Portrait: Robert Werner

Fast 600 Jahre ist der Gasthof im oberbayrischen Lenggries alt. Aufwendig wurden die historischen Lüftlmalereien der Fassade restauriert. Das Innere des Altwirts: wuchtig, rustikal, „griabig“. Dicke Holzbalken stützen die Decke und durch die tiefen Fensterrahmen schimmert diffus gerade so genug Licht in die Flößerstube. Am Tisch nebenan wird bereits das Mittagessen genossen. Selbstverständlich in Tracht. Bayern wie aus dem Bilderbuch.

46. Mir gegenüber sitzt der Inhaber des Hofes. Ich muss noch einmal hinschauen, denn ich hätte ihn mindestens zehn Jahre jünger geschätzt. Mit den blondierten Haaren, die unter der Mütze hervorblitzen wirkt er wie ein bunter Hund in der urigen Stube. Von den Fingerspitzen bis zum Hals tätowiert. 


„Flow Valley haben wir vor sieben Jahren gegründet. Mittlerweile ist es fast schon eine Marke geworden. Und auch wenn Flow Valley anfangs für die Trails in Oberbayern stand: Heute ist es ein Lebensgefühl. Wir sind eine solide Community geworden.“


Es geht ums Mountainbiken – das Bike-Bergsteigen um genau zu sein. Da trägt der „Oidwirt“, wie Robert in der Szene genannt wird, auch mal sein Rad geschultert den Berg hinauf. Eintausend Höhenmeter oder mehr. Stück für Stück hat er so das Flow Valley erkundet, mit peniblem Kartenstudium, Kraft und Ausdauer. Die Abfahrt dann, mal rasant im Flow oder technisch anspruchsvoll im Schneckentempo, die Belohnung für die Mühen. 

Das war echte Pionierarbeit. Niemand war bisher mit dem Bike dort unterwegs gewesen. Orientiert haben sich die Radfreunde an den Wanderpfaden und schnell wuchs eine große Gemeinschaft um das „königlich bayrische Freireitgebiet“, dem Flow Valley. Heute veranstalten sie Events, Radreisen und Touren. Mountainbiken wird gelebt!


„Es war schon aufregend vor sieben Jahren. Ich war Vater dreier Kinder und trotzdem entfachte der Funke ein neues Feuer. Wie damals, als wir die ersten Snowboarder hier in der Region waren. Wir waren fanatisch. Ich eröffnete einen Snow-


boardshop. Alles drehte sich nur noch ums Brett. Es lodert heute noch ganz wild. Ich fühl mich wie neu geboren, wenn ich mit dem Rad am Berg bin.“

Der Altwirt ist ein beliebter Treff für Bergradler geworden. Robert bietet hier nicht nur Zimmer und Appartements, sondern er verleiht auch E-Bikes und führt Gäste auf den Drahteseln über Berg und Tal. Zweigleisig fahren zu können, teils im Hotel, teils im Sattel, darüber freut sich Robert besonders. So kann er seine Frau unterstützen und verbringt viel Zeit draußen mit der Community.

Und die Community macht Ernst! Das ganze Jahr über wird im Sattel gesessen. Winterpause: Fehlanzeige! Nur wenn der Schnee zu hoch liegt, der Pulver lockt, dann schnallt sich Robert das Splitboard unter die Boots. Eigentlich sei er nämlich ein Winterkind. Das Prinzip aber ist selbst dann das gleiche wie auf dem Bike: Der Aufstieg ist kein Wettlauf, sondern Mittel zum Zweck. Die Abfahrt. Das zweite Standbein der Community, Powderchasen. Dann sind sie wieder die Jungs von früher, die nichts und niemand aufhalten kann.

Viel von früher, so glaube ich, hat Robert aber sowieso nicht verloren. Nicht als er vor zwanzig Jahren seine Frau heiratete und Inhaber des Altwirts wurde. Und auch nicht, als die Verantwortung des Vaterseins aufkam. Immer ein bisschen rebellisch, anders als die anderen. Und so geht er heute eben mit seinem Sohn Snowboarden, während die urige Flößerstube auch mal für ein Punkrockkonzert herhalten muss. 


„Flow Valley hat einen Ehrenkodex. Ungeschriebene, strenge Gesetze, an die wir uns alle halten. Wir gehen achtsam und respektvoll mit der Natur um. Ebenso wie mit allen anderen, die dort Erholung suchen oder Sport treiben. Und trotzdem hat das Bikebergsteigen etwas vogelfreies, fast schon anarchistisches. Es ist wild. Und macht einfach nur unglaublich viel Spaß!“


Wirtshaus-Hotel „Der Altwirt“
Marktstraße 13
83661 Lenggries
Tel.: +49(0)8042 9732-0
info@altwirt-lenggries.de

Text: Benni Sauer

Kommentar verfassen