Seven Summits Stubai: Charakterbergsteigen

Alpine Touren mit dem gewissen Etwas

Wie ich mich so vom Fels strecke, meinen Oberkörper weiter als mir eigentlich lieb ist über den Abgrund lehne, so kann ich gerade noch einen weißen Helm ausmachen. Dachte ich es mir doch! Daher kommt es also, das typische Geräusch, das Rasseln und Klacken eines Klettersteigsets, das durch die Schlucht mehr als einhundert Meter zu mir hinaufhallt. In diesem Moment stehe ich fast genau über meinem neuen Gefährten. Dort unten, wo er sich gerade ins Seil geklinkt hat, da warnt ein Schild: Achtung Steinschlag! Auf den Felsleisten und Metallbügeln hier herauf, war jedoch kein einziger loser Stein zu finden. Wie auch, flüstere ich mir zu, der Fels war ja die meiste Zeit über senkrecht, teils sogar überhängend. Vor mir aber, da flacht das Gelände ab, erst leicht gestuft, dann abschüssig geneigt. Auf diesen Bändern liegen die Steine, vor denen unten gewarnt wird. Nun muss ich umdenken: Nach den kraftraubenden, schwungvollen Zügen im Klettersteig, ist nun behutsames, katzenartiges Schleichen angesagt. Nicht ein Stein darf sich lösen!

Manchmal ist es schon seltsam: In der Fußgängerzone, in der Bahn, auf dem Weg zur Arbeit, da begegnen wir unzähligen Menschen. Wir grüßen, ja wir beachten sie kaum, so, als würden wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Ähnlich ist es mit den Bergen: Es sind fast unendlich viele. Große, kleine, dicke, dünne. Und so streben wir oft nach den Höchsten. Oder den Schwierigsten. So wie wir in der Straßenbahn paradoxerweise in unsere Smartphones starren, uns über die unpersönliche Anonymität der Großstadt ärgern, anstatt uns mit dem Charakter gegenüber zu befassen. Im Stubai aber, da ticken die Uhren glücklicherweise noch etwas anders.

Über einen einfachen Wanderweg lässt sich das ganze Elfermassiv eindrucksvoll überschreiten.

Das Stubai ist ein Tal von durchaus beachtlicher Größe. Gut 30 Kilometer kann man auf der Straße ins Talinnere fahren, von wo sich schließlich Fels und Eis noch immer fast 2000 Meter hoch auftürmen. 30 Kilometer mit kleinen Örtchen, romantischen Hotels, Holzhäusern – und mit Wald. Viel mehr ist da eigentlich nicht. Es ist eben noch ein Tal mit Charakter. Und genau das wissen die Stubaier nur zu gut, weshalb hier keine Hotelkomplexe, sondern einzig und allein die Gipfel in den Himmel ragen. Dieser Linie treu geblieben, hat man dann irgendwann die Seven Summits Stubai auserkoren. Nein, nicht die Höchsten, oder die Schwierigsten, sondern die mit dem größten Charakter. Und so befinde ich mich eines schönen Morgens auf dem Weg zum Elfer, einem Gipfel, der im ersten Moment so nichtig erschien, dass ich ihn auf der Panoramakarte kaum ausmachen konnte. Das ist doch mal etwas anderes. Und es fühlt sich endlich mal wieder richtig gut an!

Während meines Aufstieges rücken langsam die anderen sechs Summits ins Blickfeld. Zuerst der Hohe Burgstall. Er ist der einfachste der Seven Summits, aber deswegen nicht weniger lohnend als seine Brüder und Schwestern. Die Rundumsicht von seinem Gipfel ist beeindruckend und immerhin war der Hohe Burgstall der ersten Alpengipfel, den Sir Edmund Hillary, also der Erstbesteiger des Mount Everest bestieg. Der Berg hat aber noch viel mehr zu erzählen, weswegen man sich bei der Tourenplanung unbedingt intensiv mit ihm, nein, mit allen Seven Summits auseinandersetzen sollte!

Im steilen Nordwandklettersteig.

Dann sticht die schroffe Rinnenspitze hervor. Knapp über der 3000er-Marke, ist ihr Kreuz ein begehrtes Ziel für alle, die einen langen Aufstieg nicht scheuen. Wie ich weiter bergauf steige, so gesellen sich zu den beiden Felsgipfeln auch die Gletscherriesen am Talende. Das spitze Zuckerhütl, mit 3507 Metern der höchste Stubaier, sowie der wuchtige Wilde Freiger. Hinter meinem heutigen Seven Summit, baut sich dann auch schon bald die kolossale Pyramide des Habichts auf. Sein Gipfel wird als einziger den ganzen Tag über in Wolken hängen und so wirkt sein Charakter auf mich noch mystischer, noch geheimnisvoller als ohnehin schon. In der entgegengesetzten Richtung ist noch die Serles zu sehen. Voller Geschichte und sagenumwogen, ist sie sicher nicht der schwerste der Sieben, aber darum geht es hier ja schon lange nicht mehr…

Am Vortag hatte ich mich noch mit Harald Gleirscher unterhalten, einem Bergführer aus Neustift, direkt hier am Fuße des Berges, der am Elfer schon als Jugendlicher kletterte, hier einen Klettersteig eigenhändig in den Fels drosch und genau weiß, warum der Efler mit seinen Charakter genau ins Programm der Seven Summits passt. Allerdings wollte er es mir nicht erklären. Vielmehr forderte er mich dazu auf, es selbst zu erleben. Nur eines gab er mir mit auf den Weg: Das Gestein des Elfers ist in der Region eine Besonderheit. Der Kalk dort oben soll tatsächlich an jenen der Dolomiten erinnern. 

