Schnupperkurs Fels

Erste Klettersteigerlebnisse in den Kitzbüheler Alpen

Sie sind ja schon beeindruckend: Senkrechte, teils sogar überhängende Felsklippen, die sich direkt neben den Wanderwegen in die Höhe recken. Wer gut hinsieht, oder auch -hört, der findet manchmal, viele hundert Meter über dem Wandfuß, bunte Punkte. Sportkletterer rufen sich dort oben Seilkommandos zu. Arbeiten sich Zentimeter für Zentimeter die Wände hinauf. Ohne Frage ein besonders intensives Bergerlebnis. Doch solche Abenteuer in der alpinen Senkrechten sind leider nur Vollprofis vorbehalten. Oder etwa nicht?

Thomas Rabl reicht mir einen Helm, einen Klettergurt und das Klettersteigset. Eine kleine Einweisung, mit hilfreichen Tipps zur Anlegung der Ausrüstung und schon sind wir bereit. Wir stehen auf ungefähr 1.800 Metern. Weit unter uns liegt Fieberbrunn, wo wir doch gerade erst in die Streuböden- und Lärchfilzkogelbahnen eingestiegen sind. Jetzt stehen wir eintausend Meter über dem Talboden und ich bin froh, dank des mühelosen Aufstieges topfit zu sein. Ich fühle mich gut. Thomas, mein Bergführer, gibt mir Recht. „Die Seilbahnunterstützung ist ein großer Vorteil für Anfänger. Wer schon müde und erschöpft am Einstieg steht, kommt im Klettersteig nicht nur physisch, sondern auch psychisch schneller an seine Grenzen.“ Ein geübter Blick, der Partnercheck, und schon klicken meine zwei Karabiner erstmals ins Stahlseil.

An dem dicken Strang ziehe ich mich nach oben, bis zum ersten Sicherungsstift, mit dem das Seil am Fels verankert ist. Nun gilt es die Karabiner umzuhängen. Glücklicherweise kann ich kurz bequem stehen und ergreife lässig mit beiden Händen die Karabiner. Schon korrigiert mich Thomas, dabei weiß ich doch, dass immer ein Karabiner eingehängt bleiben muss. „Lass immer eine Hand am Seil. Wenn du dir das angewöhnst, läufst du nie in Gefahr beide Karabiner gleichzeitig auszuhängen.“ So simpel der Trick ist: Er funktioniert. Und in den kommenden, vermeintlich einfachen Abschnitten, erwische ich mich tatsächlich selbst einmal, wie ich fast beide Karabiner gleichzeitig ausklinken möchte. Konzentriert bleiben!

Meine nächste Lektion heißt: Abstand halten! Schon lange schlendern wir nicht mehr über gemütliche Wanderwege, sondern bewegen uns im senkrechten Fels direkt nach oben. Wer hier den Halt verliert, der stürzt. Das tut in Klettersteigen, wo Metallklammern und Bolzen im Fels stecken, nicht nur besonders weh, sondern gefährdet auch den Nachsteigenden. Eine Faustregel besagt also: In steilen Passagen, sollte immer ein freies Seilsegment zwischen den Kletterern liegen. Diese Regel hat aber auch noch einen weiteren, sehr praktischen Nutzen. Denn wer als schneller Nachsteiger einem langsameren Steiger hinten „aufläuft“, der muss unter Umständen kraftraubend, im Seil hängend pausieren, während er einige Meter weiter unten einen guten Standplatz hätte. 

