Regionen-Spezial: Kleinwalsertal

Bergsteigen

Nicht einmal zwei Kilometer liegen zwischen dem Trubel der Kanzelwand und den beiden Hammerspitzen. Während am Fellhorn Familien und Kinder die Aussicht genießen, ist hier der routinierte Alpinist gefragt. Weglos, steil, exponiert. Die Hammerspitzen sind zwar schnell erreicht und nicht sonderlich hoch, doch bieten sie alles, was Bergsteiger im Hochgebirge suchen. Durchs Wildental wandern wir noch am Nachmittag aufwärts. Immer Richtung Fiderepass.

Das Wildental macht seinem Namen alle Ehre. Rechts von uns sticht das Massiv des Elfers wie die Wand eines norwegischen Fjordes senkrecht in die Höhe. Unvergesslich, wie ich vor einigen Jahren dort oben, eintausend Meter über unseren Köpfen, Steinböcke fotografierte. Überall plätschert es. Am Talschluss kracht ein wuchtiger Wasserfall staubend in die Tiefe. Vor uns bauen sich die Schafalpenköpfe mächtig in die Höhe. Schönes Wildental!

Noch ist viel los. Denn die beliebten Wanderwege führen zu bewirtschafteten Alpen und Hütten. Der Mindelheimer Klettersteig zieht Bergfreunde aus weiter Ferne her. Das Kleinwalsertal ist ein gigantischer Spielplatz für Bergsteiger aller Klassen.

Auch die Fiderepasshütte ist wie immer gut besucht. Glücklicherweise haben wir rechtzeitig zwei Plätze im Lager reserviert. Wir nehmen in der Stube Platz und schauen uns um. Einige Wanderer und Tagesgäste sind hier. Doch an den Rucksäcken der meisten hängen Helme und Karabiner. Klettersteiggeher. Vermutlich werden wir morgen sehr einsam sein.

Der Abend auf der Hütte ist wie immer ein Erlebnis. Die ausgelassene Stimmung, gepaart mit der Aufregung und Anspannung wegen des großen Tages morgen. Alle sitzen wir zusammen. Und doch ist jeder ganz bei sich. Ich genieße diese Abende sehr.

Die Sonne blitzt schon über die herbstlichen Grasflanken, die kupferfarben im Morgentau glänzen. Die meisten schlafen noch. Einige Frühaufsteher aber wollen dem Stau auf dem Klettersteig entgehen und hetzen schon vor dem Frühstück aus der Hütte. Wir stehen still auf der Terrasse, schauen der Sonne beim Aufgehen zu und genießen den Moment. Eine Gruppe nach der anderen verlässt die Hütte. Alle laufen sie an uns vorbei, begeben sich auf den Weg zum Saubuckel, von wo der Klettersteig startet. Der Herbstnebel liegt noch schwer im Tal. Wenig später gibt es Kaffee.

Die Hütte ist wie leergefegt. Als wir unsere Stiefel schnüren und durch die Türe gehen, sehen wir die ersten Bergsteiger hoch oben auf der berühmten Metallbrücke des Mindelheimer Klettersteiges. Es ist schön da oben. Ich kenne den Weg gut, war selbst schon oft dort unterwegs. 

Wir kehren dem Steig aber den Rücken zu und bekommen so die erste Hammerspitze in den Blick. Hier gab es lange Zeit Missverständnisse. Die Kleinwalsertaler nannten diesen Berg Schüsser und die links davon liegende Grasschulter Hammerspitze. Aus deutscher Sicht, von Oberstdorf aus gesehen, taten die Leute dasselbe, nur aus umgekehrter Sichtweise. Zur Folge wurden die Berge unterschiedlich genannt, was sich sogar bis zur Kanzelwand weiterführen lässt, die im Deutschen noch immer oft als Warmatsgundkopf bezeichnet wird.