Das Elfermassiv im Überblick. Dolomiten-Feeling in Österreich!

An der Elferhütte angekommen, verstehe ich: Wie die Finger einer Hand, so recken sich die Türme senkrecht in den blauen Himmel. Selbst den Vergleich mit der Fünffingerspitze, dem charakteristischen Gipfel zwischen Lang- und Plattkofel, muss der Elfer nicht scheuen. Ich bin schwer beeindruckt. Solch bizarre Formen hätte ich hier oben nach dem grünen Aufstieg nicht erwartet – in gewisser Weise beißt sich sogar die Form des Elfers mit den übrigen Gipfeln des Stubais, doch gerade das macht ihn ja aus. Große, kleine, dicke, dünne!

Hinter der Hütte, wo ein gelber Wegweiser allerdings nur für geübte Klettersteiggeher nach rechts an die Nordwand des Elfers weist, da beschließe ich proaktiv heute einen guten Tag zu haben. Und so stehe ich nach einer wunderbaren Querung vor der beeindruckenden Wand. Eine graue Mauer, die von einer dunklen, gigantischen Schlucht zerrissen wird, einem mächtigen Spalt, den ich sogar schon vom Tal aus erkennen konnte. Dass ich von nun an allein unterwegs sein werde, stimmt mich um. Eine gewisse Ernsthaftigkeit macht sich breit, während ich meinen Gurt, Klettersteigset und Helm anlege. Eine abweisende Nordwand. Ein mit D bewerteter Klettersteig. Nur der Berg und ich. Meine Routine aber lässt mich nicht zögern, lässt mich einsteigen. Ins Abenteuer Elfer. In den Klettersteig. In unser Kennenlernen. Wer bist du?

Der schöne, aber kurze Klettersteig hinauf auf den Elferkogel.

Die nächsten Minuten vergehen wie im Nu. Ich arbeite. Hart! Ich arbeite aber auch mit Spaß, mit Dankbarkeit und Respekt. Mit jedem Griff lerne ich den Berg kennen, denke an die schweißtreibende Arbeit Haralds, die nun schon 40 Jahre her ist. Jeder Griff und jeder Tritt. Fast wie ein Händeschütteln. Hallo Elfer, schön dich kennenzulernen!

Als von weit unter mir das Klicken der Karabiner heraufklingelt halte ich Inne. Es ist schön doch nicht ganz allein hier zu sein, denn der Elfer ist von sich aus ein eher schweigsamer Charakter. Ich beschließe also von nun an einen Gang zurückzuschalten, vertreibe mir die Zeit mit Fotografieren oder dem Genießen der vielen Luft unter den Sohlen. Als mein Gefährte mich einholt, begrüßen wir uns und in Gedanken drehe ich das Rad weiter: „Pascal, Elfer. Elfer, Pascal.“ Von nun an sind wir also zu dritt. Und alle drei scheinen wir uns auch weiterhin ohne Worte zu verstehen.

Der Nordwandklettersteig endet ausgesetzt auf einem Turm mit ringsum steil abfallenden Wänden.

Ich bin ehrlich: Ohne das Konzept der Seven Summits Stubai wäre ich wohl nie hier herauf gekommen. Umso glücklicher stehe ich am Gipfel, auf einem der Finger, der gerade so viel Platz bietet, dass sich neben dem Kreuz zwei Menschen die Hände schütteln können. Also noch ein Kennenlernen. Seltsam! Wie ich vor kurzem noch nichts als einen weißen Helm erblicken konnte und nun diesen Moment so offen und frei teile, als würde er nie vorübergehen. So, wie man es nur mit Freunden macht. Ganz anders als auf dem Weg zur Arbeit, in der Straßenbahn, oder in der Einkaufspassage. 

Blick auf die wunderschön gelegene Elferhütte.

