Schritt für Schritt

Vom Seelenfrieden beim Weitwandern und warum sich schlaflose Bergnächte trotzdem lohnen…

Gehen. Tag ein Tag aus einen Fuß vor den anderen setzen, manchmal steiler, manchmal flacher, schneller oder langsamer. Mal über weite Blockfelder wandern, mal über erdige Pfade, Kieshalden, Schneefelder, Wiesen. Aber immer gehen, von morgens bis abends und bei jedem Wetter mit nur wenigen Unterbrechungen. Gibt es etwas schöneres? Wohl kaum!

Als Bachelorarbeit im Fach Foto Design wollte ich unbedingt „etwas Besonderes“ machen. Aber was ist denn eigentlich noch besonders? Erst wollte ich einen alten VW-Bus ausbauen und die Restauration fotografieren. Aber schon nach anfänglichen Überlegungen und Planungen wurde mir klar, dass das Projekt sowohl den zeitlichen als auch den finanziellen Rahmen sprengen würde und irgendwie auch nicht der Once-in-a-lifetime- Erfahrung entsprach, die ich mir für meine Abschlussarbeit vorstellte.

Mein Plan B wurde zum Plan A: eine selbstgeplante Alpenüberquerung. Genauso viele nicht planbare Komponenten wie bei einem alten, klapprigen Auto, ähnlich planungsintensiv, aber weniger teuer UND Berge! Im Nachhinein muss ich mir eingestehen, dass die Transalp nur nicht meine erste Wahl war, weil sie mir noch mehr Respekt einflößte, als die Rostlaube…

Mein Freund Lukas und ich starteten unsere Transalp bei mir zuhause in Rottach-Egern am Tegernsee von der Terrasse aus. Wir haben uns ein gutes halbes Jahr vorbereitet. Tagelang recherchiert, welche Gegenden, Berge, Hütten wir nicht verpassen wollen, welche Hilfsmittel wir zur Orientierung nutzen werden, was unbedingt in den Rucksack muss. Wir haben unsere Route abseits der klassischen Transalprouten – akribisch geplant, in sinnvolle Tagesetappen unterteilt – und einige Male wieder ganz von Neuem begonnen. Wir haben mit Rucksäcken, Proviant und verschiedenem Equipment experimentiert und neben dem Training im Sportstudio haben wir auf Testtouren ausprobiert, ob wir mit dem Gewicht der schweren Trekking-Rucksäcke und ihrem Inhalt zurechtkommen. Kurz: Wir lachen heute nicht mehr über die „Extremisten“, die sogar ihre Zahnbürste halbieren, um Gewicht einzusparen.

Als es endlich los geht, sind wir aufgeregt und nervös. Vor allem ich mache mir Sorgen, ob alles wie geplant klappen wird, ob ich der körperlichen und mentalen Herausforderung, die uns da bevorsteht, gewachsen bin. Zugegeben, die letzten Vorbereitungswochen waren sehr stressig und ein Wechselbad der Gefühle. Auf der einen Seite konnte ich es kaum erwarten, loszulaufen, auf der anderen Seite hatte ich Angst vor meinem Projekt. Aber bereits – oder vor allem – in den ersten paar Tagen merke ich es: Ich kann beruhigt sein. Wir sind bestens vorbereitet und haben alles richtig gemacht bei der Vorbereitung. Ich schaffe das und es wird schön. Endlich kehrt Vorfreude ein und ich kann meine Zweifel fallen lassen. Wir müssen uns nicht mit Routenplanung, Übernachtungsmöglichkeiten oder falschem Equipment herumschlagen, denn das alles haben wir vorher organisiert und optimiert. Wir können die Tour einfach genießen und sammeln jeden Tag unvergessliche Momente.