Nicht zuletzt aufgrund verwirrender Rettungsflüge der Bergwacht, wurden die Berge dann doch noch offiziell umbenannt. Der Gipfel, der dem Fiderepass am nächsten ist, heißt nun Oberstdorfer Hammerspitze. Der Grat zieht sich weiter, über einen namenlosen Felsturm, bis hin zur Hochgehrenspitze. Erst dann erreicht man über einen sanften Grasrücken die Walser Hammerspitze. 

Ganz klar ist uns in diesem Moment zwar noch immer nicht, welchen Berg wir als Erstes besteigen werden, es ist uns aber auch egal. Denn die Wegfindung fordert plötzlich unsere ganze Konzentration. 

Wo anfangs noch tief ausgetretene Wege bergauf führen, verliert sich im Felsgelände die Spur schlagartig. Immer wieder orientieren wir uns, steigen tiefer in die abschüssige Schlucht, die vom Gipfel herabzieht. Aber nicht zu weit! An einer steilen Geländestufe, die das Aussteigen nach rechts ermöglicht, lassen wir uns nicht zum Weitergehen in der Schlucht verführen. Über einen weiten Bogen kommen wir so hinauf auf den Grat. Das erste Gipfelkreuz ist schon zum Greifen nah, doch eine der vielen Schlüsselstellen der Tour versteckt sich direkt davor. Denn die Schlucht, aus der wir einhundert Meter weiter unten gestiegen sind, mündet hier, nur wenige Meter vor dem Kreuz, direkt in einer zehn Meter hohen, senkrechten Wand. 

Als ich das erste Mal diese Tour ging, waren hier noch keine Metalltritte zu finden. Nur die natürlichen Abstufungen des Felses halfen mir zum Kreuz hinauf. Heute unterstützen uns Griffe aus dickem Eisen über die ausgesetzte Flanke, aus der man ganz plötzlich luftige Blicke ins Warmatsgundtal genießen kann. Und dann stehen wir, eine Stunde nachdem wir von der Hütte aufgebrochen sind, allein auf dem ersten Gipfel des Tages. Ein erstklassiger Aussichtsberg, der, bevor die Eisentritte angebracht wurden, noch als Geheimtipp galt. Im Gipfelbuch finde ich meine Einträge. Vor zwei Jahren. Vor drei. Vor fünf.

Der Weiterweg ist von hier oben gut ersichtlich. Ein einzelner Bergsteiger steht uns gegenüber, auf der Hochgehrenspitze. Zwischen uns ein Auf und Ab, über Türme und durch Schluchten. Oft ganz zahm und harmlos. Dann wieder brüchig und heikel. Das Abenteuer nimmt seinen Lauf.
Anfangs kommen wir schnell vorwärts. Über die breiten Stufen steigen wir leicht abwärts, bis aus dem schottrigen Pfad ein Felsband ohne Trittspuren wird. Spätestens jetzt ist eine gute Spürnase von Nöten. Wir erwägen mehrere Möglichkeiten, entscheiden uns dann für eine enge Felsspalte, durch die ich vor einigen Jahren schon gestiegen bin. Irgendwo hier soll auch eine Abseilstelle die letzten Meter zum Sattel erleichtern. Gefunden habe ich sie aber noch nie. Das Gelände ist unübersichtlich.

Also schieben und quetschen wir uns durch das wenige bisschen Luft, was uns zwischen dem Fels geblieben ist und stehen wenig später wieder auf einem gut sichtbaren Weg. Doch diese Einfachheit hält wieder nur wenige Meter an. Der namenlose Turm steht abweisend vor uns. Von dieser Seite völlig unbezwingbar, mogeln wir uns rechts an seinem Fuß vorbei und finden schnell das Stahlseil. Es führt durch die abschüssige Nordwand, teils von Schnee bedeckt. Ein weiteres Schmankerl für Alpinisten, die auf der kurzen Tour so viel Unterschiedliches erwartet. 

