Projekt MSL

Der Weg zur ersten Mehrseillängen-Route

Bald wird der Schnee beginnen zu schmelzen. Während die hohen Gipfel dann noch tief verschneit sind, hält im Tal schon der Frühling Einzug. 

Du langweilst dich, weil du in der Kletterhalle schon alle Routen in- und auswendig kennst? Du willst endlich richtig hoch hinaus?
Dann nichts wie raus an den Fels und hin zur ersten Mehrseillängen-Route!
Aber wie?

Ein lautes „Stand“ schallt von oben herab. Das ist das Zeichen, mein Einsatz. Ich hänge den Mastwurf, mit dem ich Ludwig im Vorstieg absicherte aus der HMS. „Seil frei!“ Und schon saust das übrige Seil nach oben. Alles läuft wie geschmiert. Ludwigs Seilhandling ist professionell und kontrolliert. Erfahrung, Routine und immer die richtige Portion Gelassenheit zeichnen ihn aus.


Ludwig Karrasch ist Bergführer. Es ist sein Beruf unerfahrene Bergfreunde sicher hinauf auf die Gipfel und wieder herunter zu bringen.

Ludwig Karrasch, Jahrgang 1991, war schon als kleiner Junge in den Bergen unterwegs. Als ältester von 4 Kindern, wurde ihm die Leidenschaft von seinen berg-begeisterten Eltern in die Wiege gelegt. So entschied er sich schon früh für die Ausbildung zum staatlich geprüften Berg- und Skiführer.

Heute arbeitet er in der Gegend um Garmisch-Partenkirchen mit einem jungen Team und hat sich auf individuell geführte Touren spezialisiert. Skitouren-Reisen nach Island und Norwegen, so wie Gruppentouren und -kurse runden das Angebot ab.

  • Staatlich geprüfter Berg- und
  • Skiführer mit Internationaler
  • Zusatzqualifikation Canyoning.

www.ludwig-karrasch.de
info@ludwig-karrasch.de


Die größten Hürden
Wer das Klettern nur aus der Halle kennt, darf keinesfalls sein Können einfach so auf den Fels übertragen. Erst Recht nicht auf MSL-Routen. Im alpinen Gelände sind die Routen nicht bunt eingefärbt. Der nächste Zug könnte zu einem gefährlichen Versteiger führen. Auch können die Schwierigkeiten stark variieren. Lange und einfache Seillängen sind manchmal mit schwierigen Schlüsselstellen gespickt. Noch dazu kommt oftmals eine enorme Ausgesetztheit. Und zuletzt dürfen die alpinen Gefahren, wie Steinschlag, Schlechtwetter oder Vereisung niemals unterschätzt werden. Für Hallenkletterer gibt es also viel zu tun!

Ist aller Anfang schwer?
Wer die ersten Schritte in die vertikale Bergwelt wagen möchte, muss unbedingt gut vorbereitet sein. Dafür kann man einen Kletterkurs besuchen, wie er zum Beispiel vom deutschen Alpenverein angeboten wird. Oder man gönnt sich einen Bergführer wie Ludwig. Er bietet extra hierfür einen speziellen Einsteigerkurs an. Das eigenständige Absichern einer Route, Standplatzbau und das Abseilen über mehrere Seillängen sind nur einige der Ausbildungspunkte, die für die erste MSL-Route geübt werden müssen. Nach drei Tagen mit Ludwig sitzt alles. Selbst Themen wie Orientierung, behelfsmäßige Bergrettung und verschiedene Taktiken im alpinen Gelände wurden  behandelt. 

Am Ende des dritten Tages startet die Generalprobe. Die erste MSL-Route wird geklettert. Eine Feuerprobe für werdende Alpinisten, die in Zukunft selbstständig steile Wände durchsteigen wollen.

Selbst und ständig
In der nächsten Klettertour wird einem Ludwig aber nicht mehr über die Schulter schauen. Eine akribische Planung ist dann die halbe Miete!

Dazu gehört ein genaues Studium der Route. Dabei sollte gleich geregelt werden, wer die erste Seillänge klettert. Denn wird überschlagend geklettert, kann so garantiert werden, dass der stärkste Kletterer die Schlüssel-Seillänge vorsteigt. Auch die Abstiegsfrage darf nicht vernachlässigt werden. Passt das Wetter? Weiß jemand, wo ihr euch befindet und wann ihr plant zurück zu kommen? Sind die Schwierigkeiten dem Können angepasst und ist die Ausrüstung vollständig (1.-Hilfe-Set)? Dann kann es schon fast losgehen. Aber wohin eigentlich? Welche Routen eignen sich für Einsteiger? 