Glücklicherweise schätzt Thomas meine Fähigkeiten mittlerweile perfekt ein, weiß wie schnell ich bin und lässt uns an einer steilen Felswand kurz pausieren. „Hier warten wir.“ Der Grund dafür ist ein Kletterer, der sich in der Schlüsselstelle vor uns abmüht. Etwas angespannt schaue ich ihm zu und versuche, schon von hier unten die anspruchsvollsten Kletterzüge einzustudieren. Sicherlich hätte wir direkt hinter dem Bergsteiger keine gute Standmöglichkeit, noch dazu ist im Klettersteig Drängeln keine gute Idee. Im Steig arbeiten alle zusammen, wer etwas mehr Zeit braucht, der bekommt sie auch. Und so verschnaufen wir kurz eng an die Felswand angeschmiegt. Auch das ist kein Zufall, denn hier sind wir vor herabfallenden Steinen oder Gegenständen geschützt. Klettersteiggehen sieht oft einfach aus, erfordert aber ein alpines Grundwissen, das den Augen der Außenstehenden oft verborgen bleibt. 

Wenig später geht es weiter. Die Schlüsselstelle bereitet uns keine großen Probleme, das Überholmanöver läuft kontrolliert und sicher ab. Ein kurzes „Danke“ an den Kletterer, der für uns einen Schritt zur Seite geht, und schon sind wir auf den letzten Metern zum Gipfel. Dabei erklärt mir Rabl, warum sich Anfänger am Stahlseil häufig besonders schwertun: Oft wird sich nämlich zu sehr auf das Seil fixiert. Sich daran in die Höhe zu hangeln ist extrem kraftraubend, während der natürliche Fels oft beste Griff- und Trittmöglichkeiten bietet. Wann auch immer möglich, lässt man also am besten die Finger vom Seil, vertraut dem Fels und hat dabei auch noch mehr Spaß! Dann gibt mir Thomas die Hand. „Berg Heil!“ Stolz stehe ich auf dem Gipfel des Marokka, einem kleinen, unscheinbaren Berg, der so begrünt ist, dass man vom Tal kaum glauben mag, hier festem Fels zu begegnen. Doch hier oben entpuppt sich der Gipfel als außerordentlich formschön. Mit kompaktem Fels und grandioser Aussicht.

Am nächsten Morgen fahren wir von Fieberbrunn durchs schöne Pillerseetal bis zur Steinplatte. Hier, am Klettersteig s’Schuastagangl, möchten wir uns noch ein wenig steigern. Denn auch wenn dieser Klettersteig nur minimal schwieriger ist als der gestrige, wird hier auch die Psyche gefordert. Thomas aber beruhigt mich. Souverän steigt er vor, gibt wieder hilfreiche Tipps und erklärt mir, welche Fehler in Klettersteigen am häufigsten begangen werden. Da wären beispielsweise noch immer Bergsteiger, die statt eines modernen Klettersteigsets nur mit Bandschlinge und HMS-Karabiner unterwegs sind. Eine solch statische Sicherung ist, in dem ebenfalls statischen System des Klettersteiges, keine gute Idee. Im Falle eines Falles droht diese Art der Ausrüstung überlastet zu werden. Sollte sie dagegen halten, trifft die ungebremste Kraft auf den menschlichen Körper. Belastungen, denen die Wirbelsäule meist nur wenig entgegenzusetzen hat. Bandfalldämpfer verhindern dies bei modernen Klettersteigsets. Aber auch viel unscheinbarer können die Fehlerquellen sein. Wer, warum auch immer, einen Karabiner des Klettersteigsets in der Anseilschlaufe des Gurtes befestigt, während der zweite Karabiner im Stahlseil hängt, der klinkt den wichtigen Bandfalldämpfer kurzerhand aus!

Der richtige Umgang mit dem Equipment ist also essentiell. Klettersteiggehen ist aber eine Aktivität, die alle alpinen Grundsätze erfordert. Das geht vom richtigen Schuhwerk, bis hin zur präzisen Planung und Selbsteinschätzung. Gerade letztere führt in Klettersteigen am häufigsten zu Rettungseinsätzen. Die sogenannte „Blockade“, eine Art Angstlähmung, schlägt besonders oft zu, so Rabl. Klettersteige, erklärt er weiter, werden oft als unkomplizierter Einstieg in alpines Gelände angesehen. Das sind sie zwar auch tatsächlich, doch wer sich noch nicht selbst einschätzen kann, der fängt besser sehr langsam an und tastet sich schrittweise vorwärts. 