Auch wenn geübte Bergsteiger die Tour gut ungesichert gehen können, so sichern wir uns ganz vorbildlich. Denn das Ende des Seils ist nicht in Sichtweite und Schnee und Eis können hier erhebliche Probleme verursachen. Erst vor zwei Jahren schaufelte ich hier mit einem Pickel in Schwerstarbeit das Seil frei. Allein und verlassen stand ich damals in der ausgesetzten Flanke, kam nur einige Meter in der Minute vorwärts. Die Schneewand unter meinen Füßen brach nach zehn Metern ins Bodenlose. Heute liegt hier guter Trittschnee. Auch wenn wir uns fühlen, wie auf einem steilen Kirchendach, so sind die Seile frei und wir schnell auf der Spitze angekommen. Durchatmen.

Auf dem Weiterweg hilft uns immer wieder ein kurzes Halbseil, das bei Touren wie dieser vor allem für ungeübte Bergsteiger hilfreich ist. Über schneebedeckte Abhänge kommen wir so schneller und vor allem sicherer. Es reiht sich eine Schlüsselstelle an die nächste. Eine besonders ausgesetzte Stufe, ein jäh abfallendes Schrofenwändchen, brüchige Passagen und Schneefelder. Das macht die Tour zur kurzweiligen Bergfahrt, nie besonders heikel und immer wieder durch angenehm flache Wegstücke unterbrochen, die dazu einladen, die Aussicht zu genießen und die Psyche wieder etwas auffrischen. Dadurch hat sogar mein Begleiter, der das erste Mal in alpines Terrain schnuppert, viel Freude an der Spritztour. Wir treffen auf den Einzelgänger, der uns von der Hochgehrenspitze entgegengekommen ist. Ein freundliches Hallo, kurze Infos über den Weiterweg und schon sind wir wieder ganz alleine am Berg.

Mittlerweile stecken wir immer wieder in den dicken Nebelfetzen, die vom Tal aufsteigen. Die schlechten Sichtverhältnisse erschweren die Wegfindung zusätzlich. Wir müssen jetzt noch mehr Acht darauf geben, nicht den Weg zu verlassen. So halten wir uns immer nahe am Grat, der zur Hochgehrenspitze führt. Das ist zwar technisch schwieriger, aber einen Abstecher in die hunderte Meter hohe Nordwand ist unbedingt zu vermeiden. Über festes Blockgelände kommen wir so überraschend flott auf den Gipfel. Hier liegen endgültig alle Schwierigkeiten hinter uns. Ein sanfter Felsgrat, der schnell in flaches Grasgelände übergeht, führt rüber zur Walser Hammerspitze. Leicht und locker steigen wir zu ihr hinüber. Am Kreuz angekommen, treffen wir auf zwei Wanderer, die von der Kanzelwand hier hochgewandert sind. Jeder bekommt für die geleistete Arbeit einen kräftigen Schluck Schnaps aus dem Flachmann angeboten. Dankend nehmen wir an.

Von hier gibt es nun zwei Möglichkeiten. Der Weg rüber zur Kanzelwand ist im Sommer einfach und unkompliziert. In der Übergangsjahreszeit können hier aber die Schneemengen den Weg schnell unbegehbar machen. In diesem Fall steigt man nach links, hinab ins Wildental. Diese Variante bietet noch einen weiteren Vorteil: So kommt man zur urigen Kuhgehrenalpe. Nur eine Hand voll Tische stehen auf der kleinen Ebene, wo die Alpe schon seit über 200 Jahren steht. Deftige Brotzeiten, Kuchen und kühle Getränke. Auf der rustikalen Hütte gibt es keine Extravaganz. Lisa und Otto-Mäx bewirtschaften sie in den Sommermonaten mit ihren beiden Kindern. Kühe, Schweine und Hühner halten die vier auf Trab. Eine angenehme Atmosphäre, wie sie nicht mehr oft zu finden ist, herrscht hier oben. Sie ist der Grund dafür, dass ich bisher nie zur Kanzelwand abgestiegen bin.