Vor Antritt unserer Alpenüberquerung habe ich mich auf eine spartanische Lebensweise während der Tour eingestellt. Ich bin von vielen kalten und wenig erholsamen Zeltnächten ausgegangen und habe mich daher vor allem auf die Hüttenübernachtungen gefreut. Tatsächlich ist nicht alles angenehm in diesen vier Wochen. Wir frieren nachts wirklich manchmal sehr oder die Füße tun uns weh. Aber man wird leidensfähiger. Mit der Zeit akzeptiert man gewisse Zustände – und geht einfach weiter. Das Gehen an sich hat auf Dauer etwas so angenehm Befriedigendes, ja sogar Suchtpotenzial. Dass man vorwärts kommt, durch fremde Landschaften wandert und einfach nur immer einen Fuß vor den anderen setzt, reicht uns völlig aus. Im Grunde passiert ja nichts: Man geht. Und zwar den ganzen Tag. Und abends hat man dann das Gefühl, wirklich etwas geschafft zu haben. Diese Unbeschwertheit kommt vielleicht daher, dass man sich auf ganz essenzielle Bedürfnisse beschränkt. Das sind Hunger, Durst, Müdigkeit und Schmerzempfinden. Wenn man sich nicht gerade um diese Bedürfnisse kümmert, dann geht man und konzentriert sich auf den Weg, der ja in den Bergen sehr anspruchsvoll sein kann. Die Probleme aus dem täglichen Leben rücken langsam in die Ferne und mit diesem Abstand kann man einen anderen Blickwinkel darauf bekommen. Und vielleicht ist man eher bereit, schwere Rucksäcke und wunde Füße auf sich zu nehmen, denn das sind greifbare Probleme. Sie sind nicht so komplex wie die Sorgen des Alltags. Nun kann man vor den Problemen aus dem „wahren Leben“ natürlich nicht davonlaufen. Aber mir hilft es, ab und zu ein wenig Distanz zu ihnen aufzubauen. Und wer weiß, vielleicht löst sich so manches dadurch von selbst …

Unterwegs gleicht kein Tag dem anderen, obwohl ja die Tätigkeiten immer dieselben sind. Würden wir uns nicht auf ein Wiedersehen mit Familie und Freunden freuen, könnten wir einfach immer so weiter laufen. 

Und die tägliche körperliche Anstrengung bringt auch eine mentale Ausgeglichenheit mit sich, die ich aus meinem normalen Alltag so nicht kannte. Die einzige „Aufgabe“, die man zu erfüllen hat, ist, rechtzeitig abends bei der nächsten Hütte anzukommen. Die To-Do-Liste ist also überschaubar. Fehlt uns das vielleicht im Alltag? Abends alles geschafft zu haben, was man sich für einen Tag vorgenommen hatte? Und das auch noch ohne Stress und mit Freude und Genugtuung? Eines steht fest, wir haben die Tour jeden Tag genossen und hätten auf kaum eine Erfahrung verzichten wollen. Ich kann mich kaum an eine Zeit erinnern, in der ich so zufrieden mit mir selbst gewesen bin, wie während dieser langen Wanderung: Fast jeden Tag bin ich meinen Erwartungen an mich selbst gerecht geworden. Ein sehr schönes Gefühl…

Schön sind auch die sich täglich verändernden Landschaften, die wir durchwandern. Oft sogar atemberaubend schön. Viele der Gegenden kannte ich bisher nur von Fotos und durch unsere Planung, war aber nie zuvor tatsächlich dort gewesen. Man nimmt alles viel deutlicher war, wenn man zu Fuß, also im Schritttempo unterwegs ist und prägt sich die Dinge besser ein. Dabei gab es ganz unterschiedliche Highlights für mich. Die kurze Passage in der Rieserfernergruppe zum Beispiel: Das Wetter war zwar zu Beginn des Aufstieges noch recht sonnig, verfinsterte sich aber zusehends bis wir die Hütte erreichten. Diese Bergregion begeisterte mich besonders und ich möchte auf jeden Fall wieder hierhin zurückkehren. In Trentino habe ich mich ebenso ein wenig verliebt und natürlich enttäuschten uns auch die Dolomiten nicht. Hier erlebten wir nicht nur einen überraschenden Wintereinbruch, sondern trotz der kalten Nächte traumhafte Lichtstimmungen und Alpenglühen vom Feinsten.

