Cortina d’Ampezzo und Ihre Scoiatolli

Mit einem Eichhörnchen über die schönsten Berge der Welt

Es ist der 31. Juli 1954. Lino Lacedelli und Achille Compagnoni arbeiten sich Meter für Meter dem Gipfel entgegen. Seit nun schon fast drei Monaten sind die beiden unter der Leitung von Ardito Desio als Teil einer Expedition im Karakorum, Pakistan. 1909 erreichte eine frühere italienische Expedition hier eine Höhe von ungefähr 6000 Metern, weswegen die Route bis heute Abruzzen-Grat genannt wird. 1954, um 18 Uhr, stehen aber Lacedelli und Compagnoni 2611 Höhenmeter weiter oben. Auf dem Gipfel des zweithöchsten Berges der Erde. Dem K2.

Gerade sah man es noch. Das warme Licht, welches die weißen Felsen der Dolomitengipfel manchmal so gleißend hell im Abend leuchten lässt. Cima Ambrizzola, Roccheta di Prendera und Becco di Mezzodi. Wenn Alessandro Menardi diese Namen ausspricht, klingt das fast so, als würde er singen. Sonnengebräunt sitzt er mir gegenüber und lacht sympathisch, als ich versuche die Namen der Gipfel zu wiederholen. Schnell ist an seinem Körper abgelesen, wie geschickt er sich wohl in den steilen Wänden bewegt. Drahtig und trotzdem voller Kraft. In einem roten Pullover sitzt er vor mir. Auf dem linken Oberarm prangt ein weißes Eichhörnchen, das Scoiattolo. Mittlerweile ist es nicht nur Wappentier des Ortes Cortina d’Ampezzo, sondern auch über die italienischen Grenzen hinaus bekannt geworden. Allessandro, auch „Jesus“ genannt, ist Präsident dieser Vereinigung und spricht nicht ohne Grund von Lino Lacadelli. Er zeigt mir ein Foto des Erstbesteigers und, es ist nicht zu übersehen, auch auf seinem Oberarm finde ich das weiße Eichhörnchen. „Lacadelli war auch ein…“, frage ich, als Jesus meinen Satz beendet. „Ein Scoiattolo? Ja, das war er!“

Die Cinque Torri. Die fünf Türme sind ein Wahrzeichen und beliebter Klettergarten. Mit mehr als einhundert Meter hohen Wänden und 200 Routen.

Heute gibt es etwas mehr als 80 der Hörnchen. Sie klettern zwar überall auf der Welt, machten aber gerade damit ihren Heimatort zu dem was er heute ist: Zum Herz des alpinen Felskletterns. Durch alle Wände der Umgebung, mögen sie auch noch so steil sein, führen die Routen. Über die Grate und Pfeiler auf die Gipfel, der für mich schönsten Berge der Welt. Umso mehr freue ich mich, gleich morgen früh mit einem der Scoiatollis diese Region besser kennenzulernen. Eine Ehre!

Luca, einer der örtlichen Bergführer, leitet mich früh morgens sicher durch den einfachen Klettersteig. Ein Geheimnis ist der Kaiserjägersteig am Lagazuoi nun wirklich nicht mehr. Auch das dunkle Zeitalter der Dolomiten ist hier den meisten Besteigern bekannt. Doch richtig sichtbar wird dieses für mich erst am Gipfel, wo mich Rolf Bihlmeyer empfängt. Der Reenactor erwartet mich schon und nimmt mich gleich mit, in die Abgründe des Krieges. Ich staune, welch grandiose Aussicht der Berg bietet, aber auch welch erschreckend schreckliche Geschehnisse sich hier abspielten. Hier oben, im Freilichtmuseum des ersten Weltkrieges und gekleidet in einer originalgetreuen Uniform der Tiroler Kaiserjäger, lässt Bihlmeyer das alles wiederaufleben. Schon in den ersten Sekunden der Führung ändert sich mein Bild der Dolomiten und wie ich lerne, wurde mein gewählter Aufstiegsweg nur angelegt, um Munition, Proviant und anderes kriegsentscheidendes Material die steile Wand hinaufzubefördern. Als würde es mir nicht ohnehin schon kalt den Rücken hinunterlaufen, verdunkeln dicke Wolken in Windeseile die Sonne und eine Regenfront bläst eisig über das Plateau. Die Lasagne auf der Rifugio Lagazuoi genießend, muss ich stetig daran denken, welchen menschenverachtenden Krieg die Soldaten hier vor mehr als einhundert Jahren ertragen mussten. Kauend beobachte ich aus der warmen Stube, wie der Sturm das Wasser gegen die Fenster peitscht. Ein letzter Schluck des guten Weines und der spätere Abstieg, viele hundert Höhenmeter hinab, durch die Kriegstunnel des Berges, bestärken dieses Gefühl nur noch mehr. Oft kann ich in diesen Momenten die Vergangenheit einfach nicht fassen. Glücklicherweise werden diese Bauwerke die Menschheit noch in eintausend Jahren an ihre Sinnlosigkeit erinnern. Erst als ich den Passo di Falzarego hinab Richtung Cortina fahre und sich die messerscharfe Schneide der Punta Anna zeigt, kann ich mich von diesen Gedanken lösen.