Den Metalltritten und dem Outdoor-Boom ist es zu verdanken, dass die Hammerspitzen heute kein Geheimtipp mehr sind. Von unserem Tisch aus sehen wir aber über das Tal hinüber zum Massiv des Elfer und Zwölfer. Wer Einsamkeit sucht, wird sie auf der Gratwanderung über diese beiden Gipfel finden. Eine anspruchsvolle Steilgras-Bergfahrt, für Individualisten. Es gibt sie nämlich noch immer. Die wirklich wilden Berge im Kleinwalsertal.


Mindelheimer Klettersteig

Wer auf der B201 ins Kleinwalsertal fährt, bekommt beeindruckende Aussichten geboten. Der Ifen, das Wahrzeichen des Tales. Unverkennbar sieht man ihn schon von Anfang an. Wenig später gesellt sich das Walmendinger Horn und der Fellhorngrat dazu. Kurz nach Hirschegg aber öffnet sich der Blick auf die Schafalpenköpfe. Drei gigantische Berge, die aneinandergereiht am Ende des Tales liegen. Mit 500 Meter hohen Felsflanken bilden sie ein uneinnehmbares Bollwerk, von allen Seiten schroff und abweisend. 

Unsicher steigen wir aus unserem Wagen. Da wollen wir drüber?

Ausgangspunkt für unser Vorhaben ist einmal mehr die Fiderepasshütte. Seit 1938 gibt es auf dem Sattel diese Unterkunft. Drei Jahre zuvor wanderte ein Bergsteiger einsam auf den Fiderepass, legte sich hin und schlief, bis es stockfinster war. Als er aufwachte kam ihm der Gedanke, dass hier oben doch eine Hütte stehen sollte. Dieser Bergsteiger war niemand geringeres als Anderl Heckmair, dem 1938 die erste Durchsteigung der Eiger Nordwand gelang. Ihm haben wir die Hütte zu verdanken, was an den Innenwänden der Stube nicht zu übersehen ist.

Und auch wenn der erste Schnee die höheren Lagen fest im Griff hat, sind einige Klettersteig-Aspiranten hier oben. Ein deftiges Abendessen. Ein kleiner Rundgang um die Hütte. Und schon liegen wir im Lager, sind gespannt auf den morgigen Tag. Strahlender Sonnenschein ist angekündigt.

5.30 Uhr. Wir schleichen uns aus dem Lager, treffen im Treppenhaus schmunzelnd auf weitere Frühaufsteher. Eine Banane stellt heute unser Frühstück dar. Damit kann ich gut leben, denn ich will endlich raus auf den Berg! Noch auf der Terrasse legen wir die Gurte an. Eigentlich natürlich nicht notwendig, aber wir wollen unter keinen Umständen für einen Stau in einer der verschneiten Engstellen verantwortlich sein. Wenig später stapfen wir über gefrorenen Schnee durch die Nordflanke unterhalb des ersten Gipfels, dem höchsten des Trios. Immer steiler neigt sich der Hang uns entgegen, so weit, dass wir irgendwann mit gezielten Tritten Stufen in die Schneewand schlagen müssen. Alles in allem keine optimalen Klettersteigbedingungen. Doch wir wollten dem großen Ansturm entgehen und nehmen den Mehraufwand gerne in Kauf. Das macht die Tour aber auch zur alpinen Herausforderung für Bergsteiger mit gesunder Selbsteinschätzung. 

Nach 200 Höhenmetern übersteigen wir schließlich den Grat und stehen hoch über der Hütte, am Einstieg in unser Abenteuer.

Die ersten Schritte sind, wie viele weitere auch, seilfrei zu meistern. Markierungen und Wegspuren sind jedoch unsichtbar unter der Schneedecke versteckt. Deswegen können wir uns nur vorsichtig zum Gipfel herantasten, halten uns dabei immer leicht links des Grates. Am Gipfelaufbau erwartet uns dann Gelände, so steil, dass der Schnee keinen Halt mehr findet. Eisentritte führen uns hier senkrecht hinauf, sogar kurz überhängend. Eine der vielen Schlüsselstellen der Tour.