Pascal verabschiedet sich aber schon bald. Ihn zieht es weiter, an den Elferkogel, über dessen scharfe Schneide ein zweiter Klettersteig hinaufzieht. Ich aber bleibe hier oben sitzen, beobachte meinen einstigen Gefährten zunächst beim Abstieg, beim Weiterweg, bis er schließlich drüben auf dem Elferkogel wieder auftaucht. Wir winken uns geräuschlos zu. Derweil sinniere ich über dieses zufällige Treffen, denn so offen mich der Elfer willkommen hieß, so angenehm war auch diese zwischenmenschliche Begegnung. Eine neue Erfahrung. Ein neuer Charakter. Ein neuer Mensch. In diesem Moment beschließe ich, diese Mentalität zu konservieren. Sie in meinen Alltag zu integrieren. Schon möchte ich Luft holen, um etwas von Gipfel zu Gipfel zu rufen. Doch mir fällt nicht ein, was gerade jetzt zu sagen wäre und so senke ich langsam meine Arme. Vielleicht ist es ja doch wahr, dass Berge stille Meister sind, die schweigsame Schüler machen. 

Text: Benni Sauer

Die sieben Charaktere der
SEVEN SUMMITS STUBAI

© TVB Stubai Tirol | Heinz Zak

Wer alle Gipfel besteigen konnte, der darf sich über ein Shirt und eine Trophäe aus Zirbenholz freuen. Wer alle sieben Berge erklommen hat, wird online auf der Wall of Fame verewigt und konnte an allen sieben Gipfelkreuzen den Stempelpass ausstanzen lassen. Aber wohl am wichtigsten ist, dass wer alle sieben Charakter der Seven Summits Stubai kennengelernt hat, das Stubai selbst kennengelernt hat. Mit einmaligen Ausblicken. Mit Bergen und Tälern. Mit Ecken und Kanten. Mit Geschichten, Märchen, Mythen und seinen Menschen. So, wie es nun mal ist. 

Zuckerhütl 3507 m | Der Zurückhaltende
Der spitze, weiße Zahn, heute zumindest noch teilweise mit Eis bedeckt, lässt bezüglich des Namens keine Zweifel aufkommen. Von der Bergstation der Schaufeljochbahn erreicht man seinen Gipfel in etwa 3,5 Stunden, wobei 400 Höhenmeter zu bewältigen sind. Die Gletscherquerung und der anschließende Blockgrat bleibt allerdings Könnern vorenthalten. Die örtlichen Bergführer begleiten übrigens Gäste aufgrund der hohen Steinschlaggefahr nur noch auf den Pfaffenschneide genannten Nebengipfel. 

Wilder Freiger 3418 m | Der Fordernde 
Ebenfalls stark vergletschert, präsentiert sich der Wilde Freiger. Sein flacher Gipfelaufbau sollte dabei nicht täuschen: Nach dem Aufstieg zur Nürnberger Hütte am Vortag, warten 1300 Höhenmeter auf die Gipfeljäger. Belohnt wird das mit einer Traumaussicht von den Dolomiten zum Ortler, zu den Ötztaler und Stubaier Alpen, bis hin zu den Hohen Tauern.

Elfer 2505 m | Der Schüchterne 
Vom Tal aus wirkt der Elfer eher schmächtig und selbst während des Aufstieges ist seine Wucht kaum zu erahnen. Erst wenn man auf ihm, oder besser gesagt in ihm steht, spürt man die Macht dieses Gipfels. Zwischen unzähligen Felstürmen gibt es mehrere Wege, die mit Bahnunterstützung eine Bewältigung der übrigen 750 Höhenmetern in nur 2,5 Stunden ermöglichen. Seinen Namen hat er Aufgrund des Sonnenstandes: In Neustift steht der Elfer um elf Uhr direkt in der Sonne.

Rinnenspitze 3003 m | Die Verlockende
Selbst wer noch auf der Franz-Senn-Hütte übernachtet, hat 900 Höhenmeter bis zum Gipfel der Rinnenspitze vor sich. Dann aber hat man seinen vielleicht ersten 3000er geschafft, steht auf einer formschönen Spitze und direkt vor und über den Gletschern des Stubais. Ein kurzer Abstecher zum schönen Rinnensee lohnt sich, denn das Wasser spielt hier, wie bei der Serles auch, eine große Rolle.

Serles 2717 m | Die Regierende
Geschichtsträchtiger Berg im Zeichen des Wassers. 5 Stunden und 1800 Höhenmeter muss man einplanen, will man am Kreuz den Stempelpass stanzen. Dann aber erwartet einen ein 360°-Panorama ohne Einschränkung!

Hoher Burgstall 2611 m | Der Überzeugende
Keine 600 Höhenmeter und weniger als zwei Stunden sind nötig, wenn man mit Hilfe der Seilbahn den wohl einfachsten der Seven Summits erklimmen möchte. Etwas Trittsicherheit und Schwindelfreiheit reichen aus, um den Blick bis ins Talende genießen zu können. 

Habicht 3277 m | Der Markante
Die wuchtige Felspyramide dominiert die Ostseite des Stubaitales. Diese Hochtour erfordert sicheres, ausdauerndes Gehen, das Meistern leichter Kraxelpassagen, sowie die Überquerung des Habichtferners. Selbst von der Innsbrucker Hütte sind noch 900 Meter zu bewältigen. Für diese Mühen wird man mit einer fulminanten Hochtour entlohnt, die alles bietet, was Alpinisten im Hochgebirge suchen.

Text: Benni Sauer

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