PORTRAIT: Reinhold Messner

Da sitze ich nun. Dem berühmtesten Bergsteiger aller Zeiten gegenüber. Blicke in das Gesicht eines Mannes, einer Legende. Lausche seiner wohl bekannten Stimme, die wie immer etwas dominant klingt, so als würde sie von vorne herein keinen Platz für Spekulationen billigen. Als wäre jedes noch so kleine Wort genau bedacht. Schnell merke ich, dass es gar nicht so ist. Dass Reinhold Messner überhaupt nicht so ist.

Wir sitzen in einem kleinen Hinterhof in München. Blütensträucher, warme Sonnenstrahlen und ständige, leise Popmusik, die blechern aus einem der Nachbarhäuser rieselt. Eigentlich sieht er aus wie immer. Einmal abgesehen von den ganz alten Bildern, aus der Zeit des Felskletterns, vom Nanga Parbat oder vom Manaslu, so scheint mir, wurde sein Gesicht nach seiner Zeit des Höhenbergsteigens irgendwann in Stein gemeißelt. Er spricht mit ernster Miene. Nicht weil er das in diesem Moment möchte, sondern einfach, weil er so ist.


„Ich tue nichts anderes als Geschichten erzählen. Wer das Museum am Kronplatz für eine willkürliche Ansammlung metallener Gegenstände hält, der hat keine Ahnung.“


Kurz muss ich schmunzeln, über diese brüske, fast schon plumpe Aussage. Ganz kurz huscht auch Messner ein Lächeln übers Gesicht, während er mir in die Augen blickt, vielleicht um herauszufinden, ob ich derselben Meinung bin. Dann erfriert er schnell wieder. Denn eigentlich kümmert es ihn gar nicht, was andere über ihn denken. 

Wir reden. Über seine Bauernhöfe, über die Berge, auf dessen Gipfeln wir beide schon standen, über seine Bücher. „Fünfzig.“ Eine Antwort, ein Wort. Fünfzig Bücher, so sagt Messner, habe er schon geschrieben. Vermutlich eine gerundete Zahl. Ob auf- oder abgerundet spielt da eigentlich auch keine Rolle mehr. Wie ein Getriebener kommt er mir trotzdem nicht vor. Eher wie jemand, der es geschafft hat, nur noch das tun zu müssen, was er auch wirklich möchte. 


„Wenn der Spiegel letzten Sommer einen Artikel veröffentlich hat, in dem er schreibt, dass die Berge überlaufen seien, dann spricht er von weniger als einem Prozent der Berge. Die Menschen stürzen sich nun mal nur auf zwanzig oder dreißig Gipfel dieser Welt. Der Rest aller alpinen Berge ist frei.“


Seine Meinung zum Alpentourismus ist trotzdem klar. Und sie ist deutlich. Aber eben nur, wenn man sie versteht. Wenn man Messner versteht. Sein Buch Rettet die Berge sei aber dennoch ein Ladenhüter – die Leute wollen das schlicht nicht lesen. Auch das sagt er so, als würde es ihn nicht kümmern.

Dann sprechen wir über seine Expeditionen. Darüber, wie er die ganz großen Gipfel bestieg, ohne Sauerstoff und wie er den Alpinstil an die höchsten Berge der Welt trug.


„Wir waren leicht unterwegs. Ohne Sauerstoff konnten wir schneller steigen. Das machte meine früheren Expeditionen bezahlbar, wir konnten uns das Scheitern leisten. Und wir waren jederzeit dazu bereit, kehrt zu machen.“


Die meiste Kraft habe es ihn gekostet, nicht daran zu glauben, was er sah. Am Gipfelgrat des Everest, so meinte er, würde sich der Gipfel mit jedem Schritt weiter von ihm entfernen. Als erster Mensch. Allein. So weit oben in der Todeszone. Tief in seinen Augen, da versuche ich mir vorzustellen, zu begreifen wie das gewesen sein muss. Es gelingt mir nicht.

Schließlich beenden wir das Gespräch. Ich reiche ihm noch meinen Eispickel und einen Stift, den ich kurz zuvor extra gekauft hatte. Als er aber den Pickelschaft signiert, da merke ich, dass auch ich nur auf einen Zug aufspringe. Dass auch ich aus Messner nur das mache, was alle in ihm sehen wollen. Eine Legende. Einen Mythos. 

Vielleicht aber ist er das gar nicht. Denn nach unserem Treffen, da kommt es mir eher so vor, als wäre er – ja, wie ein Berg. 

Er ist einfach nur da.

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