Fest mit dem Stahlseil verbunden, kommen wir so zum ersten Gipfel. Es ist noch vor 8 Uhr. Der stahlblaue Herbsthimmel über uns. Die Sonne, sie scheint warm auf die eingeschneiten Bergspitzen. Dunkle Täler, in die zu dieser Jahreszeit nur noch wenig Licht fällt. Es geht kein Lüftchen. Wir sind ganz ruhig, genießen den Moment. In der Schneeflanke tief unten im Schatten, folgen einige Bergsteiger unserer Spur. 

Nach einem kurzen, zweiten Frühstück nehmen wir den Weiterweg in Angriff. Immer auf dem Grat balancieren wir, bis der Hochseilakt in einem weiteren Highlight gipfelt. Die Metallbrücke, die wir schon am Vorabend von der Hüttenterrasse aus entdeckt haben, liegt vor uns. Man kann sich sicher sein, dass jetzt viele Finger und Ferngläser auf einen gerichtet sind. Denn die Brücke sieht von der Hütte haarsträubend spektakulär aus. 

Uns erscheint die Brücke, nach den seilfreien Schneefeldern, jedoch mehr wie eine angenehm sichere Wegstelle ohne Schwierigkeiten. Jeder darf einmal posieren, damit das obligatorische Foto im Kasten ist. Wir ziehen jedoch ohne viel Zeit zu vertrödeln weiter, denn wir haben noch nicht einmal ein Viertel des Steiges zurückgelegt.

Durch einen Kamin und vorbei an Türmen schlängelt sich das Stahlseil. Ununterbrochen haben wir eine ungestörte Aussicht. Beispielsweise hinunter ins Rappenalptal, Deutschlands südlichster Punkt. Später kommt sogar noch kurz der Gipfel des großen Widdersteins ins Blickfeld. Er ist nicht nur wegen seiner Höhe eine Besonderheit. Der mit 2533 Metern höchste Berg des Kleinwalsertals hat auch noch eine geologische Sensation zu bieten. Denn während heute weniger als zehn Kilometer den Widderstein vom Ifen trennen, so waren es einmal mehr als eintausend! Die Kontinentalscholle, die den Widderstein entstehen lassen hat, ist von afrikanischer Herkunft. So liegt die Bärguntalpe am Fuße des Berges genau auf der geologischen Grenze zwischen Europa und Afrika.

Wir sind froh, heute keine ganz so gigantischen Distanzen mehr bezwingen zu müssen und arbeiten Schritt für Schritt am erfolgreichen Abschluss der Bergfahrt. Doch je weiter wir nach Süden kommen, desto schwieriger werden die Bedingungen. Der anfangs feste Schnee wird faul und sorgt immer wieder für gefährliche Rutscher. Höchste Konzentration ist gefragt. Die Seilsicherung ist von nun an auch noch lückenhaft und wir müssen uns häufig voll und ganz auf unsere Tritte verlassen. Durch einen engen Spalt schieben wir uns kräftezehrend an kleinen Felsstritten bergauf, die wir zuvor vom Schnee befreien müssen. Ein haariger Aufstieg, der kurz vor dem letzten Gipfelkreuz noch einmal all unsere Aufmerksamkeit fordert, sind wir doch mittlerweile schon mehrere Stunden auf dem ausgesetzten Grat unterwegs. Unsre Finger sind kalt, die Beine schwer. Umso glücklicher bin ich, als ich wieder Stahl zu greifen bekomme. An ihm hangle ich mich schnaufend Meter für Meter zum südlichsten Schafalpenkopf hinauf. Der letzte Aufstieg ist geschafft. Stolz Klopfen wir uns auf die Schultern, schauen beeindruckt hinter uns, auf den langen Grat, den wir bezwungen haben.

„Weißt du noch, wie wir gestern am Parkplatz standen?“ Ich zucke mit den Schultern, kann die Leistung nicht fassen. Die Felsbastion, sie ist bezwungen. Was uns gestern noch unmöglich erschien, ist Realität geworden. Wir lachen, reißen die Hände in den Himmel, liegen uns in den Armen. Ein lauter Jauchzer hallt in die Bergwelt hinaus, wird von der Elferwand zurückgeworfen, hin und her, bis ihn die Herbstluft endgültig verschluckt. Dann wieder Ruhe. Aussicht. Glück.