Thomas Rabl, der sympathische Bergführer aus den Kitzbüheler Alpen, rät bei einer Klettersteigpremiere deswegen dazu, wenigstens eine erfahrene Person dabeizuhaben. Im besten Falle aber einen örtlichen Bergführer. Der kennt nicht nur die schönsten Ecken, sondern weiß auch, wann man am besten einsteigt, wo die tollsten Fotospots verborgen sind und am wichtigsten: Wer doch an seine Grenzen stößt, wird über einen Bergführer dankbar sein, der genau weiß was zu tun ist. Schwierige Stellen können dann mit zusätzlicher Seilsicherung bewältigt werden. Einige Tipps zur Grifffolge bewirken manchmal schon Wunder. Und oft sind es auch nur ein paar beruhigende Worte, die alles wieder ins Lot bringen. 

Am Klettersteig s’Schuastagangl steigen wir jetzt aus dem Schatten ins Licht, luftig und exponiert, hinaus auf eine senkrechte Platte, wo plötzlich Armkraft gefragt ist. Wieder ein Tipp vom Bergführer, der mich zum Fotografieren vorgelassen hat: Auch wenn es erst abschreckend wirkt, so ist es am einfachsten, diese Passage mit gestreckten Armen und weit über den Abgrund gelehnt zu queren. Wer ängstlich ist, der winkelt oft die Armbeuge an, möchte so nah wie möglich am Fels und dem sicheren Stahlseil sein. Doch diese Position, das Klammern, ist kraftraubend. Vertrauen und Mut sind jetzt angesagt und wenig später haben wir wieder festen Boden unter den Füßen. 

In den zwei Tagen mit Thomas Rabl habe ich schon jetzt viel gelernt. Und das, obwohl ich zuvor etliche Klettersteige durchstiegen habe. Rabl, der nicht nur ehrenamtlicher Obmann des Tiroler Bergsportführerverbands ist, sondern auch Obmann der Kitzbüheler Bergführer, konzentriert sich dabei besonders gerne auf die Berge seiner Heimat. Einfühlsam, humorvoll und immer im richtigen Tempo ist er mit mir unterwegs. Egal ob Profi, Anfänger oder Familie: Der dreifache Familienvater weiß auch, wie man Kindern die Schönheit eines sicheren Klettersteigerlebnisses näherbringt. Und darum geht es ja schließlich. 

Kurz vor dem Erreichen des Gipfels passiert es aber dann doch noch. Voll auf den Fels konzentriert, übersehe ich einen Sicherungsstift. Ein ruckartiger Stopp, der mich daran hindert, die nächste Metallklammer zu greifen, ganz egal wie sehr ich versuche, mich zu ihr hinzustrecken. In der Senkrechten, nur mit dem linken Fuß an den trittlosen Fels gepresst, geht mir schnell die Kraft aus. Mein rechter Schuh hängt hundert Meter über den Baumwipfeln, meine Hand am Stahlseil wird schwitzig. Dann aber löst sich der Zug an meinem Gurt. Erleichtert vernehme ich ein metallisches Klicken. Dann ein zweites. Thomas, der meine Situation sofort erkannte, lacht unter mir. Sachgemäß hat er meine beiden Karabiner umgehängt und so erreiche ich endlich die rettende Metallklammer, entlaste Arme und Beine und bedanke mich. „Es gibt kaum eine Begehung, in der ich nicht beim Umhängen behilflich sein darf“, erklärt mir Thomas Rabl geduldig, der mir schon wenige Minuten später das zweite Mal die Hand schütteln wird. Am Gipfel der Steinplatte.

Text: Benni Sauer

Die Kitzbüheler Bergführer
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