Schattenspiele

Beim 3000er-Luft schnuppern im ruhigen Leibnitztal Osttirols.

Es ist einfach nicht von der Hand zu weisen: Der Großglockner stiehlt in den Hohen Tauern allen anderen die Show. Nicht nur als höchster Gipfel des Nationalparks, sondern gleich als Höchster ganz Österreichs, stellt er alles Umliegende in seinen Schatten. Im Grunde ist es auch 20 Kilometer südlich des Glockners, im naturbelassenen Leibnitztal noch so. Hier thront aber auch der Hochschober, mit seinen 3242 Metern. Er ist zwar nicht der höchste Gipfel der gleichnamigen Schobergruppe, doch ist hier er es, der einen Schatten wirft. Quasi im Doppelschatten dieser beiden Berggiganten, steige ich auf einem wunderschönen Steiglein der Hochschoberhütte entgegen.

„Wie ist das eigentlich so mit einem Bergführer?

Wild, wilder, Leibnitztal
Nur einen Steinwurf hinter dem Parkplätzchen tauche ich schon in die archaische Landschaft der Schobergruppe ein. Etliche Holzbrücken leiten mich immer wieder von der einen zur anderen Seite des plätschernden Baches, über wurzelige Pfade und felsige Stufen. Als ich die Baumgrenze hinter mir lasse dann die Überraschung: Der Doppelgipfel des Prijakt steht mir urplötzlich eindrucksvoll gegenüber. Abweisend. Mit senkrechten Wänden und scharfen Graten. Die tiefstehende Nachmittagssonne lässt jede Kante, jeden Riss erkennbar werden und obwohl unter seiner Nordwand gigantische Schutthalden liegen, wirkt das Gestein kompakt und stabil. Ein eindrucksvoller Anblick, den ich ganz für mich allein habe. Außer mit scheint heute niemand hier unterwegs zu sein.

Wenig später, an der wunderbar gelegenen Hochschoberhütte, treffe ich auf Peter Tembler. Sonnengegerbte Haut. Ein kräftiger Händedruck. Und ein freundliches Lächeln unterm grauen Schnauzbart des Bergführers.
Er zeigt auf den wilden Prijakt und seinen steilen Westgrat, der von rechts auf den Gipfel heraufzieht. „Da geht’s morgen hoch!“, lacht er mir entgegen. Das löst in mir ein kleines Gefühlschaos aus: Kletterei bis in den 4. Grad. Auf über 3000 Metern. Ausgesetztes Gelände. Und überhaupt, den Abend, die Nacht und den ganzen nächsten Tag werde ich gemeinsam mit Peter verbringen, den ich doch gerade eben erst kennenlernen durfte. Ob das gut geht? 

Wie ist das eigentlich so mit einem Bergführer?
Erste Berührungsängste meinerseits erweisen sich schon beim Abendessen als absolut unbegründet. Schnell versinke ich mit Peter im Gespräch, während draußen die sommerlichen Gewitter kräftig um die Hütte poltern. Peter erzählt. Von seiner Ausbildung. Von seiner großen Leidenschaft, dem Skitourengehen – der Königsdisziplin, wie er sagt. Er erzählt auch von seiner Zeit als Wirt der Erzherzog-Johann-Hütte, dem berühmten Hotspot am Glockner. Währenddessen dreht er messingfarbene Schrauben in Sohlen, welche sich von den Schuhen eines gerade angekommenen Wanderers gelöst haben. „Alles andere Hilft nichts. Auf der Adlersruhe hatte ich dafür sogar einen Akkuschrauber!“, zwinkert mit der Ex-Wirt zu. Ich komme nicht umhin Peter als McGyver der Alpen zu betiteln, was nicht nur Peter, sondern auch den finnischen Schuhbesitzer zum Lachen bringt – offensichtlich genießt die Serie mit dem erfinderischen Geheimagenten auch im hohen Norden Kultstatus. Dann gehen auch schon bald die Lichter aus. 

Schnell klären wir noch die letzten Details und Peter beantwortet alle meine Fragen, von denen ich jede Menge habe: Wie lange werden wir klettern? Ist der Grat sehr ausgesetzt? Wie schwierig ist der Abstieg? Ohne Bergführer beschäftigten mich diese Fragen manchmal die ganze Nacht. Nicht so mit Peter. Er kennt die Route und versichert mir, dass wir morgen eine Menge Spaß haben werden. Das tut gut!