Das Kleinwalsertal ist ein Klettersteigparadies. Neben dem alpinen Highlight des Mindelheimer Klettersteiges, gibt es noch eine sportliche Alternative an der Kanzelwand. Der Zwei-Länder-Sportklettersteig, an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich, ist dank seiner guten Erreichbarkeit ein beliebtes Ziel für eine Halbtagestour. Trotzdem darf er wegen seiner anhaltenden Schwierigkeit und Ausgesetztheit nicht unterschätzt werden. Außerdem halten sich in der Nordwand tückische Schneereste besonders lange. 

Auch an der Kanzelwand ist der Erlebnisklettersteig Walsersteig zu finden. Etwas kürzer und weniger schwer als sein großer Bruder, können dort vor allem Einsteiger Ferrata-Luft schnuppern. Highlight ist sicherlich die 26 Meter lange Burmabridge, eine Seilbrücke, auf der gute Balance vorausgesetzt wird. Kindern wird jedoch eine Begehung erst ab einer Körpergröße von 140 cm empfohlen, da die Stahlseile und Griffe sonst ohne Hilfe kaum erreichbar sind.  

Die Wege auf den Hohen Ifen sind zwar teils seilgesichert, doch nicht als eigenständige Klettersteige anzusehen. Die wenigen gesicherten Passagen sind in aller Regel ohne zusätzliche Ausrüstung begehbar. Achtung: Die Seile auf beiden Seiten des Hohen Ifen werden über die Wintermonate demontiert!


Family

Es ist Sommer, die Sonne strahlt vom Himmel. Vier Kinder stehen um mich herum. Der Größte will in die Berge! „Noch einmal einen Klettersteig machen!“

Die Mädels würden es lieber ruhig angehen lassen. Vielleicht auf einen Bauernhof? Den Tieren ganz nahekommen? Der Kleine, gerade erst zwei geworden, hat vermutlich am Strand den meisten Spaß. Und so stehen Mama und Papa ratlos da, mit vier Kindern, die fordern. Uns Erwachsenen wäre eine kurze Anfahrt sehr recht. Vielleicht auch eine günstige Übernachtungsmöglichkeit für ein, zwei Nächte. Wo gehen wir nur hin? 

Na klar! Zum Camping ins Kleinwalsertal! Fünf Minuten später ist der Zeltplatz reserviert. Glück gehabt! Denn im Kleinwalsertal gibt es nur wenige Campingplätze und der schönste, Camping Vorderboden genannt, ist oft schon früh ausgebucht. Am nächsten Morgen sitzen wir zu sechst im Familienbus. Urlaub, wir kommen!

Keine drei Stunden später biegen wir kurz vor Oberstdorf ab, rein ins Kleinwalsertal. Um uns herum werden die Berge höher, das Tal immer tiefer. So kurven wir durch Riezlern, vorbei am Ifen, bis hinter Mittelberg ganz plötzlich ein Schild nach links zeigt. Camping Vorderboden liegt unheimlich schön eingebettet, inmitten der wilden Bergwelt. Schnell ist eingecheckt, der Seniorchef persönlich begleitet uns zu unserem Zeltplatz. Über ein kleines Weglein, unter hohen Fichten hindurch. Bis sich vor uns eine große Wiese öffnet. Ein Campingtraum. Saftig grün. Eben. Frisch gemäht und riesig groß.

Links wie rechts stehen Zelte und Wohnwägen. Auf einem der geräumigen Stellplätze richten wir uns ein. Und dann legen wir auch schon los, mit dem ersten Programmpunkt:

Faulenzen in der Sonne. Die Kinder toben sich währenddessen auf der Wiese aus. Das Campingleben. Es erscheint auf den ersten Blick langweilig und monoton. Doch das Gegenteil ist der Fall! Die Abspannleinen des Zeltes werden optimiert. Ordnung immer wieder hergestellt. Abendessen gekocht. Die Kunst, den Tag zu meistern und dabei kaum etwas zu tun. Für uns ist Camping schon immer Entschleunigung gewesen. Und falls die Kinder abends noch nicht müde sind, wird das Trampolin schon noch die letzte Kraft aus den Energiebündeln locken. Erst spät, als das letzte Licht den Zwölfer und Elfer in warmes Licht taucht, fallen wir müde in unser Zelt.