Ich möchte ganz ehrlich sein, das mit dem Zelten ist so eine Hass-Liebe für mich. Um das vorweg zu nehmen: Ohne ein paar Nächte der Tour im Zelt zu übernachten, hätten wir unsere Route nicht beibehalten können, denn zu dieser Zeit im Herbst hatten sehr viele Hütten bereits geschlossen. Wir haben stets penibel darauf geachtet keinerlei Spuren zu hinterlassen, nichts und niemanden zu stören und nur solange zu bleiben, wie unbedingt nötig. Da beginnt man nun sobald die Sonne untergeht oder es dunkel wird, das Zelt aufzubauen und das Abendessen zu kochen – beides ging bei unserer minimalistischen Ausrüstung meist verhältnismäßig schnell. Es wird dann in den Bergen nachts oft recht schnell kalt, man kriecht schon früh in seinen Schlafsack. Leider gehöre ich auch eher zu den Frostbeulen und schlafe nicht so gut im Zelt, das nicht selten nachts vom Bergwind geschüttelt wird. Ständig wache ich auf, drehe mich hin und her und bin dann morgens ziemlich übernächtigt. Aber nur selten lässt meine innere Uhr sich täuschen: Sobald das kleinste bisschen Licht über den Horizont kriecht, werde ich wach. Und nun ist es so weit. Das ist die Zeit am Berg, die ich von allen am meisten liebe. Zu beobachten, wie sich ganz langsam das Licht über die Landschaft ausbreitet, wie die ersten Gipfel beginnen orange zu leuchten. Die nächtlichen Dunstschwaden in den Tälern ziehen sich zurück und ganz langsam wacht die Welt auf. Bis der Tag so richtig anfängt, haben wir die Berge für uns alleine, die Luft ist kühl und es ist still. Das ist einfach magisch. In dieser kurzen Phase des Tages schöpfe ich Kraft für die ganze Etappe, die vor uns liegt und auch wenn es manchmal schwer fällt, den wärmenden Schlafsack zu verlassen und in die kalten Bergschuhe zu steigen, möchte ich sie niemals missen.

So vergingen diese vier Wochen in den Bergen zwischen dem Tegernsee und Verona zwar wie im Flug, aber doch ohne Stress und Druck. Wir haben viele verschiedene Erfahrungen gesammelt, Orte kennen gelernt und alles in allem eine wunderbare Zeit in den Alpen verlebt. Voller Zweifel und Ängste bin ich losgelaufen, aus dem Vorgarten hinaus in die Berge. Und ja, mein schwerer Rucksack ist Gipfel für Gipfel immer leichter geworden. Meine Selbstzweifel sind Zuversicht und Vertrauen gewichen und irgendwann war auch ich mir dann sicher, bis nach Verona laufen zu können. Ich habe gelernt, dass man sich hin und wieder durchaus etwas zutrauen kann, dass man an seinen Aufgaben wächst und dass das meiste, was anfänglich verzwickt, fremd und schwierig wirkt, vertraut werden und Spaß machen kann.

Mein petrolfarbener 60-Liter-Rucksack hat mich gelehrt, auf welche materiellen Dinge es in meinem Leben ankommt – was ich wirklich brauche. Mit anderen Worten: Wenn man einmal vier Wochen nur mit einer Rucksackfüllung an Gebrauchsgegenständen herumläuft, merkt man vor allem danach immer wieder, was man alles nicht braucht. Auf jeden Fall möchte ich mir ein bisschen Alpenüberquerung mit ins „wahre Leben“ nehmen. Viel draußen sein, immer mal den Rucksack aussortieren und hin und wieder mal nichts machen, außer einen Schritt vor den anderen zu setzen und die Aussicht genießen. Ich konnte auf dieser Reise viele meiner Leidenschaften verbinden: Natur, Reisen, Sport und die Fotografie. In meinem Buch habe ich versucht, meinen intuitiven, eigenen Blick auf die Berge zu offenbaren, meinen persönlichen Zugang zu der atemberaubenden, schroff-wilden Schönheit des Gebirges – von kleinen Details am Wegesrand bis hin zu majestätischen Bergpanoramen. Und so ist diese Reise womöglich doch zu einem dieser einzigartigen Abenteuer geworden, zu diesem „ganz Besonderen“, das es doch angeblich heutzutage gar nicht mehr gibt.

Text: Miriam Mayer
Bilder: Miriam Mayer | Lukas Reumschüssel

DIE GANZE STORY

MIRIAM MAYER
BERGSEELE

Substantiv, feminin – eine Seele mit der ewigen Sehnsucht nach den Bergen.

Miriam Mayer dokumentierte in ihrem Fotobuch Bergseele die Geschichte ihrer rund 30-tägigen, selbst geplanten Alpenüberquerung. Zu Fuß von Rottach-Egern am Tegernsee bis nach Verona.

Bergseele erzählt eindrucksvoll die Geschichte Miriams Projekts, ihres Traumes, ihres Jobs, ihrer Ängste und ihrer Hoffnungen. Mit viel Platz zum Träumen. Mit viel Platz für Moment-, Portrait- und Landschaftsaufnahmen. Und mit viel Platz für die echte Freiheit der Berge. ISBN: 9783961713325

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