Fuß an Fuß wünschen wir uns also am frühen Abend eine gute Nacht, denn auch wenn von der Hochschoberhütte aus keine ausgewachsenen Hochtouren locken, wir sind im Hochgebirge und wollen morgen unbedingt vor den ersten Gewittern wieder unten sein. Also stellen wir uns die Wecker so, dass wir die ersten am Frühstückstisch sind und schon kurz nach sieben vor der Hüttentür stehen. 

Windstill. 7°C. 
Es ist klar und bald schon werden die Sonnenstrahlen den Hochschober einfärben. Die nächtlichen Gewitter sind zwar abgezogen, doch haben sie uns eine listige Falle hinterlassen: Noch immer sind die Flechten auf den ansonsten abgetrockneten Felsen glitschig – im Blockgelände sind Ausrutscher aber tabu! Vorsichtig bahnen wir uns also den Weg um die sogenannte Nase, einem niedrigen Vorgipfel, dem Prijakt entgegen. Schnell merke ich, wie geschickt Peter seine Tritte setzt. Selbst später, als sich die letzten Pfadspuren verlieren, wo keine Markeirungen mehr zu finden sind, habe ich Mühe überhaupt mithalten zu können. Ich beschließe einfach, es meinem Bergführer gleichzutun und setzte meine Füße genau dort hin, wo gerade noch Peter stand. Seinem eigenen Schatten gleich, verfolge ich so den Guide bis zum Einstieg am Sattel hinter der Nase.

Eine gute Stunde ist seit unserem Start an der Hütte vergangen. Ich konnte die Zeit nutzen, um Peter noch besser kennenzulernen. Mittlerweile fühle ich mich pudelwohl in seiner Gesellschaft, auch wenn uns fast 30 Jahre trennen. Wie wir herausfinden, teilen wir nicht nur den heutigen Tag am Berg, sondern auch die Einstellung dem Bergsport und seinem Risiko gegenüber. Ein persönliches Thema, aber Peter redet sehr offen darüber. Daran hat auch sein Absturz nichts geändert. Ein offener Schädelbruch ist immerhin kein Kratzer. Doch für Peter war das kein einschneidender Schicksalsschlag, er habe ja keinen Fehler gemacht, sondern einfach nur Pech gehabt. Ein gewisses Restrisiko bleibe einfach immer. Und davor habe er weder vor noch nach dem Unfall die Augen verschlossen. Schon drei Wochen nach diesem Unglück war Peter schon wieder auf dem Weg zur Adlersruhe. „Eben etwas langsamer als sonst…“

Ein Seil verbindet
Während er diese Worte spricht, hängt er sich einige Karabiner und Sicherungsgeräte an den Gurt, setzt seinen Helm auf und schultert den Rucksack. Ich tue es im gleich. Auch ich rüste mich aus und als ich mir den Helm unter dem Kinn zuschnalle, fällt mein Blick unweigerlich auf den Grat, der sich direkt vor mir wie eine Hauskante in die Höhe streckt. Restrisiko ist wahrlich kein Wort, das mich hier positiv stimmt. Doch der erfahrene Bergführer hat schlicht und ergreifend Recht. 

Auch in einem weiteren Punkt soll er Recht behalten: „Die ersten 80 Meter gehen wir seilfrei, das schaffst du sehr gut!“ Offensichtlich habe nicht nur ich die vergangene Stunde genutzt, um Peter kennenzulernen, sondern auch er – um meine Trittsicherheit einzuschätzen. Während ich in einfacher Kletterei genussvoll durch die Blöcke steige, dämmert es mir langsam: Ein guter Bergführer muss viel mehr drauf haben als ein paar Knoten und eine gute Klettertechnik. Er muss seinen Gast lesen können, sich auf ihn einstellen. Genau das hat Peter gemacht, ohne dass ich davon auch nur das Geringste gemerkt habe. Ich freue mich über den Profi vor mir, der mir nur hin und wieder an kniffligen Passagen hilfreiche Tipps zur Griff- und Trittfolge zuruft. Ansonsten ist es still. 

Dann wird es ernst. Peter holt das Seil aus dem Rucksack, bindet es sich gekonnt in Windeseile um und steigt vor. Jetzt verbindet uns nicht nur die Liebe zu den Bergen, der heutige Tag und dieselbe Sichtweise. Jetzt hängen wir am gleichen 30-Meter-Seil, welches ich Meter für Meter durch den Sicherungsknoten gleiten lasse. Bald schon verschwindet Peter irgendwo über mir und mich überkommt eine mächtige Einsamkeit. Ich hänge allein am Grat, fühle mich aber dank Peter dennoch bestens aufgehoben. Ich genieße die Windstille, das Panorama, ein bisschen auch das Alleinsein und entdecke dabei unter meinen Schuhsohlen zwei bunte Punkte, die sich auf den Grat zubewegen. Offensichtlich sind wir heute doch nicht ganz allein!