Die Nacht ist ruhig. Auch wenn die einzige Straße, die noch weiter ins Kleinwalsertal hineinführt, direkt am Platz vorbeiführt, so ist von ihr kaum etwas zu hören. Es liegt sowieso nur noch ein einziger kleiner Ort weiter südlich im Tal. Danach endet es in einer stillen Sackgasse. Keine zehn Meter neben unserem Zelt plätschert die Breitach ruhig vor sich hin. Dahinter zieht sich unberührter Wald den Berg hinauf. Ein traumhaftes Idyll.

Erst als die Vögel singen, öffne ich die Augen. Der erste Sonnenstrahl hat unser Zelt berührt. Leise ziehe ich den Reißverschluss nach oben und schaue in den Morgenhimmel. Keine Wolke ist zu sehen. Nur blauer Himmel und grüne Bergspitzen. Im kleinen Tante-Emma-Laden besorge ich das Frühstück und zwei große Tassen Kaffee, wecke die Kinder und packe alles für den Tag. Ein Morgen an der frischen Luft, er bringt schnell unseren Kreislauf in Gang.

Nach nur fünf Minuten Fahrtzeit kommen wir an der Talstation der Kanzelwandbahn an. Der Kleinste wird in die Kinderkraxe gepackt und genießt von nun an einen ungewohnten Blick aus Schulterhöhe. Und als wir durch das Gebäude hindurch zur Gondel laufen, wird die Freude unermesslich. „Seilbahn! Seilbahn! Können wir bitte damit fahren?“ Können wir! Sogar gratis. Denn wer mehr als vier Nächte bleibt, darf kostenlos mit den Bergbahnen der Gegend fahren. Zehn Minuten später stehen wir auf beinahe 2000 Metern Höhe. Die Aussicht ist überwältigend! Hier oben gönnen wir uns erst einmal ein großes Glas Orangenlimo, das genüsslich auf der Panoramaterrasse geschlürft wird. Nur ein paar Schritte sind es von hier bis zum nächsten Kinder-Highlight: Dem Burmi-Wasser!

Ich kenne die Gegend hier oben gut. Für Bergtouren aller Art habe ich die Kanzelwandbahn als Starthilfe genutzt. Und dabei nie gesehen, was Kindern hier geboten wird. Ein kleiner Bachlauf plätschert direkt von Bergstation aus über 500 Meter den Berg hinab. Durch Holzrinnen, kleine Becken, über Wasserräder und Felsstufen. Schnell sind die Schuhe ausgezogen und der Spaß im kühlen Nass kann beginnen. Wir fühlen uns wie am Strand. Doch wenn wir unsere Blicke kurz in die Ferne schweifen lassen, dann stehen wir auf gleicher Höhe mit Höfats, Hochvogel und Nebelhorn.

Unsere Holzboote schippern gemächlich den Berg hinab, während wir nur im Schleichtempo vorwärtskommen. Wie lange doch 500 Meter sein können! Schleußen, Wasserfälle und sogar Molche halten uns immer wieder auf. So lange, bis dicke Wolken die Sonne verdecken und das Wetter kippt. Wir fahren wieder ins Tal. Aber nicht bevor wir die Kinder im Gipfelimbiss mit Wurst und Pommes versorgt haben. Kinderglück ist oftmals so herrlich simpel.

Die Kanzelwand hat aber noch viel mehr zu bieten! Wandern, Mountainbiken und die umwerfend schöne Bergflora. Ein Klettersteig für junge Bergsteigerinnen und Gipfelstürmer. Ein Tag ist hier oben eigentlich viel zu wenig!

