Portrait: Peter Tembler

Ich treffe Peter zum ersten Mal auf der Hochschoberhütte in Osttirol. Mit großen Schritten kommt er mir da über den steilen Wanderweg entgegen. Sonnengegerbte Haut. Ein kräftiger Händedruck. Und ein freundliches Strahlen unterm grauen Schnauzbart des Bergführers. Es ist schon später Nachmittag und das letzte Licht hat bis eben noch die Schobergruppe in ein magisches Farbenmeer verwandelt.

„Hast du dieses Schauspiel gesehen? Wahnsinn, oder?“

Oh, ich bejahe und packe ebenso meinen Fotoapparat in den Rucksack. Heute werde ich ihn nicht mehr brauchen. Die Nacht kommt. 

Draußen dröhnt der Sturm um die Hütte, während wir die warme Stube genießen, in der es schon nach einem deftigen Abendessen riecht. Morgen werden wir zum ersten Mal gemeinsam am Berg sein. Wie eine Pflichtveranstaltung fühlt sich unser Treffen aber dennoch nicht an. Ganz im Gegenteil. Peter scheint mit Menschen umgehen zu können. Keine schlechte Eigenschaft für einen Bergführer. Und für einen Mann, der 2006 von seinem eigenen Bruder ein einmaliges Angebot bekam.

Zuvor war Bergfreund Tembler noch gelernter Werkzeugmacher. Zwanzig Jahre unterrichtete er an der HTL in Lienz. Dann schmiss er den Stadt-Job und übernahm den Berg-Job seines Bruders: Er wurde Hüttenwirt der Erzherzog-Johann-Hütte. Jener legendären Schutzhütte, der höchsten Österreichs, welche am Glockner auf den 3454 Meter hohen Felsen der Adlersruh thront. Wie oft er wohl schon oben am Gipfel war, frage ich ihn da. Peter schraubt aber derweil nur mit einem Schraubendreher mehrere Holzschrauben in die Sohlen eines auseinandergefallenen Schuhs und zieht die Augenbrauen hoch.

„An die 600 Mal vielleicht. Glocknergehen ist immer schön!“

Dann legt er die reparierten Schuhe in die Hände des dankbaren Besitzers, welchem er noch selbstlos entgegenlacht: „Alles andere hilft nix!“

Heute ist Peter 61 Jahre alt und der Job auf der Adlersruh Geschichte. Das scheint für ihn nicht nur völlig in Ordnung, sondern auch ein wertvoller Teil von ihm zu sein. Ebenso wie die unzähligen Führungen. Die Bergungsaktionen als Ortsstellenleiter der Bergrettung in Kals. Und selbst von seinem Unfall erzählt er nüchtern und froh. Peter ist einfach ein echer Mensch der Berge.

„Drei Wochen nach dem Unfall war ich schon wieder auf dem Weg zur Adlersruh. Eben etwas langsamer als sonst… Es waren tolle Jahre da oben. Heute aber sind die anderen dran. “

Ein Unfall. Ein Absturz. Ein offener Schädelbruch. Für Peter war das kein Schicksalsschlag. Er hatte ja nichts falsch gemacht, schließlich nur Pech gehabt. War zur falschen Zeit am falschen Ort. So reflektiert, so ehrlich und frohsinnig muss man erstmal sein, denke ich mir im Lager, als Peter schon längst in aller Ruhe neben mir schläft.

„Heute sind wir dafür zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ 

ruft mir am nächsten Tag Peter von seinem Standplatz weit über mir entgegen. Seit Stunden sind wir nun schon unterwegs, erst in der dunklen Nacht, dann im Morgengrauen. Um uns herum ist nichts als eine scharfe Felskante und Luft – viel Luft. Als ich den Moment finde zu Peter hinaufzublicken, zeigt er freudig nach Norden. Dort haben sich die Wolken des nächtlichen Sturms gelichtet und geben nun endlich den Blick auf eine gigantische grau-weiße Pyramide frei. Da ist er. Der Großglockner. Da ist er. Peters Glockner!

Die ganze Geschichte mit Peter Tembler erscheint im Rahmen des Hochtouren-Spezials in der Sommerausgabe 2022.

Autor: Benni Sauer

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