„Stand!“
Ein ruhiges Rufen holt mich aus meiner Träumerei. Peter hat mit einer Bandschlinge einen Standplatz eingerichtet und signalisiert mir, dass ich nun gesichert nachsteigen kann. Einmal atme ich noch tief ein. Und aus. Dann packe ich zu. 

Die Kletterei ist fordernd, für mich aber noch ohne größere Probleme zu bewältigen – vor allem im Nachstieg. Griff um Griff. Tritt um Tritt. Unterwegs sammle ich einen Friend ein, ein spreizendes Klemmgerät, das Peter zuverlässig in einem breiten Riss anbringen konnte. Ansonsten verläuft die erste Seillänge konsequent ereignislos. Und so lacht mir oben angekommen der Bergführer entgegen. „Und?“, fragt er mich nach einer kurzen Verschnaufpause, die er mir gerne gönnt. „Ja!“ Mehr sage ich in dem Moment auch gar nicht, weil ich genau weiß, dass der Bergführer meinen Blick lesen kann. Ich bin begeistert und genau in meinem Element! Er nickt mir zu. Zwar schmerzen meine Finger, weil der Fels scharfkantig und eiskalt ist, doch das gehört dazu. Einen 3000er zu erklimmen ist eben kein Spaziergang. 

„Wir werden bis zum Gipfel im Schatten klettern. Ist eben so an der Westseite“. Macht nichts, denke ich. Macht überhaupt nichts. Denn die graublaue, kalte Kante über mir steilt immer mehr auf und etwa zehn Meter weiter hängen die Felsen sogar über. Das wird mich schon noch ins Schwitzen bringen! Dann verschwindet Peter wieder. 

Wieder stehe ich allein am Grat, genieße den ausgesetzten Standplatz und ein Gefühl, das ich versuche, mir einzuprägen. Wenig später hangle ich mich über die abdrängenden Felsen – vielleicht nicht so kunstvoll wie Peter, aber darum geht es ja auch überhaupt nicht. 

Teamwork!
Je schwieriger die Kletterei ist, desto intensiver arbeiten wir zusammen. Zwar beschränkt sich unsere Kommunikation auf ein Minimum, doch die Bindung wächst. Bald habe ich nicht mehr das Gefühl, dass Peter mich führt, sondern dass wir uns diesen Berg gemeinsam erarbeiten. Dann stoppt mein Guide plötzlich und hängt sich einige Seilschlaufen um die Schulter. Ich weiß was das bedeutet: Fortan werden wir am kurzen Seil gehen – eine Sicherungsmethode, die unter Bergführern oft genutzt wird, aber auch seine Tücken hat: Ohne einen Fixpunkt zwischen Peter und mir, könnte ein Ausrutscher einen Mitreißunfall bedeuten. 

Aber auch hier kommt wieder Peters Professionalität zu Tage. Er kennt die Route, weiß welche Schwierigkeiten noch auf uns zu kommen und natürlich auch, dass ich ebendiesen gewachsen bin. Ein unschätzbarer Vorteil, der bei besonders langen und hochalpinen Touren besonders zur Geltung kommt. Auf diese Weise sind wir schnell. So schnell, dass wir die Seilschaft hinter uns abhängen und schon wenig später das Gipfelkreuz erreichen. Peter strahlt mich an, schüttelt mir gewohnt kräftig die Hand und gratuliert mir. Ich bedanke mich bei ihm, was mir in diesem Moment allerdings etwas fremd erscheint. Natürlich hat Peter nur seinen Job gemacht und schließlich bedanke ich mich auch bei einem Mechaniker, wenn er mein Auto repariert. 

Dieser Moment fühlt sich aber ganz und gar nicht nach der erfolgreichen Abschließung eines Geschäftsauftrages an. Es ist mehr. Viel mehr. Und schließlich merke ich auch warum: Ich freue mich in diesem Moment nicht darüber den Gipfel mit irgendjemandem zu teilen, sondern darüber, gemeinsam mit Peter hier oben stehen zu dürfen.

Text: Benni Sauer

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