Wieder am Zeltplatz angekommen, ist der kurze Regenschauer auch schon vorbei. Schnell sind wir wieder im Campingrhythmus, spielen Tischtennis und Federball. Und als hätten wir heute nicht schon genug Wasser gehabt, wird noch die Breitach hinter unserem Zelt erkundet. Das große Bachbett lädt zum Spielen ein. Das eiskalte Wasser ist zwar nirgends tief, bringt aber eine kräftige Strömung mit sich. Da wird die Flussüberquerung schnell zur Expedition. An einem alten Holzstamm hangeln sich die Kinder quietschend und schnaubend durchs Wasser. Bis endlich die neue Welt erreicht ist. Staudämme werden aufgeschichtet, ein riesiges Steinmändle errichtet. Konzentriert und begeistert spielen die Kids stundenlang vor sich hin.

Am Abend spazieren wir dann noch tiefer ins Tal hinein. Bis nach Baad. Hier essen wir im Kuhstall zu Abend. Auch wenn die Kinder etwas enttäuscht darüber sind, den Esstisch doch nicht mit dem Vieh teilen zu dürfen, so schmecken die Kässpatzn doch allen vorzüglich. Von unserem Platz aus sehen wir, wie die Abendstimmung langsam die Hammerspitzen verzaubert. Erinnerung an eine alpine Bergtour werden wach. Was für ein Tag!

Als das letzte Licht des Tages verschwindet, beginnt es wieder zu regnen. Schwere Tropfen trommeln auf unser Zelt ein. Selbst als schon die Morgendämmerung einsetzt, schüttet es noch immer ununterbrochen. Wir ziehen uns die Schlafsäcke über die Nase, erzählen Geschichten, spielen. Dabei genießen wir das Familienleben auf engstem Raum. So schnell lassen wir uns nicht unterkriegen!

Und tatsächlich: Am späten Vormittag reißt die Wolkendecke plötzlich auf. Die Regentropfen sind schnell vom Zelt geschüttelt und die Rucksäcke gepackt. Denn das Wanderprogramm für durchwachsenes Wetter steht: Es geht zur Bärgunthütte. Von Baad aus spazieren wir Richtung Widderstein. Der Weg steigt nur sanft an. Zwischen dem saftigen Gras und den bunten Blumenwiesen gibt es viel zu entdecken. Bei feuchter Witterung wie heute, finden wir wieder viele Molche. So brauchen wir dann doch mehr als eine Stunde, bis wir aus dem Wald hinaus und auf eine freie Almfläche gelangen. Hier liegt die Hütte im gigantischen Kessel des Bärgunttals. 

Sofort werden die Weiden abgesucht. „Da sind Ziegen!“ Hüpfend winkt mich meine Tochter zu ihr rüber. „Und Kühe! Sogar Babykühe!“ Lange schauen wir den Tieren zu, erkunden noch den Stall und treten dann ein. Sabine, die Wirtin hier oben, empfängt uns und vor allem die Kinder herzlich. Wir ergattern noch einen letzten Platz in der Stube, während sich draußen schon wieder der nächste Wolkenbruch ankündigt.

Deftige Vesperplatten für die Jungs. Milchreis mit Zimt und Zucker für die Mädels. Die frische Milch aus großen Bechern ist etwas ganz Besonderes und schmeckt den Kindern. Kein Vergleich zur abgepackten Milch aus dem Kühlregal! Wir lassen uns von der Einfachheit der Alpe anstecken. Mehr braucht es eigentlich auch gar nicht für einen erlebnisreichen Urlaub. Für ein wenig Entspannung und Abwechslung. Für glücklich strahlende Kinderaugen.

Ganz unverhofft haben wir ein Kinderparadies gefunden. So vieles wird hier geboten, ganz ohne imposante Attraktionen und abgehobene Spektakel. Das simple Leben in den Bergen, mit der Natur und den Tieren, steht ganz klar im Vordergrund. Gut zu wissen! Denn es gibt noch viel zu entdecken im Kleinwalsertal!

Text und Bilder: Benni Sauer

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