © Thomas Senf

Wir sitzen auf einem winzigen Schneeband auf 6850 Metern. Es ist eiskalt und die untergehende Sonne macht uns unmissverständlich klar, dass uns eine klirrende Biwaknacht bevorsteht. 

In der Nacht schmilzt der Schnee unter uns langsam weg und wir rutschten immer weiter auf die 70° steile, 1800 Meter tiefe Nordwand zu. Direkt über uns hängt eine gigantische, unüberwindbare Schneewechte, die uns vom nur wenige Meter entfernten Ausstieg trennt. Ein Rückzug ist ausgeschlossen.

Erst das leise Knacken des Kamins holt mich wieder ins kuschlig warme Wohnzimmer zurück. Während wir unsere Hände an den Kaffeetassen wärmen, erzählt Ines, wie sie noch in dieser Nacht tatsächlich vom erwähnten Schneeband rutschte. Urplötzlich hing sie mit ihrem Seilpartner Thomas Senf in der Dunkelheit. Dank des Sicherungsseils aber überstehen die beiden Alpinisten die Nacht – lediglich mit leichten Erfrierungen. Ines macht aus dieser Geschichte keine große Sache, erzählt sie so, als sei das fast schon der Alltag einer Profibergsteigerin. Und irgendwie ist es das ja auch. Mich fesselt ihre nüchterne Art dafür umso mehr.

Am nächsten Morgen fanden die Bergsteiger mithilfe von Informationen eines im Tal gebliebenen Kameramanns eine Ausstiegsmöglichkeit aus dem gigantischen Eis-, Fels- und Schneesystem. Am Gipfelgrat müssen sie ein zweites Biwak einlegen und nach einer dritten Nacht macht sich Ines alleine auf den Weg zum 6719 Meter hohen Gipfel des Liku Chuli 1.

Thomas ist wegen seiner Erfrierungen im Zelt geblieben. Es war seine Idee den Gipfel allein zu versuchen. Ich selbst wäre da gar nicht draufgekommen. Er musste mich ja fast aus dem Zelt werfen!

Um 14 Uhr steht Ines tatsächlich auf dem Gipfel. Während der Heimfahrt erreicht sie dann eine Nachricht: Es stellte sich heraus, dass nicht wie zunächst angenommen schon eine französische Expedition an diesem Berg Erfolg hatte, sondern Ines der erste Mensch auf dem Gipfel war. Ines‘ weinendes Auge erscheint mir bei dieser Geschichte dennoch größer. Lieber hätte sie den Gipfel mit einem guten Freund geteilt. 

So führt mich Ines durch ein beeindruckendes Tourenbuch, in dem gleich mehrere Eiskletter-Weltmeistertitel stehen. Und noch mehr: 2005 fuhr sie im US-amerikanischen Ouray/Colorado einen Gesamtsieg ein. Auch wenn sie damals selbst die stärksten Männer abhängte, macht sich Ines nicht viel aus dem Gender-Ding. 2006, nachdem sie verletzungsbedingt nur wenig Zeit zum Trainieren hatte, aber trotzdem beim Weltcup fünf von fünf Siegen einheimsen konnte, verabschiedet sich Ines Papert vom Wettkampfsport. 

Heute suche ich mir gerne einsame Ziele, ausgesetzte, exponierte Routen. Da zählt die Ästhetik der Linie mehr als der Gipfel. Im besten Falle finde ich beides. Beim Wettkampfklettern dagegen gibt es keins von beidem.

Währenddessen blättert sie durch ein Buch mit slowenischem Titel. Sie stoppt beim Foto eines spitzen Felsgipfels. Eine kerzengerade rote Linie ist mit „Direttissima“ gekennzeichnet. Das Eis wächst. Das Wochenende naht. 

Draußen verabschiede ich mich schließlich von der gebürtigen Sächsin. Berchtesgaden, so sagt sie, sei zu ihrer neuen Heimat geworden. Und auch wenn für diese Jahreszeit die Luft viel zu warm, die Schneelage viel zu mickrig für einen ordentlichen Winter ist: Nordseitig hängt das gefrorene Nass, wo es dem Klimawandel trotzt. Noch.

Mir gelangen einige Erstbegehungen, ganz bestimmt aber auch die ein oder andere Letztbegehung.

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