Günstige Bedingungen schaffen
Im alpinen Gelände kann viel Unvorhergesehenes eintreffen. Deswegen ist eine defensive und vorausschauende Vorgehensweise unbedingt zu empfehlen. Optimale Einsteigerrouten sind in erster Linie schnell und einfach zu erreichen und niedrig gelegen, so dass ein schneller Rückzug garantiert ist. Eine ordentliche Absicherung, besonders an den Schlüsselstellen, ist ebenso ein Muss, so Ludwig. Ebenso rät er von Routen mit langen Hakenabständen ab. 

Einen großen Vorteil bieten Routen, in denen die Seillängen relativ kurz sind. Im besten Falle ist man so nicht nur in gegenseitiger Rufweite, sondern hat auch noch Blickkontakt. Für Neulinge ein nicht unerheblicher psychischer Vorteil! Als Ungeübter Einsteiger ist oft das Seilhandling ein Problem. Nämlich dann, wenn das Seil schon nach den ersten Seillängen krangelt und verknotet vom Standplatz hängt. Ein Faktor, der unheimlich viel Zeit kosten kann. Deswegen ist unbedingt ein großer Zeitpuffer einzuplanen. Routen mit vier oder fünf Seillängen sind optimal.

Dem ersten selbstständigen Gipfelsturm steht nichts mehr im Wege, wenn du gut vorbereitet bist. Das Wichtigste ist aber in jedem Fall eine gesunde und ehrliche Selbsteinschätzung. Denn der beste Kletterer ist immer der, der wieder lebendig vom Berg kommt!

Text & Bilder: Benni Sauer
Bilder: Ludwig Karrasch | Martin Hehle


Im Anschluss findest du einige Vorschläge für leichte Einstiegstouren:

Aggenstein
Südostkante (Hüttengrat)

Ganz einfache Anfängerroute in unmittelbarer Nähe zur Bad Kissinger Hütte. 
Anhaltend II, eine kurze Stelle II+. Über vier kurze Seillängen klettert man mäßig ausgesetzt über den gutmütig geneigten Südost-Grat auf den Vorgipfel des Aggensteins. Vom Vorgipfel ist noch die Scharte (II+) zum Hauptgipfel zu überwinden. Problemloser Abstieg über den Normalweg, mit Stahlseilen an den steilsten Stellen. 30 Minuten zurück zur Hütte. 

Material:	50 m Seil, 4 Exen, Helm

Geiselstein
Südwestwand

Wunderschöne Kletterei in herrlich wilder Umgebung und exzellentem Fels, hinauf auf das Matterhorn der Ammergauer Alpen. Effektiv nur drei Seillängen. Schon mit IIer-Stellen im 80 Meter hohen Vorbau, der im Zustieg erklettert werden muss. Durchgehend im dritten Grad wird Kletterkönnen gefordert. Vorsicht: Steiler, alpiner, abwärts etwas unübersichtlicher Abstieg bis II. (Helm auflassen!)
Schneller weiterer Abstieg zum Wankerfleck möglich (45 Minuten vom Geiselsteinsattel zur Haltestelle Kenzenbus).

Material:	40 m Seil, 4 Exen, Helm

Alspspitze BW3/
Adamplatte

Beide Routen zusammengelegt ergeben eine gigantische Klettertour durch die Nordwand der Alpspitze. Verkürzter Zustieg durch Benutzung der Alpspitzbahn (20min). Über die Route BW3 in acht Seillängen hinauf zum Herzl genannten Schuttfeld (längere Strecken IV). Von hier schneller Abstieg über Alpspitz-Ferrata möglich.
Alternativ weitere sieben Seillängen ähnlicher Schwierigkeit bis zum Gipfel der Alpspitze. Insgesamt fast eintausend Höhenmeter Kletterei. Fast zwei Stunden Abstieg zurück zum Osterfelder Kopf.

Material:	60 m Seil, 8 Exen, Helm

Burgberger Hörnle
Südgrat

Kurze, unterhaltsame Gratkletterei am Grünten.
Trotz des weglosen Anstieges viel begangene Route im Alpenvorland. Schon sehr früh im Jahr schneefrei. Übersichtliche Routenführung und gut abgesichert. Sechs Seillängen. Längere Strecken III, kurzer Überhang IV, kann mit Bandschlinge entschärft werden. Einfacher Abstieg nach Burgberg.

Material: 40 m Seil, 4 Exen, längere Bandschlingen für Standplätze an Bäumen, Helm


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