In der Nacht beruhigt sich das Wetter. Der Sturm flaut ab, der Fels trocknet und Luca ist guter Dinge mit mir den Via ferrata Giuseppe Olivieri auf die Punta Anna zu begehen. Die Klinge aus Fels! Nur 500 Höhenmeter führt das Stahlseil hinauf, doch die Schwierigkeiten sind um ein Vielfaches höher, die Tiefblicke dagegen tiefer als gestern. Und auch wenn die Punta Anna nur eine kleine, unbedeutende Schulter im Grat hinauf zur Tofana di Mezzo ist, verschaffte mir der vorabendliche Anblick gehörigen Respekt vor einer Begehung. Doch als sich mein Kletter-steigset erstmals in das Stahlseil klinkt und ich den festen Dolomit in den Händen halte, kommt Freude auf. Griffig und fest, so lasse ich schon bald die Finger ganz vom Metall und versuche mich nur mithilfe der Formationen im Fels nach oben zu bewegen. Ohne die Hilfe des Seiles mag mir das heute aber nicht gelingen. Zu steil werden schon bald die Klippen und ein Ausrutscher hätte trotz der Sicherung ernsthafte Konsequenzen. 

Meter für Meter wird der Klettersteig eindrucksvoller. Die Seilführung ist optimal und folgt den schönsten Gratpassagen, die immer wieder tolle Fotomöglichkeiten zulassen. Über Felsnadeln und -bänder führt das Seil, einmal sogar spektakulär über ein Felsdach hinweg, unter dem in der Tiefe Cortina d’Ampezzo zu sehen ist. Mehr als eintausend Meter unter unseren Füßen. Luca erklärt mir während der anregenden Kletterei, welche Aufgabe die Scoiattoli heute in der Kletterszene der Dolomiten einnehmen. Sie erschließen und restaurieren Klettergärten, veranstalten Events und arbeiten an einem Kletterführer, der immer wieder in aktualisierter Auflage erscheint. Ein Scoiattolo kann man nur werden, wenn man von Vereinsmitgliedern dafür vorgeschlagen wird. Bergführer zu sein ist keine Voraussetzung, wenn auch viele gute Alpinisten in Cortina diese Ausbildung sowieso schon in der Tasche haben oder als Bergretter arbeiten. Übrigens: 1939 gegründet, nahmen die Eichhörnchen schon auffallend früh Frauen in ihrem Team auf. Ihr Motto: „Alle für einen – einer für alle.“

Unser ständiger Wegbegleiter am Via ferrata (italienisch für Klettersteig) ist die Südwand der Tofana de Rozes. Vom Grat aus wirkt sie wie eine spiegelglatte Wand aus gelben Kalk und die Schatten der Wolken, die man in ihr erkennen kann, verraten mir die kolossale Höhe dieses Bollwerks. Bis zu zwanzig Seillängen seien nötig, so Luca, um den Gipfel zu erreichen. Wie es sich wohl anfühlt, mehr als 800 Meter Luft unter den Kletterschuhen zu haben? Schnell beschließe ich meinen Fokus lieber wieder auf meine Route zu legen. Der letzte luftige Pfeiler liegt vor mir. Trittarm und ohne metallene Steighilfen kostet er mich noch einmal viel Kraft, bis sich der Grat endlich zurücklehnt und ich schließlich einfach zum höchsten Punkt der Gratschulter steigen kann. Ich habe es geschafft!

Rückblick in die Zeit des Krieges am Lagazuoi.

Erst jetzt realisiere ich Unmengen an Bergspitzen, die von unten aus noch verdeckt waren. Monte Civetta, Monte Pelmo und Punta de Sorapis, hinter dem der malerische Lago di Sorapis liegt. Die traumhafte Märchenwelt der venetischen Dolomiten brennt sich in diesem Moment tief in mein Bergsteigerherz. Eindrucksvoller als auf der Punta Anna, kann man sie kaum kennenlernen. Und so wächst in mir der Wunsch, die Berge noch intensiver kennenzulernen. Wie es wohl wäre, den Berg ganz ohne Stahlseil zu spüren?

Um genau das herauszufinden, statten wir an unserem letzten Tag den fünf Türmen einen Besuch ab. Die Cinque Torri, wie sie hier genannt werden, bestehen dabei nicht nur aus fünf, sondern aus viel mehr, wilden und chaotischen Felsformationen, die es auch schon zu besuchen lohnt, wenn man nur zwischen ihnen hindurchschlendern will. Bis 2004 stand hier noch ein weiterer Felsturm. In einer Juninacht aber, stürzte der
50 Meter hohe Turm um und an seinen Trümmern kann man noch eindrucksvoll erahnen, welche Kräfte hier geherrscht haben müssen.

„Stand!“, ruft es von oben herab. Wie ein Roboter arbeite ich meine Aufgaben ab und steige in die Route ein. In den Torre Quarta Bassa. Ich steige in meinen noch so jungen Traum des Kletterns in den Dolomiten. Ein Traum, der mit jedem Griff mehr zur Realität wird. Dann auch erreiche ich den Standplatz und darf von nun an vorsteigen. Senkrecht hinauf. Im festen Gestein, welches, wohin man auch greift, guten Halt bietet. Immer weiter hinauf, bis ich das abschüssige Gipfelplateau erreiche, wo sich mein Traum endgültig erfüllt. Ich hänge mich in den glänzenden Haken, richte mich auf, atme tief ein und rufe. „Stand!“

Text: Benni Sauer

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