Schützenswertes Karwendel

Titelbild: © S. Pilloni

Das Naturschutzgebiet Karwendel ist das größte grenzübergreifende Schutzgebiet zwischen Deutschland und Tirol.

Fast eintausend Quadratkilometer ist er groß, der geschützte Teil des Karwendels. Auf deutscher Seite beginnt das Naturschutzgebiet Karwendel und Karwendelvorgebirge bei Mittenwald und folgt dem idyllischen Lauf der Isar bis zum Sylvenstein-
Stausee. Auf der Tiroler Seite umspannt das Naturschutzgebiet, welches gleichzeitig auch Naturpark ist, ein ungefähr viermal so großes Gelände. Bis hinunter nach Innsbruck genießen die unzähligen Bergketten Schutz, im Osten dehnt sich das NSG sogar bis zum Achensee aus. Somit wird das Karwendel zum größten österreichischen Schutzgebiet überhaupt! Aber was macht diese Region eigentlich so schützenswert?

© NPK-Archiv

Kurz gesagt: Das Karwendel ist so bunt und reich, dass sich hier gleich eine Vielzahl unterschiedlichster Lebensräume entwickeln konnten. Beginnen wir am tiefsten Punkt der beiden Schutzgebiete. Die Isar auf deutschem Boden ist nicht nur einfach die nördliche Grenze des Schutzgebietes, denn genau genommen steht auch noch ihr Nordufer unter Schutz. Das hat einen Grund: Die Isar ist in diesem Abschnitt eine der bedeutendsten und besterhaltenen Wildflussgebiete des Landes!

Ihr Wasserspiegel schwankt stark. Immer wieder werden Kiesbänke überspült, abgetragen und andernorts wieder abgelagert. Was sich nach einem chaotischen und lebensfeindlichem Ort anhört, ist aber in Wirklichkeit Lebensraum für eine eindrucksvolle Tier- und Pflanzenwelt. Einige der Bewohner brauchen sogar gerade diesen Wandel. Darunter gehört beispielsweise die Deutsche Tamariske. Die Pionierpflanze gedeiht prächtig auf den frisch umgeschichteten Kiesböden, kann sich dank ihrer flexiblen Triebe unter den Fluten hinwegducken und erholt sich selbst nach einer Gesteinsüberlagerung rasch. Geschwindigkeit und Flexibilität ist eben alles, besonders an derart anspruchsvollen Standorten. Da kommt es dem Rispelstrauch nur zugute, dass seine Samen innerhalb von nur 24 Stunden keimen können. Darüber hinaus bietet die Isar zum Beispiel den Huchen einen perfekten Lebensraum. In den dortigen Gewässern findet man Bayerns letzte selbsterhaltende Huchenpopulation in einem Alpen-Kiesfluss.

@ Otto Leiner

Zwei Kilometer über dem Wasser der Isar, thront das Gipfelkreuz der Birkkarspitze. Sie bildet den höchsten Punkt der beiden Schutzgebiete. Hier, inmitten des österreichischen Naturparks, ist man jedoch weniger weit entfernt von den Huchen und Tamarisken der deutschen Isar, als man vielleicht zunächst glauben mag. Denn direkt südlich des Gipfels rinnt der kleine Birkkarbach hinab, der sich wenig später mit dem Lafatscher Bach vereint und gemeinsam mit diesem die junge Isar bildet. Hier oben wird einem eindrucksvoll klar, wie sensibel und anfällig der Kreislauf der Natur ist. Selbst die kleinste Abweichung der Normalität, irgendwo zwischen dem Gipfel der Birkkarspitze und den Sylvensteinspeicher, könnte gravierende Folgen für das Leben im Fluss bedeuten.

Trotz der symbolischen Nähe zum Isartal, weht hier oben ein ganz anderer Wind. Viele der Gipfel liegen weit über der Baumgrenze, in einer kargen, felsigen Welt, wo der Blaugrüne Steinbrech seine kleinen Blättchen und zarten Blüten gerade noch so in die Sonne strecken kann. Auch das Stängellose Leimkraut, mit seinem gedrungenen Wuchs und den üppigen rosa Blütenteppichen, trotzt diesen widrigen Umständen. Höher kommt hier nur noch der Steinadler, der majestätisch seine Kreise in der warmen, ruhigen Luft zieht.

@ A. Heufelder

Zwischen ihm und den Huchen der Isar, liegen unzählige weitere Lebensräume, in denen seltene Pflanzen und Tiere einen Rückzugsort finden. Der königliche Steinbock. Die eher unscheinbare Gefleckte Schnarrschrecke. Der Flussuferläufer, einige Eulenarten und gleich mehrere seltene Moose. 1305 Pflanzenarten und mehr als 3035 Tierarten. Die Liste der Schützenswerten ist lang – zum Glück!

Damit das so bleibt, arbeitet der Naturpark eng mit anderen Parks zusammen. Auch über die Grenzen hinweg. Denn Naturschutz endet nicht an einer Ländergrenze: So wichtig selbst kleine und punktuelle Schutzgebiete sind, nur gemeinsam können überregionale Großprojekte angegriffen werden, wie zuletzt beispielsweise das Thema „Vielfältiges Leben an den Gebirgsflüssen“.

@ Innsbruck Tourismus | Christian Vorhofer

Währenddessen setzen die Naturpark-Ranger weniger auf strikte Verbote, sondern vielmehr auf Sensibilisierung und Aufklärung. Für Schulen gibt es professionelle Exkursionen mit ausgebildeten Führern. Kinder lernen durch vielfältige Angebote spielerisch die Bedeutung des Wassers, des Waldes und einer intakten Bergwelt kennen. Kinder und Jugendliche können sogar fleißig Punkte sammeln und sich so selbst zum Junior-Ranger ausbilden lassen.

Ganz ohne Verhaltensregeln geht es aber auch nicht, denn jährlich besuchen etwa eine Million Menschen den Naturpark. Es darf demnach nichts im Park zurückgelassen, so wie auch nichts mitgenommen werden. Pflanzenpflücken ist tabu. Genauso wie Zelten und alles was Lärm verursacht. Hunde müssen an der Leine bleiben. Regeln, die einem ungetrübten, wunderschönen Tag in den Bergen jedoch keineswegs im Wege stehen. Ganz im Gegenteil!

Text: Benni Sauer

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